Dorothea Nennstiel-Deilmann in der Deutschen Nationalbibliothek







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Ihre Dorothea Nennstiel-Deilmann








 

Geschichtern eines langen Lebens in
                   Fortsetzungen



Die Doktersch von Unterbreizbach
                          oder
            DADA auf Wegsuche




      

 Inhaltsverzeichnis  I   /   Dada sucht ihren Weg
1.Kapitel             Im Wechselschritt
2.                         Ein tollkühner Plan
3.                         Eine aufregende Ferienreise
4.                         Auf eigenes Risiko
5.                          Ferien im Westen
6.                          Besuch mit Rückfahrkarte
7.                          Glückliche Heimkehr
8.                          Letztes Schuljahr und ein neuer Schüler
9.                          Schwester Hellas Hochzeit
10.                        Ende der Schulzeit – Anfang einer großen Liebe
11.                        Abitur mit Hindernissen
12.                        Studium in Jena – Verlobung in Merkers
13.                        Sieh da,  es geht doch !
14.                        Aufregung vor der Kaserne
15.                        Aus dem OP zur Aktion Ungeziefer
16.                        Zwangsausweisung !   Wohin ??
17.                        Jakob,  die Krake
18.                        Staatlich anerkannte Krankenschwester
19.                        Jena am 17.Juni 1953
20.                        Nun doch Lehrerin
21.                        Pädagogen und Diplomanden
22.                        Uni – Adee!
23.                        Vor Pfingsten im Interzonenzug
24.                        Von Vaduz über die Alpen nach Genua
25.                        Am Meer entlang nach Monaco
26.                        Von Marseille Rückfahrt durchs Rhonetal
27                         Zwischenstop in Merkers
28.                        Zu Goethes Geburtstag  -  Cnristiane
29.                        Aller Anfang ist schwer
30.                        Wetterwechsel
31.                        Ein getrennter Jahresbeginn
32.                        Umzug nach Neustadt - Orla
33.                        Arno wird Stationsarzt in Ranis
34.                        Die Heimat ruft
35.                        Tschüß , und  auf Wiedersehen !



1.Kapitel       I M  W E C H S E L S C H R I T T           

Es schien , als hätte die Schulglocke heute einen fröhlichen Unterton , als sie

das Ende der letzten Unterrichtsstunde , und damit den Beginn der großen Ferien 1949 , etwas länger als üblich  verkündete .  Da die Primaner nach ihrem Abitur die Schule schon verlassen hatten , waren die „ Elfer “ nun an die Spitze der Schülerschar aufgerückt und  sich ihrer neuen Würde durchaus bewußt , verzichteten sie erstmalig auf laute Freudenausbrüche , sondern nahmen sichtlich erleichtert, da alle die Versetzung geschafft hatten, und die Zeugnisausgabe recht unspektakulär verlaufen war, betont ruhig und glücklich schwatzend für einige Wochen Abschied voneinander.         Die Salzunger Schüler waren dann  schnell verschwunden, während sich die Fahrschüler Zeit ließen , denn ihr Zug fuhr erst später. Auch Zita und Dada räumten in aller Ruhe ihre erste Bank ,die sie im vergangenen Schuljahr allein belegt hatten. Als Dada vor zwei Jahren von der Vachaer -   auf die Bad Salzunger Oberschule wechselte, saß auf dem dritten Platz Reinhard , ein hochmusikalischer Schüler , der auch erst ein Jahr zuvor vom Thomanerchor in Leipzig wieder nach Salzungen zurückgekommen war ,weil der Stimmbruch seine hohe Solostimme verändert hatte.  Nachdem Dada wenig später in einer der ersten Lateinstunden ein Zettelchen von ihm, beschrieben mit den beiden bedeutsamen Worten „ amo te !“ auf ihrem Heft vorgefunden hatte, waren die beiden  über ihre gemeinsame Musikliebe schnell zu Freunden geworden.In seiner Familie herzlich aufgenommen,  begann eine Zeit mit viel gemeinsamer Musik, denn der Vater beherrschte einige Blasinstrumente, und die beiden jüngeren Schwestern, Uta und Sunhild, spielten wie er, sehr gut Klavier. Auch Dada, die sich bisher nur selbst einiges beigebracht hatte , konnte sich jetzt bei seiner ausgezeichneten Klavierlehrein , Frau Schweiß, einiges an Wissen und Können aneignen.Als Reinhard jedoch im nächsten Schuljahr das Klassenziel nicht schaffte und es in einer anderen Klasse wiederholen mußte, blieb sein Platz auf der ersten Bank ein Jahr lang leer. Inzwischen war auch ihre Freundschaft wegen einer Notlüge zerbrochen. Dadurch hatte sich Dada nun noch mehr an ihre Banknachbarin Zita angeschlossen, die als Einzelkind mit ihren Eltern in einer Villa gleich neben der Schule wohnte und die ihr dort ein Zimmerchen zur Verfügung stellen durfte. So konnten beide öfters zusammen lernen, und Dada brauchte nicht mehr täglich nach Hause zu fahren. Sie hatte den Schulwechsel nach Kriegsende eigentlich niemals bereut. Nur ihrem damaligen Englischlehrer, „Abu“ ( Adolf Becker) trauerte sie nach , der neben dem obligatorischen Unterricht auch viele englische Lieder mit den Schülern gesungen hatte, die Dada sorgsam gesammelt, aufgeschrieben und teilweise auch ins Deutsche übertragen hatte. Doch nach der langen Pause zum Kriegsende waren damals       

viele der vorherigen Lehrer nicht zurückgekommen : Aus Altersgründen , wegen Nazibelastung oder auch durch Verlassen der Ostzone. Auch Dr.Becker war nicht wiedergekommen, ebenso wie  die Salzunger Schüler, die wieder in ihre Schule zurückgekehren konnten, nachdem das Lazarett darin aufgelöst worden war . Daher hatten sich viele der Fahrschüler, auch sie selbst,  für den Schulwechsel entschieden. Doch würde sie nach den Ferien diesmal überhaupt wieder hier sitzen ? Mit etwas schlechtem Gewissen verabschiedete sich Dada völlig unauffällig, dankbar und mit „ bis bald“ , von Zita und ihren Eltern . Aber ihre Ferienpläne durfte sie ja keinem verraten                                     

 

 

 

 2.Kapitel     E I N  T O L L K Ü H N E R  P L A N        

 Inzwischen war es 14.30 Uhr geworden, als Dada in einem der Schichtarbeiterzüge, die sich dreimal am Tag zum Schichtwechsel auf dem  Merkerser Bahnhof  kreuzten, wieder in ihrem Heimatort ankam . Nun stiegen auch die vielen Kalikumpel  des angeblich weltweit größten Kaliwerkes der  Salzunger Strecke aus und strömten Richtung Werkseingang , während sich draußen schon die müden Arbeiter der Vorschicht drängten, um einen günstigen Platz für die Heimfahrt zu ergattern, die  sie nun bei der Weiterfahrt in die Gegenrichtung nach Vacha oder in die Rhön bringen sollte.




So holte sie sich eilig ihre heute mit allem Schulkram vollgestopfte Schultasche aus dem Gepäcknetz, raffte ihr ganzes zusätzliches Gepäck zusammen , um vorher noch ungehindert aussteigen zu können und machte sich anschließend leicht schwitzend, da es sommerlich heiß geworden war, auf den Heimweg . Unterwegs mußte sie dann , innerlich schmunzelnd, an die Zeit ihrer Vachaer Schulzeit denken, wenn sie, von der Gegenseite kommend, bei solchem Wetter ins Dorf einfuhr, vorbei an ihrem Elternhaus und anderen Wohnhäusern, und der Zug mußte vor dem Einfahrtssignal des Bahnhofs halten. Dann flogen die Schultaschen der dort wohnenden Schüler aus den Zugfenstern in den Böschungsgraben, wurden auf dem Heimweg wieder eingesammelt und brauchten dadurch nur eine kleine Strecke mitgeschleppt zu werden. Aber diese kleine Vergünstigung war ja leider heute nicht möglich. Doch als sie schließlich etwas ermattet zu Hause angekommen war und die Haustür öffnete, war die Erschöpfung wie weggeblasen. Die Eltern waren beide daheim und im Sprechzimmer des Vaters beschäftigt, die vier jüngeren Geschwister tobten lautstark im Kinderzimmer herum , Großmutter saß am Küchentisch und war am Obstschälen, die Krake hüpfte neugierig von ihrem Rückzugsgebiet ,dem Küchenschrank, herunter, nur Thula, die große blaue Dogge , sprang, kaum daß Dada eingeetreten war  freudig an ihr hoch, legte seine weichen Pfoten auf ihre Schultern und begrüßte sie zärtlich auf ihre Hunde-Weise.Aber nicht lange, da waren alle in der Küche versammelt und jeder hatte erst einmal etwas zu fragen oder zu erzählen. Zuerst aber wurden natürlich Dadas Zeunisse begutachtet : -  Recht gut soweit , - und in die zwölfte Klasse versetzt,  – das war, wie erwartet, in Ordnung .Aber wie würde es bei ihr weitergehen?Würde sie studieren ? Und was??     Wie?, wo?, und womit? würde sie ihre letzten Ferien verbringen? Darüber diskutierte sie auch am Abend nochmal mit den Eltern: Hast du denn inzwischen immer noch keinen Berufswunsch? Möchtest du nicht doch Arzt wie der Vater werden?  




        

Aber so burschikos Dada auch zu sich selber war – bei anderen konnte sie kein Blut sehen, in kritischen Situationen wurde ihr übel und sie fiel in Ohnmacht. Auch wollte sie ihre Kinder später einmal nicht ebenso  mit all dem belasten,was sie in ihrer Kindheit immer stark bedrückt hatte - die stete Unruhe im Haus, das laute Geklingel an der Haustür oder vom Telefon Tag für Tag, , aber auch in der Nacht, dazu die aufgeregten Hilferufe zu schweren Unfällen, Erkrankungen oder Geburten. Oft dann aber auch die Angst um den Vater, der nach solchen Hilferufen meistens stundenlang unterwegs war. Besonders nachts konnte sie dann erst wieder richtig einschlafen, wenn sie hörte, daß er sich bei der Mutter, die in dieser Zeit die Bereitschaft übernahm, zurückmeldete. Aber außerdem:  Daß sie als „Intelligenzkind“ zum Medizinstudium in der DDR zugelassen würde, war kaum anzunehmen, da die Studienplätze, prozentual der Bevölkerungszusammensetzung angepaßt, meist schon durch die Kinder von den leitenden Ärzten der Krankenhäuser und Polikliniken ausgebucht waren. Diesen dringend gebrauchten Medizinern wurden in Einzelverträgen diese Plätze zugesichert, um ihnen keinen Grund zur Republikflucht zu geben.    Und    obendrein  würde sie kaum ein Bombenzeugnis vorzeigen können !           „Medizin“ also  -    ein klares Nein !

Dann vielleicht Lehrerin wie die Mutter und ihre Vorfahren?

Doch da hatte schon  der Großvater, selbst einst wie sein Vater und auch sein Großvater Lehrer und Schulrektor in Essen-Rellinghausen, zu Bedenken gegeben: „ Lehrer? – Da hast du nicht nur Ärger mit deinen zwanzig Schülern, sondern mehr noch mit vierzig Eltern und eventuell obendrein mit achzig Großeltern !  Und zusätzlich: Wenn du nicht bei der gegenwärtigen Regierung rausfliegen willst, - dann wirst du halt bei der nächsten gefeuert .                Also, - Lehrer lieber auch  nicht !

Allerdings stand da separat noch ein heimlicher Wunsch im Raum, der garnicht so abwegig und unerfüllbar war, geweckt durch ihre große Liebe zu Musik,Gesang und kleinen Aufführungen im  Familien- und Schulkreis, nämlich Schauspielerin zu werden.Ein Zufall in der Familie hatte ihr sogar einen Weg dahin vorgegeben; Wanda , die Schwägerin der Mutter, hatte ja Jochen, ihren kleinen Sohn, als im Krieg die Luftangriffe begannen,für Jahre nach Merkers gebracht,und machte danach  in Essen erfolgreich eine Gesangsausbildung. Nach dem Krieg, als ihr Mann aus russischer Gefangenschaft zurückkam, ließ sie sich scheiden und wurde Sängerin im Weimarer Nationaltheater. In den vorigen großen Ferien hatte sie Dada nach Weimar eingeladen, wo sie außer etlichen Theaterbesuchen auch bei einem damals sehr bekannten Schauspieler und Schauspiellehrer vorsprechen durfte, mit dem Ergebnis, daß sie sich nach dem Abitur bei ihm melden solle. Doch in diesem Falle machte dann der Vater seine spöttische Bemerkung , ob sie denn auch wüßte , daß eine Schauspielerin nur durch das Bett eines Regisseurs  Karriere machen könne ?  Dieser Einwurf sorgte natürlich auch für eine gewisse, und nicht gerade unbeabsichtigte Ernüchterung. -  Doch dann kam man endlich auf das aktuelle Problem, auf ihren  Ferienausflug in den nächsten Wochen,  zu sprechen.  Der sollte nämlich, da die gesamte Verwandtschaft und alle guten Freunde beider Eltern in Wesrfalen lebten, über die Grenze und Hessen zu ihnen  nach dort zum Rhein und an die  Ruhr führen.Dafür war alles schon geplant und gut vorbereitet.Auch Dada hatte keinerlei Bedenken. Da sie während der Vachaer Schulzeit des öfteren  neben der Werrabrücke gebadet hatte und die Gegend dort bestens kannte, wollte sie jetzt, bei sommerlichem Niedrigwasser, kurz nach Mitternacht durch die Werra nach Philippsthal, also in den Westen  gelangen und bei Wunsch und Bedarf auch wieder zurückzukommen.  Sie verließ sich auf diese Zeit, weil sie auf die Müdigkeit und die eventuelle Geisterfurcht der russischen Soldaten hoffte. Ihre ältere Schwester Hella, die bereits seit Kriegsende in Jena Medizin studierte, hatte mit ihrer Schulfreundin Agi , mit der sie weiterhin engen Kontakt hatte ,obwohl diese  inzwischen in Heimboldshausen nahe bei Philippsthal wohnte, ausgemacht, daß sich Dada nachts bei ihr zwanzig Mark abholen könne , um sich eine Fahrkarte von Phippsthal nach Lüdenscheid kaufen zu können. Lüdenscheid, wo die Schul- und Studienfreundin der Mutter mit ihrem Mann und drei etwa gleichaltrigen Töchtern wohnte, sollte dann für drei Wochen ihr Ferienort werden, von dem aus sie ihre Verwandten besuchen und kennenlernen konnte. Aber interessant für Dada war auch, daß sie von Miss Parlow, ehemals Journalistin und Diplomatengattin in Berlin, deren beide Kinder die Mutter während ihres eigenen Germanistik- und Anglistikstudiums zu Hause in allen Fächern unterrichtet hatte, nach England eingeladen wurde,  wo man beispielsweise gerade dringend Stuardessen suchen und ausbilden würde. Jetzt war also nur noch die Frage: Wann?? - Also, sobald das Wetter und die Mondhelligkeit günstig sind,  würde es losgehen!     

 

 

3.Kapitel 
E I N E  A U F R E G E N D E  F E R I E N R E I S E

 

Das Wochenende war angebrochen, und ein kühler, wolkenverhangener aber trockener Sommertag dämmerte seinem Ende entgegen.

Dada war der Meinung, daß heute endlich der richtige Zeitpunkt für ihr Ferienvorhaben gekommen sei. Mit ihrem schon seit Tagen bereitstehenden dürftigen Reisegepäck machte sie sich auf den Weg zum Bahnhof. Der Abschied zu Hause war vielleicht etwas herzlicher und intensiver als sonst, aber alle waren fest davon überzeugt, daß ihr Plan gelingen würde. Nach zwei Jahren fuhr sie nun mal wieder nach Vacha. Bis Dorndorf mußte sie in dem überfüllten Zug zwar im Gang stehen ,aber hier in der Gegenrichtung brauchte sie nicht Acht zu geben,um einem älteren Mann, sie kannte ihn nicht, auszuweichen, der einmal diese Situation ausgenutzt hatte und es ständig wieder versuchte, sich vor sie zu drängeln, um während der Fahrt unbemerkt und wie Ausversehen mit dem Rücken seiner Faust über ihre Brust zu streichen,sowie ihr im Vorbeigehen flüsternd seine Liebeskünste anzutragen. Aber ebenso fehlten die nach der Frühschicht üblichen Diskussionen der Kumpel, über deren Inhalt sich dann prächtig mit dem linientreuen Geschichtslehrer streiten ließ,  Dafür durchzog der widerliche Gestank von Pfefferminztee, den die Männer anstelle des knappen Tabaks in ihren Pfeifen rauchten, das ganze Abteil. Doch daran war sie inzwischen gewöhnt  In Dorndorf stiegen dann fast alle aus, um mit der Feldabahn in ihre Rhöndörfer  weiterzufahren. Der Zug war nun fast leer und deutsche Grenzsoldaten überprüften jetzt den ganzen Zug und kontrollierten die Ausweise der verbliebenen Fahrgäste. Aber Dadas Schülerausweis und die mitgeführte Schultasche erweckten keinen Verdacht, und bald schon setzte sich der Zug in Richtung Grenz- und Sperrgebiet in Bewegung.                             Welch ein sonderbares Gefühl, mal wieder am einstigen Schulort Vacha anzukommen! An der Sperre im Bahnhof standen jetzt russische  Sodaten, welche nochmal absicherten, daß sich unter den Ankommenden keine ungebetenen Gäste befandent. Es war nun fast 23.oo Uhr , und die wenigen Fahrgäste hatten sich schnell in der Dnkelheit verloren, Noch gut eine Stunde Zeit ! Da konnte sie ja noch schnell einmal an ihrer ehemaligen Schule vorbeischauen ! - Doch dann erstmal unauffällig an der Brücke vorbeilaufen, um nach einem durch dichtes Gebüsch geschützten Plätzchen und nach einem geeigneten Übergang Ausschau zu halten. Die Brücke war hell erleuchtet und abgesperrt, in der Mitte ein kleines Gebäude. Sicher eine Kontrollstelle. Aber hier, wie auch im ganzen umliegenden Gebiet, war kein Mensch, weder mit - noch ohne Unuform, zu sehen . Nun schlug auch die Glocke der nahen Stadtkirche . Mitternacht! Aber vielleicht wäre es besser, noch eine Viertelstunde zu warten.   




Bis auf das leise Rauschen und Gluckern der vorbeiziehenden  Werra und das Bellen eines Hundes in weiter Ferne war nichts zu hören. Der Himmel war verhangen, und außerhalb der grellen Brückenbeleuchtung war es stockdunkel. So machte sich Dada nun in aller Ruhe bereit. Die Badehose hatte sie schon an, Rock und Strümpfe zwängte sie noch in ihre Tasche, und mit Tasche und Schuhen in der Hand stakste sie nach kurzer Zeit vorsichtig, aber ohne Schwierigkeiten vom einen zum anderen Werraufer.und war jetzt , fast unglaublich, in der Westzone, im hessischen Philippsthal. Schnell zog sie sich wieder unauffällig an, damit sie nicht etwa, wovor sie gewarnt worden war ,von der amerikanischen Grenzkontrolle mitgenommen würde ,um nun die Wohnung von Agi zu suchen.Gut, daß man ihr den Weg zu ihr sehr genau beschrieben hatte, und Agi auch direkt an der Hauptstraße nach Bad Hersfeld wohnte.


So fand sie schnell und ohne jedes Suchen Heimboldshausen und  auch das Wohnhaus, wo sie offenbar schon erwartet wurde. Der Eingang war hell erleuchtet, und sie brauchte garnicht zu klingeln, denn Agi kam schon zur Tür und hatte auch das Geld schon bereit liegen. Ihr Angebot, bei ihr zu schlafen und erst am Morgen los zu fahren, lehnte Dada jedoch dankend ab.Sie wollte lieber weiter bis nach Hersfeld laufen und erst von dort mit dem Zug fahren. Mit dem von ihr bekannten Wandertempo lief sie nun frohgemut durch die Nacht gen Hersfeld und freute sich, das für sie so kostbare Westgeld etwas einsparen zu können.Als sie unterwegs an Häusern und Schaufenstern vorbei kam, fühlte sie sich staunend plötzlich in ihre Kindheit zurückversetzt: Hier standen Niveacreme, Palmoliv-Seife und Kölnisch Wasser, auch Fewa und Persil-Waschpulver sowie  viele andere Kostbarkeiten ,die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, in bunter Vielfalt hinter den Scheiben. Doch als sie an einer Bäckerei vorbei lief, deren betörender Duft sich bis nach draußen auf die Straße ausbreitete, hielt sie das erste Mal inne.





Sie hatte inzwischen tüchtig Hunger bekommen, und die ausgestellten Leckereien waren gar zu verführerisch, - auch hätte sie ja nun sicher etwas Geld übrig.-  Über ein kleines Treppchen gelangte sie in den Verkaufsraum, der zwar unverschlossen, aber in dieser frühen Morgenstunde noch völlig leer.war. Eine junge Frau war am Einräumen von Gebäck, die sie vorsichtshalber aber fragte: „Könnte ich mir vielleicht jetzt schon was kaufen?“ , und fügte dann schüchtern hinzu: „ Geld habe ich zwar, - aber ich habe heute keine Brotmarken dabei!“ Ein kurzes Stutzen, dann die lachende Antwort: „ Na  klar, - aber du kommst wohl aus der Ostzone?“ An einer herrlich knusprigen Semmel kauend setzte Dada dann   zügig ihren Weg fort und fand auch,  nachdem sie Hersfeld erreicht hatte,  ohne Schwierigkeiten den Bahnhof. Hier nun standen  auf dem Vorplatz etliche Fahrzeuge, auch viele Lastwagen,die zum Abtransport verschiedenster Güter vorbereitet wurden , und deren Fahrer erfahrungsgemäß, wenn Dada immer mal den Schulzug verpaßt hatte, am ehesten einen Anhalter mitnahmen . An ihr begrenztes Geld denkend , konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, trotz der Warnung und elterlichen Ablehnung  während der Fahrtplanung zu versuchen,  von hier aus nach Lüdenscheid zu trampen.

 

4.Kapitel  A U F  E I G E N E S  R I S I K O !

 

Gut zu beobachten,  wurde da gerade ein Geschäftsauto mit Kartons beladen. Der Fahrer, ein jüngerer kräftiger Bursche, machte einen recht sympatischen Eindruck auf  Dada. Nach einigem Zögern, während sie das Einladen interessiert verfolgte, überwand sie sich endlich und fragte den Fahrer bemüht forsch:     „Fahren Sie eventuell  über Lüdenscheid?“  „Mach ich“ , war die prompte Antwort, „wollen Sie dahin? Ich könnte Sie ein Stück mitnehmen, muß nur unterwegs die Kartons abgeben. Ich bin hier gleich fertig, Sie können ruhig schon mal vorne einsteigen!° Froh über ihre Entscheidung und den schnellen Erfolg fuhr sie bald in angeregtem Gespräch mit dem netten Fahrer durch unbekannte Städtchen und Dörfer, bewunderte die gepflegten Häuser und Vorgärten, und freute sich mit dem Fahrer, als die ganze Fracht ausgeliefert war. Doch dabei war es Abend geworden, und sie hatte keine Ahnung, wie weit sie noch von Lüdenscheid entfernt waren. Als er nun seine Stullen auspackte und sie zum Mitessen einlud, bot er ihr an, da es schon sehr spät geworden sei und die Fahrt nach Lüdenscheid noch ziemlich lange dauern würde, lieber erstmal in einem kleinen Hotel, in dem er immer mal übernachten würde, ein paar Stunden zu schlafen, um dann ausgeruht am frühen Morgen weiterzufahren. Wenn sie ein Zimmer für sich hätte, dann gerne, stimmte sie zwar etwas verunsichert aber dankbar zu, denn inzwischen war sie totmüde nach dem langen,ereignisreichen Tag. Besagtes Hotel war schnell erreicht, und nachdem sie sich von ihrem großmütigen Begleiter voll Dankbarkeit bis zum Frühstück am nächsten Morgen verabschiedet hatte, lag sie schon kurz danach im Bett und war am Einschlafen,als sie hörte , daß er in das von ihr abgeschlossene Zimmer kommen wollte und sie auffordete, aufzuschließen. Zwar wieder hellwach, stellte sie sich schlafend, rührte und regte sich nicht und wartete, bis es vor der Tür wieder still geworden war.An Schlaf war nun nicht mehr zu denken, zumal nach etwa einer halben Stunde die Türklinke nocheinmal vorsichtig, wenn auch vergeblich, heruntergedrückt wurde. Fast geräuschlos zog sie sich im Dunklen wieder an, verstaute alles, was sie ausgepackt hatte, wieder in ihre Tasche und ,,,,,, setzte sich in einen großen, bequemen Sessel, der gleich am Fenster stand. Hier wartete sie angespannt, ob jetzt alles ruhig blieb, bis sich im ersten Dämmerlicht die Konturen der umstehenden Häuser abzeichneten. Mit größter Bedachtsamkeit schloß sie nun auf und öffnete die Tür einen Spalt. Der lange Flur war matt erleuchtet, und  bis zur Treppe hin war niemand zu sehen. Sie schlich sich vorsichtig durch den Gang und die Treppe hinunter ,und da sich auch hier unten im Empfangsbereich keine Menschenseele aufhielt, und die Hoteltür nicht verschlossen war, stand sie kurz darauf erleichtert, wenn auch mit schlechtem Gewissen, draußen auf dem Bürgersteig und bemühte sich, möglichst schnell und ungesehen aus der Stadt herauszukommen. Wenn sie westwärts liefe, dachte sie, könne sie nicht viel falsch machen, und so  auf irgendeiner Landstraße angekommen, lief sie nun in ihrem gewohnten Tempo immer der Nase nach und machte sich Mut, irgendwann wieder ein Auto anzuhalten. Es dauerte jedoch ein ganzes Weilchen, bis sie sich dazu durchgerungen hatte. Die Sonne war schon aufgegangen, es wurde bereits wärmer, da winkte sie kurz entschlossen, als sie hinter sich ein Motorengeräusch hörte. Dann ein kurzer Schreck – es war ein Armee-Fahrzeug, ein amerikanischer Jeep. Aber er hielt an, und ein schon leicht angegrauter amerikanischer Offizier, der allein darin am Steuer saß, sah sie fragend an:  „Lüdenscheid?   Yes !“ , und er machte eine einladende Handbewegung. Ein Mann in Uniform – Dada stieg voller Vertrauen zu ihm ein. Doch schon bald verließ das Fahrzeug die breite Verkehrsstraße, wechselte auf eine schmale Landstraße und bog dann in einen Feldweg ein, um irgendwann zwischen hohen Kornfeldern anzuhalten.  Die Fahrt bisher war völlig schweigsam verlaufen , der Amerikaner sprach oder verstand offenbar kaum ein deutsches Wort .bedeutete ihr aber nun unmißverständlich, mit ihm auszusteigen. Die böse Ahnung, die sie unterwegs schon zunehmend befallen hatte, schlug nun in pure Angst um. Aber seine ruhige und freundliche Art ermutigte sie, mit ihm zu verhandeln. Verzweifelt marterte sie ihr aufgewühltes Gehirn, ihr die notwendigen englischen Vokabeln freizugeben, und tatsächlich konnte sie ihm erklären, daß sie schon zwei Jahre fest mit einem jungen Mann liiert sei, aber auch ihm nicht mehr als ein Kuß erlaubt wäre, da sie bis zur Hochzeit warten wolle . Der fremde und unbekannte Offizier hörte ernst und schweigend zu, überlegte kurz und forderte sie mit einer Handbewegung auf, sein Fahrzeug zu verlassen.  Dann fuhr er wortlos davon.  Erschöpft und zugleich erleichtert suchte sie nun den Rückweg, um wieder auf eine Verkehrsstraße zu kommen, obwohl sie mit dem Gedanken haderte, ob sie es nun noch einmal versuchen solle . Aber nirgends sah sie eine Spur von einer Eisenbahn, und da es aller guten Dinge drei bedarf und gerade ein kleiner Laster vorbei kam, der auch anhielt, hatte sie tatsächlich endlich Glück: „ Ja, ich fahre durch Lüdenscheid und nehme Sie gerne mit. Wenn Sie mir die Adresse sagen, kann ich Sie auch bis vor die Haustüre fahren. So geschah es nun wirklich. Am Spätnachmittag setzte er sie nach einer fröhlich verplauderten Fahrt vor dem Haus ihrer schon besorgten Gastfamilie ab, dem zu Hause von der Schul-  und Studienfreundin ihrer Mutter,   Emmi Kaus,   ihrem Mann Hugo,dem Direktor der Lüdenscheider  Berufsschule, und den drei Töchtern, etwa in ihrem Alter.

