Dorothea Nennstiel-Deilmann in der Deutschen Nationalbibliothek







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Ihre Dorothea Nennstiel-Deilmann








 



Die Doktersch von Unterbreizbach





         

1 ) Im Wechselschritt           

 

Es schien , als hätte die Schulglocke heute einen fröhlichen Unterton , als sie

das Ende der letzten Unterrichtsstunde , und damit den Beginn der großen Ferien 1949 , etwas länger als üblich  verkündete .  Da die Primaner nach ihrem Abitur die Schule schon verlassen hatten , waren die „ Elfer “ nun an die Spitze der Schülerschar aufgerückt und  sich ihrer neuen Würde durchaus bewußt , verzichteten sie erstmalig auf laute Freudenausbrüche , sondern nahmen sichtlich erleichtert, da alle die Versetzung geschafft hatten, und die Zeugnisausgabe recht unspektakulär verlaufen war, betont ruhig und glücklich schwatzend für einige Wochen Abschied voneinander.         Die Salzunger Schüler waren dann  schnell verschwunden, während sich die Fahrschüler Zeit ließen , denn ihr Zug fuhr erst später. Auch Zita und Dada räumten in aller Ruhe ihre erste Bank ,die sie im vergangenen Schuljahr allein belegt hatten. Als Dada vor zwei Jahren von der Vachaer -   auf die Bad Salzunger Oberschule wechselte, saß auf dem dritten Platz Reinhard , ein hochmusikalischer Schüler , der auch erst ein Jahr zuvor vom Thomanerchor in Leipzig wieder nach Salzungen zurückgekommen war ,weil der Stimmbruch seine hohe Solostimme verändert hatte.  Nachdem Dada wenig später in einer der ersten Lateinstunden ein Zettelchen von ihm, beschrieben mit den beiden bedeutsamen Worten „ amo te !“ auf ihrem Heft vorgefunden hatte, waren die beiden  über ihre gemeinsame Musikliebe schnell zu Freunden geworden.In seiner Familie herzlich aufgenommen,  begann eine Zeit mit viel gemeinsamer Musik, denn der Vater beherrschte einige Blasinstrumente, und die beiden jüngeren Schwestern, Uta und Sunhild, spielten wie er, sehr gut Klavier. Auch Dada, die sich bisher nur selbst einiges beigebracht hatte , konnte sich jetzt bei seiner ausgezeichneten Klavierlehrein einiges an Wissen und Können aneignen.Als Reinhard jedoch im nächsten Schuljahr das Klassenziel nicht schaffte und es in einer anderen Klasse wiederholen mußte, blieb sein Platz auf der ersten Bank ein Jahr lang leer. Inzwischen war auch ihre Freundschaft wegen einer Notlüge zerbrochen. Dadurch hatte sich Dada nun noch mehr an ihre Banknachbarin Zita angeschlossen, die als Einzelkind mit ihren Eltern in einer Villa gleich neben der Schule wohnte und die ihr dort ein Zimmerchen zur Verfügung stellen durfte. So konnten beide öfters zusammen lernen, und Dada brauchte nicht mehr täglich nach Hause zu fahren. Sie hatte den Schulwechsel nach Kriegsende eigentlich niemals bereut. Nur ihrem damaligen Englischlehrer, „Abu“ ( Adolf Becker) trauerte sie nach , der neben dem obligatorischen Unterricht auch viele englische Lieder mit den Schülern gesungen hatte, die Dada sorgsam gesammelt, aufgeschrieben und teilweise auch ins Deutsche übertragen hatte. Doch nach der langen Pause zum Kriegsende waren damals       

viele der vorherigen Lehrer nicht zurückgekommen : Aus Altersgründen , wegen Nazibelastung oder auch durch Verlassen der Ostzone. Auch Dr.Becker war nicht wiedergekommen, ebenso wie  die Salzunger Schüler, die wieder in ihre Schule zurückgekehren konnten, nachdem das Lazarett darin aufgelöst worden war . Daher hatten sich viele der Fahrschüler, auch sie selbst,  für den Schulwechsel entschieden. Doch würde sie nach den Ferien diesmal überhaupt wieder hier sitzen ? Mit etwas schlechtem Gewissen verabschiedete sich Dada völlig unauffällig, dankbar und mit „ bis bald“ , von Zita und ihren Eltern . Aber ihre Ferienpläne durfte sie ja keinem verraten1                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                     E I N  T O L L K Ü H N E R  P L A N     

