Dorothea Nennstiel-Deilmann in der Deutschen Nationalbibliothek







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Ihre Dorothea Nennstiel-Deilmann








 

Geschichtern eines langen Lebens in
                   Fortsetzungen



Die Doktersch von Unterbreizbach
                          oder
            DADA auf Wegsuche




      

 

1.Kapitel       I M  W E C H S E L S C H R I T T           

 

Es schien , als hätte die Schulglocke heute einen fröhlichen Unterton , als sie

das Ende der letzten Unterrichtsstunde , und damit den Beginn der großen Ferien 1949 , etwas länger als üblich  verkündete .  Da die Primaner nach ihrem Abitur die Schule schon verlassen hatten , waren die „ Elfer “ nun an die Spitze der Schülerschar aufgerückt und  sich ihrer neuen Würde durchaus bewußt , verzichteten sie erstmalig auf laute Freudenausbrüche , sondern nahmen sichtlich erleichtert, da alle die Versetzung geschafft hatten, und die Zeugnisausgabe recht unspektakulär verlaufen war, betont ruhig und glücklich schwatzend für einige Wochen Abschied voneinander.         Die Salzunger Schüler waren dann  schnell verschwunden, während sich die Fahrschüler Zeit ließen , denn ihr Zug fuhr erst später. Auch Zita und Dada räumten in aller Ruhe ihre erste Bank ,die sie im vergangenen Schuljahr allein belegt hatten. Als Dada vor zwei Jahren von der Vachaer -   auf die Bad Salzunger Oberschule wechselte, saß auf dem dritten Platz Reinhard , ein hochmusikalischer Schüler , der auch erst ein Jahr zuvor vom Thomanerchor in Leipzig wieder nach Salzungen zurückgekommen war ,weil der Stimmbruch seine hohe Solostimme verändert hatte.  Nachdem Dada wenig später in einer der ersten Lateinstunden ein Zettelchen von ihm, beschrieben mit den beiden bedeutsamen Worten „ amo te !“ auf ihrem Heft vorgefunden hatte, waren die beiden  über ihre gemeinsame Musikliebe schnell zu Freunden geworden.In seiner Familie herzlich aufgenommen,  begann eine Zeit mit viel gemeinsamer Musik, denn der Vater beherrschte einige Blasinstrumente, und die beiden jüngeren Schwestern, Uta und Sunhild, spielten wie er, sehr gut Klavier. Auch Dada, die sich bisher nur selbst einiges beigebracht hatte , konnte sich jetzt bei seiner ausgezeichneten Klavierlehrein , Frau Schweiß, einiges an Wissen und Können aneignen.Als Reinhard jedoch im nächsten Schuljahr das Klassenziel nicht schaffte und es in einer anderen Klasse wiederholen mußte, blieb sein Platz auf der ersten Bank ein Jahr lang leer. Inzwischen war auch ihre Freundschaft wegen einer Notlüge zerbrochen. Dadurch hatte sich Dada nun noch mehr an ihre Banknachbarin Zita angeschlossen, die als Einzelkind mit ihren Eltern in einer Villa gleich neben der Schule wohnte und die ihr dort ein Zimmerchen zur Verfügung stellen durfte. So konnten beide öfters zusammen lernen, und Dada brauchte nicht mehr täglich nach Hause zu fahren. Sie hatte den Schulwechsel nach Kriegsende eigentlich niemals bereut. Nur ihrem damaligen Englischlehrer, „Abu“ ( Adolf Becker) trauerte sie nach , der neben dem obligatorischen Unterricht auch viele englische Lieder mit den Schülern gesungen hatte, die Dada sorgsam gesammelt, aufgeschrieben und teilweise auch ins Deutsche übertragen hatte. Doch nach der langen Pause zum Kriegsende waren damals       

viele der vorherigen Lehrer nicht zurückgekommen : Aus Altersgründen , wegen Nazibelastung oder auch durch Verlassen der Ostzone. Auch Dr.Becker war nicht wiedergekommen, ebenso wie  die Salzunger Schüler, die wieder in ihre Schule zurückgekehren konnten, nachdem das Lazarett darin aufgelöst worden war . Daher hatten sich viele der Fahrschüler, auch sie selbst,  für den Schulwechsel entschieden. Doch würde sie nach den Ferien diesmal überhaupt wieder hier sitzen ? Mit etwas schlechtem Gewissen verabschiedete sich Dada völlig unauffällig, dankbar und mit „ bis bald“ , von Zita und ihren Eltern . Aber ihre Ferienpläne durfte sie ja keinem verraten 1                                       

 

 

 

 

 

 

 

2.Kapitel     E I N  T O L L K Ü H N E R  P L A N        

 Inzwischen war es 14.30 Uhr geworden, als Dada in einem der Schichtarbeiterzüge, die sich dreimal am Tag zum Schichtwechsel auf dem  Merkerser Bahnhof  kreuzten, wieder in ihrem Heimatort ankam . Nun stiegen auch die vielen Kalikumpel  des angeblich weltweit größten Kaliwerkes der  Salzunger Strecke aus und strömten Richtung Werkseingang , während sich draußen schon die müden Arbeiter der Vorschicht drängten, um einen günstigen Platz für die Heimfahrt zu ergattern, die  sie nun bei der Weiterfahrt in die Gegenrichtung nach Vacha oder in die Rhön bringen sollte.So holte sie sich eilig ihre heute mit allem Schulkram vollgestopfte Schultasche aus dem Gepäcknetz, raffte ihr ganzes zusätzliches Gepäck zusammen , um vorher noch ungehindert aussteigen zu können und machte sich anschließend leicht schwitzend, da es sommerlich heiß geworden war, auf den Heimweg . Unterwegs mußte sie dann , innerlich schmunzelnd, an die Zeit ihrer Vachaer Schulzeit denken, wenn sie, von der Gegenseite kommend, bei solchem Wetter ins Dorf einfuhr, vorbei an ihrem Elternhaus und anderen Wohnhäusern, und der Zug mußte vor dem Einfahrtssignal des Bahnhofs halten. Dann flogen die Schultaschen der dort wohnenden Schüler aus den Zugfenstern in den Böschungsgraben, wurden auf dem Heimweg wieder eingesammelt und brauchten dadurch nur eine kleine Strecke mitgeschleppt zu werden. Aber diese kleine Vergünstigung war ja leider heute nicht möglich. Doch als sie schließlich etwas ermattet zu Hause angekommen war und die Haustür öffnete, war die Erschöpfung wie weggeblasen. Die Eltern waren beide daheim und im Sprechzimmer des Vaters beschäftigt, die vier jüngeren Geschwister tobten lautstark im Kinderzimmer herum , Großmutter saß am Küchentisch und war am Obstschälen, die Krake hüpfte neugierig von ihrem Rückzugsgebiet ,dem Küchenschrank, herunter, nur Thula, die große blaue Dogge , sprang, kaum daß Dada eingeetreten war  freudig an ihr hoch, legte seine weichen Pfoten auf ihre Schultern und begrüßte sie zärtlich auf ihre Hunde-Weise.Aber nicht lange, da waren alle in der Küche versammelt und jeder hatte erst einmal etwas zu fragen oder zu erzählen. Zuerst aber wurden natürlich Dadas Zeunisse begutachtet : -  Recht gut soweit , - und in die zwölfte Klasse versetzt,  – das war, wie erwartet, in Ordnung .Aber wie würde es bei ihr weitergehen?Würde sie studieren ? Und was??     Wie?, wo?, und womit? würde sie ihre letzten Ferien verbringen? Darüber diskutierte sie auch am Abend nochmal mit den Eltern: Hast du denn inzwischen immer noch keinen Berufswunsch? Möchtest du nicht doch Arzt wie der Vater werden?            

Aber so burschikos Dada auch zu sich selber war – bei anderen konnte sie kein Blut sehen, in kritischen Situationen wurde ihr übel und sie fiel in Ohnmacht. Auch wollte sie ihre Kinder später einmal nicht ebenso  mit all dem belasten,was sie in ihrer Kindheit immer stark bedrückt hatte - die stete Unruhe im Haus, das laute Geklingel an der Haustür oder vom Telefon Tag für Tag, , aber auch in der Nacht, dazu die aufgeregten Hilferufe zu schweren Unfällen, Erkrankungen oder Geburten. Oft dann aber auch die Angst um den Vater, der nach solchen Hilferufen meistens stundenlang unterwegs war. Besonders nachts konnte sie dann erst wieder richtig einschlafen, wenn sie hörte, daß er sich bei der Mutter, die in dieser Zeit die Bereitschaft übernahm, zurückmeldete. Aber außerdem:  Daß sie als „Intelligenzkind“ zum Medizinstudium in der DDR zugelassen würde, war kaum anzunehmen, da die Studienplätze, prozentual der Bevölkerungszusammensetzung angepaßt, meist schon durch die Kinder von den leitenden Ärzten der Krankenhäuser und Polikliniken ausgebucht waren. Diesen dringend gebrauchten Medizinern wurden in Einzelverträgen diese Plätze zugesichert, um ihnen keinen Grund zur Republikflucht zu geben.    Und    obendrein  würde sie kaum ein Bombenzeugnis vorzeigen können !           „Medizin“ also  -    ein klares Nein !