 

 

 

 

 

5.Kapitel F E R I E N  I M  W E S T E N                  

                  

Doch ehe sie überhaupt die Gartentür erreicht hatte, kamen ihr schon die ersten Familienmitglieder entgegengerannt, und, was sie von zu Hause garnicht kannte,  umarmten und küßten sie aus vollem Herzen, So wurde sie umgehend in ein wunderbar harmonisches Familienleben eingegliedert.

Von dem Berufsschuldirektor Onkel Hugo war ihr schon früher mal erzählt worden. daß er während des Krieges als Hauptmann im Urlaub, in voller Uniform völlig unbeeindruckt von  dem heimlichen Gespött der Passanten,  seine kleine Tochter, in damaliger Zeit völlig unüblich , im Kinderwagen stolz spazierengefahren habe. - Alle anderen aber kannte sie schon ein bißchen von früheren Familienbesuchen her. So genoß Dada nun erst einmal einige Tage diese liebevolle Athmospäre und natürlich auch all die guten Sachen, die es im Osten derzeit noch nicht gab.Voller Interesse ließ sie sich von den drei Töchtern die schöne Stadt zeigen und berichtete auch ihrerseits viel von ihrem zu Hause, allerdings  nicht ein Sterbenswörtchen von den Pannen ihrer Herfahrt. In der zweiten Woche begannen dann ihre Besuchsfahrten, welche ihre Eltern mit den Gasteltern besprochen- , und diese wohl auch schon vorbereitet hatten.



Nachdem sie zuerst  in Essen –Steele bei Onkel Clemens, einem Bruder des Großvaters und seiner großen Familie  kurz hereingeschaut hatte ,  

lernte sie nun auch endlich  das Stammhaus der mütterlichen Familie in                     

Essen- Rellinghausen  kennen , dessen Geschichte sie aus Familiengesprächen bereits bestens kannte, und auf das sie daher besonders neugierig war. Dieses Häuschen inmitten eines Gartengrundstücks  hatte  ihr Urgroßvater, der hochangesehene Schulrektor Franz Booz, ehemals gerade für seine Familie erworben, als seine noch junge Frau , die Mutter seiner sieben Kinder , mit nur dreiundvierzig  Jahren an Krebs starb. Der älteste Sohn studierte schon auf dem Lehrerseminar. Die nächstältere Tochter Klara jedoch übernahm mit fünfzehn Jahren die Führung des Haushalts, sowie die Betreuung und Erziehung ihrer fünf jüngeren Geschwister. Alle wurden später Lehrer, während sie selbst trotz etlicher Bewerber auf Heirat und eine eigene Familie verzichtete. - Eine besondere  Rolle spielte in diesem Familienkreis die Musik. Alle Kinder spielten mindestens ein Instrument und beliebt waren ihre Abende mit Hauskonzerten. Dadurch blieb das Haus immer ein beliebter Treffpunkt der Familie. Seinen Beruf übte Vater Franz bis zum zweiundsiebzigsten Geburtstag aus. Als er mit dreiundachzig Jahren starb, wohnten nur noch Klara und der jüngste,unverheiratete Sohn Clemens zu Hause .Umgehend verzichteten die auswärts lebenden Geschwister , allerdings ohne jede Zusatzklausel, zugunsten von Klara , auf ihren Erbanspruch , sodaß dann bei ihrem Tod das Häuschen Eigentum von Clemens wurde, der inzwischen eine Adoptivtochter angenommen hatte. Beide würde sie nun kennenlernen und außerdem hier auch ihren Onkel Eugen, den Bruder ihrer Mutter wiedersehen, der nach seiner Rückkehr nach Essen statt seiner ehemaligen Wohnung nur noch verkohlte Trümmer vorfand, und der hier eine Bleibe gefunden hatte. So verbrachte sie bald ein freundliches Plauderstündchen    mit den beiden Männern, da die Tochter  heute nicht zu Hause war. Doch  auch Onkel Eugen verabschiedete sich bald zu einer Verabredung, die man aber allgemein mit Besorgnis sah. Er hatte sich mit einer sehr wohlhabenden Fabrikantengattin, die sich angeblich  scheiden lassen wollte, angefreundet, und alle fürchteten nun eine neue große Enttäuschung für ihn, da sich niemand vorstellen konnte, daß sich eine so gut situierte Dame außer einem kurzen Abenteuer auf die Dauer an so einen völlig mittellosen Habenichts binden würde.Doch er glaubte unerschütterlich an eine gemeinsame Zukunft Daher brachte dann der hochaufgeschossene, noch sehr rüstige Großonkel Clemens Dada allein zur Bahn nach Düsseldorf, von wo sie  von seiner Nichte „Nüte“ ,eigentlich Luise, am Bahnhof erwartet und abgeholt werden würde. Danach auch hier,  auf dem Bahnsteig, ein fröhliches Erkennen und Begrüßen von Menschen, die sich nur vom Hörensagen kannten. Tante Nüte war von ihrer ehemaligen Schülerin Eva, die mit ihr zusammen wohnte und der sie ein Mathematikstudium ermöglicht hatte, zum Bahnhof begleitet worden, und so lernte Dada ihre Begleiterin für den nächsten Tag gleich kennen. Da gerade herrliches Sommerwetter herrschte,war bereits ein Badeausflug zu einer Rheinbrücke vorgeplant.





Das war natürlich eine besondere Überraschung, zu der sich die beiden am nächsten Vormittag in bester Laune auf den Weg machten.Zwar war das Baden im Rhein inzwischen untersagt, aber an dieser Stelle wurde noch kaum einmal kontrolliert. Eva warnte nur und riet, falls amerikanische Soldaten auftauchen würden, sofort unauffällig zu verschwinden. Aber außer einem kurzen „Attention“ von Eva, das sich aber als Fehlalarm herausstellte, folgten nun ein paar ungestörte und unbeschwerte Badestunden am Ufer und im Wasser vom herrlichen Rhein. Als Rückweg hatte Eva einen kleinen Schaufensterbummel vorgesehen, und Dada staunte voller Bewunderung über all die schönen Dinge , die hier in bunter Vielfalt angeboten wurden. Doch mitten in diesem Überfluß saß auch ein Bettler in einer Hausecke, der auf ein Almosen harrte, und in der Menschenmenge, die schier endlos durch die Fußgängerzone strömte ,sah sie ganze Familien in äußerst ärmlichem Zustand, sodaß Mitleid ihre Euphorie allerdings etwas dämpfte. Ein herrlicher Eisbecher beendete schließlich ihre fröhliche Tagestour und wieder bei Nüte zu Hause  angekommen, hatte diese schon einen üppigen Abendbrottisch für sie gedeckt, den sie nie vergaß : Darauf nämlich auch eine ovale Büchse mit Hering in Tomatensoße, - und fast unglaublich -  die durfte sie ganz alleine essen !

 

 

 

 

 

6.Kapitel
B E S U C H  M I T  R Ü C K F A H R K A R T E  

 

Die letzte Ferienwoche war angebrochen, und ein vorgesehener Besuch war noch zu machen, den Dada bis zuletzt aufgeschoben hatte, nämlich einen Besuch beim Vetter ihres Vaters, der inzwischen das riesige Bergbau-Unternehmen leitete,welches ihre Urgroßeltern im vorigen Jahrhundert gegründet und aufgebaut hatten und dessen Hauptsitz und oberhalb davon das Wohnhaus in Dortmund war. Weil dieser Besuch aber eventuell entscheiden könnte, ob sie wieder in den Osten zurückkehren würde, sie aber bisher noch nie Kontakt mit der Familie hatte, trat

sie ihn mit einiger Beklemmung an ,obwohl ihr beide Eltern versichert hatten, daß dieses nun schon ältere Ehepaar ausgesprochen nett und gastfreundlich sei. Der Besuch war wohl nicht abgesprochen worden, und Onkel Hugo, der sie zum Bahnhof gefahren hatte, löste vorsichtshalber gleich eine Rückfahrkarte mit. Vom Zielbahnhof war es dann nicht sehr weit bis zum Werksgelände. Der Vater hatte ihr den Weg dorthin genau beschrieben, und dort könnte sie sich den Weg zum Privathaus zeigen lassen.In Dortmund angekommen, führte  die angegebene Straße schon bald durch eine riesige Eisenbahnbrücke, auf der  in ebenfalls riesigen Lettern die Firma bereits angekündigt wurde. Sie war also auf dem richtigen Weg. Bald hatte sie den Haupteingang zum Werksgelände erreicht, passierte den Eingang zu dem großen Fabrikhof  und lief gleich auf das erste Gebäude zu, wo sie eine Pförtnerloge erkannte.




Als sie sich dieser dann etwas zögernd näherte, öffnete ein älterer Pförtner in schicker Betriebsuniform  schon das Besucherfenster und schaute ihr etwas erstaunt aber freundlich entgegen. Doch sein leicht verhaltenes Lächeln ermutigte sie, gleich, ohne seine Fragen abzuwarten, ihr etwas außergewöhnliches Anliegen vorzutragen: „Ich komme aus der Ostzone, aus Thüringen, heiße Deilmann und möchte meine Verwandten hier besuchen. Mir wurde gesagt,   den Weg von hier zum Wohnhaus könnte ich mir von Ihnen, bitte, beschreiben lassen.“  Seine erstaunte Miene wandelte sich zunehmend in pures Entgegenkommen:       „Mein Gott, Fräulein Deilmann, das ist ja sicher eine große Überraschung! Da rufe ich gleich mal oben an, und dann kann Sie jemand hochfahren!“  Doch während sie sein Angebot noch abwehren wollte, liefen zwei gutgekleidete junge Frauen,  in lebhaftem Gespräch aus dem Werksgelände kommend, dem Ausgang zu. Eilig erklärte er: „Das paßt ja bestens! Das sind die beiden Deilmannstöchter, die können Sie doch gleich mitnehmen“, und rief ihnen zu: „Hallo, hier ist eine Verwandte von Ihnen, ein Fräulein Deilmann aus der Sowjetzone, die möchte Sie besuchen ! Könnten Sie die junge Dame eventuell mitnehmen?“ Die beiden schauten sich im Laufen kurz und fragend an, ein abschätziges kleines Kichern, und schon waren sie durch den Ausgang aus dem Blickfeld verschwunden. Der völlig verdutzte und offensichtlich betroffene Pförtner wollte Dada trösten und beteuerte, daß ihre  Eltern aber doch ganz anders seien,  (was sich später auch  bestätigte) und die würden  sich über ihren Besuch mit Sicherheit sehr freuen . Aber sie sah ihr skeptisches Vorurteil gegen sehr reiche Menschen bestätigt, wendete sich mit „Bestem Dank“ zum Gehen,  und war froh und erleichtert, daß sie die Rückfahrkarte schon bei sich hatte.

 

7.Kapitel G L Ü C K L I C H E  H E I M K E H R

 

Die letzte Ferienwoche ging damit dem Ende zu, und nun war es soviel wie sicher- , sie wird wieder nach Hause fahren . Doch ein Bedürfnis hatte sie noch, nämlich eine Wahlveranstaltung zu besuchen . Deutschland war auf dem Weg. in zwei Teile zu zerfallen. Zuerst der Westen , dann auch der Osten, würden nach der endgültig trennenden Währungsreform im vorigen Jahr nun in kurzer Zeit auch eine eigene Regierung wählen. Im Osten ging es im wesentlichen ja eigentlich nur darum, die von den regierungstreuen Parteien aufgestellten und für zuverlässig befundenen  Kandidaten zu bestätigen. Doch wie würde es hier im Westen sein? Sie hatte Glück. Zwei Tage vor ihrer Abreise fand im hiesigen  Stadtteil, ganz in ihrer  Nähe, eine Einwohnerversammlung  zur Wahl statt. Mit der um ein Jahr jüngeren Ingrid, die sich ebenso wie sie, für die politische Entwicklung und Zukunft ihres Landes interessierte, machte sie sich pünktlich und erwartungsvoll auf den Weg zu dieser Veranstaltung, die in einem großen und vollbesetzten Saal stattfand.Aber statt der sachlich-leidenschaftlichen Diskussionen, die sie  mit den Eltern im Fernsehen bewundernd verfolgt hatte, erlebte sie hier vorwiegend beleidigende  persönliche Diffammierungen und heftigen Streit um die ungerechte Verteilung von Spendengeldern für die Wahlwerbung. Nein, das konnte ihr so auch nicht gefallen. Am Sonnabend wurde nun endgültig die Rückreise vorbereitet. Viel Gepäck konnte sie ja nicht mitnehmen, aber dafür wurde ihre Reisekleidung modernisiert.Die Mode hatte sich gerade auf knöchellange,weite Röcke umgestellt und in solch einem schicken,neuen Kleidungsstück und mit ihrer nun von Geschenken prall gefüllten Schultasche wurde sie dann am Sonntagvon der ganzen Kaus-Familie bis an den Zug gebracht. Hier ein rührender,etwas wehmütiger Abschied, obwohl damals keiner von ihnen ahnte, daß sie sich nicht noch einmal wiedersehen könnten, noch ein dankbares Zurückwinken, und der erste Teil der Rückreise bis nach Philippsthal begann.  Als sie dort am Spätabend ankam, es war mittlerweile schon dunkel geworden, die Fenster waren hell erleuchtet und die Straße fast menschenleer, wanderte sie ganz gemütlich durchs Dorf, an den letzten Häusern vorbei,  über die Werrawiese bis zum Fluß, um sich hier, nicht allzuweit von der Brücke entfernt, ein durch Gebüsch verdecktes Plätzchen zu suchen. Hier wartete sie nun wieder bis nach Mitternacht, und  wieder war ringsum reglose Stille, als sie zur Uferböschung aufbrach.




Der Wasserspiegel war in den vergangenen drei Wochen zwar etwas höher gestiegen, aber durchaus noch passierbar.Nur ihr neuer langer,  weiter Rock nahm jetzt soviel Platz ein, daß er trotz aller Mühe nicht mehr in ihre Tasche paßte. Die andere Hand aber brauchte sie ja für ihre Schuhe. Also mußte sie ihn notgedrungen anbehalten, nach oben zusammenraffen, und ihn, so gut es eben ging, festhalten. Auch zurück  konnte sie nun ungestört und ohne Schwierigkeiten durch die Werra an das thüringer Ufer gegenüber  waten. Nur kurz, bevor sie es erreichte, glitt ihr der Rock aus den Händen, und sein Saum rutschte  ins Wasser. Doch bei der warmen Temperatur störte das ja kaum, und in ihrer großen Freude über die nochmals gut gelungene Grenzpassage  merkte sie die Nässe  bald garnicht mehr. Möglichst schnell verließ sie die Werraregion, wartete auf einer Parkbank, bis  die Bahnhofgaststätte aufgeschlossen wurde, um mit dem ersten Schichtzug dann nach Hause zu fahren.Als sie gegen Morgen  etwas fröstelnd in den Warteraum kam, warteten dort schon zwei andere Fahrgäste  auf die Zugabfahrt, und sie setzte sich etwas entfernt in eine Ecke. Kurz danach schon kam ein deutscher Grenzsoldat herein, um die Ausweise zu kontrollieren. Nachdem er bei den beiden Männern  an den Nebentischen angefangen  hatte, kam er an ihren Platz: „Ihren Ausweis, bitte! --- Sie kommen doch aus Phippsthal ?! --- Nein? --- Na, da gucken Sie doch mal unter Ihren Stuhl!“   Überrascht und erschrocken stellte sie fest, daß sich aus ihrem Rocksaum um den Stuhl herum eine nicht zu übersehende Wasserlache  gebildet hatte. ---





„So,soo,  Sie waren drüben zum Ferienbesuch und wollen nachher wieder nach Hause, nach Merkers fahren? Na gut, ich glaub Ihnen.  Aber gleich , an der Sperre, kontrollieren die Russen. Die würden Sie auf jeden Fall erstmal mitnehmen. Warten Sie hier, ich bringe Sie durch die Sperre an den Zug.“  Da hatte sie mal wieder großes Glück gehabt!  Mit einem kleinen Adreßzettelchen in der Hand : --- “Falls Sie sich mal bei mir bedanken wollen?!“ --- , konnte  sie nun ohne weitere Behinderungen in ihren Heimatort  Merkers fahren und überraschte dort ihre glücklichen Eltern, die ihrer guten Rückkehr schon besorgt entgegengebangt hatten. Mit ihrem neuen Schreibpartner aber verband sie  bald eine lange Brieffreundschaft.         



8.Kapitel
L E T Z T E S  S C H U L J A H R                            U N D  E I N  N E U E R  S C H Ü L E R

 

Zu Hause erwartete Dada eine ungewöhnliche Betriebsamkeit und Unruhe, denn am kommenden Wochenende sollte hier im Haus die Hochzeit der sechs Jahre älteren Schwester  Hella gefeiert werden. Doch zum Wochenanfang mußten zuerst auch die Schultaschen von drei Kindern für das neue Schuljahr ordentlich vorbereitet sein. Sie selbst jedoch sah ihrem letzten Schuljahr recht gelassen entgegen. Ihre neuen Schulbücher hatte sie schon, und bei der vorbereitenden Elternversammlung ihrer Klasse hatte die Mutter bereits  erfahren, daß alle Fächer von den gleichen Lehrern wie im Vorjahr unterrichtet würden. Ihr Klassenlehrer, der Russischlehrer Herr Stenz, hatte ihr sogar schon drei Tage Schulfrei zum Helfen fürs Wochenende gestattet. Es würde also alles unverändert und wie immer weitergehen.  Doch welch ein Irrtum! Als sie am ersten Schultag morgens in ihre Klasse kam , war der leere Platz ihrer ersten Bank besetzt. Ein unbekannter neuer Schüler! Ziemlich groß, schlank und blaß, dunkle Haare und Augen mit Brille,-  so machte er auf sie einen sehr ernsten und erwachsenen  ersten Eindruck..  Die kurze. höfliche Begrüßung wurde  jäh durch Zita unterbrochen, die auch gerade herein kam und mit lautem Hallo die  anfängliche Zurückhaltung beendete: „Mensch, Arno, wie kommst du denn hierher? ---Was? In Jena durchs Abi geflogen? Das kann doch nicht wahr sein! - - -  In Erdkunde und in Biologie eine fünf ? Sehr komisch! Und dein Musikstudium? - - -   Doch wenn sich dein schon abgesprochenes Vorspiel bei einem Professor in Weimar dadurch erübrigt hat, war das ja doppelt gemein! Aber wer weiß, wozu es gut war! Hier wird dir das mit Sicherheit nicht nochmal passieren! “  - Die beiden kannten sich offensichtlich sehr gut, und Dada, die zukünftig nun zwischen den beiden sitzen würde, hatte jetzt schon eine ganze Menge über den Neuen erfahren. In der großen Pause aber erzählte ihr Zita dann voller Anteilnahme so ausführlich seine Lebensgeschichte,daß sie ihn fast besser kennen lernte, als ihre übrigen langjährigen Klassenkameraden.             




 

Also :  Arno gehörte zu den Salzunger Ureinwohnern.   Schon sein Urgroßvater hatte als Salzsieder auf der Nappe gearbeitet und erwarb in der Silge ein kleines Wohnhaus,in dem dann sein Großvater, der spätere  Meister im Kaltwalzwerk, sein Vater, und dann, 1930 , auch Arno geboren wurde. Jedoch schon nach vier Jahren verstarb seine Mutter, die eine Enkeltochter des bekannten   Salzunger Fabrikanten und Politikers Friedrich Eckardt war, an Tuberkulose. Er und sein kleines Schwesterchen wurden nun  von der jüngeren Schwester des Vaters und von den Großeltern liebevoll hier weiter betreut. Schon sehr früh fiel der Familie Arnos  Liebe zum Musizieren auf, die aber  nicht nur erkannt, sondern auch sorgfältig gefördert wurde. Er bekam Klavier- , Akkordeon- und Geigenunterricht , und obwohl er auch ein guter Schüler in der Allgemeinschule war und später zur Oberschule ging, brauchte er nie zum Üben an seinen Instrumenten erst aufgefordert zu werden . Als der Krieg kam, wurde der Vater  eingezogen , und fand nach Kriegsende einen neuen Arbeitsplatz in der Konstruktionsabteilung der Zeisswerke in Jena. Hierhin holte er seine beiden Kinder bald nach und Arno bekam auch in Jena neben dem Schulunterricht weiter eine fundierte Musikausbildung durch eine hochqualifizierte Pianistin . Doch die Nachkriegsversorgung  mit Lebensmitteln, besonders auch in den Städten, war äußerst knapp.Mit Musikmachen aber konnte man sie erheblich aufbessern. Arno erspielte sich deshalb einen Berufsausweis als Pianist, und spielte in einer Big-Band sowie in einer Kirmeskapelle statt im Schulorchester. Er verbesserte  damit zwar die Versorgung der Familie, verärgerte aber seine Lehrer. -  Nun war er also wieder in Salzungen ! Doch gerade klingelte es jetzt, – die große Pause war schon zu Ende.  Gleich würde die Geschichtsstunde bei Herrn Zarm beginnen, mit dem Dada im Vorjahr teilweise heftige Diskussionen über gegenwärtige staatliche Maßnahmen geführt hatte, und dem sie nun unbedingt von ihren eigenen Eindrücken und Ferienerfahrungen berichten wollte, selbst auf die Gefahr hin, von der Schule zu fliegen. Aber sie war ja nicht ohne Grund zurückgekommen und wollte ihm auch in manchen Dingen rechtgeben . -    Es wurde eine sehr emotionale und interessante Stunde, sicher völlig anders, als sie Herr Zarm in seiner Unterrichtsvorbereitung vorgesehen hatte,und er ging ohne starre Dogmenverteidigung auf die Argumente seiner Schüler ein. Leider geht eine  interessante Schulstunde ja besonders schnell zu Ende. Jedoch auf dem Stundenplan des nächsten Tages stand schon die zweite Geschichtsstunde, und Dada erwartete sie  voller bedrückter Spannung . Aber nein. sie wurde nicht zum Direktor bestellt! Hatte Herr Zarm ihm etwa ihre Grenzverletzung nicht gemeldet!?. Aber er ließ heute die Klasse eine ungewöhnliche Klassenarbeit schreiben: „Nehmt bitte ein Blatt und schreibt jetzt einen außerplanmäßigen Aufsatz, Thema: Volle Läden im Westen.“  Dada war zutiefst erschrocken und fürchtete natürlich den durchaus verständlichen Unmut der Klasse. Aber nichts dergleichen war zu spüren, sondern alle begannen widerspruchslos zu schreiben. So schrieb auch sie nochmal auf, was sie im Unterricht ja schon geschildert und vertreten hatte: Daß durch die enorme wirtschaftliche Unterstützung des amerikanischen Marshall-Planes seit 1958 in Westdeutschland ein ungleich weit besseres Warenangebot, quantitativ wie qualitativ, ermöglicht wurde, welches aber nicht allen , beispielsweise den Arbeitslosen oder Obdachlosen, zugute käme. Außerdem würde sie auch eine spürbare politische Abhängigkeit bewirken. -  Als die Aufsätze eine Woche später zurückgegeben wurden, prangte auf  Dadas Blatt eine große rote 5 !! Wortlos steckte sie den Bogen gleich in ihre Tasche in dem Bewußtsein, daß diese Fünf keine Note, sondern die dringende Warnung sein sollte, solch eine Fahrt nicht noch einmal zu wiederholen.  Doch hiermit wurde nun die ganze Geschichte endgültig zu den Akten gelegt.   