       

 

 Inzwischen war es 14.30 Uhr geworden, als Dada in einem der Schichtarbeiterzüge, die sich dreimal am Tag zum Schichtwechsel auf dem  Merkerser Bahnhof  kreuzten, wieder in ihrem Heimatort ankam . Nun stiegen auch die vielen Kalikumpel  des angeblich weltweit größten Kaliwerkes der  Salzunger Strecke aus und strömten Richtung Werkseingang , während sich draußen schon die müden Arbeiter der Vorschicht drängten, um einen günstigen Platz für die Heimfahrt zu ergattern, die  sie nun bei der Weiterfahrt in die Gegenrichtung nach Vacha oder in die Rhön bringen sollte.So holte sie sich eilig ihre heute mit allem Schulkram vollgestopfte Schultasche aus dem Gepäcknetz, raffte ihr ganzes zusätzliches Gepäck zusammen , um vorher noch ungehindert aussteigen zu können und machte sich anschließend leicht schwitzend, da es sommerlich heiß geworden war, auf den Heimweg . Unterwegs mußte sie dann , innerlich schmunzelnd, an die Zeit ihrer Vachaer Schulzeit denken, wenn sie, von der Gegenseite kommend, bei solchem Wetter ins Dorf einfuhr, vorbei an ihrem Elternhaus und anderen Wohnhäusern, und der Zug mußte vor dem Einfahrtssignal des Bahnhofs halten. Dann flogen die Schultaschen der dort wohnenden Schüler aus den Zugfenstern in den Böschungsgraben, wurden auf dem Heimweg wieder eingesammelt und brauchten dadurch nur eine kleine Strecke mitgeschleppt zu werden. Aber diese kleine Vergünstigung war ja leider heute nicht möglich. Doch als sie schließlich etwas ermattet zu Hause angekommen war und die Haustür öffnete, war die Erschöpfung wie weggeblasen. Die Eltern waren beide daheim und im Sprechzimmer des Vaters beschäftigt, die vier jüngeren Geschwister tobten lautstark im Kinderzimmer herum , Großmutter saß am Küchentisch und war am Obstschälen, die Krake hüpfte neugierig von ihrem Rückzugsgebiet ,dem Küchenschrank, herunter, nur Thula, die große blaue Dogge , sprang, kaum daß Dada eingeetreten war  freudig an ihr hoch, legte seine weichen Pfoten auf ihre Schultern und begrüßte sie zärtlich auf ihre Hunde-Weise.Aber nicht lange, da waren alle in der Küche versammelt und jeder hatte erst einmal etwas zu fragen oder zu erzählen. Zuerst aber wurden natürlich Dadas Zeunisse begutachtet : -  Recht gut soweit , - und in die zwölfte Klasse versetzt,  – das war, wie erwartet, in Ordnung .Aber wie würde es bei ihr weitergehen?Würde sie studieren ? Und was??     Wie?, wo?, und womit? würde sie ihre letzten Ferien verbringen? Darüber diskutierte sie auch am Abend nochmal mit den Eltern: Hast du denn inzwischen immer noch keinen Berufswunsch? Möchtest du nicht doch Arzt wie der Vater werden?            