Dann vielleicht Lehrerin wie die Mutter und ihre Vorfahren?

Doch da hatte schon  der Großvater, selbst einst wie sein Vater und auch sein Großvater Lehrer und Schulrektor in Essen-Rellinghausen, zu Bedenken gegeben: „ Lehrer? – Da hast du nicht nur Ärger mit deinen zwanzig Schülern, sondern mehr noch mit vierzig Eltern und eventuell obendrein mit achzig Großeltern !  Und zusätzlich: Wenn du nicht bei der gegenwärtigen Regierung rausfliegen willst, - dann wirst du halt bei der nächsten gefeuert .                Also, - Lehrer lieber auch  nicht !

Allerdings stand da separat noch ein heimlicher Wunsch im Raum, der garnicht so abwegig und unerfüllbar war, geweckt durch ihre große Liebe zu Musik,Gesang und kleinen Aufführungen im  Familien- und Schulkreis, nämlich Schauspielerin zu werden.Ein Zufall in der Familie hatte ihr sogar einen Weg dahin vorgegeben; Wanda , die Schwägerin der Mutter, hatte ja Jochen, ihren kleinen Sohn, als im Krieg die Luftangriffe begannen,für Jahre nach Merkers gebracht,und machte danach  in Essen erfolgreich eine Gesangsausbildung. Nach dem Krieg, als ihr Mann aus russischer Gefangenschaft zurückkam, ließ sie sich scheiden und wurde Sängerin im Weimarer Nationaltheater. In den vorigen großen Ferien hatte sie Dada nach Weimar eingeladen, wo sie außer etlichen Theaterbesuchen auch bei einem damals sehr bekannten Schauspieler und Schauspiellehrer vorsprechen durfte, mit dem Ergebnis, daß sie sich nach dem Abitur bei ihm melden solle. Doch in diesem Falle machte dann der Vater seine spöttische Bemerkung , ob sie denn auch wüßte , daß eine Schauspielerin nur durch das Bett eines Regisseurs  Karriere machen könne ?  Dieser Einwurf sorgte natürlich auch für eine gewisse, und nicht gerade unbeabsichtigte Ernüchterung. -  Doch dann kam man endlich auf das aktuelle Problem, auf ihren  Ferienausflug in den nächsten Wochen,  zu sprechen.  Der sollte nämlich, da die gesamte Verwandtschaft und alle guten Freunde beider Eltern in Wesrfalen lebten, über die Grenze und Hessen zu ihnen  nach dort zum Rhein und an die  Ruhr führen.Dafür war alles schon geplant und gut vorbereitet.Auch Dada hatte keinerlei Bedenken. Da sie während der Vachaer Schulzeit des öfteren  neben der Werrabrücke gebadet hatte und die Gegend dort bestens kannte, wollte sie jetzt, bei sommerlichem Niedrigwasser, kurz nach Mitternacht durch die Werra nach Philippsthal, also in den Westen  gelangen und bei Wunsch und Bedarf auch wieder zurückzukommen.  Sie verließ sich auf diese Zeit, weil sie auf die Müdigkeit und die eventuelle Geisterfurcht der russischen Soldaten hoffte. Ihre ältere Schwester Hella, die bereits seit Kriegsende in Jena Medizin studierte, hatte mit ihrer Schulfreundin Agi , mit der sie weiterhin engen Kontakt hatte ,obwohl diese  inzwischen in Heimboldshausen nahe bei Philippsthal wohnte, ausgemacht, daß sich Dada nachts bei ihr zwanzig Mark abholen könne , um sich eine Fahrkarte von Phippsthal nach Lüdenscheid kaufen zu können. Lüdenscheid, wo die Schul- und Studienfreundin der Mutter mit ihrem Mann und drei etwa gleichaltrigen Töchtern wohnte, sollte dann für drei Wochen ihr Ferienort werden, von dem aus sie ihre Verwandten besuchen und kennenlernen konnte. Aber interessant für Dada war auch, daß sie von Miss Parlow, ehemals Journalistin und Diplomatengattin in Berlin, deren beide Kinder die Mutter während ihres eigenen Germanistik- und Anglistikstudiums zu Hause in allen Fächern unterrichtet hatte, nach England eingeladen wurde,  wo man beispielsweise gerade dringend Stuardessen suchen und ausbilden würde. Jetzt war also nur noch die Frage: Wann?? - Also, sobald das Wetter und die Mondhelligkeit günstig sind,  würde es losgehen!     

 

 

3.Kapitel 
E I N E  A U F R E G E N D E  F E R I E N R E I S E

 

Das Wochenende war angebrochen, und ein kühler, wolkenverhangener aber trockener Sommertag dämmerte seinem Ende entgegen.

Dada war der Meinung, daß heute endlich der richtige Zeitpunkt für ihr Ferienvorhaben gekommen sei. Mit ihrem schon seit Tagen bereitstehenden dürftigen Reisegepäck machte sie sich auf den Weg zum Bahnhof. Der Abschied zu Hause war vielleicht etwas herzlicher und intensiver als sonst, aber alle waren fest davon überzeugt, daß ihr Plan gelingen würde. Nach zwei Jahren fuhr sie nun mal wieder nach Vacha. Bis Dorndorf mußte sie in dem überfüllten Zug zwar im Gang stehen ,aber hier in der Gegenrichtung brauchte sie nicht Acht zu geben,um einem älteren Mann, sie kannte ihn nicht, auszuweichen, der einmal diese Situation ausgenutzt hatte und es ständig wieder versuchte, sich vor sie zu drängeln, um während der Fahrt unbemerkt und wie Ausversehen mit dem Rücken seiner Faust über ihre Brust zu streichen,sowie ihr im Vorbeigehen flüsternd seine Liebeskünste anzutragen. Aber ebenso fehlten die nach der Frühschicht üblichen Diskussionen der Kumpel, über deren Inhalt sich dann prächtig mit dem linientreuen Geschichtslehrer streiten ließ,  Dafür durchzog der widerliche Gestank von Pfefferminztee, den die Männer anstelle des knappen Tabaks in ihren Pfeifen rauchten, das ganze Abteil. Doch daran war sie inzwischen gewöhnt  In Dorndorf stiegen dann fast alle aus, um mit der Feldabahn in ihre Rhöndörfer  weiterzufahren. Der Zug war nun fast leer und deutsche Grenzsoldaten überprüften jetzt den ganzen Zug und kontrollierten die Ausweise der verbliebenen Fahrgäste. Aber Dadas Schülerausweis und die mitgeführte Schultasche erweckten keinen Verdacht, und bald schon setzte sich der Zug in Richtung Grenz- und Sperrgebiet in Bewegung.                             Welch ein sonderbares Gefühl, mal wieder am einstigen Schulort Vacha anzukommen! An der Sperre im Bahnhof standen jetzt russische  Sodaten, welche nochmal absicherten, daß sich unter den Ankommenden keine ungebetenen Gäste befandent. Es war nun fast 23.oo Uhr , und die wenigen Fahrgäste hatten sich schnell in der Dnkelheit verloren, Noch gut eine Stunde Zeit ! Da konnte sie ja noch schnell einmal an ihrer ehemaligen Schule vorbeischauen ! - Doch dann erstmal unauffällig an der Brücke vorbeilaufen, um nach einem durch dichtes Gebüsch geschützten Plätzchen und nach einem geeigneten Übergang Ausschau zu halten. Die Brücke war hell erleuchtet und abgesperrt, in der Mitte ein kleines Gebäude. Sicher eine Kontrollstelle. Aber hier, wie auch im ganzen umliegenden Gebiet, war kein Mensch, weder mit - noch ohne Unuform, zu sehen . Nun schlug auch die Glocke der nahen Stadtkirche . Mitternacht! Aber vielleicht wäre es besser, noch eine Viertelstunde zu warten.    Bis auf das leise Rauschen und Gluckern der vorbeiziehenden  Werra und das Bellen eines Hundes in weiter Ferne war nichts zu hören. Der Himmel war verhangen, und außerhalb der grellen Brückenbeleuchtung war es stockdunkel. So machte sich Dada nun in aller Ruhe bereit. Die Badehose hatte sie schon an, Rock und Strümpfe zwängte sie noch in ihre Tasche, und mit Tasche und Schuhen in der Hand stakste sie nach kurzer Zeit vorsichtig, aber ohne Schwierigkeiten vom einen zum anderen Werraufer.und war jetzt , fast unglaublich, in der Westzone, im hessischen Philippsthal. Schnell zog sie sich wieder unauffällig an, damit sie nicht etwa, wovor sie gewarnt worden war ,von der amerikanischen Grenzkontrolle mitgenommen würde ,um nun die Wohnung von Agi zu suchen.Gut, daß man ihr den Weg zu ihr sehr genau beschrieben hatte, und Agi auch direkt an der Hauptstraße nach Bad Hersfeld wohnte. So fand sie schnell und ohne jedes Suchen Heimboldshausen und  auch das Wohnhaus, wo sie offenbar schon erwartet wurde. Der Eingang war hell erleuchtet, und sie brauchte garnicht zu klingeln, denn Agi kam schon zur Tür und hatte auch das Geld schon bereit liegen. Ihr Angebot, bei ihr zu schlafen und erst am Morgen los zu fahren, lehnte Dada jedoch dankend ab.Sie wollte lieber weiter bis nach Hersfeld laufen und erst von dort mit dem Zug fahren. Mit dem von ihr bekannten Wandertempo lief sie nun frohgemut durch die Nacht gen Hersfeld und freute sich, das für sie so kostbare Westgeld etwas einsparen zu können.Als sie unterwegs an Häusern und Schaufenstern vorbei kam, fühlte sie sich staunend plötzlich in ihre Kindheit zurückversetzt: Hier standen Niveacreme, Palmoliv-Seife und Kölnisch Wasser, auch Fewa und Persil-Waschpulver sowie  viele andere Kostbarkeiten ,die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, in bunter Vielfalt hinter den Scheiben. Doch als sie an einer Bäckerei vorbei lief, deren betörender Duft sich bis nach draußen auf die Straße ausbreitete, hielt sie das erste Mal inne. Sie hatte inzwischen tüchtig Hunger bekommen, und die ausgestellten Leckereien waren gar zu verführerisch, - auch hätte sie ja nun sicher etwas Geld übrig.-  Über ein kleines Treppchen gelangte sie in den Verkaufsraum, der zwar unverschlossen, aber in dieser frühen Morgenstunde noch völlig leer.war. Eine junge Frau war am Einräumen von Gebäck, die sie vorsichtshalber aber fragte: „Könnte ich mir vielleicht jetzt schon was kaufen?“ , und fügte dann schüchtern hinzu: „ Geld habe ich zwar, - aber ich habe heute keine Brotmarken dabei!“ Ein kurzes Stutzen, dann die lachende Antwort: „ Na  klar, - aber du kommst wohl aus der Ostzone?“ An einer herrlich knusprigen Semmel kauend setzte Dada dann   zügig ihren Weg fort und fand auch,  nachdem sie Hersfeld erreicht hatte,  ohne Schwierigkeiten den Bahnhof. Hier nun standen  auf dem Vorplatz etliche Fahrzeuge, auch viele Lastwagen,die zum Abtransport verschiedenster Güter vorbereitet wurden , und deren Fahrer erfahrungsgemäß, wenn Dada immer mal den Schulzug verpaßt hatte, am ehesten einen Anhalter mitnahmen . An ihr begrenztes Geld denkend , konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, trotz der Warnung und elterlichen Ablehnung  während der Fahrtplanung zu versuchen,  von hier aus nach Lüdenscheid zu trampen.

