Dorothea Nennstiel-Deilmann in der Deutschen Nationalbibliothek







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Ihre Dorothea Nennstiel-Deilmann








 


E I N E  R H Ö N E R 
F A M I L I E N G E S C H I C H T E
D E S   2 O. J A H R H U N D E R T S

T E I L  III                  196O – 199O

D I E  D O K T E R S C H  V O N 
U N T E R B R E I Z B A C H

Nach den Erinnerungen von Dorothea Nennstiel-Deilmann

Illustrarionen  von  Horst Saar

1. Kapitel             ZURÜCK  IN  DIE  RHÖN

Kurz vor Weihnachten  fuhren  Arno und Dada nun mit Kind und Hund zu den Eltern nach Merkers, um  nach den Feiertagen  Christiane zu ihrer
Patentante nach Bad Salzungen zu bringen, die ihnen jederzeit hilfreich zur Seite stand,  und  Arka  bei den Eltern zu lassen,  um dann in Ranis  den
Umzug vorzubereiten, und freuten sich schon auf die unbeschwerten und fröhlichen Weihnachtstage .  

Doch die übliche erwartungsfrohe Stimmung
war dieses Jahr recht gedämpft,  denn inzwischen hatte  sich auch Friedel
aus der Bundesrepublik gemeldet.  Sie hatte im Juli 1958  trotz mehrerer
langwieriger Krankenhausaufenthalte  an der Bad Salzunger Oberschule
ihr Abitur zwar recht gut geschafft, wurde aber indirekt schon  darauf
hingewiesen,  daß sie sich  mit Oppositionsgeist und ohne Mitglied
der  FDJ  zu sein,  nicht um einen Studienplatz zu bewerben brauche.
Daher machte sie ein Praktkum im Labor des ihr als ehemaliger Patientin
gut bekannten  Städtischen Krankenhauses  in Jena , und da es ihr dort sehr
gut gefiel und Chefarzt Dr.Rümmler ihr die Ausbildung als  MTA
(Medizinsch-Technische-Assistentin)  anbot,  beantragte  sie diese .  Doch
auch  das wurde ihr verwehrt .  Da packte sie ihre Koffer und konnte
inzwischen  in Göttingen sogar ihr Wunschfach Psychologie studieren .
In Ranis wurde nun gleich  nach  Neujahr der Möbelwagen beladen ,  mit
dem  auch das junge Ehepaar bis nach Merkers mitfuhr, denn von hier aus
sollte sie ein Werkswagen abholen, um dann gemeinsam zur neuen
Wohnung nach Unterbreizbach zu fahren.  Ohne großen Abschieds-
schmerz, da sie ja in Ranis kaum Wurzeln geschlagen hatten,  überfiel
sie aber,  als sie an den  „Drei Gleichen“ vorbei fuhren, eine  innige
Willkommensfreude :  Jetzt kamen  sie wieder in ihre alte Heimat !
In Merkers wurden sie schon von dem Cheffahrer des Kalibetriebes ,
Erich Thimm,  erwartet,  der sie vor eventuellen Schwierigkeiten bei ihrer
ersten Einfahrt ins Grenzgebiet bewahren sollte.  Nach kurzer Pause
ging die Fahrt weiter. Doch als sie sich  hinter dem Ort Dorndorf der
Kontrollstelle näherten und der schier endlos scheinende Stacheldraht-
Sperrzaun ,  sich mitten durch das Land ziehend,  vor ihnen lag, während
die uniformierten  Soldaten sie zum Halten aufforderten,  wurde
ihnen erstmals beklemmend bewußt, wie isoliert sie hier im
Sperrgebiet zukünftig leben würden, da ja  nur ihre  Verwandten ersten
Grades  vier Wochen nach einem schriftlichen Antrag für eine besimmte
und jeweils nur kurze Zeit zu Besuch kommen durften.  Aber das hatten
sie ja schon vorher gewußt,  und so verflog die bedrückte Stimmung
schnell wieder und sie fuhren erwartungsfroh ihrem neuen Leben und
dem zukünftigen  Arbeitsfeld entgegen .