9.Kapitel               H E L L A S   H O C H Z E I T

Zu Hause, in Merkers, drehte sich nun alles um Hellas recht

unerwartete Hochzeit . Hella war im letzten Semester ihres Medizin-

Studiums angekommen und bereitete sich bereits auf die ersten der

zahlreichen  Abschlußprüfungen  vor .Weil die Eltern aber dieses Jahr

erstmalig in Urlaub fuhren, da der Vater nun eine Praxisvertretung

anfordern konnte, fuhr sie zum Wochenende nach Hause, wo der Vertreter

schon eingetroffen war, um ihn bei der Praxisübernahme mit den vielen

ihm unbekannten Patienten in vier Orten  einzuweisen und etwas zu

unterstützen.  Dick, so wurde der junge Arzt gerufen, war noch nicht lange

aus der Kriegsgefangenschaft zurück gekommen . Er stammte aus Jena, wo

sein Vater damals als leitender  Prokurist der Zeiß-Werke arbeitete,

wodurch der Sohn wohl die Möglichkeit bekam, in der Schweiz

Medizin zu studieren.  Als er nach dem Examen nach Deutschland

zurückkehrte, brach unmittelbar danach der Krieg aus, er wurde

eingezogen, verbrachte die folgenden Jahre in verschiedenen  Lazaretten

und dann in Kriegsgefangenschaft.  In Merkers aber folgte nun eine große

Liebe  auf den ersten Blick, und Hella und Dick beschlossen, recht bald zu

heiraten.Da Dick aber jetzt endlich ein festes und ruhiges zu Hause haben  

wollte, sollte Hella ihr Studium abbrechen. Alle Gegenargumente waren  

umsonst! Hella ließ sich exmatrikulieren!!  In Jena wurde eine Wohnung

gemietet  und der Hochzeitstermin in kürzester Zeit festgesetzt.

So  konnte sich Hella nun völlig sorglos den Festvorbereitungen widmen.

Als Dada jedoch die lange Gästeliste durchlas, war sie doch etwas

erschrocken.  Hella hatte auch Reinhard eingeladen. Er sollte  zur Trauung

in der Kirche mit seiner wunderbar sanften  Bariton-Stimme das schönste  

aller Liebeslieder :„Ännchen von Tharau“, singen. Aber auch Fredi, der

nette Nachbarbursche, war eingeladen Der zurückhaltende Blondschschopf

und seine Mutter, der Vater war gefallen, mußten 1946 Danzig und Heimat

verlassen. Er wohnte seitdem  im Nebenhaus, und eine fast kindliche

Freundschaft hatte Dada und den um ein Jahr Älteren, der schon eine

Lehre im Kalibetrieb  begonnen hatte, lange Zeit verbunden.  Ihr tägliches

Ritual wurde es, daß Fredi sie jeden Abend zu einem Spaziergang bis zum

Waldrand abholte,sie sich unterwegs bis dorthin über Gott und alle Welt,

vorallem über die Vergangenheit, zaghaft manchmal über die Zukunft,doch

auch über Schönes oder Bedrückendes der Gegenwart unterhielten. Oben

angekommen,  ein flüchtiger Kuß, und nun  Hand in Hand ein stiller

Heimweg.  Da Fredi meistens eine dunkelrote  Weste trug, die ihm seine

Mutter genäht hatte und die  er wohl besonders gern anzog, rief  Dadas

Großvater, der diese Spaziergänge  mit Mißtrauen beobachtete, einmal

ärgerlich:“Da ist doch der Rotbefrackte schon wieder! Was der nur will ?“  

Doch als dann Reinhard  Gast in Merkers wurde, zog er sich fast

unmerklich zurück. Dada hatte inzwischen jedoch zu beiden weiterhin  ein

gutes, freundschaftliches Verhältnis.

Zu ihrer Freude aber fand sie auch den Namen ihres verehrten Lehrers

„Abu“ und etlicher  anderer ihr liebgewordenen Menschen auf der Liste.

So wurde es auch für sie eine wunderschöne und harmonische  Feier !  



10.Kapitel 
E N D E  D E R  S C H U L Z E I T , A N F A N G   E I N ER   
L A N G E N   L I E B E


Voller fröhlicher Erinnerungen und in bester Laune kam Dada am Montag

wieder in ihre Klasse.Es war zwar, wie immer bei den Fahrschülern,  noch

eine gute Stunde Zeit bis zum Unterrichtsbeginn, aber Zita war auch schon

da, hatte wohl auf sie gewartet und rief ihr schon entgegen :“  Mensch,

Dada, was hast Du nur mit dem Arno gemacht?“, und dann berichtete sie

mit gespielter Entrüstung, daß er sie jeden Tag mit seinen Fragen nach ihr

genervt hätte, denn  Zita und Arno waren ja miteinander noch recht

vertraut  aus der Zeit, als Arno noch hier bei seinen

Großeltern in der Silge wohnte  und er damals, obwohl er protestantisch

getauft war, nicht an der Orgel in der evangelischen Kirche das Orgelspiel

erlernen  und dafür auch üben durfte,was ihm aber die katholische  Kirche

gestattete. Doch  auch Zita ,gläubige Katholikin, die zwar mit rauher und

tiefer Stimme sprach, aber kurioserweise mit einer klaren und hellen

Sopranstimme sang , übte hier oft zur gleichen Zeit für ihre Solopartien

im Kirchenchor. Dann folgte damals meist nach dem Üben ein kleiner

Schwatz. Doch nun traf auch Arno ein und machte aus seiner Zuneigung

kein Geheimnis:“Moin,Moin!“  Prima, daß Du endlich wieder da bist!

Alles  okay ?“  Inzwischen aber waren alle Schüler eingetroffen, acht Uhr,

und die neue, noch sehr junge, doch etwas schrullige Hilfslehrerin

Fräulein Eleonore Fischer, die Dada aus der Schulzeit in Vacha als

Schülerin schon kannte, da sie dort  in einer Schülervorführung des

„Zerbrochenen Krugs“ von Kleist unnachahmlich und umwerfend

komisch den Richter gespielt  -, und außerdem eine viel beachtete

Puppensammlung zusammengetragen hatte, war hereingekommen

und der Unterricht konnte beginnen.

Aber inzwischen hatte sich der Nimbus, jetzt Abiturklasse zu sein, auf

das Selbstbewußtsein der Schüler ausgewirkt, besonders der bisher

völlig unauffällige Otto,(Ötten) Scharfenberg machte plötzlich  von sich

reden, nämlich in Rhöner Platt!!   In kürzester Zeit wurde ein Gemisch

aus den verschiedenen Varianten der vertretenen umliegenden Dörfer zur

Klassensprache, unverständlich für die meisten Lehrer. Und so entspann

sich zum Anfang heute folgendes Zwiegespräch: Fräulein Fischer (Fischi) :

„Herr Scharfenberg,können Sie mir mal wiederholen ,was wir in der

letzten Stunde gelernt haben?“

Ötten, an die Klasse gerichtet: „Sullich  mitter schwoatz??   Naa!  Hons

goanze Johr net mitter geschwoatzt , schwoatzich  hit  aanich  mitter !“

( „Soll ich mit ihr reden??  Nein! Habs ganze Jahr nicht mit ihr geredet,

red‘ ich heut‘ auch nicht mit ihr !)

Fischi, etwas ratlos: „Was sagten Sie, Herr Scharfenberg?“

Ötten,zur johlenden Klasse : „Mochts Faanster üff, schmißtse nüüß !“

( Ötten : „Machts Fenster auf, schmeißt sie raus!“  )               

Schon im Laufe dieser ersten Woche wurde der Kontakt zwischen

Arno und Dada immer intensiver, sodaß Arno am Wochenende fragte, ob

sie nicht nach dem Unterricht mal mit zu ihm nach Hause käme, seine

Patentante, bei der er dort jetzt wohne und die ihn betreue, würde sie

auch gerne kennenlernen. Dada  willigte natürlich sehr gerne ein. Doch

die Ankunft dort wurde ein kleines Schockerlebnis für sie: Während die

„Pate“  sie überaus freundlich begrüßte, fragte Arno, ob denn auch seine

Schuhe schon geputzt wären. Noch während sie bedauernd verneinte,

ein heftiger Knall ! Arno hatte einen der Schuhe wütend an die Wand

geschmissen .  Das war nun allerdings ein sehr überraschender und

deutlicher Dämpfer für ihre so übermäßig positive  Einschätzung ihres

neuen Verehrers.  Aber Pate Marie dämpfte alles mit ihrer begütigenden

Freundlichkeit, und zu guter Letzt verabschiedeten  sich alle in bestem

Einvernehmen .

Ganz anders leider verlief  vierzehn Tage später der Besuch von Arnos

Vater , kurz vor seiner Hochzeit mit einer neuen Partnerin. Vorher war er

schon bei Dadas Eltern in Merkers gewesen.   Da er aber dort keinerlei

Unterstützung fand, um die sich anbahnende Freundschaft  ihrer beiden

Kinder zu unterbinden, lud er seine ganze Familie in Bad Salzungen  

nach der Schule zu einem , für ihn wenigstens, sehr wichtigen

Treffen ein . In der Mittagszeit versammelten sich nun alle, auch Arnos

Schwester Herthi, und die beiden verwaisten Cousins, Hans und Heinz,  

die Pate nach dem Krieg  aus Berlin in ihre Obhut geholt hatte, um den

großen Familientisch, und Dada wurde nun in aller Form, unter Zeugen

aufgefordert, sich zurückzuziehen, denn Arno müßte jetzt nur noch lernen.

Ringsum betretene Gesichter, nur Pate lächelte Dada versteckt  zu. Dann  

ein frostiger Abschied.  Gut vierzehn Tage später fand  die Trauung

des neuen Elternpaares in Jena statt .Arno fuhr zwar nach langem Zureden,

aber nur, wenn er einen Schuh von Dada mitnehmen dürfe, mit Pate zur  

Trauung im Jenaer Standesamt, doch kehrte er,  noch vor dem

Festessen,  mit dem ersten Zug wieder nach Bad Salzungen zurück.

Doch bald schon gab es auch einen ersten Krach zwischen den beiden.

Der Sportuntericht fand für Jungen und Mädchen getrennt  in der

Sporthalle der Bürgerschule statt, Wenn die eine Gruppe Sportunterricht

hatte, konnte sich die andere beliebig beschäftigen.Während also eines

Tages die Mädchen zum Sportunterricht  gegangen waren, hatten die

Jungens das Klassenzimmer für sich. Da Dada ab und zu bei Zita blieb

und übernachtete, hatte sie dann ein paar Anziehsachen und Waschzeug in

einem kleinen Köfferchen  bei sich . Als an einem solchen Tag Dada vom

Sportunterricht zurückkam , traute sie ihren Augen und Ohren nicht :

Hoch oben am Kartenständer hing fast ihr gesamter Kofferinhalt,  

drumherum standen die Jungens und einer vom ihnen, den Zeigestock

schlagbereit in der Hand ,schrie gerade: „Meine Herren, und hier ein ganz

schickes  Jäckchen, Mode letzter Schrei!  Zum ersten, zum zweiten, und

zum  -   -   -   doch als er gerade zum Schlag ausholte, sah er Dada

hereinkommen, und wie von Geisterhand  versteckt, waren bis auf Arno

alle verschwunden. Bei aller Komik – Dada war stocksauer, vor allem

aber , daß Arno dem lustigen Treiben zugeschaut und es nicht verhindert

hatte. Voller Wut wechselte sie ihren Sitzplatz mit Zita , und für eine

ganze Weile saßen Arno und Dada nun nicht mehr nebeneinander.

Doch Arno ließ sich davon nicht im geringsten beeindrucken, sondern

er versicherte  Zita am nächsten Tag in voller  Überzeugung:

„ Und ich heirate sie doch!!“


11.Kapitel       A B I T U R  M I T    H I N D E R N I S S E N


Doch dann wurde es langsam ernst mit dem Abitur, die

Prüfungstermine wurden bereits bekanntgegeben.

Den Anfang machte die Sportprüfung für Jungen und Mädchen gemeinsam

in der Bürgerschule  am Sonnabend dem  13.Mai .

Am  Sonntag, dem nächsten Tag , hatte Dada ihren achtzehnten

Geburtstag, und am Montag begann dann das schriftliche Abitur in der

Aula der Bürgerschule. Arno und Dada hatten erwartungsgemäß wieder

zusammengefunden  und machten sich an diesem Sonnabend ohne große

Sorgen gemeinsam auf den Weg zur Sporthalle, Dada allerdings mit dem

Ehrgeiz, unbedingt ihre eins in Sport auf dem Zeugnis zu erhalten  Es

wurde, wie gewöhnlich, mit den Pflichtübungen begonnen, und dann

standen ein paar Zusatzübungen zur Auswahl, bei denen Dada zu ihrer

großen Freude feststellte,,daß

auch  Handstand-Überschlag ,ihre Paradenummer, zur Auswahl stand.

Als sie damit dann an die Reihe kam, wollte sie ihre eins ganz sicher

machen und wirbelte beim Überschlag möglichst hoch nach oben.Beim

Wiederaufkommen aber schien sie einen dröhnenden Knax zu hören ,

und mit einem heftigen Schmerz versagte ihr das linke Bein seinen

Dienst.Auch die Mitschüler standen wie gelähmt. „Also, jetzt nur kein

Theater machen!“  - Dada versuchte,  möglichst unauffällig, auf dem

rechten Fuß hüpfend, an ihren Platz zurück zu kommen. Doch da sackte

sie zusammen. Arno mußte also bei seiner Tante ein Fahrrad holen, schob

sie damit zur Silge, und ein Arzt schickte sie anschließend zum Röntgen

ins Krankenhaus. Dort stellte man einen Wadenbeinbruch fest, konnte das

Bein  aber noch nicht gipsen, da es inzwischen stark angeschwollen war.

Das bedeutete aber: Nicht laufen und möglichst ruhig halten. Der Vater

holte sie dann mit seinem Auto nach Merkers, es folgten eine schmerzvolle

Nacht und ihr Geburtstag mit der bangen Frage, -Abi verschieben  oder

irgendwie nach Salzungen kommen?  Es gab tatsächlich  eine Lösung:

Dadas Pateneltern, Ehepaar Dr.Krause, wohnten schräg gegenüber der

Schule. Hier konnte sie während der ganzen Prüfungswoche wohnen.

Arno trug sie dann jeden Morgen dort die Treppen herunter, fuhr sie

mit einem Wägelchen bis zur Schulpforte und schleppte sie dann  

hoch in die Aula im dritten Stock. Alles verlief  bestens, und nachdem das

Bein gegipst werden konnte, durften Arno und Dada ungestraft als einziges

Schülerpärchen Arm in Arm in der restlichen  Schulzeit

zum Unterricht kommen.

Zum glücklichen Ende hatte die ganze Klasse das Abitur bestanden,

und wenn auch  zum großen Abi-Ball das Tanzen mit Gipsbein recht

beschwerlich war,  - es war  ein wunderschöner, unvergeßlicher Tag!



12.Kapitel 
S T U D I U M  I N J E N A  - V E R L O B U N G I N  M E R K E RS
             

Jetzt aber ließ sich die Berufsfrage nicht mehr aufschieben. Fest stand nur,

sie wollten zusammenbleiben , jetzt, immer, und später möglichst auch

zusammen arbeiten können. Zwar war verlockend, daß beide schon einen

Draht nach Weimar hatten, -  Arno zum Musikstudium, Dada zur

Schauspielausbildung,  aber da waren sie sich einig, - sie wollten keine

Künstlerehe  führen ! Für Arno blieb also nur das  Medizinstudium

akzeptabel,  welches für  Dada auf hohe Hürden stieß : Zuerst die üblichen

Froschversuche während des Studiums, dann das Spritzengeben im Beruf.

Außerdem würde sie als  „Intelligenzkind“  ohne eine Zulassungsgarantie  

durch einen Einzelvertrag des Vaters  kaum hierzu angenommen, was bei

Arno als  „Arbeiterkind“  soviel wie sicher war.  So entschlossen sie ,

sich beide in Jena zu bewerben, Arno zum Medizinstudium , und Dada zu

einer zweijährigen Krankenschwesternausbildung, um die  Möglichkeiten

einer Angleichung auszutesten. Beide wurden angenommen, und so

fuhren sie zum ersten September  mit etlichen Klassenkameraden

als Startstudenten mit dem Schnellzug,  der viele Arbeitskräfte der

Gegend  nach Zwickau,  zur besonders reichlich vergüteten aber

auch gefahrvollen  Urangewinnung  brachte , und der auch   

in Jena hielt,  mit vielen großen Erwartungen  in die kleine, idyllische

Universitätsstadt   Jena an der Saale.

In Jena angekommen, trennten sich jetzt  zwangsläufig  für einige Zeit

Ihre Wege. Arno konnte bei seinen Eltern in der Gorki-Sraße wohnen. Da

diese  jedoch zwei Zimmer an Studenten vermieten mußten, und beide  

waren dieses Jahr frei geworden, konnten auch  „Ötten“ Scharfenberg

und sein Freund  „Kierten“ Volkert, die  Sport/Pädagogik  studierten,

mit hier einziehen, während Dada für das Jahr  der theoretischen  

Ausbildung in ein  Schwestern-Internat am Fuchsturmweg einzog.Da sie

dort  keinen Besuch empfangen durfte,kam Arno fast jeden Abend dorthin,  

um sich  nach ausgemachtem Pfiff, ( aus einer Oper, Text :„Ich liebe dich!)

unter ihrem Fenster im ersten Stock kurz zuzuwinken,  um danach wieder

weiter auf das Wochenende zu warten, an dem sie meistens über einen

Besuch bei Pate in BaSa zu ihren Eltern weiter nach Merkers fuhren. Die

Heimfahrt wurde allerdings manchmal zum Ärgernis, wenn sie auf dem

Umsteigebahnhof in Eisenach, selbst bei minimaler Verspätung,  nur noch

die Schlußlichter ihres  Anschlußzuges, eines Schichtzuges, sahen,und

die Nacht dann bis zum nächsten Zug im Wartesaal verbringen mußten.

So verlief das Jahr recht unspektakulär. Aber zum Jahresende stimmten

sogar beide Elternpaare  einer offiziellen  Verlobung  zu Weihnachten zu,

schon um das durch den unschönen Beginn gestörte  Familienklima  

wieder  zu  normalisieren.

Das Weihnachtsfest 1950 wurde also  der  große Tag, an dem nun

endlich  ganz offiziell  ihr gemeinsamer langer Lebensweg begann.


13.Kapitel       S I E H   D A  ,  E S   G E H T   D O C H  !

Das erste Jahr war endlich geschafft, und ganz gut gelaufen.  Arno hatte

zwar  von Medizinischem  kaum etwas gehört , sondern mußte sich vorerst

mit den meist unbeliebten  Naturkundefächern  befassen, um erst einmal

das vorklinische Physikum zu bestehen,  aber Dada hatte ihre theoretische

Abschlußprüfung schon bestens bestanden und war nun dem internen

Städtischen  Krankenhaus zugewiesen worden, in dem sie auch wohnen

konnte. Sie  hatte ihre Arbeit dort bereits begonnen  und  empfand es als

großes Glück, daß sie zuerst bei Kindern eingesetzt wurde, auf einer

Isolierstation für zwei- bis vierjährige  scharlachkranke Kinder, die hier

sechs Wochen lang isoliert , und meist mit dem seit 1941 entwickelten

Penicillin behandelt wurden,  Damals nur erst in wässriger Form für

Injektionen hergestellt, mußte es den Kindern dreistündlich gespritzt

werden. Nun,da sie selbst vor zehn Jahren während der deutschlandweiten

Scharlachepidemie erkrankt war,brauchte sie keine Ansteckung zu fürchten

Die Stationsschwester, Schwester Sigrid, eine junge, freundliche

Blondine, erklärte Dada den täglichen Arbeitsablauf, sodaß sie gleich den

Mut fand , ihr zu beichten , daß sie zwar alles gerne und gewissenhaft

befolgen würde, nur Spritzen zu geben wäre für sie völlig unmöglich ,

was Schwester Sigrid zu ihrer großen Beruhigung mit einem kurzen,

verständnisvollen  Kopfnicken  akzeptierte. Dann wurde Dada,  jetzt

Schwester Dori, mit dem Fiebermessen beauftragt.  Noch ehe sie sich

richtig in ihre neue Rolle eingefunden hatte, rief es aus einem der

Kinderzimmer :“Tante, - Tante!“  Schnell schaute sie nach , Da stand ein

kleines stämmiges Bürschlein  mit sehr dunklen Augen und Haaren in

seinem Gitterbettchen und rief ihr mit lauter , auffallend  tiefer Stimme

entgegen:“ Tante,  mal  kack !“   Und aus dem Nebenbettchen zirpte

das hohe Stimmchen eines zarten blondlockigen Mädchens wie ein Echo:

„Tante, -  mal  kack !“  Diese ungewöhliche Begrüßung  eines  ebenso  

ungewöhnlichen  Zwillingspaares  machte ihr klar, sie war in einer ganz

neuen, kleinen  Welt und würde hier viel lernen   .Nach etwa vierzehn

Tagen aber, sie fütterte gerade  eines der kleinsten Patienten, kam die

Stationsschwester hinzu, hatte eine Spritzenschale dabei und meinte mit

einem leichten Lächeln:“Schwester Dori, ich glaube, Sie geben heute Ihre

erste Spritze“, und wie Dada gerade erregt protestieren wollte :“ Schon gut,

nur ruhig, Sie können das ganz allein entscheiden . Aber das kleine

Peterchen weint ganz schrecklich und will sich keine Spritze geben lassen,

- höchstens von Schwester Dori ! - Am besten, Sie kommen erstmal mit.

Als sie zu ihm ins Zimmer kamen und der Kleine ihr  mit

tränenüberströmtem  Gesichtchen  voller Erwartung entgegen sah,  konnte

sie einfach nicht  „Nein“  sagen .  Peterchen legte sich ganz von allein auf

sein Bäuchlein, und die Spritze  klappte ohne den geringsten   Mucks !

Der Bann war gebrochen !  Ein besonders herzliches Verhältnis bekam sie

zu Klein- Isa, die mit Zeichen schwerer Vernachlässigung zu ihnen auf

die Station kam und in besonderem Maße pflegebedürftig war.

Als Dada geneckt wurde, ,ob sie die Kleine nicht auch noch in den Schlaf

singen wolle, fand sie das eine gute Idee; die anderen Kinder auch; denn  

alle hörten gerne zu oder sangen mit, Doch als gerade an Dadas letztem

Arbeitstag hier ein Kind an toxischem Scharlach starb, verspürte sie zum

ersten Mal den dringenden Wunsch, nun auch selbst  Medizin zu studieren.



14.Kapitel      A U F R E G U N G   V O R   D E R   K A S E R N E

Für die verbleibenden drei Monate war nocheinmal eine Infektionsstation

vorgesehen, die gerade mit einer Klasse von Berufsschülern  voll belegt

worden war, die  sich durch ein Kantineessen  mit Typhus infiziert

hatten. Der Abschied von den Kindern war Dada nicht ganz leicht gefallen,

aber nun kam noch ein dauerhaftes Trauma dazu.Sie wurde nochmal auf  

ihre vorherige Station geschickt, um hier  im Stationszimmer einige

Formulare  abzuholen. Aber plötzlich ertönte dort  ein durchdringendes,

herzzerreißendes Rufen und Schreien:  Die kleine Isa hatte Dadas Stimme

erkannt.Aber sie durfte nun die Patientenzimmer nicht mehr betreten und

konnte sie nicht  trösten.   -  Jetzt wurden  es die zum Teil  sehr kranken

Schüler, die sie brauchten.Besonders zwei von ihnen, die in  hohem

Fieber lagen, von schrecklichen Wahnideen geängstigt wurden und daher

glaubten, ausreißen zu müssen. Andere aber, die schon auf dem Weg zur

Besserung waren, durften bereits aufstehen und warteten sehnlichst auf die

Besuchstage,  denn da das Krankenhaus direkt an einer  Verkehrsstraße

liegt und die Zimmerfenster ihrer Station im ersten Stockwerk den Blick

auf die Straße erlaubten,konnten sie ihren Eltern dann wenigstens

zuwinken.Auf der Gegenseite allerdings  lag das riesige  Terrain einer

russischen  Panzerkaserne, und fotografieren war dort verboten .An einem

dieser Besuchstage gab es furchtbare Aufregung : Einer der Schüler kam

völlig außer sich ins Stationszimmer gerannt: Die russischen  Soldaten  

hätten seinem Vater den Fotoapparat weggenommen und den Vater dann

mit in die Kaserne genommen!-  Der Vater hatte versucht, seinen Sohn

heimlich zu fotografieren.  Als der Junge durch nichts zu beruhigen  war,

nahm Dada ihren ganzen Mut zusammen, suchte im Gedächtnis die

wenigen noch  aus dem Russischunterricht abrufbaren und jetzt

erforderlichen Vokabeln  zu finden , ließ sich von den Wachsoldaten  

am  Eingang der Kaserne  zu irgendeinem Verantwortlichen  bringen  und

versuchte , diesem die Situation verständlich zu machen. Sie hatte wirklich

großes Glück und durfte schon  bald mit dem Vater  die Kaserne verlassen.

Doch noch ehe sie das Krankenhaus und Jena verließ , um  nun die

chururgische  Ausbildung  in Bad Salzungen, anzutreten ,

gab es eine ganz andere Aufregung im Haus. An der Rückseite des

Hinterhofes vom Hauptgebäude stand eine große, stabile  Holzbaracke,

in der sich eine  Männerstation  befand. Hier hatte sich eine

Krankenschwester  während ihres Nachtdienstes öfters  bei einem

Patienten, der verheiratet war und einige Kinder hatte, längere Zeit

aufgehalten.  Doch eines nachts stellte  sich die Ehefrau  mit all

ihren Kindern auf dem Klinikhof unter dem Fenster dieses Patienten

auf,  und die Kinder riefen durchdringend nach ihrem Papa.

Doch vielleicht und hoffentlich  gab es auch hier ein gutes Ende.


15.Kapitel   A U S  D EM   O P  Z U R  A K T I O N  K O R N B L U M E

Als sie gerade ihren Dienst auf einer chirurgischen Station in Bad

Salzungen angetreten hatte, wurde Dada  zum Operationssaal gerufen.

Der Assistenzarzt war nicht erschienen, und es stellte sich dann heraus,

er war von einem Westbesuch nicht zurück gekommen. Es war aber eine

wichtige Operation vorbereitet. Da Chefarzt Dr. Ellerau  wußte, daß sich

Dada anschließend zum Medizinstudium bewerben wollte, setzte er sie

kurzerhand zum Hakenhalten ein . Trotz eines riesigen Anfangsschreckens

hielt sie aber tapfer durch, und es wurde vereinbart, daß sie hier weiter

arbeiten würde, bis eine Ablösung möglich wäre.