 

4.Kapitel  A U F  E I G E N E S  R I S I K O !

 

Gut zu beobachten,  wurde da gerade ein Geschäftsauto mit Kartons beladen. Der Fahrer, ein jüngerer kräftiger Bursche, machte einen recht sympatischen Eindruck auf  Dada. Nach einigem Zögern, während sie das Einladen interessiert verfolgte, überwand sie sich endlich und fragte den Fahrer bemüht forsch:     „Fahren Sie eventuell  über Lüdenscheid?“  „Mach ich“ , war die prompte Antwort, „wollen Sie dahin? Ich könnte Sie ein Stück mitnehmen, muß nur unterwegs die Kartons abgeben. Ich bin hier gleich fertig, Sie können ruhig schon mal vorne einsteigen!° Froh über ihre Entscheidung und den schnellen Erfolg fuhr sie bald in angeregtem Gespräch mit dem netten Fahrer durch unbekannte Städtchen und Dörfer, bewunderte die gepflegten Häuser und Vorgärten, und freute sich mit dem Fahrer, als die ganze Fracht ausgeliefert war. Doch dabei war es Abend geworden, und sie hatte keine Ahnung, wie weit sie noch von Lüdenscheid entfernt waren. Als er nun seine Stullen auspackte und sie zum Mitessen einlud, bot er ihr an, da es schon sehr spät geworden sei und die Fahrt nach Lüdenscheid noch ziemlich lange dauern würde, lieber erstmal in einem kleinen Hotel, in dem er immer mal übernachten würde, ein paar Stunden zu schlafen, um dann ausgeruht am frühen Morgen weiterzufahren. Wenn sie ein Zimmer für sich hätte, dann gerne, stimmte sie zwar etwas verunsichert aber dankbar zu, denn inzwischen war sie totmüde nach dem langen,ereignisreichen Tag. Besagtes Hotel war schnell erreicht, und nachdem sie sich von ihrem großmütigen Begleiter voll Dankbarkeit bis zum Frühstück am nächsten Morgen verabschiedet hatte, lag sie schon kurz danach im Bett und war am Einschlafen,als sie hörte , daß er in das von ihr abgeschlossene Zimmer kommen wollte und sie auffordete, aufzuschließen. Zwar wieder hellwach, stellte sie sich schlafend, rührte und regte sich nicht und wartete, bis es vor der Tür wieder still geworden war.An Schlaf war nun nicht mehr zu denken, zumal nach etwa einer halben Stunde die Türklinke nocheinmal vorsichtig, wenn auch vergeblich, heruntergedrückt wurde. Fast geräuschlos zog sie sich im Dunklen wieder an, verstaute alles, was sie ausgepackt hatte, wieder in ihre Tasche und ,,,,,, setzte sich in einen großen, bequemen Sessel, der gleich am Fenster stand. Hier wartete sie angespannt, ob jetzt alles ruhig blieb, bis sich im ersten Dämmerlicht die Konturen der umstehenden Häuser abzeichneten. Mit größter Bedachtsamkeit schloß sie nun auf und öffnete die Tür einen Spalt. Der lange Flur war matt erleuchtet, und  bis zur Treppe hin war niemand zu sehen. Sie schlich sich vorsichtig durch den Gang und die Treppe hinunter ,und da sich auch hier unten im Empfangsbereich keine Menschenseele aufhielt, und die Hoteltür nicht verschlossen war, stand sie kurz darauf erleichtert, wenn auch mit schlechtem Gewissen, draußen auf dem Bürgersteig und bemühte sich, möglichst schnell und ungesehen aus der Stadt herauszukommen. Wenn sie westwärts liefe, dachte sie, könne sie nicht viel falsch machen, und so  auf irgendeiner Landstraße angekommen, lief sie nun in ihrem gewohnten Tempo immer der Nase nach und machte sich Mut, irgendwann wieder ein Auto anzuhalten. Es dauerte jedoch ein ganzes Weilchen, bis sie sich dazu durchgerungen hatte. Die Sonne war schon aufgegangen, es wurde bereits wärmer, da winkte sie kurz entschlossen, als sie hinter sich ein Motorengeräusch hörte. Dann ein kurzer Schreck – es war ein Armee-Fahrzeug, ein amerikanischer Jeep. Aber er hielt an, und ein schon leicht angegrauter amerikanischer Offizier, der allein darin am Steuer saß, sah sie fragend an:  „Lüdenscheid?   Yes !“ , und er machte eine einladende Handbewegung. Ein Mann in Uniform – Dada stieg voller Vertrauen zu ihm ein. Doch schon bald verließ das Fahrzeug die breite Verkehrsstraße, wechselte auf eine schmale Landstraße und bog dann in einen Feldweg ein, um irgendwann zwischen hohen Kornfeldern anzuhalten.  Die Fahrt bisher war völlig schweigsam verlaufen , der Amerikaner sprach oder verstand offenbar kaum ein deutsches Wort .bedeutete ihr aber nun unmißverständlich, mit ihm auszusteigen. Die böse Ahnung, die sie unterwegs schon zunehmend befallen hatte, schlug nun in pure Angst um. Aber seine ruhige und freundliche Art ermutigte sie, mit ihm zu verhandeln. Verzweifelt marterte sie ihr aufgewühltes Gehirn, ihr die notwendigen englischen Vokabeln freizugeben, und tatsächlich konnte sie ihm erklären, daß sie schon zwei Jahre fest mit einem jungen Mann liiert sei, aber auch ihm nicht mehr als ein Kuß erlaubt wäre, da sie bis zur Hochzeit warten wolle . Der fremde und unbekannte Offizier hörte ernst und schweigend zu, überlegte kurz und forderte sie mit einer Handbewegung auf, sein Fahrzeug zu verlassen.  Dann fuhr er wortlos davon.  Erschöpft und zugleich erleichtert suchte sie nun den Rückweg, um wieder auf eine Verkehrsstraße zu kommen, obwohl sie mit dem Gedanken haderte, ob sie es nun noch einmal versuchen solle . Aber nirgends sah sie eine Spur von einer Eisenbahn, und da es aller guten Dinge drei bedarf und gerade ein kleiner Laster vorbei kam, der auch anhielt, hatte sie tatsächlich endlich Glück: „ Ja, ich fahre durch Lüdenscheid und nehme Sie gerne mit. Wenn Sie mir die Adresse sagen, kann ich Sie auch bis vor die Haustüre fahren. So geschah es nun wirklich. Am Spätnachmittag setzte er sie nach einer fröhlich verplauderten Fahrt vor dem Haus ihrer schon besorgten Gastfamilie ab, dem zu Hause von der Schul-  und Studienfreundin ihrer Mutter,   Emmi Kaus,   ihrem Mann Hugo,dem Direktor der Lüdenscheider  Berufsschule, und den drei Töchtern, etwa in ihrem Alter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5.Kapitel F E R I E N  I M  W E S T E N                  

                  

Doch ehe sie überhaupt die Gartentür erreicht hatte, kamen ihr schon die ersten Familienmitglieder entgegengerannt, und, was sie von zu Hause garnicht kannte,  umarmten und küßten sie aus vollem Herzen, So wurde sie umgehend in ein wunderbar harmonisches Familienleben eingegliedert.