Aber so burschikos Dada auch zu sich selber war – bei anderen konnte sie kein Blut sehen, in kritischen Situationen wurde ihr übel und sie fiel in Ohnmacht. Auch wollte sie ihre Kinder später einmal nicht ebenso  mit all dem belasten,was sie in ihrer Kindheit immer stark bedrückt hatte - die stete Unruhe im Haus, das laute Geklingel an der Haustür oder vom Telefon Tag für Tag, , aber auch in der Nacht, dazu die aufgeregten Hilferufe zu schweren Unfällen, Erkrankungen oder Geburten. Oft dann aber auch die Angst um den Vater, der nach solchen Hilferufen meistens stundenlang unterwegs war. Besonders nachts konnte sie dann erst wieder richtig einschlafen, wenn sie hörte, daß er sich bei der Mutter, die in dieser Zeit die Bereitschaft übernahm, zurückmeldete. Aber außerdem:  Daß sie als „Intelligenzkind“ zum Medizinstudium in der DDR zugelassen würde, war kaum anzunehmen, da die Studienplätze, prozentual der Bevölkerungszusammensetzung angepaßt, meist schon durch die Kinder von den leitenden Ärzten der Krankenhäuser und Polikliniken ausgebucht waren. Diesen dringend gebrauchten Medizinern wurden in Einzelverträgen diese Plätze zugesichert, um ihnen keinen Grund zur Republikflucht zu geben.    Und    obendrein  würde sie kaum ein Bombenzeugnis vorzeigen können !           „Medizin“ also  -    ein klares Nein !

Dann vielleicht Lehrerin wie die Mutter und ihre Vorfahren?

Doch da hatte schon  der Großvater, selbst einst wie sein Vater und auch sein Großvater Lehrer und Schulrektor in Essen-Rellinghausen, zu Bedenken gegeben: „ Lehrer? – Da hast du nicht nur Ärger mit deinen zwanzig Schülern, sondern mehr noch mit vierzig Eltern und eventuell obendrein mit achzig Großeltern !  Und zusätzlich: Wenn du nicht bei der gegenwärtigen Regierung rausfliegen willst, - dann wirst du halt bei der nächsten gefeuert .                Also, - Lehrer lieber auch  nicht !

Allerdings stand da separat noch ein heimlicher Wunsch im Raum, der garnicht so abwegig und unerfüllbar war, geweckt durch ihre große Liebe zu Musik,Gesang und kleinen Aufführungen im  Familien- und Schulkreis, nämlich Schauspielerin zu werden.Ein Zufall in der Familie hatte ihr sogar einen Weg dahin vorgegeben; Wanda , die Schwägerin der Mutter, hatte ja Jochen, ihren kleinen Sohn, als im Krieg die Luftangriffe begannen,für Jahre nach Merkers gebracht,und machte danach  in Essen erfolgreich eine Gesangsausbildung. Nach dem Krieg, als ihr Mann aus russischer Gefangenschaft zurückkam, ließ sie sich scheiden und wurde Sängerin im Weimarer Nationaltheater. In den vorigen großen Ferien hatte sie Dada nach Weimar eingeladen, wo sie außer etlichen Theaterbesuchen auch bei einem damals sehr bekannten Schauspieler und Schauspiellehrer vorsprechen durfte, mit dem Ergebnis, daß sie sich nach dem Abitur bei ihm melden solle. Doch in diesem Falle machte dann der Vater seine spöttische Bemerkung , ob sie denn auch wüßte , daß eine Schauspielerin nur durch das Bett eines Regisseurs  Karriere machen könne ?  Dieser Einwurf sorgte natürlich auch für eine gewisse, und nicht gerade unbeabsichtigte Ernüchterung. -  Doch dann kam man endlich auf das aktuelle Problem, auf ihren  Ferienausflug in den nächsten Wochen,  zu sprechen.  Der sollte nämlich, da die gesamte Verwandtschaft und alle guten Freunde beider Eltern in Wesrfalen lebten, über die Grenze und Hessen zu ihnen  nach dort zum Rhein und an die  Ruhr führen.Dafür war alles schon geplant und gut vorbereitet.Auch Dada hatte keinerlei Bedenken. Da sie während der Vachaer Schulzeit des öfteren  neben der Werrabrücke gebadet hatte und die Gegend dort bestens kannte, wollte sie jetzt, bei sommerlichem Niedrigwasser, kurz nach Mitternacht durch die Werra nach Philippsthal, also in den Westen  gelangen und bei Wunsch und Bedarf auch wieder zurückzukommen.  Sie verließ sich auf diese Zeit, weil sie auf die Müdigkeit und die eventuelle Geisterfurcht der russischen Soldaten hoffte. Ihre ältere Schwester Hella, die bereits seit Kriegsende in Jena Medizin studierte, hatte mit ihrer Schulfreundin Agi , mit der sie weiterhin engen Kontakt hatte ,obwohl diese  inzwischen in Heimboldshausen nahe bei Philippsthal wohnte, ausgemacht, daß sich Dada nachts bei ihr zwanzig Mark abholen könne , um sich eine Fahrkarte von Phippsthal nach Lüdenscheid kaufen zu können. Lüdenscheid, wo die Schul- und Studienfreundin der Mutter mit ihrem Mann und drei etwa gleichaltrigen Töchtern wohnte, sollte dann für drei Wochen ihr Ferienort werden, von dem aus sie ihre Verwandten besuchen und kennenlernen konnte. Aber interessant für Dada war auch, daß sie von Miss Parlow, ehemals Journalistin und Diplomatengattin in Berlin, deren beide Kinder die Mutter während ihres eigenen Germanistik- und Anglistikstudiums zu Hause in allen Fächern unterrichtet hatte, nach England eingeladen wurde,  wo man beispielsweise gerade dringend Stuardessen suchen und ausbilden würde. Jetzt war also nur noch die Frage: Wann?? - Also, sobald das Wetter und die Mondhelligkeit günstig sind,  würde es losgehen!     