2. Kapitel        KALI - DOK   UND    DOKTERSCHE
Am Kornberg in Unterbreizbach,  an  einer ehemaligen Direktorenvilla,
der jetzigen  Betriebsambulanz  des  Kaliwerkes, gut angekommen, machte
sie ihr netter, um eine freundliche Aufnahme besorgte Fahrer Thimm ,
auf seine fast väterlich freundliche  Art in der unteren  Ambulanz - Etage
des Hauses  gleich  mit den gerade diensthabenden medizinischen Helfern
bekannt . Vorallem mit dem  leitenden  Sanitäter  Paul  Bronnert  sowie
der   Laborantin Erika Lippert, an die sie sich nun jederzeit mit
Fragen oder Anliegen wenden könnten . Schon wurde der Möbelwagen
leergeräumt , und  das im Dachgeschoß wohnende Hausmeister-Ehepaar
kam auch herunter, um zu helfen. Nun  verwandelte sich die obere Etage
langsam in eine bereits recht gemütliche  Wohnung,  besonders durch
einen herrlich großen Balkon am Wohnzimmer ideal für Kind und Hund ,
die ja jetzt  auch bald geholt werden konnten. Inzwischen war auch Arnos
wichtigste Mitarbeiterin, die Arzthelferin Gerda Träger, die in dem
Vierfamilien-Haus der Ambulanz gegenüber eine Wohnung  bewohnte ,
zur Begüßung herüber gekommen. „ Arzthelfer“  war in der DDR ein
Zwischenberuf,  in  dem hochqualifizierte  Pflegekräfte nach  einer
zusätzlichen zweijährigen Ausbildung , unter Aufsicht und Verantwortung
eines Arztes, beschränkt ärztlich arbeiten durften. Dadurch  konnte hier
unter ihrer Regie der wichtiste Versorgungsbetrieb  bisher weiterlaufen .
Schon am nächsten Tag konnte Arno seine Tätigkeit ohne  Schwierigkeiten
aufnehmen.  Seine Sekretärin, Schwester Lieselotte Lübbert,  und
sicher  auch sein aus Ranis vorausgeeilter  guter Ruf,  ermöglichten  ihm
sogleich  ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinen ersten Patienten. Aus
der Werksgarage traf dann sein zukünftiger  Fahrer . Paul Jendritzki, mit
einem älteren  DKW  ein , nun sein Dienstwagen, und sie fuhren, um die
anstehenden und neu angemeldeten Hausbesuche zu machen, ins Dorf und
nach Pferdsdorf . Auf diese  Weise spielte sich fast unmerklich der Alltag
ein. Aber nur wenige Tage später riß ein Anruf mitten in der Nacht das
Ehepaar aus  seiner glücklichen Zufriedenheit.  Ein verzweifelter Vater rief
nach sofortiger Hilfe. Ihr kleiner Säugling,der abends noch völlig in
Ordnung schien, würde plötzlich nach Luft ringen und wäre schon ganz
blau angelaufen. Der schnell angerufene Fahrer brachte den Arzt
umgehend zu dem Kind,  aber Arno konnte weder eine Ursache
feststellen noch  helfen.  Da kein Krankenwagen in der Nähe war,
fuhren sie das Kindchen  in höchster Eile zum  nahegelegenen  Vachaer
Krankenhaus ,  aber es verstarb  noch während der Fahrt.
Eine Obduktion  wurde  angeordnet, doch  die Zeitspanne , bis das
Ergebnis mitgeteilt  wurde, wurde eine fast unerträgliche Belastung  für
den jungen Arzt und seine Frau durch die quälende Frage, ob er das Kind
nicht doch hätte retten können und vielleicht etwas versäumt habe. Jedoch
der Befund entlastete ihn dann völlig. Todesursache war eine tuberkulöse
Sepsis, eine meist tödliche Blutvergiftung, durch Ansteckung verursacht .
Ermittelt wurde : die Hebamme der Entbindungsstation hatte Tuberkulose .
Bei den überdurchschnittlichen  Arbeitsanforderungen dieser Arztstelle ,
doch  Arnos Ehrgeiz, das in Ranis  Erlernte  auch weiter anzuwenden, war
es gerade jetzt zu Beginn recht günstig, daß Dada noch keine Arbeit
aufgenommen hatte,  und ihn so jederzeit aus freien Stücken unterstützen
konnte.  Besonders die Herz-Kreislauf  Beschwerden durch  körperliche
Überlastung,  in der Landwirtschaft ja recht häufig,  konnten in der Klinik
durch eine tägliche Veneninjektion in etwa dreiWochen sichtbar gemildert
werden, für die seine Zeit jedoch nicht ausreichte , Da aber auch Dada
die Befähigung und Spritzen-Erlaubnis   dazu erworben hatte , konnte
manchem  Patienten  auch zu Hause  geholfen werden,    und für sie war
es eine willkommene Gelegenheit, Ort und Menschen hier kennen zu
lernen . So war sie eines Tages gerade auf einem kleinen Bauernhof in
der Friedhofstraße dabei, der Äller, also der Altbäurin,  eine solche
„Herzspritze“ zu geben, während Tochter und Enkelchen  interessiert
zuschauten, als  die  kleine Sylvia leise, aber unüberhörbar ihrer Mutter
zuflüsterte : „Mama, gell,  die  Doktersche macht das  prima“ .  – Betretenes  Schweigen , - und ein heimlicher Knuff der Mutter.   Doch die Kleine flüsterte   unverdrossen weiter : „Gell,  die  Doktersche kann das!“  Aber da war Dada gerade mit Spritzen fertig,  und konnte die Frauen lachend damit beruhigen, daß auch sie ja in einem Rhöndorf groß geworden sei, wo die Frau des Dorfarztes  die „Doktersche“  war .          Ganz im Gegenteil“,  fügte sie vergnügt hinzu, „ jetzt fühle ich mich erst so richtig hier zu Hause“ !


3.Kapitel                      WEICHENSTELLUNG
Doch der Besuch des örtlichen Schulleiters  Lietz veränderte die Situation
schon  bald  : „Ich habe gehört , Sie haben ein Germanistik-Pädagogik
Studium an der Uni Jena nach vier Semestern unterbrechen  müssen ?  Hier
am Ort habe ich nächstes Schuljahr das Problem,  daß ich für unsere erste
zehnte  Klasse,die seit Einführung der „Polytechnischen Zehnjahresschule“
ihren Abschluß macht, noch keinen Deutschlehrer habe.  -  Falls Sie diesen
Unterricht übernehmen würden, könnten Sie während dieser Zeit Ihr
Studium extern  am  „Pädagogischen Institut“ in Erfurt mit einem
Fernstudium  abschließen “. -  Dada war zwar völlig überrascht, sagte aber
natürlich  sofort zu.    Doch als er dann, etwas verlegen, noch  fragte,
ob sie eventuell auch den Musikunterricht übernehmen würde, denn einen
Musiklehrer habe die Schule leider auch noch nicht  gefunden , war ihre
Freude vollkommen. Musik war schon in ihrer Kindheit wie ein Zauber für
sie gewesen und das gemeinsame Singen in der Familie ihr  Inbegriff von
Nestwärme. Schon vor ihrer Schulzeit probierte sie auf dem Klavier oder
einer kleinen Ziehharmonika so lange, bis sie die Melodie aller der  ihr
bekannten  Lieder mit ,zwar recht primitiver,  Begleitung richtig spielen
konnte, und seit ihrer gemeinsamen Schulzeit war die Musik mit das
wichtigste  Bindeglied  von  ihr zu  ihrem  musikalisch fast professionell
ausgebildeten Lebenspartner . Um mit Töchterchen Christiane zu singen ,
hatte sie sich bereits auf seinem Akkordeon  recht gut  eingespielt,
was ihr beim Unterrichten sicherlich  auch sehr  helfen würde .  Daher
zerstreute sie die Sorgen des Direktors bedenkenlos mit einem freudigen ,
zweiten  „Ja!“  ,  welches wohl den gesamten weiteren Lebensweg in Unterbreizbach  beeinflussen sollte .


4.Kapitel               Phh !  MACHENSES  UNS  DOCH  VOR !!