Von dem Berufsschuldirektor Onkel Hugo war ihr schon früher mal erzählt worden. daß er während des Krieges als Hauptmann im Urlaub, in voller Uniform völlig unbeeindruckt von  dem heimlichen Gespött der Passanten,  seine kleine Tochter, in damaliger Zeit völlig unüblich , im Kinderwagen stolz spazierengefahren habe. - Alle anderen aber kannte sie schon ein bißchen von früheren Familienbesuchen her. So genoß Dada nun erst einmal einige Tage diese liebevolle Athmospäre und natürlich auch all die guten Sachen, die es im Osten derzeit noch nicht gab.Voller Interesse ließ sie sich von den drei Töchtern die schöne Stadt zeigen und berichtete auch ihrerseits viel von ihrem zu Hause, allerdings  nicht ein Sterbenswörtchen von den Pannen ihrer Herfahrt. In der zweiten Woche begannen dann ihre Besuchsfahrten, welche ihre Eltern mit den Gasteltern besprochen- , und diese wohl auch schon vorbereitet hatten.

Nachdem sie zuerst  in Essen –Steele bei Onkel Clemens, einem Bruder des Großvaters und seiner großen Familie  kurz hereingeschaut hatte ,  

lernte sie nun auch endlich  das Stammhaus der mütterlichen Familie in                     

Essen- Rellinghausen  kennen , dessen Geschichte sie aus Familiengesprächen bereits bestens kannte, und auf das sie daher besonders neugierig war. Dieses Häuschen inmitten eines Gartengrundstücks  hatte  ihr Urgroßvater, der hochangesehene Schulrektor Franz Booz, ehemals gerade für seine Familie erworben, als seine noch junge Frau , die Mutter seiner sieben Kinder , mit nur dreiundvierzig  Jahren an Krebs starb. Der älteste Sohn studierte schon auf dem Lehrerseminar. Die nächstältere Tochter Klara jedoch übernahm mit fünfzehn Jahren die Führung des Haushalts, sowie die Betreuung und Erziehung ihrer fünf jüngeren Geschwister. Alle wurden später Lehrer, während sie selbst trotz etlicher Bewerber auf Heirat und eine eigene Familie verzichtete. - Eine besondere  Rolle spielte in diesem Familienkreis die Musik. Alle Kinder spielten mindestens ein Instrument und beliebt waren ihre Abende mit Hauskonzerten. Dadurch blieb das Haus immer ein beliebter Treffpunkt der Familie. Seinen Beruf übte Vater Franz bis zum zweiundsiebzigsten Geburtstag aus. Als er mit dreiundachzig Jahren starb, wohnten nur noch Klara und der jüngste,unverheiratete Sohn Clemens zu Hause .Umgehend verzichteten die auswärts lebenden Geschwister , allerdings ohne jede Zusatzklausel, zugunsten von Klara , auf ihren Erbanspruch , sodaß dann bei ihrem Tod das Häuschen Eigentum von Clemens wurde, der inzwischen eine Adoptivtochter angenommen hatte. Beide würde sie nun kennenlernen und außerdem hier auch ihren Onkel Eugen, den Bruder ihrer Mutter wiedersehen, der nach seiner Rückkehr nach Essen statt seiner ehemaligen Wohnung nur noch verkohlte Trümmer vorfand, und der hier eine Bleibe gefunden hatte. So verbrachte sie bald ein freundliches Plauderstündchen    mit den beiden Männern, da die Tochter  heute nicht zu Hause war. Doch  auch Onkel Eugen verabschiedete sich bald zu einer Verabredung, die man aber allgemein mit Besorgnis sah. Er hatte sich mit einer sehr wohlhabenden Fabrikantengattin, die sich angeblich  scheiden lassen wollte, angefreundet, und alle fürchteten nun eine neue große Enttäuschung für ihn, da sich niemand vorstellen konnte, daß sich eine so gut situierte Dame außer einem kurzen Abenteuer auf die Dauer an so einen völlig mittellosen Habenichts binden würde.Doch er glaubte unerschütterlich an eine gemeinsame Zukunft Daher brachte dann der hochaufgeschossene, noch sehr rüstige Großonkel Clemens Dada allein zur Bahn nach Düsseldorf, von wo sie  von seiner Nichte „Nüte“ ,eigentlich Luise, am Bahnhof erwartet und abgeholt werden würde. Danach auch hier,  auf dem Bahnsteig, ein fröhliches Erkennen und Begrüßen von Menschen, die sich nur vom Hörensagen kannten. Tante Nüte war von ihrer ehemaligen Schülerin Eva, die mit ihr zusammen wohnte und der sie ein Mathematikstudium ermöglicht hatte, zum Bahnhof begleitet worden, und so lernte Dada ihre Begleiterin für den nächsten Tag gleich kennen. Da gerade herrliches Sommerwetter herrschte,war bereits ein Badeausflug zu einer Rheinbrücke vorgeplant.Das war natürlich eine besondere Überraschung, zu der sich die beiden am nächsten Vormittag in bester Laune auf den Weg machten.Zwar war das Baden im Rhein inzwischen untersagt, aber an dieser Stelle wurde noch kaum einmal kontrolliert. Eva warnte nur und riet, falls amerikanische Soldaten auftauchen würden, sofort unauffällig zu verschwinden. Aber außer einem kurzen „Attention“ von Eva, das sich aber als Fehlalarm herausstellte, folgten nun ein paar ungestörte und unbeschwerte Badestunden am Ufer und im Wasser vom herrlichen Rhein. Als Rückweg hatte Eva einen kleinen Schaufensterbummel vorgesehen, und Dada staunte voller Bewunderung über all die schönen Dinge , die hier in bunter Vielfalt angeboten wurden. Doch mitten in diesem Überfluß saß auch ein Bettler in einer Hausecke, der auf ein Almosen harrte, und in der Menschenmenge, die schier endlos durch die Fußgängerzone strömte ,sah sie ganze Familien in äußerst ärmlichem Zustand, sodaß Mitleid ihre Euphorie allerdings etwas dämpfte. Ein herrlicher Eisbecher beendete schließlich ihre fröhliche Tagestour und wieder bei Nüte zu Hause  angekommen, hatte diese schon einen üppigen Abendbrottisch für sie gedeckt, den sie nie vergaß : Darauf nämlich auch eine ovale Büchse mit Hering in Tomatensoße, - und fast unglaublich -  die durfte sie ganz alleine essen !

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6.Kapitel
B E S U C H  M I T  R Ü C K F A H R K A R T E  

 

Die letzte Ferienwoche war angebrochen, und ein vorgesehener Besuch war noch zu machen, den Dada bis zuletzt aufgeschoben hatte, nämlich einen Besuch beim Vetter ihres Vaters, der inzwischen das riesige Bergbau-Unternehmen leitete,welches ihre Urgroßeltern im vorigen Jahrhundert gegründet und aufgebaut hatten und dessen Hauptsitz und oberhalb davon das Wohnhaus in Dortmund war. Weil dieser Besuch aber eventuell entscheiden könnte, ob sie wieder in den Osten zurückkehren würde, sie aber bisher noch nie Kontakt mit der Familie hatte, trat