 

 

                 E I N E  A U F R E G E N D E  F E R I E N R E I S E

 

Das Wochenende war angebrochen, und ein kühler, wolkenverhangener aber trockener Sommertag dämmerte seinem Ende entgegen.

Dada war der Meinung, daß heute endlich der richtige Zeitpunkt für ihr Ferienvorhaben gekommen sei. Mit ihrem schon seit Tagen bereitstehenden dürftigen Reisegepäck machte sie sich auf den Weg zum Bahnhof. Der Abschied zu Hause war vielleicht etwas herzlicher und intensiver als sonst, aber alle waren fest davon überzeugt, daß ihr Plan gelingen würde. Nach zwei Jahren fuhr sie nun mal wieder nach Vacha. Bis Dorndorf mußte sie in dem überfüllten Zug zwar im Gang stehen ,aber hier in der Gegenrichtung brauchte sie nicht Acht zu geben,um einem älteren Mann, sie kannte ihn nicht, auszuweichen, der einmal diese Situation ausgenutzt hatte und es ständig wieder versuchte, sich vor sie zu drängeln, um während der Fahrt unbemerkt und wie Ausversehen mit dem Rücken seiner Faust über ihre Brust zu streichen,sowie ihr im Vorbeigehen flüsternd seine Liebeskünste anzutragen. Aber ebenso fehlten die nach der Frühschicht üblichen Diskussionen der Kumpel, über deren Inhalt sich dann prächtig mit dem linientreuen Geschichtslehrer streiten ließ,  Dafür durchzog der widerliche Gestank von Pfefferminztee, den die Männer anstelle des knappen Tabaks in ihren Pfeifen rauchten, das ganze Abteil. Doch daran war sie inzwischen gewöhnt  In Dorndorf stiegen dann fast alle aus, um mit der Feldabahn in ihre Rhöndörfer  weiterzufahren. Der Zug war nun fast leer und deutsche Grenzsoldaten überprüften jetzt den ganzen Zug und kontrollierten die Ausweise der verbliebenen Fahrgäste. Aber Dadas Schülerausweis und die mitgeführte Schultasche erweckten keinen Verdacht, und bald schon setzte sich der Zug in Richtung Grenz- und Sperrgebiet in Bewegung.                             Welch ein sonderbares Gefühl, mal wieder am einstigen Schulort Vacha anzukommen! An der Sperre im Bahnhof standen jetzt russische  Sodaten, welche nochmal absicherten, daß sich unter den Ankommenden keine ungebetenen Gäste befandent. Es war nun fast 23.oo Uhr , und die wenigen Fahrgäste hatten sich schnell in der Dnkelheit verloren, Noch gut eine Stunde Zeit ! Da konnte sie ja noch schnell einmal an ihrer ehemaligen Schule vorbeischauen ! - Doch dann erstmal unauffällig an der Brücke vorbeilaufen, um nach einem durch dichtes Gebüsch geschützten Plätzchen und nach einem geeigneten Übergang Ausschau zu halten. Die Brücke war hell erleuchtet und abgesperrt, in der Mitte ein kleines Gebäude. Sicher eine Kontrollstelle. Aber hier, wie auch im ganzen umliegenden Gebiet, war kein Mensch, weder mit - noch ohne Unuform, zu sehen . Nun schlug auch die Glocke der nahen Stadtkirche . Mitternacht! Aber vielleicht wäre es besser, noch eine Viertelstunde zu warten.    