Ihr  Neuanfang zum Schuljahresbeginn gestaltete sich  für Dada recht
abwechslungsreich und anstrengend . Zu Beginn erolgte in Erfurt die
Aufnahme des Fernstudiums, welches sie nun mit hundertundzwanzig
weiteren Teilnehmern  begann.. Danach folgte in der Schule die
Vorbereitungswoche und sie lernte das Lehrerkollegium kennen und
fühlte sich dort gut aufgenommen. Hier wurde ihr nun mitgeteilt, daß sie in  zwei Klassen den Deutsch- und  Musikunterricht erteilen solle. Der  Klasse
Zehn  mit nur zwölf  Schülern , aber auch  der Riesenklasse  Sieben  mit
vierundvierzig Schülern, die sie auch als Klassenlehrerin betreuen solle .
Das bedeutete zusätzlich, bald einen Elternabend  durchzuführen  und
vierundvierzig  Elternbesuche  zu machen . Mit freudiger Erwartung  ging
Dada  an die Erfüllung dieser Aufgaben, doch als sie im Sekretariat  ihren
Elternabend  anmelden wollte, erlebte sie erstmals auch eine Enttäuschung:
Sie erfuhr, daß es üblich sei,  vor der offiziellen  Elternversammlung die
„Genossen Eltern“ einzuladen, um sie als erste  zu informieren  und ihre
Meinung zu erfragen. Doch danach verlief dann alles problemlos und nach
ihren  Vorstellungen, nämlich mit der unbedingten  Gleichbehandlung
aller ihrer Schüler und deren Eltern .
Nicht ganz einfach aber gestaltete sich der Beginn in  ihrer  übergroßen
Siebten Klasse, in der nur ein Schüler zur Teilung fehlte, und in der kein
Klassenlehrer länger als ein Jahr geblieben war.   Leistungen und
Disziplin ließen daher recht  zu wünschen übrig. Aber Dada nahm ihre
Aufgabe,  diese  dreizehn-  bis  vierzehnjahrigen  Kinder  positiv  zu
formen, mit den besten Vorsätzen an . Sie spürte schnell,  daß die hübsche
blondlockige Martha, schon ein bißchen  „Junge Dame“ , in der Klasse
recht beliebt war und vorwiegend hier den Ton angab. Da Martha eine sehr
gute Deutsch-Schülerin  war, sah Dada keine Schwierigkeit darin, sie für
sich zu gewinnen. Aber auf jedes Lob reagierte sie nur mit „Phh“  , und
erst recht  nach  einer  Erklärung  oder gar Verbesserung erfolgte ihr
schnippisches  „Phhh!“ .  Eines Nachmittags aber,  Dada mußte sich  noch
ein Schulbuch aus dem Lehrerzimmer holen,  hörte sie aus dem
gegenüberliegenden Gebäude, in dem sich nur der große Klassenraum
ihrer  „Sieben“  befand, lebhaften Lärm. Als sie beim Nachhausegehen
schnell mal dort nachschaute, versuchten hier Martha und einige Mädchen
gerade, einen Handstand mit Überschlag zu schaffen. Da konnte sie
natürlich gut Ratschläge geben. Aber Marthas spöttische Antwort war nur:
„Phh! Machenses uns doch vor !“  Kein Problem !  -  Ungläubig staunend
bewunderten sie die Mädchen, - Marthas „Phh“ aber hörte sie nie wieder !

5.Kapitel    DIE   MATTHÄUS – PASSION   in der Kornbergstraße

Das erste Jahr in Unterbreizbach war fast wie im Flug vergangen, und
die Familie hatte sich ohne Schwierigkeiten  hier eingelebt. Da gab es zum
Weihnachtsfest eine  unerwartete, neue Überraschung : Vom Kaliwerk
kam das Angebot, in die freigewordene Wohnung mit Fernheizung und
Gartengrundstück des Grubendirektors zu ziehen, der sein neugebautes
Eigenheim  bezogen hatte. Die würde dann nach ihren Wünschen renoviert
und stünde ab Frühjahr für sie bereit, könnte aber jederzeit jetzt schon
besichtigt werden. Ihre jetzige Wohnung würde dann zur Erweiterung der
Ambulanz genutzt werden.  Die Besichtigung erfolgte bald und versprach
eine weitere Verbesserung ihrer  Lebensqualität .  Besonders ein sehr
großes Wohnzimmer war wie geschaffen dafür, um hier Musik zu machen
und  zu hören . Als ihr Wunsch , dort statt der Deckenlampe  mehrere
Wandleuchten  anzubringen, ohne weiteres  erfüllt wurde, und der Raum
mit Klavier, moderner Musikanlage und statt eines Sofas mit zwölf
leichten  Sesseln eingerichtet war,  war das Ehepaar überglücklich, nun für
ihr gemeinsames Hobby einen so wunderschönen Raum zu haben  und sie
nahmen den Umzug in die nur etwa dreihundert Meter entfernte neue
Wohnung gerne in Kauf, obwohl die beruflichen Anforderungen  während
dieser Zeit unvermindert weiterliefen , jedoch die Unterstützung von
Ehepaar Johne eine  große Entlastung  war .
Arno war meist den ganzen Tag unterwegs und kam oft erst am
späten Abend nach Hause ,während dann bei Dada mit Unterrichts –
Vorbereitung und Heftdurchsichten die Arbeit nochmal begann. Die
gemeinsamen Mahlzeiten aber, wenn auch meist zu ungewöhnlicher Zeit ,
wurden täglich  eingehalten. Inzwischen war es kurz vor Ostern geworden,
und der Lehrplan für die Klasse Zehn sah für den Musikunterricht jetzt die
Behandlung der „Matthäus-Passion“  vor , dem  Bibeltext  vom Leben und
Leiden Jesu,  einst beschrieben von dem Evangelisten Matthäus und  als
„Karfreitagsmusik“  für die Messe derThomas-Kirche in Leipzig  1729
von dem damaligen Thomas-Kantor Johann Sebastian Bach vertont .
Dada begann ihre Vorbereitung mit großem Respekt, aber auch mit der
Befürchtung,  daß sie die jungen,modernen Jugendlichen mit diesen uralten
Begebenheiten  nicht mehr erreichen  könnte.  Doch ,  da würde ihr das
schöne Musikzimmer , für die kleine  Zehnerklasse genau ausreichend ,
vielleicht helfen?  Es gelang !  In dem feierlichen  Ambiente , begleitet von
der eindringlichen  Musik  J.S. Bachs, wurde die Mahnung voll erfaßt ,
daß seit der Hinrichtung von Jesu ,  über  Bachs Lebenszeit ,  bis in unsere
heutige Gegenwart , also einer riesigen Zeitspanne,  unzählige Menschen
umgebracht wurden,  die sich bewußt für ein lebenswertes Leben  a l l e r
Menschen geopfert haben,und nicht,wie leider eine große Menschenmasse,
auf Forderung der Obrigkeit bedenkenlos und nach Bedarf gerufen haben :
„Hosianna“,  oder  ebenso  bedenkenlos : „Kreuzigt ihn!“
Die sonst so lebhaften  Schüler verließen tief berührt die Unterrichtsstunde.