sie ihn mit einiger Beklemmung an ,obwohl ihr beide Eltern versichert hatten, daß dieses nun schon ältere Ehepaar ausgesprochen nett und gastfreundlich sei. Der Besuch war wohl nicht abgesprochen worden, und Onkel Hugo, der sie zum Bahnhof gefahren hatte, löste vorsichtshalber gleich eine Rückfahrkarte mit. Vom Zielbahnhof war es dann nicht sehr weit bis zum Werksgelände. Der Vater hatte ihr den Weg dorthin genau beschrieben, und dort könnte sie sich den Weg zum Privathaus zeigen lassen.In Dortmund angekommen, führte  die angegebene Straße schon bald durch eine riesige Eisenbahnbrücke, auf der  in ebenfalls riesigen Lettern die Firma bereits angekündigt wurde. Sie war also auf dem richtigen Weg. Bald hatte sie den Haupteingang zum Werksgelände erreicht, passierte den Eingang zu dem großen Fabrikhof  und lief gleich auf das erste Gebäude zu, wo sie eine Pförtnerloge erkannte.Als sie sich dieser dann etwas zögernd näherte, öffnete ein älterer Pförtner in schicker Betriebsuniform  schon das Besucherfenster und schaute ihr etwas erstaunt aber freundlich entgegen. Doch sein leicht verhaltenes Lächeln ermutigte sie, gleich, ohne seine Fragen abzuwarten, ihr etwas außergewöhnliches Anliegen vorzutragen: „Ich komme aus der Ostzone, aus Thüringen, heiße Deilmann und möchte meine Verwandten hier besuchen. Mir wurde gesagt,   den Weg von hier zum Wohnhaus könnte ich mir von Ihnen, bitte, beschreiben lassen.“  Seine erstaunte Miene wandelte sich zunehmend in pures Entgegenkommen:       „Mein Gott, Fräulein Deilmann, das ist ja sicher eine große Überraschung! Da rufe ich gleich mal oben an, und dann kann Sie jemand hochfahren!“  Doch während sie sein Angebot noch abwehren wollte, liefen zwei gutgekleidete junge Frauen,  in lebhaftem Gespräch aus dem Werksgelände kommend, dem Ausgang zu. Eilig erklärte er: „Das paßt ja bestens! Das sind die beiden Deilmannstöchter, die können Sie doch gleich mitnehmen“, und rief ihnen zu: „Hallo, hier ist eine Verwandte von Ihnen, ein Fräulein Deilmann aus der Sowjetzone, die möchte Sie besuchen ! Könnten Sie die junge Dame eventuell mitnehmen?“ Die beiden schauten sich im Laufen kurz und fragend an, ein abschätziges kleines Kichern, und schon waren sie durch den Ausgang aus dem Blickfeld verschwunden. Der völlig verdutzte und offensichtlich betroffene Pförtner wollte Dada trösten und beteuerte, daß ihre  Eltern aber doch ganz anders seien,  (was sich später auch  bestätigte) und die würden  sich über ihren Besuch mit Sicherheit sehr freuen . Aber sie sah ihr skeptisches Vorurteil gegen sehr reiche Menschen bestätigt, wendete sich mit „Bestem Dank“ zum Gehen,  und war froh und erleichtert, daß sie die Rückfahrkarte schon bei sich hatte.

 

 

 

 

7.Kapitel G L Ü C K L I C H E  H E I M K E H R

 

Die letzte Ferienwoche ging damit dem Ende zu, und nun war es soviel wie sicher- , sie wird wieder nach Hause fahren . Doch ein Bedürfnis hatte sie noch, nämlich eine Wahlveranstaltung zu besuchen . Deutschland war auf dem Weg. in zwei Teile zu zerfallen. Zuerst der Westen , dann auch der Osten, würden nach der endgültig trennenden Währungsreform im vorigen Jahr nun in kurzer Zeit auch eine eigene Regierung wählen. Im Osten ging es im wesentlichen ja eigentlich nur darum, die von den regierungstreuen Parteien aufgestellten und für zuverlässig befundenen  Kandidaten zu bestätigen. Doch wie würde es hier im Westen sein? Sie hatte Glück. Zwei Tage vor ihrer Abreise fand im hiesigen  Stadtteil, ganz in ihrer  Nähe, eine Einwohnerversammlung  zur Wahl statt. Mit der um ein Jahr jüngeren Ingrid, die sich ebenso wie sie, für die politische Entwicklung und Zukunft ihres Landes interessierte, machte sie sich pünktlich und erwartungsvoll auf den Weg zu dieser Veranstaltung, die in einem großen und vollbesetzten Saal stattfand.Aber statt der sachlich-leidenschaftlichen Diskussionen, die sie  mit den Eltern im Fernsehen bewundernd verfolgt hatte, erlebte sie hier vorwiegend beleidigende  persönliche Diffammierungen und heftigen Streit um die ungerechte Verteilung von Spendengeldern für die Wahlwerbung. Nein, das konnte ihr so auch nicht gefallen. Am Sonnabend wurde nun endgültig die Rückreise vorbereitet. Viel Gepäck konnte sie ja nicht mitnehmen, aber dafür wurde ihre Reisekleidung modernisiert.Die Mode hatte sich gerade auf knöchellange,weite Röcke umgestellt und in solch einem schicken,neuen Kleidungsstück und mit ihrer nun von Geschenken prall gefüllten Schultasche wurde sie dann am Sonntagvon der ganzen Kaus-Familie bis an den Zug gebracht. Hier ein rührender,etwas wehmütiger Abschied, obwohl damals keiner von ihnen ahnte, daß sie sich nicht noch einmal wiedersehen könnten, noch ein dankbares Zurückwinken, und der erste Teil der Rückreise bis nach Philippsthal begann.  Als sie dort am Spätabend ankam, es war mittlerweile schon dunkel geworden, die Fenster waren hell erleuchtet und die Straße fast menschenleer, wanderte sie ganz gemütlich durchs Dorf, an den letzten Häusern vorbei,  über die Werrawiese bis zum Fluß, um sich hier, nicht allzuweit von der Brücke entfernt, ein durch Gebüsch verdecktes Plätzchen zu suchen. Hier wartete sie nun wieder bis nach Mitternacht, und  wieder war ringsum reglose Stille, als sie zur Uferböschung aufbrach. Der Wasserspiegel war in den vergangenen drei Wochen zwar etwas höher gestiegen, aber durchaus noch passierbar.Nur ihr neuer langer,  weiter Rock nahm jetzt soviel Platz ein, daß er trotz aller Mühe nicht mehr in ihre Tasche paßte. Die andere Hand aber brauchte sie ja für ihre Schuhe. Also mußte sie ihn notgedrungen anbehalten, nach oben zusammenraffen, und ihn, so gut es eben ging, festhalten. Auch zurück  konnte sie nun ungestört und ohne Schwierigkeiten durch die Werra an das thüringer Ufer gegenüber  waten. Nur kurz, bevor sie es erreichte, glitt ihr der Rock aus den Händen, und sein Saum rutschte  ins Wasser. Doch bei der warmen Temperatur störte das ja kaum, und in ihrer großen Freude über die nochmals gut gelungene Grenzpassage  merkte sie die Nässe  bald garnicht mehr. Möglichst schnell verließ sie die Werraregion, wartete auf einer Parkbank, bis  die Bahnhofgaststätte aufgeschlossen wurde, um mit dem ersten Schichtzug dann nach Hause zu fahren.Als sie gegen Morgen  etwas fröstelnd in den Warteraum kam, warteten dort schon zwei andere Fahrgäste  auf die Zugabfahrt, und sie setzte sich etwas entfernt in eine Ecke. Kurz danach schon kam ein deutscher Grenzsoldat herein, um die Ausweise zu kontrollieren. Nachdem er bei den beiden Männern  an den Nebentischen angefangen  hatte, kam er an ihren Platz: „Ihren Ausweis, bitte! --- Sie kommen doch aus Phippsthal ?! --- Nein? --- Na, da gucken Sie doch mal unter Ihren Stuhl!“   Überrascht und erschrocken stellte sie fest, daß sich aus ihrem Rocksaum um den Stuhl herum eine nicht zu übersehende Wasserlache  gebildet hatte. --- „So,soo,  Sie waren drüben zum Ferienbesuch und wollen nachher wieder nach Hause, nach Merkers fahren? Na gut, ich glaub Ihnen.  Aber gleich , an der Sperre, kontrollieren die Russen. Die würden Sie auf jeden Fall erstmal mitnehmen. Warten Sie hier, ich bringe Sie durch die Sperre an den Zug.“  Da hatte sie mal wieder großes Glück gehabt!  Mit einem kleinen Adreßzettelchen in der Hand : --- “Falls Sie sich mal bei mir bedanken wollen?!“ --- , konnte  sie nun ohne weitere Behinderungen in ihren Heimatort  Merkers fahren und überraschte dort ihre glücklichen Eltern, die ihrer guten Rückkehr schon besorgt entgegengebangt hatten. Mit ihrem neuen Schreibpartner aber verband sie  bald eine lange Brieffreundschaft.         



8.Kapitel
L E T Z T E S  S C H U L J A H R                            U N D  E I N  N E U E R  S C H Ü L E R

 

Zu Hause erwartete Dada eine ungewöhnliche Betriebsamkeit und Unruhe, denn am kommenden Wochenende sollte hier im Haus die Hochzeit der sechs Jahre älteren Schwester  Hella gefeiert werden. Doch zum Wochenanfang mußten zuerst auch die Schultaschen von drei Kindern für das neue Schuljahr ordentlich vorbereitet sein. Sie selbst jedoch sah ihrem letzten Schuljahr recht gelassen entgegen. Ihre neuen Schulbücher hatte sie schon, und bei der vorbereitenden Elternversammlung ihrer Klasse hatte die Mutter bereits  erfahren, daß alle Fächer von den gleichen Lehrern wie im Vorjahr unterrichtet würden. Ihr Klassenlehrer, der Russischlehrer Herr Stenz, hatte ihr sogar schon drei Tage Schulfrei zum Helfen fürs Wochenende gestattet. Es würde also alles unverändert und wie immer weitergehen.  Doch welch ein Irrtum! Als sie am ersten Schultag morgens in ihre Klasse kam , war der leere Platz ihrer ersten Bank besetzt. Ein unbekannter neuer Schüler! Ziemlich groß, schlank und blaß, dunkle Haare und Augen mit Brille,-  so machte er auf sie einen sehr ernsten und erwachsenen  ersten Eindruck..  Die kurze. höfliche Begrüßung wurde  jäh durch Zita unterbrochen, die auch gerade herein kam und mit lautem Hallo die  anfängliche Zurückhaltung beendete: „Mensch, Arno, wie kommst du denn hierher? ---Was? In Jena durchs Abi geflogen? Das kann doch nicht wahr sein! - - -  In Erdkunde und in Biologie eine fünf ? Sehr komisch! Und dein Musikstudium? - - -   Doch wenn sich dein schon abgesprochenes Vorspiel bei einem Professor in Weimar dadurch erübrigt hat, war das ja doppelt gemein! Aber wer weiß, wozu es gut war! Hier wird dir das mit Sicherheit nicht nochmal passieren! “  - Die beiden kannten sich offensichtlich sehr gut, und Dada, die zukünftig nun zwischen den beiden sitzen würde, hatte jetzt schon eine ganze Menge über den Neuen erfahren. In der großen Pause aber erzählte ihr Zita dann voller Anteilnahme so ausführlich seine Lebensgeschichte,daß sie ihn fast besser kennen lernte, als ihre übrigen langjährigen Klassenkameraden.             