Voller neuer Eindrücke , auch Arno, der sie am Wochenende zur

Heimfahrt nach Merkers abholte, war inzwischen in der Welt der Kranken

und Krankheiten angekommen und hatte viel zu berichten. So  saßen beide

dann am Sonnabend im Zug und freuten sich auf ein paar fröhliche  und

unbeschwerte Stunden in Dadas Elternhaus. Aber als sie dort ankamen,

waren die  Eltern gerade im Aufbruch, und die Mutter erklärte ihnen eilig,

daß sie morgens in der Sprechstunde von einem unglaublichen Geschehen

im Nachbardorf Dorndorf gehört hätten: Durch die sofortige Durchführung

der angedrohten, massiven Verschärfung der Grenzsicherungen . die  nach

Adenauers Beitrittserklärung  am  26.Mai  1952 zur  E V G , einer mit  der

amerikanischen Verteidigung verbündeten  „Europäischen Verteidigungs

Gemeinschaft“ ,  umgehend einsetzte,   geriet Dorndorf in eine fünf

Kilometer breite Sperrzone entlang der gesamten Staatsgrenze.

Aktion  „Kornblume“     am 7.Juni 1952

Am Vortag waren tausende Familien dieser  Sperrzone  ohne Angabe der

Begründung  oder des Zielortes aufgefordert worden, bis morgens um

sechs Uhr ihre Häuser oder Wohnungen zu räumen, da sie in Güterwagen

ausgesiedelt würden. Wie Patienten erzählt hatten, waren es in Dorndorf

sechzehn Familien, und die ersten waren schon in aller Frühe in einen

Eisenbahnwaggon verladen worden.Doch die Arbeiter der Nachtschicht

und eine Schulklasse mit Lehrer hatten alles wieder ausgeräumt und

zurückgebracht, sowie die Weichen der Bahn umgestellt. Als der zur

Hilfe gerufene Landrat, auf dem Dach seines Autos stehend, die

aufgebrachten  Menschen beruhigen wollte, wurde sein Auto umgekippt

und er mußte ins Gemeindeamt flüchten. Ein Löschfahrzeug sollte nun

die wütende Menge auseinander spritzen. Aber mit ausgerissenen eisernen

Zaunsstaketen  wurden die Schläuche zerstochen.

Nach diesen schier unglaublichen Berichten außer sich, war Mutter Magda

nach der  Sprechstunde ins Dorf gehastet. Da das Arztehepaar mit seinen

Kindern die Nazizeit nur  durch die Solidarität der Kaliwerksleitung und

der Dorfbevölkerung in Merkers unbeschadet überlebt hatte, war sie jetzt

davon überzeugt, daß  endlich  ein menschlicher deutscher Rechtsstaat

entstehen würde, und war tief enttäuscht : „Man könne doch nicht schon

wieder einfach zuschauen, wenn Menschen ohne Schuldbeweis und

Gerichtsurteil  einfach aus ihrer Heimat vertrieben würden !“   Erleichtert

kam sie schon bald zurück: „Die Merkerser treffen sich um 15oo Uhr unten

an der Linde. Wir wolln die  Menschen in Dorndorf unterstützen!“

Gerade um diese Zeit trafen Dada und Arno zu Hause ein und schlossen

sich , als sie von den Ereignissen erfuhren, ohne auch nur zu überlegen

den Eltern an, die offenbar an der Linde, dem damals üblichen  Treffpunkt

der Merkerser, schon von einer beachtlichen Menschenmenge  erwartet

wurden. Sogar Bürgermeister Eitzert  und  Schulleiter Vogt hatten sich hier

eingefunden und in kürzester Zeit formierte sich jetzt  hinter ihnen  ein Zug

von etwa zweihundert Merkersern , der sich nach Dorndorf in Bewegung

setzte, und dem sich die beiden Besucher am Ende anschlossen. Am

Dorndorfer Bahnhof , dem Zentrum des Widerstandes, hier hatte  man

durch Verstellen der Weichen jede Zugausfahrt verhindert, erfuhren

sie jedoch, daß die gesamte Räumungsmanschaft inzwischen abgezogen

sei, vereinbarten aber, falls  die Aussiedlung nochmal versucht werden

sollte, daß man Merkers telefonisch informieren würde.Dieser Bescheid

wurde bis zum Zugende durchgesagt und der Rückzug angetreten, wobei

unterwegs schon festgestellt wurde. daß man nachts die Menschen

höchstens durch Kirchenglocken oder öffentlichen Feuermelder wieder

zusammenrufen könne. Wieder zu Hause  wurden die Vier  schon

sehnlichst  von den Großeltern  und den vier jüngeren Geschwistern

zum Abendbrot erwartet. Dann blieb man noch etwas in fröhlicher  

Familienrunde sitzen, und ohne Dorndorf noch einmal zu erwähnen

verschwand einer nach dem anderen in den oberen Schlafräumen.

Kurz nach Mitternacht klingelte das unten im Flur installierte Telefon.

Der Vater eilte nach unten und wiederholte laut und für die oben

Lauschenden gut verständlich ,den aufgeregten  Ruf aus dem

Telefonhörer: „Jetzt kommen die Russen!“   Dada war noch angezogen,

völlig überrascht, dachte an die Gespräche vom Nachmittag,und rannte wie

automatisiert,  ohne jede Absprache mit Arno oder den Eltern,  die Treppe

hinunter, aus dem Haus und ins Dorf. Unterwegs erst überlegte sie, was sie

am besten machen solle : Kirchenglocken?  Die Kirche war zwar politisch

neutraler, die Aktion wäre also ungefährlicher, aber  sie war verschlossen.

Die Küsterin hätte sie erst aufschließen müssen und wäre unfreiwillig zur

zur Mitwisserin geworden und in Gefahr geraten. Also lieber zur

öffentlichen Sirene, die auf dem Platz vor dem Gemeindeamt sofort

erreichbar an der Hauswand angebracht war. Da die Nacht stockdunkel

war, keinerlei Beleuchtung brannte und ihr unterwegs kein Mensch

begegnet war, konnte sie niemand gesehen und noch weniger erkannt

haben, und hier brauchte sie keinerlei Hilfe. Jetzt also nur schnellstens

nach der bekannten Aufschrift:Scheibe einschlagen und Knopf drücken!

Doch die Scheibe erwies sich als ziemlich stabil. Da fiel ihr zum Glück

ein, daß sie gegenüber in der Einfahrt zum Bauerhof Schulz ein

Häufchen kleiner Pflastersteine gesehen hatte. Schnell einen geholt.

Scheibe  zerschlagen, Knopf gedrückt und abgehauen!  Jedoch die

Sirene jaulte nur kurz auf ! Also wieder zurück und nun wieder und wieder

in Abständen den Knopf gedrückt, bis Arno sie gefunden hatte und sie

wegzerrte, um nach Hause zu hasten, wo die Eltern schon warteten,  um

gemeinsam, als wäre nichts geschehen,  wieder zum Treffpunkt  Linde zu

laufen. Sie wurden nicht enttäuscht. Etwa hundert Menschen hatten sich

sogar nachts wieder hier eingefunden.




Wieder setzte sich der Zug Richtung Dorndorf in Bewegung.Wieder liefen

Dadas Eltern vorne, während sie und Arno  sich wieder  erst am Ende

einreihten.Durch die Dunkelheit konnte man zwar kaum jemanden

erkennen, aber  jetzt lief  Bauer Emil Fack, Vater ihrer Klassenkameradin

Hilde,  neben ihnen,  begleitet von seinem Neffen Dieter Grille,  

der nachmittags  während einer Klassenfahrt auf der Wartburg schon

angesprochen worden war, was denn  da an der Grenze los wäre?  Schon

auf halber Strecke hörte man von der Frankfurter Hauptstraße  her das

Dröhnen und Rasseln von Kettenfahrzeugen, und dann kam ihnen

bereits ein Armee-Lastwagen entgegen, auf dessen offener Ladefläche

ein gefesselter Mann stehend angebunden war. De Kampf war verloren!

Am nächsten Morgen rief der Bürgermeister  bei Dr.Deilann an, daß er

gleich zu ihm aufs Amt kommen möge,  und bat den Arzt, falls er in der

Praxis erfahren sollte, wer nachts die Sirene ausgelöst habe, möchte er

diesem dringend  raten. hier zu verschwinden. Eben sei er von einem

russischen Suchkommando intensiv nach ihm befragt worden, aber er

hätte ja leider keine Auskunft geben können. Nach dieser Warnung war

die Familie zuerst ratlos: Konnte auch keiner Dada erkannt haben, so

lag der Verdacht wohl auf der Hand. Würde ihn jemand  verraten?  Nach

langem Beraten verließ man sich auf die Solidarität der Merkerser  und

irrte sich da nicht  Der Mantel des absoluten Schweigens lag viele,viele

Jahre  über diesem Geschehen und wurde erst  1990 nach der Wende von

dem damaligen Schüler,heute Professor in Erlangen , Dieter Grille, wieder

gelüftet.                  

Vielen herzlichen Dank, meine lieben Merkerser!

              

 

16. Kapitel  Z W A N G S A U S W E I S U N G  !  W O H I N  ? ? ?

Gegen Mitternacht hörte man in Dorndorf , daß sich große Fahrzeuge und

auch Panzer näherten . Die sowjetische Armee griff ein. Ein paar Burschen

läuteten die Kirchenglocken  und die Einwohner sammelten sich  wieder.

Vier Panzerspähwagen, sieben Militärfahrzeuge mit Soldaten,  gefolgt

von  etwa sechshundert  Polizisten  mit Gummiknüppeln und

Grenztruppen auf Lastwagen oder Krädern waren im Anmarsch. Ehe sie

den Ort erreichten,  nutzten drei der bedrohten Familien, die fünf jungen

Männer, die Alarm geläutet hatten ,  sowie  Kurt  Müller ,

der wegen seiner Unterschriftensammlung  am Morgen schon

verhaftet - , dann aber wieder  befreit worden war, die Zeit,  um über die

Grenze in den Westen zu fliehen,  denn  nach Ankunft dieser bewaffneten

Übermacht würde jeder Widerstand  sinnlos.

Christian Hörschelmann und Katrin Karn, welche die Weichen blockiert

und damit jede Zugausfahrt verhindert hatten, wurden jetzt umgehend

verhaftet,  gefesselt  und abtransportiert.  Sie  verschwanden für eine

Woche.  Der Abtransport der noch verbliebenen ,  benannten  Familien

wurde nun rigoros mit offenen Lastwagen durchgeführt . Jede

Familie  wurde mit dem notwendigsten Hab und Gut  auf die Ladefläche

eines Lasters verfrachtet und  dort von einem Uniformierten mit  

aufgepflanztem Gewehr bewacht.Danach wurde in der Dorfmitte ein

Konvoi gebildet, zwischen jedem Laster fuhr ein bewaffneter Kradfahrer,

und dann setzte sich die Kolonne mit unbekanntem Ziel in Bewegung.

Auf der offenen Ladefläche eines dieser Lastwagen fuhr auch der

Schneider Leubecher, Mitglied  der religiösen Elim-Gemeinde,  mit

seiner Frau, den zwei siebzehn – und achtzehnjährigen  Töchtern, sowie

dem in aller Eile zu transportierenden   Hausrat in Richtung  Osten einem

unbekannten Ziel entgegen. Die beiden Mädchen hatten ahnungslos in

aller Frühe auf den Werrawiesen Heu  gewendet, waren auf dem Heimweg

vom Bürgermeister barsch gefragt worden, ob sie denn schon mit Packen

fertig seien, und  kurz danach flüsterte ihnen eine Nachbarin zu, daß sie

raus müßten, sie sollten ihre Ausweise verstecken. Zu Hause empfingen sie

fassungdlose Eltern, chaotisches Durcheinander sowie fremde Männer  und

Uniformierte, die ihren Besitz  herausschleppten, Sofort mußten sie ihre   

Ausweise holen und abgeben.Jetzt saßen sie nun hungrig , nüchtern und

verstört auf zwei alten Koffern. Auf freier Strecke  machten die Autos

dann  kurzen Halt zum Austreten, und welch absurde  Komik: Der

junge Grenzer, der bei ihnen als Bewacher mitfuhr, drückte den Mädchen

sein geladenes Gewehr in die Hände : Sie mögen es doch eben mal halten,

er müsse nämlich auch schnell austreten! Und der Fahrer erzählte ihnen,

daß er zum Holzeinschlag angefordert worden wäre.  Nach einer schier

endlos  erscheinenden Fahrt hielt der Konvoi endlich  auf dem Marktplatz

von Sondershausen. Da der Bürgermeister  erst am Vortag informiert

worden war, wurde ihnen fürs erste das leerstehendes Pionierzimmer einer

Schule, ohne Ofen und ohne Stühle, ihre eigenen waren in der Hast des

Aufbruchs  vergessen worden, zugewiesen. Hier mußten sie nun

einige Tage  zurecht kommen.

Behandelt wurden  sie wie Straftäter  -  

denn irgendeinen schlimmen Grund mußte eine solche Aussiedlung

ja schließlich haben ! Später  bekamen sie wenigstens zwei Zimmer,

allerdings in zwei verschiedenen Häusern, und Wasser gab es für sie nur

von der Pumpe im Hof.

Erst 1953 ,  nach dem Aufstand  am 17.Juni ,  bekamen sie die

Erlaubnis, in ihr Haus in Dorndorf zurückzukehren.

Doch hier hatte man inzwischen eine Mutter mit fünf Kindern

eingewiesen, für die erst eine andere Wohnung gesucht werden

mußte.  So konnten die ersten Monate erst nur die Eltern wieder in

ihrem Heimathaus wohnen.

         


17.Kapitel          JACOB  ,  DIE  KRAKE     /     2.TEIL

Als die vier Nachtwanderer niedergeschlagen, müde und unverrichteter

Dinge von ihrem Marsch nach Dorndorf heimkehrten,  wo Großeltern und

Kinder inzwischen fest und friedlich schliefen, und nochmal in die Küche

gingen, wo die Reste vom Abendbrot noch auf sie warteten, riß ihre Dohle

Jacob sie mit freudigem Flügelschlagen und fröhlichem Gekrächze aus

ihren niederschmetternden Gedanken. Dann flog sie vom Küchschrank

ihrem Herrchen auf die Schulter und schnäbelte zärtlich sein Ohr. Etwas

aufgemuntert  über diesen freundlichen Empfang setzten sich  alle nun

noch einmal an den Küchentisch, Vater kraulte das Köpfchen von Jacob,

der inzwischen glücklich  gurrend auf seiner anderen Hand saß, und  

langsam kehrte bei den aufgewühlten Menschen das innere Gleichgewicht

zurück. So kam nun ganz unvermittelt die Sprache auf ihren kleinen,

erstaunlich klugen , aber dadurch leider auch problematischen

Mitbewohner. Eine Geschichte ergab die andere, man konnte wieder

lächeln  und sogar lachen, als Vater Günther Deilmann von seinem treuen

kleinen Freund erzählte :  Als der Winter kam, mußte sich Jacob mit seinen

Streichen auf Haus und Familie beschränken, Anlässe zum Lachen, oder

aber auch zum Ärgern. Doch er war in die Familie aufgenommen worden

wie ein Kind, mit seinen guten, aber auch schlechten Eigenschaften  Indes

wuchsen die Schwungfedern seines linken Flügels nach, und er konnte

wieder fliegen. Nun erkundete er alles Wissenswerte der Umgebung,    

setzte sich danach auf die Fensterbank vor der Küche und begehrte Einlaß.     

Mittlerweile mußte der Garten bestellt werden.Der Großvater hatte ein

Beet vorbereitet und begann, entlang einer Schnur, kleine Pflanzen in

gleichem Abstand einzusetzen.  Erfreut wunderte er sich über die

ungewohnte Anhänglichkeit von Jacob  der ihn getreulich auf dem Beet

bis zum letzten Pflänzchen begleitete.  Als er aber, am Ende angekommen,

zurückschaute, um sich an seinem akkuraten Werk zu erfreuen, waren

weder Jacob, noch ein einziges Pflänzchen zu sehen.  Doch die Pflänzchen

fand er , fein säuberlich gebündelt, am Anfang des Beetes wieder .

Als sich die Kinder ein Kaninchen gewünscht hatten, saß bald eine Häsin

mit vier halbwüchsigen Jungen in einem geräumigen Stall, die bei gutem

Wetter einmal in der Woche Ausgang bekamen und auf dem Rasen des

Obstgartens ausgesetzt wurden  und sich an Klee und saftigen Gräsern

erfreuen konnten. Am Abend mußte dann die ganze Familie zur Hasenjagd

ausrücken, bis alle Häschen wieder im Stall waren.An diesen Tagen

stolzierte Jacob zwischen den Häschen herum und freute sich,

wenn er eines von hinten in die Bollen hacken konnte und es mit hohen

Sprüngen flüchtete. Eines Tages wagte er sich auch an die alte Häsin.Sie

saß ancheinend ahnungslos im Gras. Aber ehe Jacob zum Schnabelhieb

ausholen konnte,  flogen ihm die Hinterläufe der Hasenmutter um die

Ohren . Seitdem machte er einen großen Bogen um die Häsin.

Nur unsere Dogge Thula mußte oft machtlos von drinnen mit ansehen,wie

Jacob ihre verbuddelten Knochen wieder herauszerrte  und sie versteckte .

Es gab noch einen anderen Tag, dem Jacob zu weiterem Schabernack

erwartungsvoll entgegen sah : Wenn aus dem offenen Fenster der

Waschküche die Dampfschwaden aufstiegen, konnte er seine Unruhe

kaum zähmen. Er hüpfte über den Rasen, flog von einem Baum zum

anderen  und wartete : Endlich wurde die Wäscheleine gespannt und der

Korb mit der sauberen Wäsche abgestellt. Ein Stück nach dem anderen

wurde nun mit Wäscheklammern an der Leine befestigt, um in  Sonne

und Wind zu trocknen. Dann gingen die Frauen ins Haus.  Jetzt war Jacobs

Stunde gekommen. Im Nu verließ er seinen Beobachtungeposten und flog

auf die Wäscheleine . Solange, wie die Kräfte seines Schnabels reichten,

zerrte er an den Klammern, bis zu seinem Vergnügen einige der

Wäschestücke herunterfielen und vom Wind über den Rasen geweht

wurden,  Nach getaner Arbeit machte er sich aus dem Staub und ließ

sich einige Stunden nicht blicken .

Die Nachbarin hatte Hühner. Sobald sie ihnen Futter gebracht hatte,  flog

Jacob, wenn ihm der Sinn danach stand, über den Zaun und verstreute es

mit dem Schnabel in alle Himmelsrichtungen,  Wenn ihn die Nachbarin

zornig verjagen wollte, hüpfte er nur hinter einen Strauch und spazierte

auf der entgegenliegenden Seite um den Busch herum. Auch ihre laschen

Erdklumpenwürfe konnten ihn nicht beeindrucken. Erst, als ein Junge aus

der Nachbarschaft eingriff, trat er den Rückzug an und wiederholte diesen

Unfug nur noch dann, wenn der Junge außer Sicht war.

So hielten sich Freude und Ärger die Waage. Sogar aus dem Dorf kamen

Beschwerden, weil  er dort Unfug getrieben hatte. Die Familie beriet nun

und  beschloß in der Hoffnung,, er werde sich einer Dohlenkolonie

anschließen, ihn im Wald auszusetzen.

Vater und Sohn fuhren  im Auto mit ihm zu einem entlegenen Waldstück

und wanderten dann mit ihm zu einer, wie sie dachten, geeigneten Stelle,

streuten  reichlich  Futter aus  und ließen Jacob  frei . Während der sich

mit den Leckerbissen   beschäftigte,  schlichen sich die beiden heimlich  

zum  Auto, um schnell nach Hause zu fahren  und  - - - wurden dort

schon  freudig ,  hoch vom Küchenschrank , von Jacob begrüßt.

Er mußte wohl, wie Brieftauben, ein Richtungsgefühl gehabt haben,dem

er folgte, bis er die ihm bekannte Umgebung erreicht hatte.

Nun war er also wieder zu Hause.

Aber eines Abends saß er nicht wartend auf der Fensterbank.

Die Türe wurde in der Nacht aufgelassen,  aber Jacob blieb verschwunden.

Erst viel später erfuhr die Familie, daß er auf einem Bauernhof bei einem

seiner Streiche  sein Leben lassen mußte,  doch noch heute denkt sie gerne

und voller Zuneigung  an  Jacobs anrührende Anhänglichkeit, aber auch an

seinen einfallsreichen und ausgeklügelten Schabernack zurück. 




18. Kapitel  
STAATLICH ANERKANNTE KRANKENSCHWESTER

Nun ging der Juli dem Ende zu und mit ihm Dadas Ausbildungszeit .  

Sie war bis zum Ende im  OP- Dienst  geblieben. Am letzten Arbeitstag

wurde sie von Chefarzt Dr.Ellerau, wohl als Belobigung und in der

Annahme, als künftige Kollegin, auf freundschaftlich  anerkennende   

Weise  verabschiedet:“Meine  liebe  Schwester Dori, mal sehen , ob Sie

gut aufgepaßt haben. Heute tauschen wir mal die Rollen : Sie klammern

jetzt nach der Blinddarmoperation  die obere Bauchschicht zu, und ich

assistiere!  Freudig erschrocken machte sich Dada ans Werk. Doch nach

einem halben Jahr aufmerksamer Zuarbeit gelang  ihr das ohne große

Schwierigkeiten.   Diese Geste des Vertrauens  bestärkte  sie in der

Annahme, daß sie  mit den sehr guten Beurteilungen und Zeugnissen

nun  auch zum Medizinstudium zugelassen würde, Da war natürlich die

Enttäuschung doppelt groß, als ihr am gleichen Tag, wie die schriftliche

Bestätigung ihrer Staatlichen Anerkennung als Krankenschwester,  auch

die Ablehnung ihrer Bewerbung von Jena zugeschickt wurde. Doch sie

ließ sich nicht entmutigen , sondern erkannte auch die Möglichkeit, bis zur

Neubewerbung im nächsten Studienjahr, jetzt  als Vollschwester mit dem

vollen Gehalt von hundertundzwanzig Mark,  nochmal im Städtischen

Krankenhaus zu arbeiten, auch, um  weiter in Jena wohnen zu können.

Arnos Studium dauerte ja noch mehrere Jahre und er wohnte weiterhin

bei seinen Eltern, wo sie sich nicht zu Hause fühlte.

So arbeitete und wohnte sie nun bald wieder in Zwätzen und wurde jetzt

auf einer Männerstation  eingesetzt. auf der es wesentlich  ruhiger und

weniger  anstrengend zuging, als bei den Kindern. Besondere Freude

machte natürlich  das erste,selbstverdiente Geld .Der Tag, an dem

monatlich das Gehalt  aufs Konto kam, wurde deshalb auch besonders

gewürdigt:  Am  Jenenser  Holzmarkt  war vor einiger Zeit ein kleines

HO-Kaffee  eröffnet worden, von den findigen Jenensern bezeichnender

Weise  „Kaffee Bismarck“ genannt, - nämlich :“ Jeder Biß ne Mark“ ! Dort

konnte man für Ostmark sonst nirgendwo erhältliches Feingebäck zu stark

erhöhten Preisen bekommen. Hier leistete sich Dada nun jeden Monat zur

Feier des Tages ein Stück Baiser-Torte mit Schlagsahne für fünf Ostmark,

zuvor nur für Westgeld in den „Intershop“-Läden  zu haben .

Mit Arno kam sie inzwischen fast nur noch zum Wochenende zusammen,

wenn sie gemeinsam nach Hause, zur Pate oder ihren Eltern fuhren. Meist

machte in Merkers eine vergnügliche Familien-Doppelkopfrunde  mit

Mutters  besonders gutem  Essen  , oft von recht heftigen, meist

politischen  Diskussionen begleitet, den  Abschluß . Im Herbst aber gab

es  noch etwas Besonderes :  Das „Siebte Kind“, die blaue Dogge Thula,

hatte sich zu einer prachtvollen Hündin entwickelt und war auf der

Hundeausstellung in Leipzig  zur schönsten  Deutschen Dogge der DDR

gekürt worden. Nun wurden die Eltern gedrängt,wenigstens einen Wurf,

als Vater ein gleichwertiger Rüde, zur Zucht aufzuziehen. Er wurde bald

ausgemacht : Den weltbesten blauen Doggenrüden gab es in  Holland !



Ein zeitraubender Papierkrieg nahm seinen Anfang.


19.Kapitel               J E N A   A M   17. J U N I   1953  


Früh am Morgen des 17.Juni 1953,  Dada hatte heute Mittagssdienst

und wollte vorher nochmal zum Einkaufen mit der Straßenbahn in die

Stadt fahren.  An der Haltestelle wartete bereits ein älterer Mann, der ihr

aufgeregt entgegenrief: „Haben Sie schon Radio gehört? – Nein?-  

In Berlin ist Aufruhr und die Arbeiter streiken!  Da wird’s  hier  auch bald

losgehen!  So, wie  1918 ,  ehe  der Kaiser fortgejagd  wurde !“  Doch

dann kam schon die Bahn. Auf der Fahrt zum Holzmarkt aber sah sie

immer mehr Menschen, die an den Straßen standen. Dort angekommen,

bahnten sich  Kolonnen von Zeiß- und Schottarbeitern in Arbeitsmontur

in langen  Reihen  und mit Rufen und Plakaten einen Weg durch  die

Menschenmassen, die sich  auf dem Markt und dem angrenzenden großen

Gelände , wo vor den großen  Bombenangriffen einmal Jenas Altstadt

gestanden  hatte, schon angesammelt hatten.  Aus den Fenstern der oberen

Stockwerke der Kreisleitungsbüros flogen Hefter , Akten  und stapelweise

Papierbögen, die vom Wind durch die Luft gewirbelt wurden, zu Boden.

Der Holzmarkt glich einem riesigen, brodelnden  Topf .   Voller Angst,

nicht mehr zurückzukommen,  stieg sie gleich in die sich auf dem

Holzmarkt kreuzende Gegenbahn, fuhr wieder zur Klinik und meldete sich

zum Dienst. Das Zimmer , in dem die beiden Kreissekretäre von Partei und

deutsch-sowjetischer  Freundschaft  lagen, fand sie leer.  Beide Patienten

hatten  das Haus verlassen. Doch nicht lange, da dröhnte  lautes,

metallisches Rasseln  von der Straße.Der Boden bebte unter den Ketten der

Panzer, die einer hinter dem andern aus ihrer Kaserne herausfuhren ,

sich ohrenbetäubend quietschend in Richtung Stadt drehten  und dann in

unübersehbarer  Folge  stadteinwärts  rollten.  