Bis auf das leise Rauschen und Gluckern der vorbeiziehenden  Werra und das Bellen eines Hundes in weiter Ferne war nichts zu hören. Der Himmel war verhangen, und außerhalb der grellen Brückenbeleuchtung war es stockdunkel. So machte sich Dada nun in aller Ruhe bereit. Die Badehose hatte sie schon an, Rock und Strümpfe zwängte sie noch in ihre Tasche, und mit Tasche und Schuhen in der Hand stakste sie nach kurzer Zeit vorsichtig, aber ohne Schwierigkeiten vom einen zum anderen Werraufer.und war jetzt , fast unglaublich, in der Westzone, im hessischen Philippsthal. Schnell zog sie sich wieder unauffällig an, damit sie nicht etwa, wovor sie gewarnt worden war ,von der amerikanischen Grenzkontrolle mitgenommen würde ,um nun die Wohnung von Agi zu suchen.Gut, daß man ihr den Weg zu ihr sehr genau beschrieben hatte, und Agi auch direkt an der Hauptstraße nach Bad Hersfeld wohnte. So fand sie schnell und ohne jedes Suchen Heimboldshausen und  auch das Wohnhaus, wo sie offenbar schon erwartet wurde. Der Eingang war hell erleuchtet, und sie brauchte garnicht zu klingeln, denn Agi kam schon zur Tür und hatte auch das Geld schon bereit liegen. Ihr Angebot, bei ihr zu schlafen und erst am Morgen los zu fahren, lehnte Dada jedoch dankend ab.Sie wollte lieber weiter bis nach Hersfeld laufen und erst von dort mit dem Zug fahren. Mit dem von ihr bekannten Wandertempo lief sie nun frohgemut durch die Nacht gen Hersfeld und freute sich, das für sie so kostbare Westgeld etwas einsparen zu können.Als sie unterwegs an Häusern und Schaufenstern vorbei kam, fühlte sie sich staunend plötzlich in ihre Kindheit zurückversetzt: Hier standen Niveacreme, Palmoliv-Seife und Kölnisch Wasser, auch Fewa und Persil-Waschpulver sowie  viele andere Kostbarkeiten ,die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, in bunter Vielfalt hinter den Scheiben. Doch als sie an einer Bäckerei vorbei lief, deren betörender Duft sich bis nach draußen auf die Straße ausbreitete, hielt sie das erste Mal inne. Sie hatte inzwischen tüchtig Hunger bekommen, und die ausgestellten Leckereien waren gar zu verführerisch, - auch hätte sie ja nun sicher etwas Geld übrig.-  Über ein kleines Treppchen gelangte sie in den Verkaufsraum, der zwar unverschlossen, aber in dieser frühen Morgenstunde noch völlig leer.war. Eine junge Frau war am Einräumen von Gebäck, die sie vorsichtshalber aber fragte: „Könnte ich mir vielleicht jetzt schon was kaufen?“ , und fügte dann schüchtern hinzu: „ Geld habe ich zwar, - aber ich habe heute keine Brotmarken dabei!“ Ein kurzes Stutzen, dann die lachende Antwort: „ Na  klar, - aber du kommst wohl aus der Ostzone?“ An einer herrlich knusprigen Semmel kauend setzte Dada dann   zügig ihren Weg fort und fand auch,  nachdem sie Hersfeld erreicht hatte,  ohne Schwierigkeiten den Bahnhof. Hier nun standen  auf dem Vorplatz etliche Fahrzeuge, auch viele Lastwagen,die zum Abtransport verschiedenster Güter vorbereitet wurden , und deren Fahrer erfahrungsgemäß, wenn Dada immer mal den Schulzug verpaßt hatte, am ehesten einen Anhalter mitnahmen . An ihr begrenztes Geld denkend , konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, trotz der Warnung und elterlichen Ablehnung  während der Fahrtplanung zu versuchen,  von hier aus nach Lüdenscheid zu trampen.