 

Also :  Arno gehörte zu den Salzunger Ureinwohnern.   Schon sein Urgroßvater hatte als Salzsieder auf der Nappe gearbeitet und erwarb in der Silge ein kleines Wohnhaus,in dem dann sein Großvater, der spätere  Meister im Kaltwalzwerk, sein Vater, und dann, 1930 , auch Arno geboren wurde. Jedoch schon nach vier Jahren verstarb seine Mutter, die eine Enkeltochter des bekannten   Salzunger Fabrikanten und Politikers Friedrich Eckardt war, an Tuberkulose. Er und sein kleines Schwesterchen wurden nun  von der jüngeren Schwester des Vaters und von den Großeltern liebevoll hier weiter betreut. Schon sehr früh fiel der Familie Arnos  Liebe zum Musizieren auf, die aber  nicht nur erkannt, sondern auch sorgfältig gefördert wurde. Er bekam Klavier- , Akkordeon- und Geigenunterricht , und obwohl er auch ein guter Schüler in der Allgemeinschule war und später zur Oberschule ging, brauchte er nie zum Üben an seinen Instrumenten erst aufgefordert zu werden . Als der Krieg kam, wurde der Vater  eingezogen , und fand nach Kriegsende einen neuen Arbeitsplatz in der Konstruktionsabteilung der Zeisswerke in Jena. Hierhin holte er seine beiden Kinder bald nach und Arno bekam auch in Jena neben dem Schulunterricht weiter eine fundierte Musikausbildung durch eine hochqualifizierte Pianistin . Doch die Nachkriegsversorgung  mit Lebensmitteln, besonders auch in den Städten, war äußerst knapp.Mit Musikmachen aber konnte man sie erheblich aufbessern. Arno erspielte sich deshalb einen Berufsausweis als Pianist, und spielte in einer Big-Band sowie in einer Kirmeskapelle statt im Schulorchester. Er verbesserte  damit zwar die Versorgung der Familie, verärgerte aber seine Lehrer. -  Nun war er also wieder in Salzungen ! Doch gerade klingelte es jetzt, – die große Pause war schon zu Ende.  Gleich würde die Geschichtsstunde bei Herrn Zarm beginnen, mit dem Dada im Vorjahr teilweise heftige Diskussionen über gegenwärtige staatliche Maßnahmen geführt hatte, und dem sie nun unbedingt von ihren eigenen Eindrücken und Ferienerfahrungen berichten wollte, selbst auf die Gefahr hin, von der Schule zu fliegen. Aber sie war ja nicht ohne Grund zurückgekommen und wollte ihm auch in manchen Dingen rechtgeben . -    Es wurde eine sehr emotionale und interessante Stunde, sicher völlig anders, als sie Herr Zarm in seiner Unterrichtsvorbereitung vorgesehen hatte,und er ging ohne starre Dogmenverteidigung auf die Argumente seiner Schüler ein. Leider geht eine  interessante Schulstunde ja besonders schnell zu Ende. Jedoch auf dem Stundenplan des nächsten Tages stand schon die zweite Geschichtsstunde, und Dada erwartete sie  voller bedrückter Spannung . Aber nein. sie wurde nicht zum Direktor bestellt! Hatte Herr Zarm ihm etwa ihre Grenzverletzung nicht gemeldet!?. Aber er ließ heute die Klasse eine ungewöhnliche Klassenarbeit schreiben: „Nehmt bitte ein Blatt und schreibt jetzt einen außerplanmäßigen Aufsatz, Thema: Volle Läden im Westen.“  Dada war zutiefst erschrocken und fürchtete natürlich den durchaus verständlichen Unmut der Klasse. Aber nichts dergleichen war zu spüren, sondern alle begannen widerspruchslos zu schreiben. So schrieb auch sie nochmal auf, was sie im Unterricht ja schon geschildert und vertreten hatte: Daß durch die enorme wirtschaftliche Unterstützung des amerikanischen Marshall-Planes seit 1958 in Westdeutschland ein ungleich weit besseres Warenangebot, quantitativ wie qualitativ, ermöglicht wurde, welches aber nicht allen , beispielsweise den Arbeitslosen oder Obdachlosen, zugute käme. Außerdem würde sie auch eine spürbare politische Abhängigkeit bewirken. -  Als die Aufsätze eine Woche später zurückgegeben wurden, prangte auf  Dadas Blatt eine große rote 5 !! Wortlos steckte sie den Bogen gleich in ihre Tasche in dem Bewußtsein, daß diese Fünf keine Note, sondern die dringende Warnung sein sollte, solch eine Fahrt nicht noch einmal zu wiederholen.  Doch hiermit wurde nun die ganze Geschichte endgültig zu den Akten gelegt.   






9.Kapitel               H E L L A S   H O C H Z E I T

Zu Hause, in Merkers, drehte sich nun alles um Hellas recht

unerwartete Hochzeit . Hella war im letzten Semester ihres Medizin-

Studiums angekommen und bereitete sich bereits auf die ersten der

zahlreichen  Abschlußprüfungen  vor .Weil die Eltern aber dieses Jahr

erstmalig in Urlaub fuhren, da der Vater nun eine Praxisvertretung

anfordern konnte, fuhr sie zum Wochenende nach Hause, wo der Vertreter

schon eingetroffen war, um ihn bei der Praxisübernahme mit den vielen

ihm unbekannten Patienten in vier Orten  einzuweisen und etwas zu

unterstützen.  Dick, so wurde der junge Arzt gerufen, war noch nicht lange

aus der Kriegsgefangenschaft zurück gekommen . Er stammte aus Jena, wo

sein Vater damals als leitender  Prokurist der Zeiß-Werke arbeitete,

wodurch der Sohn wohl die Möglichkeit bekam, in der Schweiz

Medizin zu studieren.  Als er nach dem Examen nach Deutschland

zurückkehrte, brach unmittelbar danach der Krieg aus, er wurde

eingezogen, verbrachte die folgenden Jahre in verschiedenen  Lazaretten

und dann in Kriegsgefangenschaft.  In Merkers aber folgte nun eine große

Liebe  auf den ersten Blick, und Hella und Dick beschlossen, recht bald zu

heiraten.Da Dick aber jetzt endlich ein festes und ruhiges zu Hause haben  

wollte, sollte Hella ihr Studium abbrechen. Alle Gegenargumente waren  

umsonst! Hella ließ sich exmatrikulieren!!  In Jena wurde eine Wohnung

gemietet  und der Hochzeitstermin in kürzester Zeit festgesetzt.

So  konnte sich Hella nun völlig sorglos den Festvorbereitungen widmen.

Als Dada jedoch die lange Gästeliste durchlas, war sie doch etwas

erschrocken.  Hella hatte auch Reinhard eingeladen. Er sollte  zur Trauung

in der Kirche mit seiner wunderbar sanften  Bariton-Stimme das schönste  

aller Liebeslieder :„Ännchen von Tharau“, singen. Aber auch Fredi, der

nette Nachbarbursche, war eingeladen Der zurückhaltende Blondschschopf

und seine Mutter, der Vater war gefallen, mußten 1946 Danzig und Heimat

verlassen. Er wohnte seitdem  im Nebenhaus, und eine fast kindliche

Freundschaft hatte Dada und den um ein Jahr Älteren, der schon eine

Lehre im Kalibetrieb  begonnen hatte, lange Zeit verbunden.  Ihr tägliches

Ritual wurde es, daß Fredi sie jeden Abend zu einem Spaziergang bis zum

Waldrand abholte,sie sich unterwegs bis dorthin über Gott und alle Welt,

vorallem über die Vergangenheit, zaghaft manchmal über die Zukunft,doch

auch über Schönes oder Bedrückendes der Gegenwart unterhielten. Oben

angekommen,  ein flüchtiger Kuß, und nun  Hand in Hand ein stiller

Heimweg.  Da Fredi meistens eine dunkelrote  Weste trug, die ihm seine

Mutter genäht hatte und die  er wohl besonders gern anzog, rief  Dadas

Großvater, der diese Spaziergänge  mit Mißtrauen beobachtete, einmal

ärgerlich:“Da ist doch der Rotbefrackte schon wieder! Was der nur will ?“  

Doch als dann Reinhard  Gast in Merkers wurde, zog er sich fast

unmerklich zurück. Dada hatte inzwischen jedoch zu beiden weiterhin  ein

gutes, freundschaftliches Verhältnis.