Schreckerfüllt  versahen  die  Pflegekräfte  weiter pflichtgemäß  ihren

Dienst, aber ihre Gedanken waren nur bei den Menschen in der Stadt.

Tatsächlich,  schon bald erhob sich  heftiger  Geschützdonner, die

Fensterscheiben  klirrten  und die Qual der Ungewißheit erreichte ihren

Höhepunkt.  Endlich, nach Stunden, wurde es wieder still  draußen .

Dann kam die Anweisung, zwei Krankenzimmer für acht leichtverletzte

Männer bereit zu halten, und nun erfuhr man endlich, daß die russischen

Panzer lediglich in die Luft geschossen  hätten , um die Menschen

auseiander zu treiben. Inzwischen kehrten die beiden Kreissekretäre, zwar

mit blauen Flecken, in ihr Zimmer zurück, und gegen Abend wurden die

acht Männer gebracht, die alle  als Beruf  „Behördenangestellter“ angaben,

die von Schlägen gezeichnet, aber nicht ernsthaft verletzt waren. Bald lief

wieder alles, als wäre nichts geschehen. Doch als zwei Tage später

die Nachricht aus dem Radio kam, ein junger Mann aus Jena sei als

Rädelsführer standrechtlich erschossen worden, konnte Dada ihre

Tränen nicht zurückhalten.                         Erst am Freitagabend ,                    


es war inzwischen der neunzehnte Juni  geworden, trafen sich Arno und

Dada auf dem Holzmarkt wieder,  um zusammen nach Hause zu fahren,

immer noch mitgenommen von den  Ereignissen  der letzten  Tage  und

voller Mitteilungsbedürfnis. Aber um ihre Erlebnisse und Eindrücke

ohne Zeugen erzählen zu können, liefen sie nun zu Fuß zum Westbahnhof .

Arno war zwar während des   17.Juni  zu seinen

Vorlesungen  im Klinikgelände der Universität gewesen und hatte von den

Turbulenzen in der Stadt nicht viel mitbekommen.


Aber während des Wechsels  der Klinikgebäude hatte er erlebt, wie auf dem Klinikhof eine aufgebrachte Menschenmenge einen am Boden liegenden Mann als Denunzianten  und Mörder beschimpfte, ihn schlug und ihn aufzuhängen

drohte. Es war wohl einer der Professoren, der aus seiner Klinik kam und

Einhalt gebot: „ In unserem Gelände wird Leben gerettet, nicht zerstört !!“

Er  erreichte, daß die Menge den Hof verließ und dem Mann geholfen

werden konnte.  -     Doch wodurch konnte sich solch ein Volkszorn bis hin

zur Lynchbereitschaft entwickeln?      Sie  kamen  auf die Vergangenheit  

zu sprechen :   Es war wohl besonders  die „ Aktion Korblume“, die im

Juni  1952  den  Menschen das Gefühl  völliger Hilfs- und Rechtlosigkeit

vermittelte.  Danach, ab Juli 1952, der „Aufbau des Sozialismus“, nämlich

konkret  die Auflösung der Länder in Bezirke, -  also neue Verwaltungen,

Kollektivierung der Landwirtschaft und Förderung der Schwerindustrie.           

Dazu kam das Verbot  der evangelischen  Studentengemeinde, der  E S G .

angeblich  eine illegale,  politische Organisation .  Eine  Welle der

Aggression  baute sich auf. Auch Dadas Freundin Ruth aus der Schwestern

Schulzeit   hatte mit ihrem Freund Theo, Medizinstudent und

Mitglied der „Jungen Gemeinde“,  die  DDR  über Berlin verlassen .

Die  Zahlen der Verhaftungen und Republikfluchten stiegen  rasant an.

In diese aufgeheizte Situation fiel Anfang März die Nachricht,daß

Stalin schwer erkrankt sei .   Dada schlußfolgerte  damals:

Falls Stalin sterben würde, könnte er für alle Schwierigkeiten

verantwortlich gemacht  - , und die Situation wieder verbessert werden !

Schon am  fünften  März   starb Stalin.  Die  Welt  schien den  Atem

anzuhalten .  Die neue  sowjetische Regierung  verordnete am 2.Juni

in Moskau tatsächlich  der DDR und  Ulbricht  einen  „Neuen Kurs“ ,  

da der beschleunigte  Aufbau des Sozialismus wegen fehlender

Voraussetzungen  dafür , verfrüht,  und damit falsch gewesen sei.

Daraufhin  wurden am 11.Juni 1953  Fördermaßnahmen für die

Kleinindustrie und Gewerbetreibende verkündet, entlassene  Lehrer

und Studenten wieder aufgenommen und tausende Häftlinge entlassen. In

der Sowjet Union leitete der nachfolgende Generalsekretär der  KPdSU,

der Regierungspartei , Chruschtschow, mit der Verurteilung des Personen-

Kultes  schon die Entwertung  Stalins  ein .  Erleichtert  atmete die  

DDR - Bevölkerung  auf .    Da war es nun völlig überraschend  und

unverständlich , daß der Ministerratsbeschluß vom  9.April  beibehalten

werden sollte,  nämlich  bis zum 30.Juni 1953 die Arbeitsnormen bei

gleicher Bezahlung um 1o Prozent zu erhöhen . Der Zorn war grenzenlos ,  

da jetzt aber die Bedrohung geringer war, wurde weit und breit protestiert.

Am Westbahnhof  angekommen, wurden ihre Betrachachtungen  dann

durch die Bahnfahrt  unterbrochen ,  aber eingetroffen  zu Hause in

Merkers  warteten ihre Eltern schon, obwohl sie durch Fernsehen  und

Radio über  die  zentralen Ereignisse  bereits bestens und umfassend

informiert waren,  auf die Berichte ihrer Kinder von ihrem  persönlichen

Erleben  in Jena .  Doch etwas  waren auch die Medienberichte für sie von

persönlichem  Interesse, denn ihr einstiger Jugendfreund. Wilhelm Zaisser,

war der  Sicherheitsminister der DDR. Einst legendärer „General Gomez“,

Oberbefehlshaber der internationalen Brigaden in Spanien,  hatte er die

Nazizeit mit seiner Familie in Moskau als Militärberater überlebt, durfte  

1947  wieder nach Deutschland zurückkehren, wurde 1950 Sicherheits-

Minister und hatte  damals  für einiges Aufsehen in Merkers gesorgt ,  

als er dort in großem Regierungsauto, in Begleitung einerSchutz-Eskorte ,

das Arztehepaar davon überzeugen wollte, allerdings  völlig  vergeblich ,

daß es jetzt in Berlin gebraucht würde  Gegenwärtig aber, am16.Juni1953,

hatten  morgens sechzig Bauarbeiter der Stalinallee in Berlin gestreikt,

eine  Delegation mit der Forderung der sofortigen Aufhebung  der

Normerhöhung zum Regierungsgebäude geschickt , und weil erfolglos ,

alle Arbeitskräfte  des Landes zum Generalstreik am 17.Juni aufgerufen .

Dieser Aufruf  war Anlaß für Semjonow,dem für die DDR zuständigen

Hohen Kommissar der  S U , das ZK der DDR sofort zur Instruktion in

seinen Amtssitz nach Karlshorst zu befehlen. Ulbricht bittet hier um die

Schießerlaubnis für die Polizei und evtl.den Einsatz sowj.Soldaten,  doch

Zaisser wie auch Grotewohl widersprechen ,  und Semjonow lehnt beides

definitiv ab :  Diskutabel  nur bei Angriff oder Eingriff  fremder Truppen .

Am 26.Juli 1953 enthebt Ulbricht wegen Parteizersetzung  Zaisser aller

Ämter, auch seine Frau,die Ministerin für Volksbildung  Else Zaisser und

seine Tochter  Renate,  Dozentin,  - bei der Einnahme Berlins Offizierin  

der  Roten Armee .


20. Kapitel              N U N  D O C H  L E H R E R I N

Wieder war die Zeit der Studienbewerbungen gekommen, und wieder

ließ die Ablehnung nicht lange auf sich warten. Aber Dada mochte noch

immer nicht aufgeben. Im Jahr zuvor hatten  es drei ihrer Mitschülerinnen

erreicht, durch ein persönliches Gespräch mit dem Prorektor  nachträglich

noch Medizin studieren zu dürfen. Vielleicht könnte  es ihr ebenso  

gelingen?    Aber dieser letzte Versuch war auch vergeblich : „Ihr Vater  

ist Arzt??  -  Sie können alles studieren, aber nicht Medizin .“    - - -

Da entschied sie sich nun doch für den Traditionsberuf  ihrer mütterlichen

Familie : Lehrerin !   Und zwar in ihrem Schullieblingsfach  Deutsch .

Begünstigt hatte ihren Beschluß ein bedrückendes Vorkommnis  während

ihrer letzten  Dienste im Krankenhaus .  Als sie in ein Krankenzimmer

gekommen war, sah sie  mehrere der Patienten an einem  Tischchen

stehen, die sich dort angeregt beschäftigten. Sie dachte an ein interessantes

Spiel , trat näher   -  und erstarrte.   Die Männer hatten Fliegen gefangen ,

ihnen die Flügelchen abgeschnitten , und belustigten sich nun  an ihren

hilflosen  und  verzweifelten Versuchen, ihren Peinigern zu entkommen .

Tief enttäuscht  von diesen Menschen, die ja selber  Hilfe brauchten  und

diese  auch ganz selbstverständlich in Anspruch nahmen, mußte sie  zur

Kenntnis  nehmen, daß die Erziehung  zur  Menschlichkeit  offenbar

mindestens so wichtig ist ,  wie die  Heilung der Menschen .


U N T E R M   D A C H   ,   J U C H  H E  !

Die letzten Tage im Krankenhaus jedoch waren auch beglückend  für sie

durch viel  Zuneigung und Dankbarkeit  . Ganz unverhofft  kam sie jetzt

sogar  durch einen  Patienten noch zu einer kleinen Studentenbude .  Er

lag wegen einer offenen Tuberkulose  in einem Einzelzimmer  und wurde

mit  Streptomycin behandelt .Das Pulver mußte aufgelöst werden, und

da die Lösung leicht klumpte, mußte  sie mit nicht zu dünner Kanüle und

recht  schnell gespritzt werden, was bei dem völlig abgemagerten Kranken

für beide Seiten sehr  unangenehm war.   Trotzdem freute sich Herr Roth

immer, wenn Dada zum Spritzen kam und ermunterte sie jedes Mal, sie

möge  keine Bedenken  haben , es würde doch immer bestens klappen.

Als er hörte, daß sie nun studieren würde, allerdings noch kein Zimmer in

Jena gefunden habe, bot er ihr an, wenn sie kein  besseres fände, in sein

kleines Dachkämmerchen zu ziehen .   Er könnte darin ohnehin  nicht

wieder  wohnen . Es war eine  separate kleine  Kammer ,  zwar mit

einem  Öfchen, doch ohne Wasser,  den die Mieter der Dachwohnung,

ein  liebenswertes älteres Ehepaar, nicht brauchten  und sie weiter

vermieteten . Eingerichtet  war sie  mit einfachen , derben und dunklen

Holzmöbeln, nämlich mit  Schrank . Bett  und  Tisch mit zwei  Stühlen ,

sowie  einer kleinen Kommode mit Wasserkanne und Waschschüssel .

Also alles,  was sie brauchte . Wegen Wasser konnte sie morgens an der  

Nachbartür  klingeln. Da alle damit einverstanden waren, tapezierte sie mit

Arno den Raum  und konnte nun ihr erstes eigenes kleines Reich beziehen.


21. Kapitel

P Ä D A G O G E N   U N D   D I P L O M A N D E N

Voller Elan und mit besten Vorsätzen begann Dada nun im Herbst ihr

Studium  an der Friedrich – Schiller  Universität  in Jena ,  und  es wurde

eine  wunderschöne Zeit . Ohne jegliche  Verpflichtungen  oder

Verantwortlichkeiten  konnte sie nun lernen und sich mit allem

beschäftigen , was sie interessierte  und was sie gerne machte  Mit .

großer Freude stellte sie fest , daß es außer ihrer Gruppe , den

zukünftigen Lehrern,  eine zweite Seminargruppe der Germanistik

gab , die Diplomanden, die späer unter anderem  bei Film,  Fernsehen

oder auch in Verlagen arbeiten wollten . Die Hauptfächer  hörten beide

Gruppen gemeinsam ,  während  die speziellen Fächer fakultativ- , also

wählbar waren.  Dada fühlte sich , wie im Schlaraffenland.  Bei den

Lehrern gab es zwar keine Wahlfächer , aber bei den Diplomanden konnte

sie zusätzlich Vortragskunst und Sprachkrankheiten belegen und  hörte bei

Film und Theater  immer mal mit . Wenn sie ein Thema interessierte und   

es ihr am Herzen lag,  ging sie auch mal mit Arno in dessen Vorlesungen .

Auch konnte sie ihren seit früher Kindheit geliebten Wassersport wieder

aufnehemen , was aber bei Arno leider auf strikte Ablehnung stieß .

Dafür aber wurde sie nun Mitglied der Tanzgruppe  des  Max-Reimann -

Studenten-Ensembles  und geriet fast in einen Glücksrausch,  als sie bei

einer Generalprobe,  zum ersten Mal begleitet  von der mitreißenden Musik                          

des gesamten  Ensemble-Orchesters, mittanzen durfte Danach drei Wochen

Tanzen imTrainingslager in Dingelstädt machten ihr Glück komplett ,

Das neue Studienjahr begann mit einer für sie  aufregenden Ankündigung :

Die Stipendienordnung würde zugunsten der Unterstützung  von mehr

Nachwuchs bei der Intelligenzjugend geändert,  und  Studentenehepaare

mit Kindern ,  unabhängig  vom elterlichen  Einkommen , ab nächstem

Semester besonders gefördert .Das war für Arno und Dada endlich die

Gelegenheit ,  eine Familie  zu werden.  Bisher hatte Dada das Geld , was

sie zum Leben brauchte,  von ihren Eltern  monatlich  überwiesen

bekommen ,  und Arno , der anfangs ein Leistungsstipendium  von

180,00 Mark bekam ,hatte inzwischen nur noch das Grundstudium

von 120,00Mark monatlich zur Verfügung .Das hätte für eine Familie

nicht gereicht . Jetzt konnte man sie also mit gutem Gewissen planen .

Umgehend beantragten sie schon mal die Trauung auf dem Standesamt ,

um danach eine gemeinsame Wohnung beantragen zu können . Der erste

freie Termin  auf dem Jenaer  Standesamt  war  Anfang Februar 1955 .

und wurde ohne große Feier , aber in großem Glück wahrgenommen .da                     

bei Dada inzwischen eine Schwangerschaft festgestellt werden konnte .

Schon im  nächsten  Monat machte sich die finanzielle Verbesserung für

sie bemerkbar. Doch da die Gesamtsumme  der  Stipendien nicht erhöht

werden durfte ,  protestierten  die meisten der Empfänger , deren

Stipendium durch diese Maßnahme  gekürzt werden mußte ,umgehend

energisch dagegen und drohten sogar mit  Studienabbruch .   Ohne  jedes

Aufsehen, wie sie gekommen war,  verschwand diese  Reform wieder .


22.Kapitel                  U N I    A D E E     !                

Für das junge Brautpaar fielen nun alle ihrer schönen  gemeinsamen

Luftschlösser  zusammen .  Wichtig war jetzt nur noch . daß Arno sein   

Studium ungestört beenden könnte ,und daß das Mitte September  zu

erwartende Baby glücklich aufwachsen würde . Dada müßte auf jeden Fall

ihr Studium nach dem zweiten Studienjahr unterbrechen und könnte es

fortzusetzen ,  wenn Arno in seinem Beruf arbeiten würde. Außerdem

hatte sie ja auch schon einen abgeschlossenen und sehr gefragten Beruf ,

den sie jederzeit einsetzen könnte . Entbinden wollte sie auf jeden Fall im

Merkerser Elternhaus , in dem der Vater als erfahrener Geburtshelfer ja

auch schon seine  vier jüngsten Kinder ,  sowie seinen  ersten Enkel

erfolgreich auf die Welt gebracht  hatte .   Bis dahin aber  könnte erstmal

alles , wie bisher,  weitergehen .Nur ihre eigentliche große Hochzeitsfeier

sollte Mitte März , einenTag nach dem 55.Geburtstag der Mutter , gefeiert

werden  . Doch dann ergab sich  noch eine andere Neuigkeit .  Eines

Tages kamen Schwester Hella und Dick unerwartet zu Besuch , um ihnen

für den Juni eine gemeinsame Reise anzubieten . Dick arbeitete    

inzwischen als  HNO – Facharzt  in Pößneck  und hatte die Erlaubnis   

erhalten , mit Ehefrau einen wichtigen  Ärztekongress in Konstanz zu

besuchen  Daran anschließend wollten sie mit Auto und Zelt die Schweiz ,

Italien und Frankreich etwas kennenlernen. Sie hätten aber, nur zu zweit ,

etwas Bedenken ,  zumal Hella im September ihr zweites Kind erwarte .

„Wollt ihr mit dem Zug nach Konstanz nachkommen und mit uns fahren?“

So ein Angebot konnte man wohl nicht  ausschlagen ! „ J A!! ,wir woll’n!“

Mit großem Bedauern allerdings mußte sich Dada jetzt erstmal  an den

Gedanken gewöhnen ,  daß für sie nun bereits in einigen Wochen diese ihr

so liebgewordene Zeit der Wissensbereicherung  zu Ende ging, obwohl sie

in ihrer Seminargruppe nicht so recht warm werden konnte . Sie fühlte sich

hier, wie in einer Schulklasse von Strebern . Besonders die Vorbereitung

eines Ernteeinsatzes im Herbst hatte sie tief enttäuscht . Man war

verständlicherweise bestrebt ,daß sich die Gruppe  vollzählig  daran

beteiligte, doch als Klaus um Befreiung bat , da er schon ältere Eltern

habe, die aber noch allein ihren kleinen Bauernhof bewirtschafteten  und

die  ihre  Ernte ohne Hilfe des Sohnes nicht einbringen könnten , und daß  

es doch am wichtigsten sei ,  daß alle Ernten  geborgen würden .  

brach ein Sturm der Entrüstung über ihn herein . Einer nach dem andern

brachte mit jeweils anderen Worten zum Ausdruck , daß Klaus wohl  die

Wichtigkeit von Volkseigentum, sowie die von der  Bildung und Leistung

eines Kollektivs  nicht  anerkenne. Keiner aber, der sich um Verständnis

für ihn einsetzte . Auch Dada leider nicht .Aber sie hatte gerade, ähnlich,

nicht den geforderten  Erwartungen entsprochen ,  nämlich  nicht  durch

ihre Unterschrift  versichert,  daß sie ihr Vaterland im Bedarfsfall  mit der

Waffe verteidigen würde, sondern im Gegenteil erklärt , daß sie als

Krankenschwester im „Roten Kreuz“ jedem Freund oder Feind helfen , -  

aber nie auf Menschen schießen würde . Diese Einstellung war bei ihr

akzeptiert worden,  ihr Bruder dagegen wurde später dafür exmatrikuliert.

Wie ein dunkler Sshatten legte sich  zusätzlich eines Tages die furchtbare

Nachricht  über diese  Gruppe , daß sich ihre fröhliche und hübsche

Studentin  Erika ,   die schon   bald  nach  Studienbeginn  mit

einem der Mitstudenten  zu  einem  schier  unzertrennlich  scheinenden

Seminarpärchen  wurde ,  sich auf  der stark abschüssigen  Bahnstrecke

von  Großschwabhausen nach Jena , wo der Zug nur mühsam abgebremst

werden konnte , aus Liebeskummer überfahren ließ .

Um so mehr bedauerte sie den Abschied  von der zweiten ,  deutlich mehr

aufgeschlossenen  Seminargruppe ,  vorallem  aber von ihrer  Teilnahme

an  den  Seminaren für  Vortragskunst  von Frau Professor Weithase, in

denen sie gelernt hatte , ihre Scheu endlich völlig zu überwinden , auch

die eigenen Gefühle , die eine Dichtung  in ihr erweckten, den Zuhörern

erlebbar zu machen .

Doch  nun mußte sie sich erstmal auf einen ganz neuen Lebensabschnitt

vorbereiten,  konkret jedoch -  zunächst die Koffer packen


23.Kapitel    
P F I N G S T E N  1955  I M  I N T E R Z O N E N Z U G

An einem lauen  Juni –Sommerabend  war es endlich soweit  :  Das junge

Studentenehepaar  stand auf dem Bahnsteig  in  Saalfeld und wartete auf

die  Einfahrt des Interzonenzuges nach München , um eine quasi

verspätete , doch gegenwärtig  höchst ungewöhnliche  Hochzeitsreise

anzutreten.  Arno mit dem schweren Koffer voller  Klamotten  für eine

längere  Zeltreise , Dada, außer ihrer Handtasche, mit einem Köfferchen ,

in dem sie alles , was sie an Konserven und Räucherwaren  für die Fahrt zu

Viert beisteuern konnten ,  eingepackt hatte . Für unterwegs etwas

mitzunehmen , war ihnen abgeraten worden,  da ja die Interzonenzüge

einen Speisewagen hätten , in dem man für Ostgeld bestens , sogar in den

Zugabteilen , versorgt würde .Der Zug lief pünktlich ein , war aber , wohl

durch das bevorstehende  Pfingstfest , zur großen Überraschung der

vielen  auf dem Bahnsteig  noch  Wartenden , schon voll besetzt . Mit

etwas getrübter Reiselust waren die beiden zuletzt froh, daß sie mit ihrem

Gepäck noch zu einem Stehplatz  in den Zug kamen .Aber die Fahrt bis

zum  Grenzbahnhof Probstzella war nicht lang .Doch dort tönten schon die

Lautsprecher, daß alle Reisenden ohne Sitzplatz aussteigen und sich  in der

Bahnhofshalle aufhalten müßten , bis auf den Plätzen des folgenden Zuges

die Fahrt fortgesetzt werden könnte.  Also ausgestiegen und gewartet . Nun

kamen zwar mehrere Züge , aber alle waren überfüllt,  und die Menge der

Wartenden  im Bahnhof wurde immer größer. Gegen Morgen dann endlich

die  ersehnte Durchsage,  daß im nächsten Zug alle,  auch ohne Sitzplatz ,

ausreisen dürften . Man möge sich deshalb schon zur Kofferkontrolle

anstellen  und könne danach bereits  auf dem Bahnsteig warten. Am

Ausgang zum Bahnsteig wurden jetzt  zwei Tische aufgestellt,  und  eine

Polizistin  kontrollierte  nun  Koffer für Koffer und übriges Gepäck der

langen Warteschlange , die sich hier im Nu zusammengedrängelt  hatte .

Als die vor Dada wartende Frau aber den Inhalt ihres Koffers auf dem

Tisch ausbreitete , darunter auch Dauerwürste und Konserven,  die heraus

genommen und beschlagnahmt wurden , war Dada, die sich die Ausfuhr –

Bestimmungen nicht gründlich genug  durchgelesen hatte, so erschrocken ,

daß sie ziemlich laut fragte:“Das darf man wohl nicht mitnehmen??“

Doch während die Frau vor ihr den Tisch räumte und Dada der Polizistin

noch schnell erklären wollte , daß sie nicht etwa vorhätte , den  Inhalt

ihres Koffers  zu verschieben,  sondern daß  er zum Selbstverbrauch beim

Zelten vorgesehen sei , übersah sie fast, daß  diese sie mit freundlicher

Miene  ohne Kontrolle durchwinkte . Schier ungläubig und erleichtert

lächelte sie dankbar zurück, -  doch  nun  hieß es weiter :  Stehen und

warten !  Als gegen Morgen endlich wieder ein  Zug  einfuhr ,

war der zwar auch schon überbesetzt , aber alle Wartenden

durften jetzt ungehindert einsteigen und in drangvoller Enge stehend  ,

in den  Westen fahren ,  allerdings ohne jede Möglichkeit ,  wie

angenommen, im Zug etwas zu essen  oder zu trinken kaufen zu können.  

Erst auf dem ersten Westbahnhof konnte Arno von etwas Westreisegeld ,

das aber bei Rückkunft voll zurückgetauscht  werden  mußte, einen kleinen

Ohnmachtsbissen  vom  Bahnsteig  erstehen .

In München angekommen , wurden sie dort schon , wie vereinbart , von

Schwager Dick , der seine Teilnahme am Ärztekongress in Konstanz  am

Vortag  bereits  abschließen konnte, und Schwester Hella  bereits erwartet .

Nach einem kurzen  Imbiß  im Bahnhof brachten sie ihre Papiere

auf der  Stadtverwaltung  in die erforderliche Ordnung, und alle viere

hatten  nun  für die  Grenzübertritte  die dafür notwendigen

Reisepässe  Dann begann der Aufbruch  mit dem zwar gebrauchten,  für

Dick aber neuen, gerade erworbenen schwarzen „Opel–Kapitän“ , zu

einer , eigentlich für DDR –Bürger streng verbotenen  Reise  über die

deutsche  Grenze hinaus in kapitalistisches  Ausland  ohne  Genehmigung

der DDR-Behörden,  die sie aber niemals ,    zumal zu viert,  bekommen

hätten .




24.Kapitel  

V O N  V A D U Z    Ü B E R  D I E  A L P E N                                                                                                     

N A C H  G E N U A

  


Abfahrt in Vaduz:
Dick und das gemietete Auto.


Hella, Arno und Dada:



   Als erstes sollte die Fahrt jetzt in die Schweiz gehen, in der Dick

.studiert hatte ,  und in der er sich gut auskannte . Aber es war Mittagszeit

und  alle  hatten inzwischen tüchtig  Hunger und stimmten gerne Dicks

Vorschlag zu , zuerst in Singen an einer Werksbesichtigung des

dortigen  Maggi –Werkes  mit anschließender  Verkostung  teilzunehmen .