6.Kapitel           CHRISTIANE  UND  DIE  PEST

Es war Sonntagmorgen,  Dada war gerade dabei,  den Tisch für eine
reichliche  Frühstückstafel  zu decken,  da die Familie einen größeren
Spaziergang machen wollte , und Christiane hörte unterdessen im Radio
eine Kindersendung. Plötzlich rannte sie ganz aufgeregt in die Küche :
„Mama,  was ist denn die Pest?“   Doch die Mutter konnte sie schnell
damit beruhigen, daß es zwar eine  meist tödliche  Krankheit sei,  die es
aber schon seit langer Zeit nicht mehr gäbe. In der Radiosendung hatte
man  nämlich das Gedicht von Agnes Miegel  „Die Frauen von Nidden “
welche sich einst zum Sterben in die Sanddünen gelegt haben sollen, als
alle anderen Bewohner der kleinen Ostseeinsel an der Pest verstorben
waren. „Und wie haben die gemerkt, daß sie die Pest haben?“ , fragte
die Kleine noch. „ Das waren viele dunkle Flecken und Beulen am Körper,
die Pestbeulen“,  wußte Dada aus  Berichten von damals . Doch dann war
diese düstere Begebenheit schnell vergessen und abends, nach einem
wunderschönen Sonntagsausflug mit Arka wurde die Kleine  vergnügt ins
Bettchen gebracht, bevor die Eltern  heute auch zum üblichen Wochenend-
Doppelkopfspiel ihrer Eltern mit Ehepaar Krause  nach Merkers fahren
konnten . Bei Janchen gab es, wenn die beiden mal ausgingen , solange
Arka bei ihr war, nicht die geringsten Probleme . Im Gegenteil, sie fragte
sogar danach. Da eine „sturmfreie Bude“ ja noch nicht der Grund sein
konnte, fragte die Mutter dann doch mal nach: „Warum sollen wir denn
ausgehen?“-„Da machst du dich immer so fein!“,die verblüffende Antwort.
In Merkers war es schon recht spät geworden, als die letzte  Doppelkopf -
Runde beginnen sollte.  Doch da klingelte das Telefon. Aus der Ambulanz
von Unterbreizbach meldete sich völlig aufgelöst die Nachtschwester:
„Eben ist Ihre Christiane mit dem großen Hund hier reingekommen: Ich
müsse sofort bei Ihnen anrufen, daß Sie zurückkommen sollen, weil sie
die Pest hätte! Dada ahnte schon einen Zusammenhang mit der
Radiosendung vom Morgen. Aber da ausgerechnet Schwester Ursel, die
panische Angst vor Arka hatte, heute im Nachtdienst war, waren keine
weiteren Fragen angebracht  und sie fuhren umgehend zurück. Als sie in
der Ambulanz ankamen, saß Schwester Ursel völlig entnervt im
Sprechzimmer, während Christiane mit Arka im kleinen Nebenzimmer
wohlbehalten auf sie gewartet hatte und ihnen schon gleich ihre nackten
Ärmchen und Beinchen entgegenstrcckte, die sie vorm Einschlafen
vorsichtshalber noch mal kontrolliert hatte. Und tatsächlich , da waren ,wie
durch ihr recht oft ausgelassenes  Herumtoben und Klettern jedoch an der
Tagesordnung,  reichlich blaue Flecken und Beulen zu finden .


7.Kapitel                 AKTION   KORNBLUME

Wieder war es  spät in Merkers  geworden !  Die Familie hatte
in den Geburtstag des Vaters am  3.Oktober 1961 hineingefeiert, und als
die drei Geburtstagsgäste  aus Unterbreizbach  spät nachts nun wieder zu
Hause in ihren Betten lagen, waren sie bald fest eingeschlafen.  Da  aber
klingelte das Telefon, obwohl Arno heute gar keinen Dienst hatte . Dada
stockte fast der Atem, als sie mithörte, daß es der Kreisarzt war, der Arno
dazu aufforderte, sich umgehend einer amtlichen Gruppe anzuschließen ,
die in Breizbach mit dem Auftrag, unzuverlässige Bewohner aus dem
Grenzgebiet zu evakuieren, schon bereit stünde, um bei eventuellen
Zwischenfällen sofort Hilfe leisten zu können . Wie vom Blitz getroffen
und wieder hellwach war sich das Ehepaar, das diese Situation ja schon
einmal  1952  gemeinsam erlebt hatte, ohne Worte sofort einig, daß er
gemeinsam mit dieser Truppe unter keinen Umständen auftreten würde.
Er konnte den Kreisarzt überzeugen, daß er für einige akut schwerkranke
Patienten hier erreichbar bleiben müsse, aber daß er sich für einen
sofortigen Abruf bereithalten würde .  Obwohl nun an einen ruhigen
Schlaf nicht mehr zu denken war, -  da der Morgen kam, ohne daß noch
einmal  angerufen  wurde , begann der neue Tag  für sie wie immer als
ganz  normaler Arbeitstag .
Als Dada dann jedoch in ihre Klasse kam, sah sie gleich, daß ein Platz
unbesetzt war. Doch ehe sie  noch nach dem Grund fragen konnte , rief
schon einer der Mitschüler :“ Der Eckardt kann nicht mehr kommen !
Familie Knauf ist heute Nacht weggebracht worden !“  -  Um nicht etwa
noch mehr Unheil zu provozieren, nahm sie es fassungslos schweigend zur
Kenntnis und nickte nur traurig mit dem Kopf, da sie ja , ohne die Namen
zu kennen, schon wußte, was in der vergangenen Nacht geschehen war.
Erst später sickerte es langsam durch , daß bei dieser zweiten  gewaltsamen
Aussiedlung, der „Aktion Kornblume“,  etwa dreitausend und zweihundert
Einwohner aus Grenzorten zwangsweise wie Verbrecher, aber ohne
Gericht, Schuldspruch oder eine Begründung völlig ahnungslos nachts
für immer aus ihrer Heimat in erbärmliche Unterkünfte evakuiert wurden.
Dazu geführt hatten wohl die Schwierigkeiten bei der Kollektivierung
der Landwirtschaft.
Durch die unerwartete nächtliche Aktion konnte man zwar einen
Widerstand der Bevölkerung ,wie teilweise 1952 , verhindern,  aber ein
alter Genosse aus dem Nachbarort Sünna hatte sich anschließend  doch
über dieses Vorgehen empört. Als einziges Ergebnis aber mußte auch er
sein Heimatdorf  verlassen .