Zu ihrer Freude aber fand sie auch den Namen ihres verehrten Lehrers

„Abu“ und etlicher  anderer ihr liebgewordenen Menschen auf der Liste.

So wurde es auch für sie eine wunderschöne und harmonische  Feier !  



10.Kapitel 
E N D E  D E R  S C H U L Z E I T , A N F A N G   E I N ER   
L A N G E N   L I E B E


Voller fröhlicher Erinnerungen und in bester Laune kam Dada am Montag

wieder in ihre Klasse.Es war zwar, wie immer bei den Fahrschülern,  noch

eine gute Stunde Zeit bis zum Unterrichtsbeginn, aber Zita war auch schon

da, hatte wohl auf sie gewartet und rief ihr schon entgegen :“  Mensch,

Dada, was hast Du nur mit dem Arno gemacht?“, und dann berichtete sie

mit gespielter Entrüstung, daß er sie jeden Tag mit seinen Fragen nach ihr

genervt hätte, denn  Zita und Arno waren ja miteinander noch recht

vertraut  aus der Zeit, als Arno noch hier bei seinen

Großeltern in der Silge wohnte  und er damals, obwohl er protestantisch

getauft war, nicht an der Orgel in der evangelischen Kirche das Orgelspiel

erlernen  und dafür auch üben durfte,was ihm aber die katholische  Kirche

gestattete. Doch  auch Zita ,gläubige Katholikin, die zwar mit rauher und

tiefer Stimme sprach, aber kurioserweise mit einer klaren und hellen

Sopranstimme sang , übte hier oft zur gleichen Zeit für ihre Solopartien

im Kirchenchor. Dann folgte damals meist nach dem Üben ein kleiner

Schwatz. Doch nun traf auch Arno ein und machte aus seiner Zuneigung

kein Geheimnis:“Moin,Moin!“  Prima, daß Du endlich wieder da bist!

Alles  okay ?“  Inzwischen aber waren alle Schüler eingetroffen, acht Uhr,

und die neue, noch sehr junge, doch etwas schrullige Hilfslehrerin

Fräulein Eleonore Fischer, die Dada aus der Schulzeit in Vacha als

Schülerin schon kannte, da sie dort  in einer Schülervorführung des

„Zerbrochenen Krugs“ von Kleist unnachahmlich und umwerfend

komisch den Richter gespielt  -, und außerdem eine viel beachtete

Puppensammlung zusammengetragen hatte, war hereingekommen

und der Unterricht konnte beginnen.

Aber inzwischen hatte sich der Nimbus, jetzt Abiturklasse zu sein, auf

das Selbstbewußtsein der Schüler ausgewirkt, besonders der bisher

völlig unauffällige Otto,(Ötten) Scharfenberg machte plötzlich  von sich

reden, nämlich in Rhöner Platt!!   In kürzester Zeit wurde ein Gemisch

aus den verschiedenen Varianten der vertretenen umliegenden Dörfer zur

Klassensprache, unverständlich für die meisten Lehrer. Und so entspann

sich zum Anfang heute folgendes Zwiegespräch: Fräulein Fischer (Fischi) :

„Herr Scharfenberg,können Sie mir mal wiederholen ,was wir in der

letzten Stunde gelernt haben?“

Ötten, an die Klasse gerichtet: „Sullich  mitter schwoatz??   Naa!  Hons

goanze Johr net mitter geschwoatzt , schwoatzich  hit  aanich  mitter !“

( „Soll ich mit ihr reden??  Nein! Habs ganze Jahr nicht mit ihr geredet,

red‘ ich heut‘ auch nicht mit ihr !)

Fischi, etwas ratlos: „Was sagten Sie, Herr Scharfenberg?“

Ötten,zur johlenden Klasse : „Mochts Faanster üff, schmißtse nüüß !“

( Ötten : „Machts Fenster auf, schmeißt sie raus!“  )               

Schon im Laufe dieser ersten Woche wurde der Kontakt zwischen

Arno und Dada immer intensiver, sodaß Arno am Wochenende fragte, ob

sie nicht nach dem Unterricht mal mit zu ihm nach Hause käme, seine

Patentante, bei der er dort jetzt wohne und die ihn betreue, würde sie

auch gerne kennenlernen. Dada  willigte natürlich sehr gerne ein. Doch

die Ankunft dort wurde ein kleines Schockerlebnis für sie: Während die

„Pate“  sie überaus freundlich begrüßte, fragte Arno, ob denn auch seine

Schuhe schon geputzt wären. Noch während sie bedauernd verneinte,

ein heftiger Knall ! Arno hatte einen der Schuhe wütend an die Wand

geschmissen .  Das war nun allerdings ein sehr überraschender und

deutlicher Dämpfer für ihre so übermäßig positive  Einschätzung ihres

neuen Verehrers.  Aber Pate Marie dämpfte alles mit ihrer begütigenden

Freundlichkeit, und zu guter Letzt verabschiedeten  sich alle in bestem

Einvernehmen .

Ganz anders leider verlief  vierzehn Tage später der Besuch von Arnos

Vater , kurz vor seiner Hochzeit mit einer neuen Partnerin. Vorher war er

schon bei Dadas Eltern in Merkers gewesen.   Da er aber dort keinerlei

Unterstützung fand, um die sich anbahnende Freundschaft  ihrer beiden

Kinder zu unterbinden, lud er seine ganze Familie in Bad Salzungen  

nach der Schule zu einem , für ihn wenigstens, sehr wichtigen

Treffen ein . In der Mittagszeit versammelten sich nun alle, auch Arnos

Schwester Herthi, und die beiden verwaisten Cousins, Hans und Heinz,  

die Pate nach dem Krieg  aus Berlin in ihre Obhut geholt hatte, um den

großen Familientisch, und Dada wurde nun in aller Form, unter Zeugen

aufgefordert, sich zurückzuziehen, denn Arno müßte jetzt nur noch lernen.

Ringsum betretene Gesichter, nur Pate lächelte Dada versteckt  zu. Dann  

ein frostiger Abschied.  Gut vierzehn Tage später fand  die Trauung

des neuen Elternpaares in Jena statt .Arno fuhr zwar nach langem Zureden,

aber nur, wenn er einen Schuh von Dada mitnehmen dürfe, mit Pate zur  

Trauung im Jenaer Standesamt, doch kehrte er,  noch vor dem

Festessen,  mit dem ersten Zug wieder nach Bad Salzungen zurück.

Doch bald schon gab es auch einen ersten Krach zwischen den beiden.

Der Sportuntericht fand für Jungen und Mädchen getrennt  in der

Sporthalle der Bürgerschule statt, Wenn die eine Gruppe Sportunterricht

hatte, konnte sich die andere beliebig beschäftigen.Während also eines

Tages die Mädchen zum Sportunterricht  gegangen waren, hatten die

Jungens das Klassenzimmer für sich. Da Dada ab und zu bei Zita blieb

und übernachtete, hatte sie dann ein paar Anziehsachen und Waschzeug in

einem kleinen Köfferchen  bei sich . Als an einem solchen Tag Dada vom

Sportunterricht zurückkam , traute sie ihren Augen und Ohren nicht :

Hoch oben am Kartenständer hing fast ihr gesamter Kofferinhalt,  

drumherum standen die Jungens und einer vom ihnen, den Zeigestock

schlagbereit in der Hand ,schrie gerade: „Meine Herren, und hier ein ganz

schickes  Jäckchen, Mode letzter Schrei!  Zum ersten, zum zweiten, und

zum  -   -   -   doch als er gerade zum Schlag ausholte, sah er Dada

hereinkommen, und wie von Geisterhand  versteckt, waren bis auf Arno

alle verschwunden. Bei aller Komik – Dada war stocksauer, vor allem

aber , daß Arno dem lustigen Treiben zugeschaut und es nicht verhindert

hatte. Voller Wut wechselte sie ihren Sitzplatz mit Zita , und für eine

ganze Weile saßen Arno und Dada nun nicht mehr nebeneinander.

Doch Arno ließ sich davon nicht im geringsten beeindrucken, sondern

er versicherte  Zita am nächsten Tag in voller  Überzeugung:

„ Und ich heirate sie doch!!“


11.Kapitel       A B I T U R  M I T    H I N D E R N I S S E N


Doch dann wurde es langsam ernst mit dem Abitur, die

Prüfungstermine wurden bereits bekanntgegeben.

Den Anfang machte die Sportprüfung für Jungen und Mädchen gemeinsam

in der Bürgerschule  am Sonnabend dem  13.Mai .