Bei derWeiterfahrt zu den Alpen durfte natürlich ein kleiner Aufenthalt am

Rhein-Wasserfall  bei  Schaffhausen  nicht fehlen , um bei der drückenden

Sommerhitze die kühlende Erfrischung der im Fall ausstäubenden

Wassermassen zu genießen.  Als sie abends in Vaduz ankamen, ihrem

Startort für  die Alpenüberfahrt über den  „Kleinen Bernadino“-Paß ,  

dunkelte es bereits , zu spät, um noch das Zelt aufzustellen. Doch in einer

Jugendherberge -Schlafstation ,  ohne jede  Versorgung,  fanden sie noch

Platz  in zwei Schlafsälen ,  einer für Jungen ,  und einer für  Mädchen ,

um in Decken auf dem Bodenlager zu schlafen.  Die Ehepaare mußten sich

trennen  -  und außer ein paar Mäuschen störte  sie  nun keiner im  Schlaf !

Bei der Fahrt über die Alpen überraschte sie besonders der Wetterwechsel :  


Über die Alpen zur Via Mala:
Dick und Arno:


Hella vor dem Zelt:


Die Fahrt bis zu den Schneeflächen des Kammgebietes, welche  sich dann

bei der nach Süden abnehmenden Höhe und zunehmenden Wärme in eine

frühlingshaft grüne Berglandschaft verwandelten und nach einem Halt an

der legendären, tiefen Schlucht  „ Via  mala „ dazu verleiteten,   ihr erstes

Zeltlager hier aufzuschlagen. Am nächsten Morgen aber waren beide

Zelte  eingeschneit .  Doch je mehr sie sich dann dem Tal näherten, umso

wärmer wurde es: 


Via Mala:
Dada und Arno:


Dick, Arno und Dada:


Arno, Dada und Hella:




Die Schweiz und das kleine Städtchen Locarno

empfingen die kleine Gruppe dann  mit herrlichem Sommerwetter, welche

nun am Luganer See einen herrlichen Ferientag verlebte



und sich zum Abschluß noch zu einem kleinen Stadtbummel entschloß .


Kolonaden von Lugano:



Dick stellte dort

das Auto auf einem Parkplatz  ab,  verdeckte  alles  sorgfältig was die DDR-Herkunft verraten könnte, und darauf  mischten sich die Viere nun unbesorgt in den pulsierenden Menschenstrom,  der in gelöster Urlaubsstimmung unentwegt durch die bunten und lockenden Verkaufskollonaden zog.  Plötzlich ein unüberhörbarer, begeisterter Ruf  aus der Menschenmasse der entgegenliegenden Straßenseite :

„Hallo,  Herr Doktor Steimer,  Sie sind ja auch hier??“   -   Ein  kurzer

Schock !  Doch es war eine,  ebenso  wie Dick im Pößnecker Krankenhaus

arbeitende Angestellte ,  die mit ihrem Bruder auch gerade hier unterwegs

war !.        
 

Nach dieser vergnüglichen und erstaunlichen Episode  verlief

die Weiterfahrt  jetzt  zügig : -  Ohne jeden Aufenthalt  durch die

bedrückend arme  Po- Ebene, in der sich die beiden Männer sogar nachts

beim  Zelten vorsichtshalber  zum Wachen ablösten.  Doch  danach blieben

die vier Zelter, wo es ihnen gerade gut gefiel, und so lange,wie sie wollten.

Dick rasiert sich standesgemäß:


Dada beim Topfreinigen:



 

So erreichten sie nach ein paar erholsamen Tagen Genua  und die Riviera ,

von  wo sie dann,  an  der  Küste des  Mittelmeeres   entlang, Monaco ,

dem einzigen  konkreten  Ziel,  was sie sich für ihre Fahrt vorgenommen

hatten , zusteuerten .

,

25.Kapitel  AM   MEER   ENTLANG   NACH   M O N A  C O

Ohne sich in Genua aufzuhalten, fuhren sie nun bis nach Nizza durch ,

um dort in einem wunderschönen Park  Rast zu machen  und sich auf

den vorgesehenen Besuch bei dem ehemaligen Kriegsgefangenen Lousetti

vorzubereiten . 


Im Park von Nizza:


Dick, Dada und Arno:




Doch das war eine lange Geschichte von vor  etwa zehn

Jahren,  die nur Hella genau kannte, und die sie deshalb nun den

Mitfahrerm  ausführlich  erzählte :        
                                                  

Lousetti war damals,  1944 , französischer Kriegsgefangener in Merkers  ,     

und der Arzt und Geburtshelfer  Dr.Günther Deilmann versorgte  derzeit

als  einzig verbliebener Arzt, da er als „Mischling  zweiten  Grades“

wehruntauglich war, und  alle anderen Ärzte  entweder an der Front oder in

Lazaretten eingesetzt waren, die Menschen im Kali-Werragebiet. Das hieß:   

Die ärztliche  und geburtshilfliche  Betreuung  der   Einwohner  mehrerer

Dörfer, sowie die Behandlung und der Notdienst für die Kumpel und

Belegschaft der Kaliwerke in Merkers,  Dorndorf und Springen  mit ihren

Arbeitslagern  von  Kriegsgefangenen  und Zwangsarbeitern ,  und das

Tag und Nacht , ohne Pause , Urlaub oder eine Vertretung !    Hilfe und

Unterstützung bekam er lediglich durch seine Frau Magda, und seit

Ende  1944  von seiner ältesten Tochter Hella, die nach dem Abitur

wegen der Luftangriffe  auf Jena  ihr Medizinstudium  noch nicht beginnen

konnte.  Da die westlichen Kriegsgefangenen,  Engländer,Amerikaner und

Franzosen,  begleitet von ihren Sanitätern ,  zur Behandlung zwar in die

Praxis  kommen,  aber keinen Kontakt mit Deutschen haben durften, hatte

der Arzt für sie morgens,  vor der langen,offiziellen Sprechstunde  , diese

Möglichkeit eingeräumt. Doch es gab kaum eine Nacht, in welcher  er

nicht gerufen wurde.  Daher war er manchmal, besonders nach  schweren

Geburten, noch nicht wieder zurück. Dann war es jetzt Hella,  die sich,  so

gut sie konnte, schon um diese ersten  Patienten kümmerte Weil sie sowohl

Englisch- ,  als auch Französischunterricht gehabt hatte, konnte sie sich

auch ganz gut mit ihnen verständigen . Besonders interessiert konnte  sie

sich mit Lousetti,  einem französischen Gefangenen, über seine Heimat

Monaco  unterhalten. Beide vereinbarten  sogar,  falls  irgendwann wieder

Frieden  sei,  und er wieder zu Hause sein sollte,  daß Hella  sich dann

von ihm die ganzen Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten  dieses

kleinen  Staates und der Stadt  zeigen lassen wollte. Als der Krieg dann

wirklich endlich zu Ende war,  waren die vielen fremden Menschen

in kürzester Zeit aus Merkers verschwunden und die leergewordenen

Baracken nahmen einen Teil der vielen  deutschen  Flüchtlinge  auf .

So wurden auch die Kriegsgefangenen,  und mit ihnen Lusetti,  in ihre

Heimatländer zurück gebracht.  Schon bald schien das alles fast vergessen zu sein, als eines Tages, auch die Post arbeitete  nun wieder, ein Brief  an

die  Praxis und Hella aus Frankreich , aus Monaco,  in Merkers ankam ,

sogar mit  einem kleinen Paßbildchen,  - in Zivil !- , von ihm.   So wurde

die Verbindung wieder aufgenommen, und als sich jetzt, trotz der massiven

politischen  Hindernisse, die Möglichkeit  abzeichnete , nach Frankreich zu

kommen,  war  in Erinnerung an die ehemaligen Gespräche  ein  Besuch

bei  Lousetti  und seiner  Heimat Monaco eingeplant  worden .


IN   MONACO

Die Sonne stand inzwischen  hoch  am Himmel ,  als sie Monaco

erreichten .Nachdem ein Parkplatz für das Auto gefunden war ,

machten sich die  Vier nun  in den ,  trotz der brütenden Hitze

menschenwimmelnden Straßen,  auf die Suche nach der  Wohnung

von  Lousetti.  In einer kurzen Seitenstraße mit eng aneinander

stehenden Wohnhäusern  fanden sie dann auch die gesuchte Hausnummer

mit dem Namensschild Lousetti,  und über eine kleine Treppe gelangten

erst einmal nur die beiden Männer bis zur Haustür,  um dort zu klingeln .

Eine gepflegt wirkende Frau mittleren Alters,  wohl seine Ehefrau ,öffnete,

gab sich aber keine große Mühe,  ihre Averssion zu verbergen,  als diese

ihr Anliegen vortrugen : Nein,  Herr Lousetti wäre nicht da, und es wäre

völlig unbestimmt,  ob und wann er zurück käme.-  Da wanderten sie also

unverrichteter Dinge wieder Stadteinwärts zurück , als Dada

plötzlich  etwas unterdrückt rief :“Da drüben läuft er !!“  Hella verfolgte

ihre Blickrichtung zögernd und zweifelnd,  doch Dada,  die Lousetti nur

vom Foto her kannte,  behauptete :“Das ist er !!“ Jetzt war auch der Mann,

der ihnen auf der anderen Straßenseite entgegenlief,  auf sie aufmerksam

geworden, und Hella und Lousetti erkannten sich.  Ein herzliches

Wiedersehen folgte  mitten  auf der Straße. Doch Lousetti war auf dem

Weg zu seiner  Arbeit und mußte sich nach kurzer Zeit verabschieden.

Entsprechend  seiner  Beschreibung  kamen die  deutschen Besucher

nun schnell zum  Schloß.  Dort begann gerade die  Zeremonie  des

Wachwechsels, den sie sich mit vielen Zuschauern aus aller

Herren Länder bis zum Ende anschauten .  Anschließend warfen sie noch

einen neugierigen Blick in den mondän-verführerischen Eingangsbereich

des Spielkasinos.   Aber da die gemeinsame Kasse alles andere als üppig

gefüllt war,  konnte keiner von ihnen dazu verführt werden, seine letzten

Groschen  mit der Hoffnung auf den Gewinn seines Lebens zu verspielen.

Wenn auch etwas enttäuscht,  setzten sie ihre Fahrt entlang der

Riviera  noch bis nach Marceille fort, und Hella freute sich im Auto

schon schwärmerisch darauf, daß sie nun sogar einmal im Leben eine echte  

Bouillabaisse ,  und das obendrein  am Orginalort  Marseille,  probieren

könne,   und sie verglich die  Bedeutung dieser  wahrzeichenähnlichen

Fischsuppe  mit der Thüringer Bratwurst .  


26.Kapitel      
V O N   M A R S E I L L E  R Ü C K F A H R T   D U R C H S   R H O N E  - T A L 
                                 


Hafen von Marseille




Im alten Hafen von Marseille





 




Als sie in Marseille ankamen, war die Mittagszeit zwar schon lange  

vorbei,  doch sie fuhren ohne Umwege gleich zum Hafen , denn dort würde

die begehrte Fischsuppe  sicher ganztägig  angeboten .

Aber das war leider ein Irrtum, und sie  mußten lange suchen ,

bis sie endlich eine kleine Hafenkneipe fanden,  in der sie sich,  bei dazu

passender Seemannsmusik,  die Köstlichkeit schmecken lassen konnten.


Rhone-Tal:




Doch dann wurde es schon wieder Zeit,  einen Schlafplatz zu suchen .

Mit dem Verlassen der Meeresstrände und der Fahrt  durch das

Rhone-Tal  begann jetzt die Rückfahrt  . Am Rande einer, in wunderbarer

Blüte  stehenden  Gartensiedlung,  schlugen sie dann ihre Zelte auf.  Doch

als es am nächsten  Morgen weitergehen sollte, sprang der Motor nicht  

wieder an.  Das Kühlwasser war aufgebraucht,  und der Ersatzkanister

bereits  leer. Dada wurde nun mit dem leeren Kanister in die Gartenanlage

geschickt , um ihn dort wieder auffüllen zu lassen.  Es war früher Morgen,

aber sie brauchte gar nicht lange zu suchen, bis sie einen älteren Mann in

einem der Gärten entdeckte,  der dort schon seine Blumen goß. Auf ihr

etwas verschüchtertes  „Hallo“  reagierte er sofort,  kam zum Eingang  und

öffnete  die kleine Holzpforte mit freundlich-fragendem  Gesichtsausdruck.

Da sie kein Französisch konnte, brachte sie ihr Anliegen nach kurzem

Zögern auf Englisch vor.   Er nickte, nahm den Kanister und fragte beim

Zrückkommen, ob sie Engländerin sei..-„Nein,Deutsche“. Sein Gesicht

erbleichte, schien zu vereisen, und wortlos verschwand er im Haus . .

Als Dada dann zwar mit vollem Kanister, aber tief betroffen wieder am

Auto eintraf,  die Zelte waren inzwischen schon abgebaut,  konnte Dick

den Vorfall  umgehend erklären und verständlich machen :  In diesem Tal

hier hatten die deutschen  SS –Truppen  grausam  gehaust . Sie konnten   

jetzt zwar wieder losfahren,  aber ihre Stimmung war doch slchtlich

getrübt  durch diese unverhoffte Konfrontation mit der so unbegreiflichen

Vergangenheit.  In Gedanken versunken,  wurden sie aber plötzlich wieder  

hellwach , als sie in einer völlig  unbesiedelten  Gegend  von zwei

livrierten Männern mit großen Fahnen von der Hauptstraße herunter, zur

Weiterfahrt in eine  andere  Straße gewinkt wurden . Verunsichert fuhren

sie weiter. War da etwas passiert?  Nach etwa zwei Kilometern  aber das

Gleiche  noch einmal . Wieder folgte Dick den winkenden Fahnen.  Nur

Hella war inzwischen erbost über diesen Eingriff  in ihre Fahrt  ohne

jede  Erklärung.   Nachdem sie jetzt ein kleines Waldstück

durchfahren hatten, kamen sie plötzlich an ein riesiges, eingezäuntes

Gelände, in dem etliche schwarz-glänzende Limosinen abgestellt waren

und Männer in Frack und mit Zylinder herumliefen  Das große Eingangstor

war geöffnet, und auch hier standen  Livrierte,  um die Ankommenden zu

empfangen. Dick stellte  sich zwansläufig  hinter die beiden dort schon

wartenden Autos. Dann kam die freundliche Aufforderung :“Bitte  Ihre

Einladungen  -“ ? ?   Durch den  dort geringen Verkehr und ihr schwarzes

Auto  waren sie versehentlich für Gäste der 1953 gegründeten  CERN , der

Europäischen Organisation für Kernforschung, gehalten worden, anläßlich

der Grundsteinlegung  für den weltweit größten Protonenbeschleuniger  .

Nach kurzer Entschuldigung konnten sie nun endlich weiterfahren.


Am Genfer See:






Es folgten noch zwei herrliche  Abschiedstage  am  Genfer  See , um

danach,  wieder am Bodensee,  in Konstanz ,  ihre  DDR - Papiere

zurück zu tauschen , und um zu guter Letzt  dieser  unvergeßlichen Fahrt

im Merkerser  Elternhaus bei einem zünftigen Doppelkopf,   gewürzt mit

all  ihren  interessanten  Reiseerlebnissen,  einen  fröhlichen  Abschluß

zu  geben .


27. Kapitel         Z W I S C H E N S T O P  I N  M E R K E R S

Nach langer Zeit wieder für einige Wochen zu Hause hatten die Eltern

Dada  mit ihrem liebevoll vorbereiteten ehemaligen  Zimmer überrascht .

Neben ihrem Bett stand schon ihre weiße Puppenwiege mit den

hübschen bunten Streublümchen,  welche Schwester Hella vor Jahren

für sie zum Geburtstag darauf  gemalt hatte.  Nun zwar ohne ihre große

Babypuppe, aber mit neuen Kißchen und zartfarbenen  Bezügen - , genau ,

wie sie es sich schon als Kind gewünscht hatte, bereit für ihr echtes Baby  .

Im übrigen aber lief alles so,  wie es vorher abgesprochen worden war :

Dada würde die Zeit bis zur Entbindung bei den Eltern  bleiben,  und Arno

zum Studienbeginn  nach Jena zurückkehren und nur zu den Wochenenden

in Merkers  sein . Doch auf die Dauer wollten sie natürlich zusammen

wohnen . Dadas  hierfür völlig ungeeignetes  Dachkämmerchen  hatten sie

zwar schon zurückgegeben ,  doch das Wohnungsamt hatte ihnen  bisher

keinerlei  Hoffnung  auf  eine , ja schon lange beantragte  Wohnung

gemacht .  Als Arno jetzt jedoch  schon kurz nach Jena gefahren war ,

kam er mit einer erstaunlichen ,  dringlichen Bitte seiner Eltern zurück: Da

die neue Stiefmutter nach der Heirat sehr große und wertvolle

Eichenmöbel mitbrachte,  mußten sie,  um diese zu behalten, eine große  

Altbauwohnung mieten,  die aber für ihren  Anspruch zwei Zimmer zuviel

hatte.  Diese mußten sie vermieten . Bisher an Ötten und Kirten, Arnos

Klassenkameraden,  die aber ihr Studium gerade beendet hatten  und

ausgezogen waren Um keine Fremden in die Wohnung zu kriegen, sollten

nun sie  einziehen. Mit großem Bedenken, doch  erleichtert, sagten sie zu.


Doch jetzt mußte sich Dada zuerst  an den in den letzten Jahren recht

veränderten ,  aber weiterhin sehr  lebhaften  Familienbetrieb  gewöhnen..  

Der Vater war seit einem Jahr Betriebsarzt in der seit 1950 neu gebauten

Betriebs-Poliklinik.Ohne Sprechstundenbetrieb  war es im Haus wesentlich

ruhiger geworden, obwohl wegen der Hausbesuche das Telefon immer

noch häufig klingelte .Aber die Mutter war doch etwas von der fast

selbstverständlichen  und unbeachteten Mitarbeit entlastet und konnte

sich in den Elternbeiräten der Kinder einbringen , oder auch in dem von ihr

1950 mitgegründeten  Friedenskomitee  den zweiten Vorsitz übernehmen .



Für Leben und Unruhe im Haus sorgten besonders die jetzt zehnjährigen

Pümmies,  die beiden Zwillingsschwestern  Moni und Boob, wie sie sich

selbst genannt hatten. Beschützt von Oma Booz, die ,  seit der Großvater

1947 an Leberkrebs verstorben war ,  aus ihrem kleinen Behelfsheim im

Garten ,  in dem jetzt  ein  Flüctlingsehepaar wohnte,  wieder in das

Wohnhaus zurückgezogen war.  Besonderen Spaß machte es ihnen, die

breite,  hölzerne  Etagentreppe mit ihren glatten Filzpantoffeln   nur  über

die Stufenkanten mit höllischem Lärm herunterzurattern,  hatten aber den

falschen Verdacht,  als die Großmutter einmal auf der Treppe ausrutschte,

daß sie der Mutter mitleidig berichteten :“ Gell, die Großmama  kann das

noch nicht !“  Ihr Freifahrschein zu Hause war bei jedweder  Gefahr einer

Strafe :“Das sagen wir der Großmama !!“  Und als Strafe den Nachtisch zu

sperren, ging auch nicht – dann stand Oma auf und aß ihren auch nicht.

In der Schule nutzten die beiden ihre Ähnlichkeit, um heimlich ihre Plätze

zu tauschen.  Dann machte die Bessere eine Prüfung zweimal .


Schwester Friedel hatte gerade in Bad Salzungen die Versetzung in die

Abiturklasse geschafft, machte aber mit ihrer  labilen Gesundheit den

Eltern immer wieder Sorgen und Probleme ,  die es zwar bei Bruder Franz

auch gab, aber völlig anderer Natur waren . Er war auf die Oberschule in

Vacha gegangen und hatte 1952, nachdem die Jugendvereine  der

Evangelischen Kirche  zu  DDR-feindlichen Organisationen  erklärt, und

damit verboten worden waren, auf einer Schulversammlung sich dagegen

ausgesprochen, daß auch Vachaer Schüler, die der „Jungen Gemeinde“

angehörten,  die Oberschule verlassen sollten. Daraufhin schlossen sich

auch für ihn die Schulpforten.

Doch da gab es Else, einst Mitschülerin  von

Mutter Magda auf dem Krupp-Lyzeum  in Essen, mit der sie dann auch das

Lshrsrseminar absolvierte und in Essen unterrichtete, bis Magda erfuhr,

daß ein englisches Diplomaten-Ehepaar eine Hauslehrerin  für seine beiden

Kinder in Berlin suchte und diese Stelle übernahm.Von dem dort verdien-

ten Geld studierte sie gleichzeitig Germanistik und Anglistik und traf in

Berlin zufällig Else wieder, die geheiratet hatte. und ihrem Mann nach

Berlin gefolgt war, da er als bekannter Kommunist inzwischen in den

Untergrund fliehen  mußte. Beide waren jetzt verheiratet, sie hieß nun

Zaisser, und da Vater Günther inzwischen auch in Berlin studierte, wurden

beide jungen Ehepaare für ein paar Jahre in Berlin enge Freunde. Jedoch

jetzt war Else Zaisser Ministerin  für Erziehung, kam jedes Jahr zur Kur

nach  Bad Liebenstein  und stand wieder mit Magda in freundschaftlicher

Verbindung. Um Hilfe gebeten, verfügte sie weiteren Schullbesuch, jedoch

im Internat. Franz ging nun in die „Salzmann-Schule“  bei Schnepfenthal.


28. Kapitel     
Z U  G O E T H E S  G E B U R T S T A G  C H R I S T I A N E


Ein unbeschreibliches  und völlig neues Glücksgefühl durchströmte Dada ,

und gab ihrem Körper plötzlich alle Kraft und Lebensenergie zurück, die

sie im Laufe des stundenlangen Kampfes um das Leben eines neuen ,

kleinen Lebewesens fast verloren hatte.  Nachdem die Helfer,  der Vater ,

die Hebamme und auch Arno das Zimmer verlassen hatten,  damit sie sich

nun erholen möge,  war sie mit ihrem kleinen Weltwunder , das neben ihr

in ihrer weißen Puppenwiege lag,  endlich allein. Aber das inzwischen

rosige Dingelchen mochte sich auch noch nicht ausruhen, sondern

versuchte krampfhaft aber vergeblich,  mit leisen Unmutsbekundungen ,

aus seinen winzigen Fäustchen  etwas heraus zu saugen  Da konnte Dada

nicht mehr widerstehen und holte sich das kleine Bündelchen in ihr Bett ,

¬¬um schon mal zu versuchen,  was,  um die Mutter zu schonen,  erst für den

kommenden Morgen vorgesehen war : Ob das Baby auch trinken würde ?

Aber dieser erste Versuch verlief alles andere als schwierig : Wie von

einem Magnet angezogen saugte sich das kleine Wesen an ihrer Brust

fest ,und sog alles, was es hier schon zu holen gab,  in sich ein,  bis es

ermüdet und zufrieden in ihren Armen einschlief und auch Dada die

Augen zufielen .


Erst am nächsten Morgen war die Hebamme die erste, die wieder

hereinkam, um das Neugeborene für den Tag fertig zu machen ,

und um nun auch schriftlich und amtlich festzuhalten : Ein kleines

Mädchen,  ein Sonntagskind,  Gewicht 3.2oo Gramm, wurde am

28.August  1955 in Merkers/Rhön  ,dem Geburtstag  von J.W.v.Goethe ,

geboren . Naheliegender Vorname – Christiane . Stillen ohne  Problem .

Nun erst durfte die ganze Familie das neue Familienmitglied  bewundern

und begutachten, wurden die Nichtanwesenden benachrichtigt.  Bald schon

gehörte  dieses Morgenritual zum gewohnten Tagesablauf, und das Baby

entwickelte sich prächtig. Einen  Wermutstropfen  gab es nur für Dada, daß

ihr Schwiegervater zwar die gewünschten Lebensmittelkarten geschickt

hatte,aber mit keinem Wort sein ertes Enkelkind erwähnt hatte. Sie sorgte

sich schon um das nun bald beginnende Zusammenleben in Jena .  

Als sie aber nach einiger Zeit dort einzogen,  gab es sogar  eine positive

Überraschung :  Die dortige  Oma hatte  von ihrem Geld, - Arnos Eltern

hatten getrennte Kassen,  -  als Empfangsgeschenk einen neuen,schönen

Kinderwagen , damals  200,00 Mark ,  gekauft,  und damit die Möglichkeit

und auch den Anlaß dazu geschaffen ,  gleich  gemeinsam einen kleinen ,

fröhlichen  Spaziergang zu machen .


Bald schon wurden sie hier von weiteren  positiven  Nachrichten erreicht :

Auch Hella war glückliche  Mutter eines gesunden Töchterchens, Cornelia,  

geworden,  und Thula hatte,  nachdem der Vater im Sommer mit ihr nach

Holland  fahren durfte,  sechs bildschöne,  kräftige  Welpen zur Welt

gebracht .


29. Kapitel            
A L L E R  A N F A N G    I S T    S C H W E R

Jetzt wohnte die kleine Familie nun  endlich zusammen !  Ihre

Schlafzimmermöbel ,  welche Dada von ihren Eltern bekommen hatte ,

waren nach Jena gebracht - , und im leergewordenen Studentenzimmer

aufgestellt worden . Arnos Zimmer wurde unverändert gemeinsames

Wohnzimmer, dazu nur  ein kleines Gitterställchen, in dem Christiane

sicher aufgehoben war .  Aber bei allem Glücksgefühl zeigte sich nun

doch auch ,  daß das Zusammenleben  garnicht so  selbstverständlich

funktioniert .  Als Dada , wie gewohnt , abends das Schlafzimmerfenster

öffnen wollte ,  protestierte Arno heftig , da er sich beim geringsten Zug

sofort erkälten würde .

Doch am nächsten Morgen eskalierten  die

unterschiedlichen Angewohnheiten sogar:  Dada hatte den Morgentisch

liebevoll  mit einem wunderschönen Keramikservice für zwei Personen ,

ein  Hochzeitsgeschenk,  gedeckt,   hatte aber,  auch wieder so ,  wie sie  es

gewohnt war, nur festes Vollkornbrot  auf den Tisch gestellt. Arno  jedoch

hatte morgens stets trockenen Kuchen vom Sonntag bekommen,den er sich  

dann beliebig süß bestreichen konnte . Nun aber wollte er wenigstens

ein Brötchen  haben . Während  des folgenden Disputs,  – wo sollte jetzt

ein Brötchen  herkommen ?? - , plötzlich ein heftiger  Knall , und eines der

hübschen blauen Täßchen mit den weißen Punkten fiel in Scherben

von der Wand . Arno hatte einen seiner unbeherrschten Jähzornsanfälle

demonstriert .  Dada überlegte blitzschnell : -  das Sevice war nun sowieso

wertlos  geworden - ,  und schon schmiß  sie auch das zweite Täßchen ,

und danach Stück für Stück hinterher , bis das ganze Service in Scherben

auf dem Boden lag . Arnos Augen waren immer größer geworden ,  doch

dann  ,  völlig verdutzt , holte er Besen und Kehrschaufel , sicher das

erste Mal in seinem Leben ,  und kehrte alles zusammen .