8.Kapitel          Abschied  von  Arka

Das Jahr 1962 hatte die Doktorsch-Familie  gemeinsam mit vielen
Merkersern  im großen Saal des Kulturhauses mit Jubel, besten Vorsätzen
und schönen  Plänen  fröhlich begrüßt und begonnen.   Doch inzwischen
waren  einige Wochen  schon wieder Vergangenheit , und  es erwies sich
als schwierig,  all die guten Vorsätze  und  Vorhaben  auszuführen.
Immerhin hatte Dada im Februar mit nur noch zwanzig der  Teilnehmer
das Examen in Erfurt  bestanden,  sogar mit „sehr gut“, und als ihr Beruf
wurde nun statt Lehramtsbewerberin  „Lehrerin“  eingetragen.  Doch noch
war etliches  zu bewältigen . Zudem hatte sie beim Anprobieren ihres
Prüfungskostüms festgestellt, daß der Rockbund schon recht eng geworden
war, also ihre ersehnte , festgestellte Schwangerschaft eventuell  zeitlich
weiter war, als bisher angenommen. Doch jetzt erwartete man erstmal, daß
Arka ihre Jungen bekam .  Arka  war bei der letzten  Hundeausstellung
in Leipzig,  wie einst ihre Mutter Thula,   mit  „V-1“  (Vorzüglich, 1.Platz )
bewertet  worden  und sollte wenigstens einmal werfen . Doch als es so
weit war, setzten nur schwache Wehen ein, die nachließen, nachdem ein
toter Welpe  zur Welt kam. Die Injektion eines zu Hilfe geholten
Tierarztes  löste eine Dauerwehe aus und Arka mußte in eine Tierklinik
zu einem  Kaiserschnitt gebracht werden . Die Operation  erbrachte noch
einen zweiten Welpen, der trotz Beatmung starb und Arka folgte ihren
Jungen  einige Tage später,  da die Operationswunde immer wieder
aufplatzte.

9.Kapitel                  URLAUB  IN  BULGARIEN

Nur langsam wich das Gefühl der Lähmung . welches  sich nach dem Tod
von Arka,  ohne  ihre stete  liebevolle und wachsame Begleitung,   wie ein
schwerer Teppich über die  Familie   gebreitet hatte.    Es war schon Juni
geworden.  Da Christiane im Herbst bereits zur Schule kam, und das Baby
erwartet wurde,sollte dieser Sommer ausgenutzt werden.  Daher war schon
ein  für sie bezahlbarer  Strandurlaub in Bulgarien gebucht  worden . Jetzt
war dieser Termin nun gekommen. Arno hatte Urlaub , und pünktlich zum
Reisebeginn stiegen die Drei mit großen Erwartungen  in Berlin das erste
Mal in ein Flugzeug,   in eine kleine  I L- 14 , (Iljuschin 14) mit nur etwa
zwanzig Fluggästen. Besonders Christiane,  als einziges Kind an Bord ,
genoß es natürlich, sich von der Stewardess verwöhnen zu lassen.    Die
kleine Maschine mußte allerdings  zum Auftanken  auf halber Strecke ,  in
Budapest , zwischenlanden . Bis dahin  hatte es keinerlei Schwierigkeiten
gegeben.  Doch nach dem erneuten Aufstieg überfiel Dada ein
unstillbarer Brechreiz , der unvermindert anhielt, noch  über die Ankunft in
dem wunderschönen  Hotel , direkt  am  flachen Strand gelegen,  hinaus .
Da mußte sich Arno nun um den Empfang der Zimmerschlüssel kümmern.
Als endlich alles erledigt war, auch die Koffer gebracht worden waren  und
die Zimmer aufgesucht werden konnten,  war Christiane verschwunden .
Alles Suchen und Nachfragen blieb erfolglos, bis Dada einfiel, daß sie bei
der Ankunft  gleich neben dem Eingang , wo schon das Meer  begann ,
gesehen hatte, daß  dort etliche  Kinder im Wasser plantschten .    Und
tatsächlich !  Dort , im roten Schulkleidchen, plantschte sie begeistert mit!
Nach zwei Tagen hatte sich Dadas Magen endlich wieder beruhigt, und
nun folgten herrliche gemeinsame Urlaubstage , wobei Arno fröhlich
davon profitierte, daß er die drei täglich pro Person bereitgestellten  halben
Flaschen  wunderbaren Wein  allein genießen konnte.  Der Rückflug wurde
dann gut vorbereitet,  Dada schluckte beruhigende Medikamente, und nach
drei Wochen mußte nun zwar mit großem Bedauern, aber mit bester Laune
die Heimreise angetreten werden.  Schon während der Fahrt zum recht
primitiven Flugplatz  bezog sich der Himmel nach  vielen schönen
Sonnentagen  mit dunklen Wolken .  Jedoch  während des Fluges  wurde
es auch auch draußen vor den Fenstern immer dunkler,  bis plötzlich das
Flugzeug anfing zu schwanken,  Hagelkörner an die Scheiben schlugen
und  Blitze an den Fenstern vorbeiglitten.  Aus dem ruhigen Dahingleiten
war ein bedrohlicher Schaukelflug geworden. Der Pilot versuchte zwar,das
Gewitter zu überfliegen, aber da das kleine Flugzeug keine Sauerstoff –
Anlage hatte, waren ihm Grenzen gesetzt, zumal manche Passagiere schon
Atemprobleme bekamen und die Stewardesse alle aufforderte, nicht die
Augen zu schließen und zu schlafen. Sie hatte sonst kaum zu tun,  da den
meisten,   ängstlich in ihren Sitzen zusammengesunken,  der Appetit
vergangen  war.  Nur ein älteres Ehepaar und Christiane  vergnügten sich
unbeirrt an all den besten der guten Sachen, die fast umsonst für diesen
Flug vorbereitet worden waren. Doch schließlich kamen alle unversehrt
und gut wieder in Deutschland  und zu Hause an, und ihr Leben wurde
bald wieder von  den  alltäglichen  Anforderungen  bestimmt .