 

 

   -    a u f  e i g e n e s  Ri s i k o !

 

Gut zu beobachten,  wurde da gerade ein Geschäftsauto mit Kartons beladen. Der Fahrer, ein jüngerer kräftiger Bursche, machte einen recht sympatischen Eindruck auf  Dada. Nach einigem Zögern, während sie das Einladen interessiert verfolgte, überwand sie sich endlich und fragte den Fahrer bemüht forsch:     „Fahren Sie eventuell über Lüdenscheid?“  „Mach ich“ , war die prompte Antwort, „wollen Sie dahin? Ich könnte Sie ein Stück mitnehmen, muß nur unterwegs die Kartons abgeben. Ich bin hier gleich fertig, Sie können ruhig schon mal vorne einsteigen!° Froh über ihre Entscheidung und den schnellen Erfolg fuhr sie bald in angeregtem Gespräch mit dem netten Fahrer durch unbekannte Städtchen und Dörfer, bewunderte die gepflegten Häuser und Vorgärten, und freute sich mit dem Fahrer, als die ganze Fracht ausgeliefert war. Doch dabei war es Abend geworden, und sie hatte keine Ahnung, wie weit sie noch von Lüdenscheid entfernt waren. Als er nun seine Stullen auspackte und sie zum Mitessen einlud, bot er ihr an, da es schon sehr spät geworden sei und die Fahrt nach Lüdenscheid noch ziemlich lange dauern würde, lieber erstmal in einem kleinen Hotel, in dem er immer mal übernachten würde, ein paar Stunden zu schlafen, um dann ausgeruht am frühen Morgen weiterzufahren. Wenn sie ein Zimmer für sich hätte, dann gerne, stimmte sie zwar etwas verunsichert aber dankbar zu, denn inzwischen war sie totmüde nach dem langen,ereignisreichen Tag. Besagtes Hotel war schnell erreicht, und nachdem sie sich von ihrem großmütigen Begleiter voll Dankbarkeit bis zum Frühstück am nächsten Morgen verabschiedet hatte, lag sie schon kurz danach im Bett und war am Einschlafen,als sie hörte , daß er in das von ihr abgeschlossene Zimmer kommen wollte und sie auffordete, aufzuschließen. Zwar wieder hellwach, stellte sie sich schlafend, rührte und regte sich nicht und wartete, bis es vor der Tür wieder still geworden war.An Schlaf war nun nicht mehr zu denken, zumal nach etwa einer halben Stunde die Türklinke nocheinmal vorsichtig, wenn auch vergeblich, heruntergedrückt wurde. Fast geräuschlos zog sie sich im Dunklen wieder an, verstaute alles, was sie ausgepackt hatte, wieder in ihre Tasche und ,,,,,, setzte sich in einen großen, bequemen Sessel, der gleich am Fenster stand. Hier wartete sie angespannt, ob jetzt alles ruhig blieb, bis sich im ersten Dämmerlicht die Konturen der umstehenden Häuser abzeichneten. Mit größter Bedachtsamkeit schloß sie nun auf und öffnete die Tür einen Spalt. Der lange Flur war matt erleuchtet, und  bis zur Treppe hin war niemand zu sehen. Sie schlich sich vorsichtig durch den Gang und die Treppe hinunter ,und da sich auch hier unten im Empfangsbereich keine Menschenseele aufhielt, und die Hoteltür nicht verschlossen war, stand sie kurz darauf erleichtert, wenn auch mit schlechtem Gewissen, draußen auf dem Bürgersteig und bemühte sich, möglichst schnell und ungesehen aus der Stadt