Aber die Lektion hatte für immer geholfen .

Aus Merkers kamen weiterhin überschwängliche Berichte über die

heranwachsenden Hundekinder. Aber leider kam nun auch die Zeit , daß

sie  weggegeben werden mußten . Wunsch war es natürlich ,  wenigstens

eins davon in der Familie zu behalten. Möglich aber  wäre das nur bei

ihnen .  Arnos Eltern gaben sogar ihr Einverständnis , allerdings in der

festen Überzeugung , daß es die gestrenge Vermieterin sowieso nicht

gestatten  würde ,Doch ,  oh Wunder,  als sich Dada dann ein Herz faßte

und die gefürchtete Hauseigentümerin fragte, bekam sie  die Erlaubnis ,

das  Hündchen ins Haus zu holen . Nachdem der holländische Züchter ,der

die erste Auswahl hatte ,sich Alf,  den kräftigsten  kleinen Rüden und eine

Hündin als Vergütung in Merkers geholt hatte ,durften sie als nächste

auswählen  und fuhren nach Merkers . Dort  angekommen,  begrüßte

sie  Franz mit einem dick angeschwollenen und verfärbten Ohr , und man

berichtete ihnen mit schlecht verhohlener Schadenfreude , daß er sich unter

einer Bank versteckt  hatte, um mit einem Stöckchen die kleinen Hunde  zu

necken . Aber unter seinem großen Geschrei habe ihn der kampfeslustige

kleine Alf am Ohr aus seinem Versteck hervorgezogen. Nun suchten sich  

Arno und Dada ihre  kleine Hündin aus, nannten sie Arkadia, und die erste

Begegnung der zwei künftigen Spielgefährten fiel stürmisch–liebevoll aus .


30.Kapitel               W E T T E R W E C H S E L     


Ein wunderschönes Frühjahr war zu Ende gegangen ,  die beiden Kleinen

hatten sich  bestens entwickelt , wobei das rasante Wachstum von Arka

immer wieder Erstaunen auslöste , und die beiden verstanden sich auch

ganz ohne Worte erfreulich gut. Aber Dadas bezahlte Freizeit ging zu Ende

und sie schaute schon nach einer Beschäftigung aus,  bei der Christiane

zu Hause bleiben könnte . Sie hatte Glück :  Die Universitäts-Zahnklinik

suchte dringend eine Nachtschwester und sie wurde umgehend eingestellt.

Ihre Arbeit dort , nachts als einzige Pflegekraft , war zwar recht

anstrengend  und anspruchsvoll , machte ihr aber auch viel Freude.

Vorallem die Kinder ,  mit denen sie hier garnicht gerechnet hatte , die

wegen Unfällen oder auch Mißbildungen hier operiert und behandelt

wurden ,  lagen ihr am Herzen. Wenn sie dann in aller Frühe wieder nach

Hause kam,  konnte sie ihr „Janchen“ erst noch stillen  und dann mit ihr

weiterschlafen ,  bis Arno zur Vorlesung ging .Auch ein kleiner täglicher

Spaziergang gehörte mit zumTagesablauf, und zu Dadas großer  Freude

schaute  auch ihr weltbekannter Mitbewohner,  Albert Sixtus , Autor des

Kinderbuches „Die Häschenschule“  immer mal herein .  Zu  Christianes

erstem Geburtstag  bewunderte er vorallem, daß das kleine Dingelchen die

Schlafliedchen , die es jeden Abend vorgesungen bekam, mit allen  Versen

völlig  richtig  mitsang. -  Irgendwarum aber bekam Arka wohl nachts bei

Dunkelheit Angstzustände, wenn auch Arno nicht da war. Sie reagierte mit

Durchfall und Dada mußte morgens als erstes das Zimmer wieder reinigen.   

Da sich das ständig wiederholte, wollte sie ihre Nachtwachen  aufgeben

und kündigen. Doch als sie dabei scherzhaft erwähnte, daß sie sonst  ja

ihre junge Dogge mitbringen  müsse , ein überraschendes Telefongespräch

beim Direktor der Zahnklinik , Professor Streuer , und sie durfte Arka nun

tatsächlich abends mitnehmen . Beim ersten Mal wollte man sie  allerdings

an der Pforte zum Klinikgelände  nicht durchlassen , aber auch hier ein  

kurzer Anruf , und nun durfte sie täglich,   auch mit freundlichem

Einverständnis der Pförtner,  in Begleitung  von  Arka , die dann  ruhig  

und brav in einem Abstellraum bis zum Morgen schlief , zu ihrem

nächtlichen Dienst gehen. Doch es  kam der November, der das Klima

veränderte,  nicht nur in der Natur.  Arnos  Studienfreunde,  mit denen er

oft zusammen gewesen war,  hatten sich zurückgezogen und bereiteten ihr

Staatsexamen vor . Aber Arno hatte sich noch garnicht um die dazu

erforderlichen Vorlesungsnachweise gekümmert und hatte es auch noch

garnicht vor. Da beendete Dada ihre  Tätigkeit nun doch, so schnell es

eben ging, um ihn dabei zu unterstützen. Bis auf zwei Nebenfächer war das

dann auch bald  geschafft, doch hier fehlten Vorlesungen , für die er sein

Studium wohl oder übel um ein Semester verlängern mußte. Inzwischen

hatte   die Vorweihnachtszeit  begonnen , und so wurde die Stimmung

wieder  gelöster ,  denn das erste bewußte Weihnachtsfest  für die kleine

Christiane  sollte ja besonders schön werden .

31.Kapitel    
E I N   G E T R E N N T E R   J A H R E S B E G I N N

Endlich war der ersehnte Tag gekommen :  Man erwartete den heiligen

Abend. Dada hatte das Wohnzimmer bereits  auf Hochglanz gebracht  und

Arno den großen Weihnachtsbaum , bis zur Decke,  aufgestellt  und

wunderschön  bunt und glitzernd geschmückt , während  die kleine

Christiane  nun schon ganz sicher in ihrem Ställchen stand und staunend

die ungewohnte Betriebsamkeit verfolgte . Jetzt aber war alles vorbereitet,

und der Tisch  konnte für das Festessen gedeckt werden. Doch da stellte

Dada fest, daß kein Senf, der heute jedoch gebraucht wurde, im Haus war .

Doch  kein Problem, - das kleine Lädchen gegenüber hatte noch auf.  Sie

stellte die angebrochene Mehltüte, die sie gerade in der Hand hatte,

schnell  auf den Schreibtisch, um noch schnell Senf zu holen .Als sie nach

fünf Minuten wieder da war,  erwartete  sie fast  eine Schneelandschaft :

Janchen steht im Ställchen  und schwenkt, vor Vergnügen laut quieksend ,

die nun fast leere Mehltüte über ihrem Kopf  und läßt  es schneien ,

während  Arka, die sie ihr ins Ställchen geholt  hatte,  wie ein Wilder

durch die weiße Pracht und über die Polstermöbel springt !- Es wurde aber

trotzdem noch ein schöner und fröhlicher  Weihnachtsabend. Als aber am

nächsten Morgen lautes Klirren im Nebenraum die Familie aus dem Schlaf

schreckte , und  Dada,  schon mit böser Ahnung,  das Wohnzimmer,  in

dem  auch Arka schlief , betrat , und der schöne Baum in seiner ganzen

Größe,mit den vielen, nun zerbrochenen Kugeln auf dem Teppich lag,fand

sie das doch, als heimliche Strafe für alle ihre Sünden, etwas übertrieben!

Bald schon mußten die Vorbereitungen für den Jahreswechsel getroffen

werden.

Die Merkerser Eltern hatten ihnen zu Weihnachten schon Geld als

Unterstützung geschenkt ,denn wie schon im Vorjahr,  sollte zu Sylvester

die  gemeinsame Doppelkopfkasse mit Paten-Ehepaar Krause  in Weimar,

im „Elefanten“ wieder geleert werden. Arnos Schwester Herthi, die auch

bei ihren Eltern wohnte, würde während ihrer Abwesenheit,  für einen

späteren  kleinen  Restaurant-Besuch,  Kind und Hund betreuen.

Aber Arno

hatte dieses  Jahr nicht die geringste Lust dazu.  Als am Vorabend  Dada

vom Spaziergang  mit  den beiden Kleinen zurückkam , war er einfach

fortgegangen und kam erst nach Mitternacht zurück .  Am nächsten  

Morgen stellte sich dann heraus, daß er bereits  mit Herthi groß

ausgegangen -,   und das Geldgeschenk  aufgebraucht war ,  Nun gab es

laute Auseinandersetzungen , die bis zu Arnos Vater drangen, der sich jetzt

einschaltete  und kategorisch feststellte , daß an der ganzen schwierigen

Situation  nur  Frau und  Kind schuld seien.

Da zögerte Dada nicht mehr ,

packte das Wichtigste zusammen  und fuhr mit ihrem Kind nach Merkers .

Hier waren die Eltern  schon nach Weimar fortgefahren  und  sie brauchte  

erstmal  keine großen Erklärungen abzugeben . Aber als dann nachts die

Glocken läuteten  und das neue Jahr begann, wurde es ihr zur Gewißheit,

daß  sie in diesem  kommenden Jahr nicht mehr in Jena wohnen würde . 



32.Kapitel     

U M Z U G   N A C H   N E U S T A D T / O R L A

Die darauf folgende Zeit verlief  erstaunlich  problemlos .  Hella,  die  an
der Berufsschule in Pößneck Schwesternschülerinnen ,  welche  in einer
großen Wochenkrippe  im nahegelegenen Neustadt/Orla  ausgebildet
wurden,  in den medizinischen  Fächern unterrichtete ,   hatte  mitgeteilt ,
daß  diese Krippe eine Lehrausbilderin suche .  Dada bewarb  sich
umgehend und bekam  schon am Ende der Woche Post .  Als erstes  einen
lieben Entschuldigungsbrief von Arno ,  der sich zwar sonst von jeglichen
Problemen  kaum beeindrucken  ließ , aber Spannungen in  der
Partnerschaft nicht lange ertragen konnte  und immer sofort bereit zur
Versöhnung war . Doch dann kam ein ganzer Packen Briefe ,  sechs
dicke Umschläge, zwar alle von  Neustadt -  allerdings von  verschiedenen!
Dada hatte in ihrer Unkenntnis,  wieviele  Neustadts es gibt,  bei ihrem
Anschreiben  nicht  „ Orla “  zugefügt . So war dieses  wohl bis zum
suchenden Neustadt weitergereicht worden,  und  alle boten ihr Arbeit an.
Doch auch von Neustadt/Orla war eine freundliche Zusage dabei,  mit der
gleichzeitigen Ankündigung,  daß man den baldigen Umzug  bereits
vorbereiten  würde. Schon Anfang März könne sie zwei kleine Räume ,
Wohnküche und Schlafzimmer,  in einem Einfamilienhaus der  Familie
Poser  am Stadtrand mit  Kind und Hund beziehen . -  Es wurde  ein kalter,
regnerischer Märztag,  durch Zufall ihr zweiter Hochzeitstag,  an den aber
wohl keiner dachte,  an dem Dada und Christiane ,  im Umzugsfahrzeug
mitfahrend,  zuerst die Schafzimmermöbel und Arka in Jena abholten .
Arno konnte  zwar beim Einladen helfen , mußte aber in Jena bleiben ,
da sein Examen begonnen hatte.    So  kam Dada abends allein  mit Kind ,
Hund, und  dem feuchtgewordenen Mobiliar in ihre  kalten Zimmerchen,
die beiden  Möbelträger hatten  ihr  netterweise  noch ihr Bett aufgestellt ,
und suchte nun hastig  alles,  was sie an hölzernen Brettchen, Löffeln und
anderen Gerätschaften besaß , zusammen , um in einem Öfchen wenigstens
etwas wärmendes Feuer machen zu können .  Auf einer kleinen  Heizplatte
konnte sie dann  auch Wasser und Babynahrung erwärmen .  Aber gleich
am nächsten Morgen  bot das überaus freundliche  und hilfsbereite
Vermieterehepaar seine Unterstützung an.  Alle Schwierigkeiten waren in
kurzer Zeit bewältigt und auch der Tagesablauf geregelt :  Ein Betriebs -
Fahrzeug  holte sie morgens ab ,  brachte erst Arka zu Hella und dann
Dada und Christiane in die Kindereinrichtung , wo die Kleine mit den
andern Kindern betreut wurde und Dada sich um ihre Schülerinnen
kümmern konnte ,  zumal sie auch in den Berufsschulunterricht integriert
wurde.Während der  Wochenenden kam Arno  meistens .  Er schloß im
Herbst  erfolgreich sein Studium  ab und absolvierte anschließend die
sechs Monate seiner chirurgischen   Pflichtassistenz  im Pößnecker
Krankenhaus  . Die zweite Hälfte,  nämlich sechs Monate  Assistenz
in einer  internen  Einrichtung,   konnte er dann  in dem etwa zwanzig
Kilometer von Neustadt entfernten Ranis  in einer  sehr renommierten
Klinik für Herzerkrankungen,   ableisten ,   und dadurch  auch seinen
Wohnsitz nun endgültig  mit nach Neustadt  verlegen .


33.Kapitel 

A R N O   W I R D   S T A T I O N S A R Z T   I N   R A N I S

Die Freude an der wiedergewonnenen Gemeinsamkeit und der neuen,
interessanten  Arbeit war  jedoch nur von kurzer Dauer . Arno steckte   sich
mit einer Infektiösen Gelbsucht  an  und mußte  sich für gut drei Wochen
nun erst selbst auf einer Isolierstation  behandeln lassen . Dada begleitete
ihn bei der Einweisung .  Aber als sie nach Neustadt zurückkam und Herrn
Poser im gemeinsamen Vorflur traf , der sie,  wie immer,   mit Handschlag
begrüßen  und sich nach Arno erkundigen wollte , sprang Arka, die man
bisher nur als zurückhaltendes, freundliches Tier kannte , völlig unerwartet
knurrend dazwischen. In Arkas Beisein durfte nun niemand mehr,  genau ,
bis Arno als Patient entlassen wurde,  Dada anfassen,  obwohl der ja sonst
auch oft abwesend war.   Erst nach drei Wochen aber  durfte Arno wieder
arbeiten .  Diese Wochen wurden eine wunderschöne gemeinsame Zeit für
sie mit weiten  Spaziergängen  in die rings umliegenden Wälder,  in denen
sie als zusätzliche Freude massenhaft Heidelbeeren pflücken konnten.Doch
dann kehrte der Alltag zurück,  und Arno fuhr täglich  zum Dienst.  Seine
Tätgkeit dort sagte ihm so zu ,  daß er sich immer mehr dafür  entschied,
Internist zu werden und zur Ausbildung möglichst in Ranis zu bleiben .
Doch eines abends kam er überglücklich nach Hause : Er brauchte nicht zu
fragen ! – Der Chefarzt hatte ihn lobend angesprochen und ihn gefragt, ob
er nicht bleiben wolle . Dr.Muselmann bot ihm eine Stelle als Stationsarzt
an, sowie auch  eine geräumige Wohnung in der unteren Etage einer Villa ,
in der bisher  der Oberarzt  wohnte,  der inzwischen  selbst gebaut hatte.
Schon nach kurzer Zeit fand der Umzug nach Ranis statt.  Ein kleiner
Kredit mußte  aufgenommen werden, um alle Zimmer zu möbelieren,
und alle waren glücklich  und genossen die großen Verbesserungen.  Eine
Aufregung aber gab es doch noch. Arka war wohl mit dem Hinterlauf
in irgendeine  Vertiefung gerutscht und hatte sich mit einer  Scherbe die
Pfote aufgeschnitten. Sie kam stark blutend hereingerannt  und sprang,
im Bewußtsein ihrer Hilfsbedürftigkeit, auf die neuerworbene  Couch,  und
war absolut nicht dazu zu bewegen, diese zu verlassen, bis die Pfote
versorgt und verbunden war. Nur die  Blutlache auf dem Polster hinterließ,
trotz aller Bemühungen,  ihre Spuren als kleines Andenken.  Als nächsten
Schock aber erreichte  sie die einschneidende Nachricht, daß Schwager
Dick, die Familie wohnte ja in Pößneck, - nun zu ihrer  großen Freude ganz
in ihrer Nähe, -  mit seiner Familie die DDR verlassen habe . Er hatte ihnen
kürzlich  zwar aufgebracht berichtet, daß er mit dem Verwaltungsleiter  des
Krankenhauses eine böse Auseinandersetzung gehabt habe , der ihm
dann zum Schluß als Zeichen seiner absoluten Überlegenheit verkündete ,
er solle sich doch nicht etwa einbilden , daß seine Kinder so  einmal zur
Oberschule  kämen ! -    Trotzdem  waren sie jetzt  völlig  überrascht, daß
die Familie daraufhin,  nur mit Handgepäck, ohne  irgendjemandem, nicht
einmal ihnen , ihren Angehörigen , auch nur  andeutungsweise  ihre
Absicht  zu verraten , die DDR  über Berlin verlassen hatte.  Ihre
finanzielle Hinterlassenschaft  kam  nun  auf ein Sperrkonto  und die
Wohnungseinrichtung  wurde amtlich verkauft. Auch sie kauften dort für
2OOM  einen Teppich,  ein Erbe ihrer  Berliner  Großeltern,  zurück .
Fast zur gleichen Zeit wurde Franz in Jena exmatrikuliert .Er hatte aus
humanistischen Gründen einen Dienst mit Waffe für sich abgelehnt  und
hatte obendrein im Großbetrieb von  Vaters  Cousin  in Dortmund während
der Ferien gearbeitet und sich  vom Lohn moderne Klamotten gekauft !  -
Nach einem Jahr Arbeit in der Produktion  und  geänderter Einstellung
dürfe er  eventuell weiter studieren . -  Aber, er studierte sofort weiter.
Jedoch im Westen.-  So wurde ihre strahlende Stimmung etwas gedämpft.
Wenn Arno auch weiterhin in seiner Berufsarbeit aufging,  das Privatleben
war nun doch recht isoliert. Wie zum Trost kamen aber dann in der
Weihnachtszeit Westpakete, deren köstlicher Inhalt, den es in der DDR so
nicht zu kaufen gab,sorgsam auf- und eingeteilt wurde.Dadurch sorgte ihr
schlaues Töchterchen für Heiterkeit im Städtchen:   Im nahen HO-Laden
hatte es zu Weihnachten eine Bananenzuteilung  gegeben. Sofort hatte sich
dort eine lange Warteschlange  gebildet. Auch Christiane wurde geschickt,
um das Familiendeputat, eine Banane pro Person, abzuholen. Dort lief sie
gleich nach vorne zur Verkäuferin, wurde von dieser aber ans Ende der
Schlange geschickt und wartete  nun brav, bis sie an der Reihe war .
Jetzt wurde sie von der Verkäuferin nicht nur gelobt, sondern sollte sogar
von ihr belohnt werden: „Nun  bekommst du von mir aber auch ein
besonders  feines   Bonbon!“   Christianes  lautes , helles Stimmchen
hallte durch den ganzen,vollen Laden mit ihrer sachkundigen  Frage :
„Ach, das ist wohl aus dem Westen??“


34.Kapitel                 D I E   H E I M A T   R U F T
Das erste Jahr von Arnos Facharztausbildung ging dem Ende zu und war
erfreulich positiv verlaufen. Gerade wurden schon die Urlaubspläne für das
kommende Jahr besprochen , da klingelte abends das Telefon und Dadas
Vater machte mit einer Anfrage alle Pläne wieder zunichte.   Er hatte
1954 seine Praxis aufgegeben und arbeitete seit dieser Zeit als Betriebsarzt
in der 1950 neugebauten Poliklinik des Kaliwerkes. Da seit 1958 die drei
Rhön-Kaliwerke der Orte Merkers, Dorndorf und Unterbreizbach zu einem
Kombinat , dem VEB , „Volkseigener Betrieb Kalikombinat Werra “,
vereinigt worden waren, war es auch Merkerser Problem, daß der Arzt der
Unterbreizbacher Betriebsambulanz wegen eines Zerwürfnisses mit der
Betriebsleitung mit sofortiger Wirkung gekündigt hatte . Da aber Ort und
Werk im Grenzgebiet lägen, konnte trotz aller Bemühungen und bester
Angebote bisher kein Nachfolger gefunden werden.  Aufgaben dort wären:
Notfallversorgung, Behandlung und Vorsorgeuntersuchungen von etwa
zweitausend Kalikumpeln  und Betriebsangestellten  als leitender  Arzt
einer Betriebsambulanz mit Tag- und Nachtbesetzung, einem Labor sowie
mit dem entsprechende Personal. Als ärztliche Hilfe eine Arzthelferin, die
unter ärztlicher  Verantwortung arbeiten und auch vertreten darf. Dazu  ein
Z 3 –Vertrag (bis zu drei Stunden täglich Zusatzarbeit) zur Vollversorgung
der Orte Unterbreizbach, ( ca.3.500 Einw.)  und Pferdsdorf, (ca.600 Einw.)
Zusätzlich der  Grenzzuschlag,  vom Werk einen Dienstwagen mit Fahrer ,
und eine Werkswohnung mit Fernheizung. Würde Arno das übernehmen ?
Die Versuchung war trotz des immensen Arbeitsfeldes sehr groß.Als dann
noch geklärt war,daß er auch hier einen Facharztabschluß, nämlich für
„Allgemein Medizin“ ,machen könne , und daß das vergangene Jahr hierzu
angerechnet würde und  ihm die Zeit zur Beendigung seiner Doktorarbeit
eingeräumt würde, sagte er zu. Besonders aber, um wieder in der Nähe von
befreundeten Menschen zu wohnen, zumal ihm sein Chefarzt den schnellen
Wechsel voller Verständnis gestattete. Für Dada wurde der Abschied durch
einen unerwarteten Besuch erleichtert.  Eine der Zahnarztgattinnen,  mit
denen sie kaum Kontakt gehabt hatte,  wollte nur kurz einmal bei ihr herein
schauen.  Nach ein paar freundlichen Floskeln aber wurde ihre Stimme
weinerlich:  Sie könne es nicht mehr ertragen ,  – jeder hier,  außer  ihr ,
wüßte, daß die unverheiratete  Laborleiterin, die bei jedem neuen Arzt  des
Hauses ihr Glück versuchen - ,  und meist auch finden würde, auch ihren
Mann  mit Erfolg in ihr Liebesnest im Labor gelockt hätte !! -     Doch der
erwartete  Nervenzusammenbruch blieb aus, und die lapidare Bemerkung
von Dada,  daß es wohl  auch andere Gründe gäbe,  um sich im Labor
aufzuhalten , irritierten sie sichtlich .Mit ernster Miene zog sie von dannen.
Als Dada am Abend ihrem Mann von dem Besuch und der Verdächtigung
erzählte,  ließ sein äußerst genervtes  : „ So ein Quatsch !“  keinerlei
Fragen oder Diskussionen  mehr zu .  Aber Dada war nun froh,  daß sie
diese Gerüchteküche  bald verlassen  würden .


35.Kapitel      
T S C H Ü ß   -   U N D   A U F   W I E D E R S E H E N  !

Das unerwartete und baldige Verlassen von Ranis ließ nicht viel Zeit zum
Verabschieden.  Doch das regelmäßige Treffen der Ärzte zum
wöchentlichen  Kegelabend erwies  sich als günstige Gelegenheit
für  eine  kleine  Abschiedsfeier . Um die am  Anfang  etwas
wehmütige Stimmung  aufzuheitern ,  rief Fahrer Rommel zwei
Episoden aus der Vergangenheit  des Klubs ,  die  ihn bis heute  noch
belustigten,   zurück ins Gedächtnis der Kegelbrüder . Vor Jahren  hatten
diese sich bei der Planung einer Ausflugsfahrt so heftig zerstritten,  daß
einige  von ihnen nicht mitfuhren , aber auf Rache sannen.  Da sie ja  die
Fahrroute  kannten,  auch, wo die entsprechenden Mahlzeiten bestellt
worden waren,  riefen sie dort nun überall an,  um „ vorsichtshalber zu
informieren“ , daß es sich bei der angemeldeten Gruppe  um geheilte
Alkoholiker  handeln würde, die keinen Tropfen Alkohol bekommen
dürften. Es  ginge  hier nun um eine  Probe-  und  Bewährungsfahrt.
Aber sollte doch  ein Teilnehmer gegen ihre Vereinbarungen  ein
alkoholisches Getränk bestellen und bekommen, könnte das unabsehbare
Folgen haben! - - - Während ihrer  Fahrt  mußten die  enttäuschten
Ausflügler  sich nun  tatsächlich  mit Saft und Selters begnügen, und
wunderten  sich nur,  daß  überall  die alkoholischen Getränke  gerade
zu Ende gegangen  waren !