10.Kapitel         SCHMERZHAFTE  ENTTÄUSCHUNG

Ohne große Verschnaufpause hatte sich das Leben wieder in den
gewohnten Ablauf  eingefügt. Arno war wieder im Dienst und tagsüber
kaum zu Hause, und Christiane  stromerte draußen herum. Dada war in der
Küche beschäftigt,  als sie durch das zur Straße hin geöffnete Fenster von
unten her ihr Kind so furchtbar schreien und weinen hörte, wie sie es
noch nie gehört hatte .  Schreckerfüllt rannte sie nach draußen , wo ihr
Christiane  schon ihr blutüberströmtes Ärmchen entgegen hielt. Sie hatte
hatte auf der angrenzenden  Feldwiese gespielt, als ein Nachbarjunge seine
stets draußen an seiner winzigen Hütte angekettete Dobermannhündin
einmal  dort laufen ließ, und die hatte von hinten zugebissen.  Zum Glück
hatte Arno gerade in der nahen Ambulanz Sprechstunde. Dort konnte Dada
ihre Kleine  trotz ihres  schon beträchtlichen Babybauches  tröstend
auf den Schoß nehmen, die sich  nun ohne jeden Widerstand  die  Wunden
versorgen -,  und sogar einige Rißwunden von ihrem  Papi  zunähen ließ .
Bis zum Schulbeginn war alles wieder wunderbar zugeheilt   und  später
verrieten kaum noch Narben die bösen Verletzungen .


11.Kapitel             DIESMAL EIN  KLEINES  NEGERLEIN !

Nun war es November.- Aus Christiane war inzwischen  eine aufgeweckte
kleine  Schülerin geworden, die den Eltern keinerlei Sorge bereitete.
Dafür aber um so mehr das erwartete zweite Kind, das keinerlei Anstalten
machte. auf die Welt zu kommen, obwohl die berechnete Zeit schon
überschritten war.Auch  eine Autofahrt über holprige Feldwege, dann
sogar  Injektionen zur  Weheneinleitung , brachten  keinerlei Erfolg  Eine
Klinikgeburt war unumgänglich geworden . So fuhr das  Ehepaar
am Wochenende zu einem befreundeten Geburtshelfer, Chef einer Klinik
in   Eisenach. Hier nochmals  ein vergeblicher Versuch  mit Wehenmitteln.
Als Arno schließlich  am  Sonntag Abend mit dem Einverständnis zur
Operation nach Hause fahren mußte,   schlug der Chefarzt vor,  man
könne  vielleicht  noch ein Hausmittel versuchen  -  Rhizinus !  Dada
akzeptierte  es  ohne  Bedenken, denn  sie hatte sich  in der Hungerzeit
nach dem Krieg  mit dem Rhizinusöl  aus dem Medikamentenschrank
ihres Vaters heimlich Bratkartoffeln  gebraten  und hatte diese erstaunlich
gut vertragen. Dann wurde es Nacht,  es setzte Durchfall ein,  und nun , mit
seinen  Begleiterscheinungen  auch die Wehentätigkeit !  Gegen  Morgen
war es wirklich  endlich so weit – ein  kleines Mädchen , Franziska, war
gesund  zur  Welt  gekommen.
Als es hell wurde, offenbarte der Blick nach draußen eine andere
Neuigkeit :  Es schneite  in dicken Flocken, und der Schneefall
hatte während der Nacht schon so heftig eingesetzt, daß der Verkehr über
den Thüringer Wald bereits gesperrt werden mußte. Besuche aus der
Rhön waren also nicht mehr möglich . Aber die Hebamme rief gleich am
frühen  Morgen in Unterbreizbach an, um dem glücklichen Vater zu
gratuleren,  während  Arno gerade in Begriff war , Christiane  vor der
Sprechstunde  noch schnell  zur  Schule zu fahren  So konnte  sie die
frohe Botschaft nun gleich  mithören, bei der von einem gesunden und
ganz schwarzen  kleinen Mädchen die Rede war,  und daß es Mutter und
Kind  sehr gut gehe. Abends  dann  rief ihre  Klassenlehrerin an: Sie wolle,
inzwischen  wohl auch im Namen des ganzen Dorfes,vielmals gratulieren!
Christiane  nämlich wäre heute  Morgen ganz außer sich vor Freude in ihre
Klasse gestürmt  und habe begeistert  gerufen : „ Ich hab‘ heute Nacht ein
Schwesterchen gekriegt !“   Aber diesmal ist es ein kleines Negerlein !!“