herauszukommen. Wenn sie westwärts liefe, dachte sie, könne sie nicht viel falsch machen, und so  auf irgendeiner Landstraße angekommen, lief sie nun in ihrem gewohnten Tempo immer der Nase nach und machte sich Mut, irgendwann wieder ein Auto anzuhalten. Es dauerte jedoch ein ganzes Weilchen, bis sie sich dazu durchgerungen hatte. Die Sonne war schon aufgegangen, es wurde bereits wärmer, da winkte sie kurz entschlossen, als sie hinter sich ein Motorengeräusch hörte. Dann ein kurzer Schreck – es war ein Armee-Fahrzeug, ein amerikanischer Jeep. Aber er hielt an, und ein schon leicht angegrauter amerikanischer Offizier, der allein darin am Steuer saß, sah sie fragend an:  „Lüdenscheid?   Yes !“ , und er machte eine einladende Handbewegung. Ein Mann in Uniform – Dada stieg voller Vertrauen zu ihm ein. Doch schon bald verließ das Fahrzeug die breite Verkehrsstraße, wechselte auf eine schmale Landstraße und bog dann in einen Feldweg ein, um irgendwann zwischen hohen Kornfeldern anzuhalten.  Die Fahrt bisher war völlig schweigsam verlaufen , der Amerikaner sprach oder verstand offenbar kaum ein deutsches Wort .bedeutete ihr aber nun unmißverständlich, mit ihm auszusteigen. Die böse Ahnung, die sie unterwegs schon zunehmend befallen hatte, schlug nun in pure Angst um. Aber seine ruhige und freundliche Art ermutigte sie, mit ihm zu verhandeln. Verzweifelt marterte sie ihr aufgewühltes Gehirn, ihr die notwendigen englischen Vokabeln freizugeben, und tatsächlich konnte sie ihm erklären, daß sie schon zwei Jahre fest mit einem jungen Mann liiert sei, aber auch ihm nicht mehr als ein Kuß erlaubt wäre, da sie bis zur Hochzeit warten wolle . Der fremde und unbekannte Offizier hörte ernst und schweigend zu, überlegte kurz und forderte sie mit einer Handbewegung auf, sein Fahrzeug zu verlassen.  Dann fuhr er wortlos davon.  Erschöpft und zugleich erleichtert suchte sie nun den Rückweg, um wieder auf eine Verkehrsstraße zu kommen, obwohl sie mit dem Gedanken haderte, ob sie es nun noch einmal versuchen solle . Aber nirgends sah sie eine Spur von einer Eisenbahn, und da es aller guten Dinge drei bedarf und gerade ein kleiner Laster vorbei kam, der auch anhielt, hatte sie tatsächlich endlich Glück: „ Ja, ich fahre durch Lüdenscheid und nehme Sie gerne mit. Wenn Sie mir die Adresse sagen, kann ich Sie auch bis vor die Haustüre fahren. So geschah es nun wirklich. Am Spätnachmittag setzte er sie nach einer fröhlich verplauderten Fahrt vor dem Haus ihrer schon besorgten Gastfamilie ab.    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

























Dorothea Nennstiel-Deilmann bei flickr 2011

Thüringer Ministerium für Soziales am 17.05.2011

Bundesverdienstkreuz - Osthessen News 25.05.2011


Grenzen überwinden - Hersfelder Zeitung 8.6.2015


Spatzenfritz und Spatzengret bei Lehmann's 2016

Arno Nennstiel Ehrenbürger von Unterbreizbach

Arno Nennstiel erster Ehrenbürger von Unterbreizbach

 

 

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