Doch in die zweite Geschichte war Rommel selbst verwickelt.  Auch hier
ging es um Schwierigkeiten bei der Fahrtplanung.  Aber diesmal durch die
Ehefrauen,  die unbedingt auch einmal mitfahren wollten .  Nach langen
Diskussionen einigte  man sich endlich darauf ,  daß die  Frauen in dem
notwendigen  Anhänger - ,  im Bus aber nur die Männer,   fahren sollten .
Dann  war der ersehnte Tag gekommen, und  , wie besprochen , warteten
alle gespannt auf die Abfahrt.   Endlich fuhr dann  der Bus los  -  doch,  der
Anhänger  mit den Frauen blieb stehen ! - - - Auf heftiges Drängen der
Männer hatte der Fahrer ihn heimlich   und unbemerkt  abgekoppelt .
Und grinsend ergänzte Rommel, daß es ganz schön lange gedauert
hätte , bis er bei Dunkelheit  wieder furchtlos auf die Straße gehen konnte .
Inzwischen vergeben und vergessen,  hatte die Story die Stimmung belebt ,
und schon machte man Pläne für ein Wiedersehen  und Treffen zu einem
Turnier  mit dem Keglklub in Merkers , in dem Arnos Schwiegervater
schon jahrelang  verankert war, und mit  dem man bereits  Verbindung
hatte .  Schwerer aber fiel Arno später die Verabschiedung von den
Patienten  seiner Station. Doch auch hier gab es durch Zufall einen heiteren
Abschluß :  Einer seiner Patienten fand es zwar höchst bedauerlich . daß
Arno sie hier verließ ,  -  aber umso mehr freue er sich für seine Tochter ,
die  nämlich in der Rhön als Gemeindeschwester  arbeiten würde,
kurioserweise  ausgerechnet in dem Ort  Unterbreizbach

36. Kapitel  Z U R Ü C K    I N  D I E  R H Ö N
Kurz vor Weihnachten  fuhren  Arno und Dada nun mit Kind und Hund
zu den Eltern nach Merkers, um nach den Festtagen  Christiane zu ihrer
Patentante nach Bad Salzungen zu bringen, die ihnen jederzeit hilfreich zur
Seite stand,  und  Arka  bei den Eltern zu lassen,  um dann in Ranis  den
Umzug vorzubereiten, und freuten sich schon auf die unbeschwerten und
fröhlichen Weihnachtstage .  Doch die übliche erwartungsfrohe Stimmung
war dieses Jahr recht gedämpft,  denn inzwischen hatte  sich auch Friedel
aus der Bundesrepublik gemeldet.  Sie hatte im Juli 1958  trotz mehrerer
langwieriger Krankenhausaufenthalte  an der Bad Salzunger Oberschule
ihr Abitur zwar recht gut geschafft, wurde aber indirekt schon  darauf
hingewiesen,  daß sie sich  mit Oppositionsgeist und ohne Mitglied
der  FDJ  zu sein,  nicht um einen Studienplatz zu bewerben brauche.
Daher machte sie ein Praktkum im Labor des ihr als ehemaliger Patientin
gut bekannten  Städtischen Krankenhauses  in Jena , und da es ihr dort sehr
gut gefiel und Chefarzt Dr.Rümmler ihr die Ausbildung als  MTA
(Medizinsch-Technische-Assistentin)  anbot,  beantragte  sie diese .  Doch
auch  das wurde ihr verwehrt .  Da packte sie umgehend ihre Koffer und
inzwischen konnte sie in Göttingen ihr Wunschfach Psychologie studieren.
In Ranis wurde nun gleich  nach  Neujahr der Möbelwagen beladen ,  mit
dem  auch das junge Ehepaar bis nach Merkers mitfuhr, denn von hier aus
sollte sie ein Werkswagen abholen, um dann gemeinsam zur neuen
Wohnung nach Unterbreizbach zu fahren.  Ohne großen Abschieds-
schmerz, da sie ja in Ranis kaum Wurzeln geschlagen hatten,  überfiel
sie aber,  als sie an den  „Drei Gleichen“ vorbei fuhren, eine  innige
Willkommensfreude :  Jetzt kamen  sie wieder in ihre alte Heimat !
In Merkers wurden sie schon von dem Cheffahrer des Kalibetriebes ,
Erich Thimm,  erwartet,  der sie vor eventuellen Schwierigkeiten bei ihrer
ersten Einfahrt ins Grenzgebiet bewahren sollte.  Nach kurzer Pause
ging die Fahrt weiter. Doch als sie sich  hinter dem Ort Dorndorf der
Kontrollstelle näherten und der schier endlos scheinende Stacheldraht-
Sperrzaun ,  sich mitten durch das Land ziehend,  vor ihnen lag, während
die uniformierten  Soldaten sie zum Halten aufforderten,  wurde
ihnen erstmals beklemmend bewußt, wie isoliert sie hier im
Sperrgebiet zukünftig leben würden, da ja  nur ihre  Verwandten ersten
Grades  vier Wochen nach einem schriftlichen Antrag für eine besimmte
und jeweils nur kurze Zeit zu Besuch kommen durften.  Aber das hatten
sie ja schon vorher gewußt,  und so verflog die bedrückte Stimmung
schnell wieder und sie fuhren erwartungsfroh ihrem neuen Leben und
dem zukünftigen  Arbeitsfeld entgegen .

37.Kapitel      NUN  KALI - DOK  UND  SEINE  DOKTERSCHE
Am Kornberg in Unterbreizbach,  an  einer ehemaligen Direktorenvilla,
der jetzigen  Betriebsambulanz  des  Kaliwerkes, gut angekommen, machte
sie ihr netter, um eine freundliche Aufnahme besorgte Fahrer Thimm ,
auf seine fast väterlich freundliche  Art in der unteren  Ambulanz - Etage
des Hauses  gleich  mit den gerade diensthabenden medizinischen Helfern
bekannt . Vorallem mit dem  leitenden  Sanitäter  Paul  Bronnert  sowie
der   Laborantin Erika Lippert, an die sie sich nun jederzeit mit
Fragen oder Anliegen wenden könnten . Schon wurde der Möbelwagen
leergeräumt , und  das im Dachgeschoß wohnende Hausmeister-Ehepaar
kam auch herunter, um zu helfen. Nun  verwandelte sich die obere Etage
langsam in eine bereits recht gemütliche  Wohnung,  besonders durch
einen herrlich großen Balkon am Wohnzimmer ideal für Kind und Hund ,
die ja jetzt  auch bald geholt werden konnten. Inzwischen war auch Arnos
wichtigste Mitarbeiterin, die Arzthelferin Gerda Träger, die in dem
Vierfamilien-Haus der Ambulanz gegenüber eine Wohnung  bewohnte ,
zur Begüßung herüber gekommen. „ Arzthelfer“  war in der DDR ein
Zwischenberuf,  in  dem hochqualifizierte  Pflegekräfte nach  einer
zusätzlichen zweijährigen Ausbildung , unter Aufsicht und Verantwortung
eines Arztes, beschränkt ärztlich arbeiten durften.

Dadurch  konnte hier
unter ihrer Regie der wichtigste Versorgungsbetrieb  bisher weiterlaufen .
Schon am nächsten Tag konnte Arno seine Tätigkeit ohne  Schwierigkeiten
aufnehmen.  Seine Sekretärin, Schwester Lieselotte Lübbert,  und
sicher  auch sein aus Ranis vorausgeeilter  guter Ruf,  ermöglichten  ihm
sogleich  ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinen ersten Patienten. Aus
der Werksgarage traf dann sein zukünftiger  Fahrer . Paul Jendritzki, mit
einem älteren  DKW  ein , nun sein Dienstwagen, und sie fuhren, um die
anstehenden und neu angemeldeten Hausbesuche zu machen, ins Dorf und
nach Pferdsdorf . Auf diese  Weise spielte sich fast unmerklich der Alltag
ein. Aber nur wenige Tage später riß ein Anruf mitten in der Nacht das
Ehepaar aus  seiner glücklichen Zufriedenheit.  Ein verzweifelter Vater rief
nach sofortiger Hilfe. Ihr kleiner Säugling,der abends noch völlig in
Ordnung schien, würde plötzlich nach Luft ringen und wäre schon ganz
blau angelaufen. Der schnell angerufene Fahrer brachte den Arzt
umgehend zu dem Kind,  aber Arno konnte weder eine Ursache
feststellen noch  helfen.  Da kein Krankenwagen in der Nähe war,
fuhren sie das Kindchen  in höchster Eile zum  nahegelegenen  Vachaer
Krankenhaus ,  aber es verstarb  noch während der Fahrt.

Eine Obduktion  wurde  angeordnet, doch  die Zeitspanne , bis das
Ergebnis mitgeteilt  wurde, wurde eine fast unerträgliche Belastung  für
den jungen Arzt und seine Frau durch die quälende Frage, ob er das Kind
nicht doch hätte retten können und vielleicht etwas versäumt habe. Jedoch
der Befund entlastete ihn dann völlig. Todesursache war eine tuberkulöse
Sepsis, eine meist tödliche Blutvergiftung, durch Ansteckung verursacht .
Ermittelt wurde : die Hebamme der Entbindungsstation hatte Tuberkulose .
Bei den überdurchschnittlichen  Arbeitsanforderungen dieser Arztstelle ,
doch  Arnos Ehrgeiz, das in Ranis  Erlernte  auch weiter anzuwenden, war
es gerade jetzt zu Beginn recht günstig, daß Dada noch keine Arbeit
aufgenommen hatte,  und ihn so jederzeit aus freien Stücken unterstützen
konnte.  Besonders die Herz-Kreislauf  Beschwerden durch  körperliche
Überlastung,  in der Landwirtschaft ja recht häufig,  konnten in der Klinik
durch eine tägliche Veneninjektion in etwa dreiWochen sichtbar gemildert
werden, für die seine Zeit jedoch nicht ausreichte , Da aber auch Dada
die Befähigung und Spritzerlaubnis   dazu erworben hatte , konnte
manchem  Patienten  auch zu Hause  geholfen werden,    und für sie war
es eine willkommene Gelegenheit, Ort und Menschen hier kennen zu
lernen .

So war sie eines Tages gerade auf einem kleinen Bauernhof in
der Friedhofstraße dabei, der Äller, also der Altbäurin,  eine solche
„Herzspritze“ zu geben, während Tochter und Enkelchen  interessiert
zuschauten, als  die  kleine Sylvia leise, aber unüberhörbar ihrer Mutter
zuflüsterte : „Mama, gell,  die  Doktersche macht das  prima“ .  – Betretenes  Schweigen , - und ein heimlicher Knuff der Mutter.   Doch die Kleine flüsterte   unverdrossen weiter : „Gell,  die  Doktersche kann das!“  Aber da war Dada gerade mit Spritzen fertig,  und konnte die Frauen lachend damit beruhigen, daß auch sie ja in einem Rhöndorf groß geworden sei, wo die Frau des Dorfarztes  die „Doktersche“  war .          Ganz im Gegenteil“,  fügte sie vergnügt hinzu, „ jetzt fühle ich mich erst so
richtig hier zu Hause“ !




38.Kapitel  WEICHENSTELLUNG
Doch der Besuch des örtlichen Schulleiters  Lietz veränderte die Situation
schon  bald  : „Ich habe gehört , Sie haben ein Germanistik-Pädagogik
Studium an der Uni Jena nach vier Semestern unterbrechen  müssen ?  Hier
am Ort habe ich nächstes Schuljahr das Problem,  daß ich für unsere erste
zehnte  Klasse,die seit Einführung der „Polytechnischen Zehnjahresschule“
ihren Abschluß macht, noch keinen Deutschlehrer habe.  -  Falls Sie diesen
Unterricht übernehmen würden, könnten Sie während dieser Zeit Ihr
Studium extern  am  „Pädagogischen Institut“ in Erfurt mit einem
Fernstudium  abschließen “. -  Dada war zwar völlig überrascht, sagte aber
natürlich  sofort zu.    Doch als er dann, etwas verlegen, noch  fragte,
ob sie eventuell auch den Musikunterricht übernehmen würde, denn einen
Musiklehrer habe die Schule leider auch noch nicht  gefunden , war ihre
Freude vollkommen. Musik war schon in ihrer Kindheit wie ein Zauber für
sie gewesen und das gemeinsame Singen in der Familie ihr  Inbegriff von
Nestwärme. Schon vor ihrer Schulzeit probierte sie auf dem Klavier oder
einer kleinen Ziehharmonika so lange, bis sie die Melodie aller der  ihr
bekannten  Lieder mit ,zwar recht primitiver,  Begleitung richtig spielen
konnte, und seit ihrer gemeinsamen Schulzeit war die Musik mit das
wichtigste  Bindeglied  von  ihr zu  ihrem  musikalisch fast professionell
ausgebildeten Lebenspartner . Um mit Töchterchen Christiane zu singen ,
hatte sie sich bereits auf seinem Akkordeon  recht gut  eingespielt,
was ihr beim Unterrichten sicherlich  auch sehr  helfen würde .  Daher
zerstreute sie die Sorgen des Direktors bedenkenlos mit einem freudigen ,
zweiten  „Ja!“  ,  welches wohl den gesamten weiteren Lebensweg in
Unterbreizbach  beeinflussen sollte .


39. Kapitel  Phh !   MACHENSES  UNS  DOCH  VOR !!
Ihr  Neuanfang zum Schuljahresbeginn gestaltete sich  für Dada recht
abwechslungsreich und anstrengend . Zu Beginn erolgte in Erfurt die
Aufnahme des Fernstudiums, welches sie nun mit hundertundzwanzig
weiteren Teilnehmern  begann.. Danach folgte in der Schule die
Vorbereitungswoche und sie lernte das Lehrerkollegium kennen und
fühlte sich dort gut aufgenommen. Hier wurde ihr nun mitgeteilt, daß sie in  zwei Klassen den Deutsch- und  Musikunterricht erteilen solle. Der  Klasse
Zehn  mit nur zwölf  Schülern , aber auch  der Riesenklasse  Sieben  mit
vierundvierzig Schülern, die sie auch als Klassenlehrerin betreuen solle .
Das bedeutete zusätzlich, bald einen Elternabend  durchzuführen  und
vierundvierzig  Elternbesuche  zu machen . Mit freudiger Erwartung  ging
Dada  an die Erfüllung dieser Aufgaben, doch als sie im Sekretariat  ihren
Elternabend  anmelden wollte, erlebte sie erstmals auch eine Enttäuschung:
Sie erfuhr, daß es üblich sei,  vor der offiziellen  Elternversammlung die
„Genossen Eltern“ einzuladen, um sie als erste  zu informieren  und ihre
Meinung zu erfragen. Doch danach verlief dann alles problemlos und nach
ihren  Vorstellungen, nämlich mit der unbedingten  Gleichbehandlung
aller ihrer Schüler und deren Eltern .
Nicht ganz einfach aber gestaltete sich der Beginn in  ihrer  übergroßen
Siebten Klasse, in der nur ein Schüler zur Teilung fehlte, und in der kein
Klassenlehrer länger als ein Jahr geblieben war.   Leistungen und
Disziplin ließen daher sehr zu wünschen übrig. Aber Dada nahm ihre
Aufgabe,  diese  dreizehn-  bis  vierzehnjahrigen  Kinder  positiv  zu
formen, mit den besten Vorsätzen an . Sie spürte schnell,  daß die hübsche
blondlockige Martha, schon ein bißchen  „Junge Dame“ , in der Klasse
recht beliebt war und vorwiegend hier den Ton angab. Da Martha eine sehr
gute Deutsch-Schülerin  war, sah Dada keine Schwierigkeit darin, sie für
sich zu gewinnen. Aber auf jedes Lob reagierte sie nur mit „Phh“  , und
erst recht  nach  einer  Erklärung  oder gar Verbesserung erfolgte ihr
schnippisches  „Phhh!“ .  Eines Nachmittags aber,  Dada mußte sich  noch
ein Schulbuch aus dem Lehrerzimmer holen,  hörte sie aus dem
gegenüberliegenden Gebäude, in dem sich nur der große Klassenraum
ihrer  „Sieben“  befand, lebhaften Lärm. Als sie beim Nachhausegehen
schnell mal dort nachschaute, versuchten hier Martha und einige Mädchen
gerade, einen Handstand mit Überschlag zu schaffen. Da konnte sie
natürlich gut Ratschläge geben. Aber Marthas spöttische Antwort war nur ;
„Phh! Machenses uns doch vor!“    Kein Problem! -     Ungläubig staunend
bewunderten sie die Mädchen,  Marthas „Phh“  aber  hörte sie nie wieder !

40.Kapitel

DIE   MATTHÄUS – PASSION   in der Kornbergstraße
Das erste Jahr in Unterbreizbach war fast wie im Flug vergangen, und
die Familie hatte sich ohne Schwierigkeiten  hier eingelebt. Da gab es zum
Weihnachtsfest eine  unerwartete, neue Überraschung : Vom Kaliwerk
kam das Angebot, in die freigewordene Wohnung mit Fernheizung und
Gartengrundstück des Grubendirektors zu ziehen, der sein neugebautes
Eigenheim  bezogen hatte. Die würde dann nach ihren Wünschen renoviert
und stünde ab Frühjahr für sie bereit, könnte aber jederzeit jetzt schon
besichtigt werden. Ihre jetzige Wohnung würde dann zur Erweiterung der
Ambulanz genutzt werden.  Die Besichtigung erfolgte bald und versprach
eine weitere Verbesserung ihrer  Lebensqualität .  Besonders ein sehr
großes Wohnzimmer war wie geschaffen dafür, um hier Musik zu machen
und  zu hören . Als ihr Wunsch , dort statt der Deckenlampe  mehrere
Wandleuchten  anzubringen, ohne weiteres  erfüllt wurde, und der Raum
mit Klavier, moderner Musikanlage und statt eines Sofas mit zwölf
leichten  Sesseln eingerichtet war,  war das Ehepaar überglücklich, nun für
ihr gemeinsames Hobby einen so wunderschönen Raum zu haben  und sie
nahmen den Umzug in die nur etwa dreihundert Meter entfernte neue
Wohnung gerne in Kauf, obwohl die beruflichen Anforderungen  dabei
unvermindert weiterliefen .


Arno war meist den ganzen Tag unterwegs und kam oft erst am
späten Abend nach Hause ,während dann bei Dada mit Unterrichts –
Vorbereitung und Heftdurchsichten die Arbeit nochmal begann. Jedoch
die gemeinsamen Mahlzeiten,wenn auch meist zu ungewöhnlicher Zeit ,
wurden täglich  eingehalten. Inzwischen war es kurz vor Ostern geworden,
und der Lehrplan für die Klasse Zehn sah für den Musikunterricht jetzt die
Behandlung der „Matthäus-Passion“  vor , dem  Bibeltext  vom Leben und
Leiden Jesu,  einst beschrieben von dem Evangelisten Matthäus und  als
„Karfreitagsmusik“  für die Messe derThomas-Kirche in Leipzig  1729
von dem damaligen Thomas-Kantor Johann Sebastian Bach vertont .
Dada begann ihre Vorbereitung mit großem Respekt, aber auch mit der
Befürchtung,  daß sie die jungen,modernen Jugendlichen mit diesen uralten
Begebenheiten  nicht mehr erreichen  könnte.  Doch  da würde ihr das
schöne Musikzimmer , für die kleine  Zehnerklasse genau ausreichend ,
vielleicht helfen?  Es gelang !  In dem feierlichen  Ambiente , begleitet von
der eindringlichen  Musik  J.S. Bachs, wurde die Mahnung voll erfaßt ,
daß seit der Hinrichtung von Jesu ,  über  Bachs Lebenszeit ,  bis in unsere
heutige Gegenwart , also einer riesigen Zeitspanne,  unzählige Menschen
umgebracht wurden,  die sich bewußt für ein lebenswertes Leben  a l l e r
Menschen geopfert haben, und nicht,wie leider eine große Menschenmasse
auf Forderung der Obrigkeit bedenkenlos und nach Bedarf gerufen haben :
„Hosianna“oder  ebenso  : „Kreuzigt ihn!“


Die sonst so lebhaften  Schüler verließen tief berührt die Unterrichtsstunde.

41.Kapitel            CHRISTIANE  UND  DIE  PEST
Es war Sonntagmorgen,  Dada war gerade dabei,  den Tisch für eine
reichliche  Frühstückstafel  zu decken,  da die Familie einen größeren
Spaziergang machen wollte , und Christiane hörte unterdessen im Radio
eine Kindersendung. Plötzlich rannte sie ganz aufgeregt in die Küche :
„Mama,  was ist denn die Pest?“   Doch die Mutter konnte sie schnell
damit beruhigen, daß es zwar eine  meist tödliche  Krankheit sei,  die es
aber schon seit langer Zeit nicht mehr gäbe. In der Radiosendung hatte
man  nämlich das Gedicht von Agnes Miegel  „Die Frauen von Nidden “
welche sich einst zum Sterben in die Sanddünen gelegt haben sollen, als
alle anderen Bewohner der kleinen Ostseeinsel an der Pest verstorben
waren. „Und wie haben die gemerkt, daß sie die Pest haben?“ , fragte
die Kleine noch. „ Das waren viele dunkle Flecken und Beulen am Körper,
die Pestbeulen“,  wußte Dada aus  Berichten von damals . Doch dann war
diese düstere Begebenheit schnell vergessen und abends, nach einem
wunderschönen Sonntagsausflug mit Arka wurde die Kleine  vergnügt ins
Bettchen gebracht, bevor die Eltern  heute auch zum üblichen Wochenend-
Doppelkopfspiel ihrer Eltern mit Ehepaar Krause  nach Merkers fahren
konnten . Bei Janchen gab es, wenn die beiden mal ausgingen , solange
Arka bei ihr war, nicht die geringsten Probleme . Im Gegenteil, sie fragte
sogar danach. Da eine „sturmfreie Bude“ ja noch nicht der Grund sein
konnte, fragte die Mutter dann doch mal nach: „Warum sollen wir denn
ausgehen?“-„Da machst du dich immer so fein!“,die verblüffende Antwort.
In Merkers war es schon recht spät geworden, als die letzte  Doppelkopf -
Runde beginnen sollte.  Doch da klingelte das Telefon. Aus der Ambulanz
von Unterbreizbach meldete sich völlig aufgelöst die Nachtschwester:
„Eben ist Ihre Christiane mit dem großen Hund hier reingekommen: Ich
müsse sofort bei Ihnen anrufen, daß Sie zurückkommen sollen, weil sie
die Pest hätte! Dada ahnte schon einen Zusammenhang mit der
Radiosendung vom Morgen. Aber da ausgerechnet Schwester Ursel, die
panische Angst vor Arka hatte, heute im Nachtdienst war, waren keine
weiteren Fragen angebracht  und sie fuhren umgehend zurück. Als sie in
der Ambulanz ankamen, saß Schwester Ursel völlig entnervt im
Sprechzimmer, während Christiane mit Arka im kleinen Nebenzimmer
wohlbehalten auf sie gewartet hatte und ihnen schon gleich ihre nackten
Ärmchen und Beinchen entgegenstrcckte, die sie vorm Einschlafen
vorsichtshalber noch mal kontrolliert hatte. Und tatsächlich , da waren ,wie
durch ihr recht oft ausgelassenes  Herumtoben und Klettern jedoch an der
Tagesordnung,  reichlich blaue Flecken und Beulen zu finden .


42.Kapitel                 AKTION   KORNBLUME
Wieder war es  spät in Merkers  geworden !  Die Familie hatte
in den Geburtstag des Vaters am  3.Oktober 1961 hineingefeiert, und als
die drei Geburtstagsgäste  aus Unterbreizbach  spät nachts nun wieder zu
Hause in ihren Betten lagen, waren sie bald fest eingeschlafen.  Da  aber
klingelte das Telefon, obwohl Arno heute gar keinen Dienst hatte . Dada
stockte fast der Atem, als sie mithörte, daß es der Kreisarzt war, der Arno
dazu aufforderte, sich umgehend einer amtlichen Gruppe anzuschließen ,
die in Breizbach mit dem Auftrag, unzuverlässige Bewohner aus dem
Grenzgebiet zu evakuieren, schon bereit stünde, um bei eventuellen
Zwischenfällen sofort Hilfe leisten zu können . Wie vom Blitz getroffen
und wieder hellwach war sich das Ehepaar, das diese Situation ja schon
einmal  1952  gemeinsam erlebt hatte, ohne Worte sofort einig, daß er
gemeinsam mit dieser Truppe unter keinen Umständen auftreten würde.
Er konnte den Kreisarzt überzeugen, daß er für einige akut schwerkranke
Patienten hier erreichbar bleiben müsse, aber daß er sich für einen
sofortigen Abruf bereithalten würde .  Obwohl nun an einen ruhigen
Schlaf nicht mehr zu denken war, -  da der Morgen kam, ohne daß noch
einmal  angerufen  wurde , begann der neue Tag  für sie wie immer als
ganz  normaler Arbeitstag .


Als Dada dann jedoch in ihre Klasse kam, sah sie gleich, daß ein Platz
unbesetzt war. Doch ehe sie  noch nach dem Grund fragen konnte , rief
schon einer der Mitschüler :“ Der Eckardt kann nicht mehr kommen !
Familie Knauf ist heute Nacht weggebracht worden !“  -  Um nicht etwa
noch mehr Unheil zu provozieren, nahm sie es fassungslos schweigend zur
Kenntnis und nickte nur traurig mit dem Kopf, da sie ja , ohne die Namen
zu kennen, schon wußte, was in der vergangenen Nacht geschehen war.
Erst später sickerte es langsam durch , daß bei dieser zweiten  gewaltsamen
Aussiedlung, der „Aktion Kornblume“,  etwa dreitausend und zweihundert
Einwohner aus Grenzorten zwangsweise wie Verbrecher, aber ohne
Gericht, Schuldspruch oder eine Begründung völlig ahnungslos nachts
für immer aus ihrer Heimat in erbärmliche Unterkünfte evakuiert wurden.
Dazu geführt hatten wohl die Schwierigkeiten bei der Kollektivierung
der Landwirtschaft.


Durch die unerwartete nächtliche Aktion konnte man zwar einen
Widerstand der Bevölkerung ,wie teilweise 1952 , verhindern,  aber ein
alter Genosse aus dem Nachbarort Sünna hatte sich anschließend  doch
über dieses Vorgehen empört. Als einziges Ergebnis aber mußte auch er
sein Heimatdorf  verlassen .

 




- Fortsetzung folgt -



W A R U M
wurde dieses Buch nicht in  ICH –Form  geschrieben ?


Weshalb die Verfremdung , obwohl es sich doch
ausschließlich  um    S E B S T E R L E B T E
familiäre oder geschichtliche Ereignisse handelt ?


Da es lediglich   E R I N N R U N G E N    sind ,
die ich   E R Z Ä H L E   ,
durch meist viele dazwischenliegende  Jahre
manchmal  auch nur  unvollständig ,
oder vermischt mit den Erinnerungen
von  anderen  Weggefährten .


Es können also keine historischen Berichte sein !
Sie sollen deshalb auch nicht den Anschein erwecken .




















Dorothea Nennstiel-Deilmann bei flickr 2011

Thüringer Ministerium für Soziales am 17.05.2011

Bundesverdienstkreuz - Osthessen News 25.05.2011


Grenzen überwinden - Hersfelder Zeitung 8.6.2015

patzenfritz und Spatzengret bei Lehmann's 2016

Arno Nennstiel Ehrenbürger von Unterbreizbach

Arno Nennstiel erster Ehrenbürger von Unterbreizbach

 

 

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