12.Kapitel           FRIEDELS  HOCHZEIT  IM  HOTEL  ADLON

Die sechs Merkerser Geschwister  aber  waren nun geteilt , drei DDR - ,
und drei  BRD-Bürger ,  und seit dem Mauerbau  am 13.August 1961
getrennt .Aber nun wollte Friedel heiraten,  und das Familienleben  sollte
ja  erhalten bleiben und gepflegt werden. Da war das jetzt  ebenso geteilte
Berlin , den Eltern  seit ihrer dortigen Studienzeit  sowieso zweite Heimat ,
in den Mittelpunkt gerückt.  Das Hotel Adlon,  1907  gleich  östlich  hinter
dem  „Brandenburger Tor“  mit Unterstützung  von Kaiser Wilhelm  II.  als
modernstes und mondänstes  Hotel  Deutschlands  von Lorenz  Adlon
gegründet,  war 1945  bis auf einen Seitenflügel zwar abgebrannt, der aber
wurde in der alten Ausstattung, auch mit einigen  Hilfskräften dieser Zeit
weitergeführt  und war nach Errichtung der Mauer  in die  H O -Hotelkette
der  DDR  eingegliedert worden . Doch „Adlon“  konnte immer noch vom
alten Nimbus ,  etwas Besonderes für seine Gäste zu sein,  einen Hauch
bewahren.     Seine gepflegt-familiäre Atmospäre wurde nun  der Treff-
und   Mittelpunkt  der zerstreuten  Familie ,  und als Friedel  ihren
Studienfreund  Pepe  heiraten  wollte ,  wurde die Hochzeit  kurzerhand
nach Berlin  und die Feier ins Hotel Adlon verlegt.
Hier trafen  Friedel, die in Wolfsburg  standesamtlich schon getraut
wurde,  mit Schwester Moni  am Vortag ein, um das Fest vorzubereiten .
Zuerst die kirchliche Trauung . Doch als sie die nächstgelegene Kirche
erreichten,  standen  sie vor einer Ruine.  Glücklicherweise  waren da aber
gerade  kirchliche  Amtsträger zugange , die sie an den Pfarrer  der
benachbarten   „Golgatha – Kirche“  verwiesen.  Und tatsächlich -  der
Pfarrer erklärte sich sofort  bereit,  die Trauung am nächsten Vormittag
dort  durchzuführen. Am Abend waren alle Gäste bereits  angereist,hatten
sich zum Abendessen im Restaurant des Hotels eingefunden  und  das
Geschirr wurde schon abgetragen,  als der Küchenleiter  mit  Beikoch in
vollem Ornat , begleitet von den Kellnerinnen,  zum  Tisch kamen  und
das Brautpaar  in den angrenzenden  Küchenkomplex  entführten  .
Ehe die verwunderten Gäste ihrem  Erstaunen  noch Ausdruck verleihen
konnten , erschallte aus der Küche ein ohrenbetäubender Lärm ,  Klirren
und  Scheppern .  Die Erklärung  erfolgte erst,  als die beiden  Brautleute
fröhlich und glücklich aus der Küche zurückkamen :
Ihr Abendbrotgeschirr wurde heute Abend nicht abgewaschen , sondern
in bester Laune zerdeppert,  -  denn,  wenn das junge Paar  seine Hochzeit
schon  nicht zu Hause feiern könnte, sollte ihnen wenigstens  ein  zünftiger
Polterabend  das große gemeinsame  Glück  sichern.



13.Kapitel          
DER  TRAGISCHE  TOD  VON  PETER  R:


Es war ein Montag, - der  6.Juli 1981.


Der damalige Ortsparteivorsitzende der SED (Sozialistische Einheitspartei der DDR)  des  Ortes Unterbreizbach  war schon am frühen Morgen , vor der Öffnungszeit des Amtes , in seinem Dienstzimmer im Gemeindeamt, um einige Schriftsachen ungestört erledigen zu können, Er hörte, daß vorm Haus  ein Auto hielt, sah nun, daß es ein Polizeifahrzeug war und daß zwei Verkehrspolizisten ausstiegen und ins Haus kamen. Dann klingelte es .


Da er noch allein im Amt war, öffnete er und erfuhr nun von den Polizisten, daß sie  auf der Suche seien, um die Identität eines unbekannten
.Toten zu klären. Der Polizei wäre kurz nach Mitternacht von einem Grenzoffizier, wohnhaft in Pferdsdorf, Dienststandort in Buttlar,der  mit
einem Motorrad in  Richtung Vacha  unterwegs gewesen sei, gemeldet worden, daß  er  auf der etwa fünfhundert Meter langen, geraden
und übersichtlichen  Verkehrsstraße, kurz vor Schacht 2  und Sünna, einen bewußtlosen Jugendlichen quer auf der Straße liegen sah.  Im
Gegenverkehr habe sich gerade ein Motorrad genähert , während  er im Rückspiegel  gesehen  habe,  daß sich von hinten ein PKW  mit
ziemlicher Geschwindigkeit  näherte.. Daher wäre er links an dem Liegenden vorbei gefahren, habe gewendet  und  dem PKW entgegen
als Warnsignal, auf dem Motorrad sitzend,   auf-  und  abgeblendet.


Das Auto habe daraufhin  zwar  abgeblendet, verminderte aber seine Geschwindigkeit kaum.  Da es dadurch nicht rechtzeitig  zum Halten
gebracht werden konnte, überrollte es das Unfallopfer  und fuhr, ohne anzuhalten,  weiter und davon. -  Es wäre ein heller Trabant gewesen . -
Da der Jugendliche aus Unterbreizbach stammen könnte, zeigte einer der
Polizisten  nun  Günter Rudolph  ein Foto des Unfallopfers : Er erkannte seinen eigenen, jüngsten Sohn Peter.


Mit zwei Freunden fuhr G.Rudolph umgehend zur Unfallstelle .Sie fanden im Abstand von wenigen Metern dort zwei Blutlachen auf dem Asphalt.
Lag er schon verletzt auf der Straße? - Vor ihnen hatte die Spurensicherung schon die Plastesplitter eines Nebelscheinwerfergehäuses  sichergestellt .


Man suchte und fand jetzt schnell einen dunkelgrünen Skoda, und konnte
dessen Fahrer der Fahrerflucht überführen.  Es war ein zweiundzwanzig Jahre  junger Mann aus Vacha, der mit dem Auto seines Vaters eine
Tanzveranstaltung in Kranlucken besucht hatte.

Es folgte die Reproduktion des Unfalls,  zu welcher der als Zeuge geladene Grenzoffizier  Klose aber  nicht erschienen war, sondern dann erst  aus
Pferdsdorf  geholt werden mußte . Er wurde am nächsten Tag  nach Erfurt versetzt .


Am  11.Sept.1981  fand in Bad Salzungen die Gerichtsverhandlung  gegen den Unfallverursacher  statt. Die Familie Rudolph  hatte die mit ihnen befreundete D.Nennstiel  mit
der Pflichtverteidigung betraut.  Sie  begann  ihr Plädoyer  wie folgt   :


In der Nacht vom  6. zum 7. Juli  dieses Jahres  wurde ein junger Bürger unserer Gemeinde aus seinem hoffnungsvollen Leben gerissen, wurde  das Glück seiner Familie für immer tiefgreifend  gestört .


Peter Rudolph stand als Auswahltorwart  der Fußballjugend  und als DRK – Helfer  mitten im gesellschaftlichen  Leben. -  Ich selber habe ihn
als hilfsbereit und zuverlässig schätzen gelernt,  ob es nun um die Übernahme einer Theaterrolle , oder  um Kohlenhereinschippen ging.

Aber nicht nur die Fassungslosigkeit über seinen Tod,  sondern die
Skrupellosigkeit, der Peter zum Opfer fiel,  bewegt und erregt  die Menschen unseres Ortes , und sicher nicht nur diese .


Folgendes Unfallgeschehen  vom  6.Juli  1981  wurde ermittelt:

Der  17-jährige  Peter Rudolph  verabschiedete sich  gegen  23.30  Uhr an der Bushaltestelle in Borsch nach einer Tanzveranstaltung von seiner
Freundin. um nach Unterbreizbach nach Hause zu laufen , in der Hoffnung, als Anhalter irgendwann mitgenommen zu werden . Ein erster
angehaltener  Grenzsoldat  durfte ihn auf Dienstfahrt nicht mitnehmen, aber dann nahm ihn ein Mopedfahrer bis nach Buttlar mit. Beide sagten aus, daß Peter nicht betrunken und gesund gewesen sei und unaufdringlich
gewunken  habe.  Kurz vor Mitternacht  wurde er dann von Offizier Klose , bewußtlos auf der Straße liegend,  gefunden, während sich aus Richtung Vacha ein zweites Motorrad mit dem  Mitarbeiter des Kraftverkehrs, Marr,
näherte, den Unfall  verfolgte und der später allerdings aussagte, Klose habe am Straßenrand
gegenüber,bei  abgestelltem Motor, neben seinem Krad stehend, geblinkt.

Ein nachfolgender  Pkw , der auf das Blinken zwar abgeblendet, aber kaum die  Geschwindigkeit verringert hatte, und daher, trotz der festgestellten 6,1 m  langen  Blockier- ,  und  6,o m langen  Schleuderspur  nicht rechtzeitig zum Anhalten  gebracht werden konnte. überrollte  nun  den Bewußtlosen,  der etwa eineinhalb Meter durch die Luft zur Seite geschleudert wurde.   Klose verließ jetzt  den Unfallort, wo nun Marr
verblieb , und fuhr selbst, um den Unfall zu melden .  Aber nicht zu dem in Sichtweite liegenden  Schacht 2 , sondern zu seinem Standort in Buttlar, von wo er  erst nach ungefähr zwanzig Minuten  zurückkehrte.

Der geflüchtete Fahrer war nach Hause gefahren, wechselte den beschädigten Scheinwerfer aus und fuhr zum Tanz nach Kranlucken zurück,  zweimal vorbei am Unfallort ,wo er anhielt , nicht etwa,  um  sich zu stellen, sondern wo er sich nach dem dort  Geschehenen  erkundigte.

Am nächsten Morgen am Arbeitsplatz  äußerte er bei  Diskussionen:
„Das Schwein müßte man aufhängen !“

Die Autopsie ergab , daß durch die schwere Gehirnzerstörung  der Tod sofort eingetreten sei. Die Straftat  „Unterlassene Hilfeleistung“  entfiel
damit. Doch warum lag Peter bewußtlos auf der Straße?  Schockmerkmale, welche  im Blut festgestellt wurden, können sich nicht erst nach dem Tod gebildet haben .

Es war aber  nicht  nachzuweisen, ob die  Zertrümmerung des Schädels  durch nur einen oder eventuell zwei Unfälle verursacht wurde. Andere Verletzungen aber konnten nicht nachgewiesen werden.

Peter könnte von einem Fahrzeug abgerutscht und hinterrücks auf die Fahrbahn geschlagen sein ? Kam Offizier Klose eventuell nicht zufällig am
Unfallort  vorbei, sondern war er dort vorher bereits  Zeuge eines Unfalls?

Diese Frage an ihn konnte nicht gestellt werden,  denn auch zur Gerichtsverhandlung  fehlte er unentschuldigt. Ein Besucher hatte ihn
allerdings  im Erdgeschoß des Gerichts gesehen, wie er nach Erfurt zurückgeschickt wurde, weil er nicht  benötigt würde. Sein Wissen war offenbar nicht gefragt.  Auch kam die  zweite Blutlache
gar nicht zur  Sprache.

Die Urteilsverkündung wurde vertagt , das spätere Urteil dann zur Bewährung ausgesetzt.
Eine  von Familie Rudolph beantragte Kassation wurde abgelehnt.


14.Kapitel
EIN  FAHRRADUNFALL AM FREIEN  SONNTAG

Inzwischen hatte Arno von seinem Nachbarn sein erstes Auto, einen mehrere Jahre alten „Wartburg“,  zu einem damals ungewöhnlichen
fairen Preis kaufen können, hatte es in die Garageneinfahrt gestellt,  und war an seinem freien Wochenende nun gerade bei der ersten Autowäsche, als oben in der Wohnung das Telefon klingelte und dann eine aufgeregte
Patientin  Dada beschwor :“ Der heute diensthabende Arzt ist zu einem
dringenden Hausbesuch unterwegs  und nicht erreichbar. Meine Tochter ist aber gerade mit dem Fahrrad schwer gestürzt! “ Als sie nachfügte:
„Sie ist über die Lenkstange gefallen und hat jetzt große Schmerzen im Bauch – kann Ihr Mann sofort herkommen??“  ,  da schrillten bei Dada
schon die Alarmglocken , - die nicht seltene Kombinon  Lenkstangenunfall
und Milzriß  wäre möglich.

„Er kommt sofort“,beruhigte sie die Mutter,
und auf ihren Zuruf setzte sich auch Arno, wie er war , in seinen Arbeitsklamotten in sein triefendes  Auto und fuhr nach Pferdsdorf
Die Untersuchung des Kindes bestätigte den Verdacht .Er konnte den neuen Chefarzt des Vachaer Krankenhauses zu Hause in Vacha erreichen und informieren  und  als in Bad Salzungen der Krankenwagen  nicht
sofort  verfügbar war, fuhr er das Mädchen umgehend ins Krankenhaus, wo Dr. Hanf eine Operation schon vorbereitet hatte. Alles endete nun gut.



-Fortsetzung folgt -



























Meine Eltern Magda und Dr. Günther Deilmann










In Merkers in Merkers - Die Nennstiele


Günther Deilmann bei Wikipedia


Ehrenbürger Kreyenberggemeinde


Der 4. Mai 1945 in Osthessen News am 6.7.2008


Günther Deilmann in "Freiheit und Demokratie

 

 

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