Am  Sonntag, dem nächsten Tag , hatte Dada ihren achtzehnten

Geburtstag, und am Montag begann dann das schriftliche Abitur in der

Aula der Bürgerschule. Arno und Dada hatten erwartungsgemäß wieder

zusammengefunden  und machten sich an diesem Sonnabend ohne große

Sorgen gemeinsam auf den Weg zur Sporthalle, Dada allerdings mit dem

Ehrgeiz, unbedingt ihre eins in Sport auf dem Zeugnis zu erhalten  Es

wurde, wie gewöhnlich, mit den Pflichtübungen begonnen, und dann

standen ein paar Zusatzübungen zur Auswahl, bei denen Dada zu ihrer

großen Freude feststellte,,daß

auch  Handstand-Überschlag ,ihre Paradenummer, zur Auswahl stand.

Als sie damit dann an die Reihe kam, wollte sie ihre eins ganz sicher

machen und wirbelte beim Überschlag möglichst hoch nach oben.Beim

Wiederaufkommen aber schien sie einen dröhnenden Knax zu hören ,

und mit einem heftigen Schmerz versagte ihr das linke Bein seinen

Dienst.Auch die Mitschüler standen wie gelähmt. „Also, jetzt nur kein

Theater machen!“  - Dada versuchte,  möglichst unauffällig, auf dem

rechten Fuß hüpfend, an ihren Platz zurück zu kommen. Doch da sackte

sie zusammen. Arno mußte also bei seiner Tante ein Fahrrad holen, schob

sie damit zur Silge, und ein Arzt schickte sie anschließend zum Röntgen

ins Krankenhaus. Dort stellte man einen Wadenbeinbruch fest, konnte das

Bein  aber noch nicht gipsen, da es inzwischen stark angeschwollen war.

Das bedeutete aber: Nicht laufen und möglichst ruhig halten. Der Vater

holte sie dann mit seinem Auto nach Merkers, es folgten eine schmerzvolle

Nacht und ihr Geburtstag mit der bangen Frage, -Abi verschieben  oder

irgendwie nach Salzungen kommen?  Es gab tatsächlich  eine Lösung:

Dadas Pateneltern, Ehepaar Dr.Krause, wohnten schräg gegenüber der

Schule. Hier konnte sie während der ganzen Prüfungswoche wohnen.

Arno trug sie dann jeden Morgen dort die Treppen herunter, fuhr sie

mit einem Wägelchen bis zur Schulpforte und schleppte sie dann  

hoch in die Aula im dritten Stock. Alles verlief  bestens, und nachdem das

Bein gegipst werden konnte, durften Arno und Dada ungestraft als einziges

Schülerpärchen Arm in Arm in der restlichen  Schulzeit

zum Unterricht kommen.

Zum glücklichen Ende hatte die ganze Klasse das Abitur bestanden,

und wenn auch  zum großen Abi-Ball das Tanzen mit Gipsbein recht

beschwerlich war,  - es war  ein wunderschöner, unvergeßlicher Tag!



12.Kapitel 
S T U D I U M  I N J E N A  - V E R L O B U N G I N  M E R K E RS
             

Jetzt aber ließ sich die Berufsfrage nicht mehr aufschieben. Fest stand nur,

sie wollten zusammenbleiben , jetzt, immer, und später möglichst auch

zusammen arbeiten können. Zwar war verlockend, daß beide schon einen

Draht nach Weimar hatten, -  Arno zum Musikstudium, Dada zur

Schauspielausbildung,  aber da waren sie sich einig, - sie wollten keine

Künstlerehe  führen ! Für Arno blieb also nur das  Medizinstudium

akzeptabel,  welches für  Dada auf hohe Hürden stieß : Zuerst die üblichen

Froschversuche während des Studiums, dann das Spritzengeben im Beruf.

Außerdem würde sie als  „Intelligenzkind“  ohne eine Zulassungsgarantie  

durch einen Einzelvertrag des Vaters  kaum hierzu angenommen, was bei

Arno als  „Arbeiterkind“  soviel wie sicher war.  So entschlossen sie ,

sich beide in Jena zu bewerben, Arno zum Medizinstudium , und Dada zu

einer zweijährigen Krankenschwesternausbildung, um die  Möglichkeiten

einer Angleichung auszutesten. Beide wurden angenommen, und so

fuhren sie zum ersten September  mit etlichen Klassenkameraden

als Startstudenten mit dem Schnellzug,  der viele Arbeitskräfte der

Gegend  nach Zwickau,  zur besonders reichlich vergüteten aber

auch gefahrvollen  Urangewinnung  brachte , und der auch   

in Jena hielt,  mit vielen großen Erwartungen  in die kleine, idyllische

Universitätsstadt   Jena an der Saale.

In Jena angekommen, trennten sich jetzt  zwangsläufig  für einige Zeit

Ihre Wege. Arno konnte bei seinen Eltern in der Gorki-Sraße wohnen. Da

diese  jedoch zwei Zimmer an Studenten vermieten mußten, und beide  

waren dieses Jahr frei geworden, konnten auch  „Ötten“ Scharfenberg

und sein Freund  „Kierten“ Volkert, die  Sport/Pädagogik  studierten,

mit hier einziehen, während Dada für das Jahr  der theoretischen  

Ausbildung in ein  Schwestern-Internat am Fuchsturmweg einzog.Da sie

dort  keinen Besuch empfangen durfte,kam Arno fast jeden Abend dorthin,  

um sich  nach ausgemachtem Pfiff, ( aus einer Oper, Text :„Ich liebe dich!)

unter ihrem Fenster im ersten Stock kurz zuzuwinken,  um danach wieder

weiter auf das Wochenende zu warten, an dem sie meistens über einen

Besuch bei Pate in BaSa zu ihren Eltern weiter nach Merkers fuhren. Die

Heimfahrt wurde allerdings manchmal zum Ärgernis, wenn sie auf dem

Umsteigebahnhof in Eisenach, selbst bei minimaler Verspätung,  nur noch

die Schlußlichter ihres  Anschlußzuges, eines Schichtzuges, sahen,und

die Nacht dann bis zum nächsten Zug im Wartesaal verbringen mußten.

So verlief das Jahr recht unspektakulär. Aber zum Jahresende stimmten

sogar beide Elternpaare  einer offiziellen  Verlobung  zu Weihnachten zu,

schon um das durch den unschönen Beginn gestörte  Familienklima  

wieder  zu  normalisieren.

Das Weihnachtsfest 1950 wurde also  der  große Tag, an dem nun

endlich  ganz offiziell  ihr gemeinsamer langer Lebensweg begann.


13.Kapitel       S I E H   D A  ,  E S   G E H T   D O C H  !

Das erste Jahr war endlich geschafft, und ganz gut gelaufen.  Arno hatte

zwar  von Medizinischem  kaum etwas gehört , sondern mußte sich vorerst

mit den meist unbeliebten  Naturkundefächern  befassen, um erst einmal

das vorklinische Physikum zu bestehen,  aber Dada hatte ihre theoretische

Abschlußprüfung schon bestens bestanden und war nun dem internen

Städtischen  Krankenhaus zugewiesen worden, in dem sie auch wohnen

konnte. Sie  hatte ihre Arbeit dort bereits begonnen  und  empfand es als

großes Glück, daß sie zuerst bei Kindern eingesetzt wurde, auf einer

Isolierstation für zwei- bis vierjährige  scharlachkranke Kinder, die hier

sechs Wochen lang isoliert , und meist mit dem seit 1941 entwickelten

Penicillin behandelt wurden,  Damals nur erst in wässriger Form für

Injektionen hergestellt, mußte es den Kindern dreistündlich gespritzt

werden. Nun,da sie selbst vor zehn Jahren während der deutschlandweiten

Scharlachepidemie erkrankt war,brauchte sie keine Ansteckung zu fürchten

Die Stationsschwester, Schwester Sigrid, eine junge, freundliche

Blondine, erklärte Dada den täglichen Arbeitsablauf, sodaß sie gleich den

Mut fand , ihr zu beichten , daß sie zwar alles gerne und gewissenhaft

befolgen würde, nur Spritzen zu geben wäre für sie völlig unmöglich ,

was Schwester Sigrid zu ihrer großen Beruhigung mit einem kurzen,

verständnisvollen  Kopfnicken  akzeptierte. Dann wurde Dada,  jetzt

Schwester Dori, mit dem Fiebermessen beauftragt.  Noch ehe sie sich

richtig in ihre neue Rolle eingefunden hatte, rief es aus einem der

Kinderzimmer :“Tante, - Tante!“  Schnell schaute sie nach , Da stand ein

kleines stämmiges Bürschlein  mit sehr dunklen Augen und Haaren in

seinem Gitterbettchen und rief ihr mit lauter , auffallend  tiefer Stimme

entgegen:“ Tante,  mal  kack !“   Und aus dem Nebenbettchen zirpte

das hohe Stimmchen eines zarten blondlockigen Mädchens wie ein Echo:

„Tante, -  mal  kack !“  Diese ungewöhliche Begrüßung  eines  ebenso  

ungewöhnlichen  Zwillingspaares  machte ihr klar, sie war in einer ganz

neuen, kleinen  Welt und würde hier viel lernen   .Nach etwa vierzehn

Tagen aber, sie fütterte gerade  eines der kleinsten Patienten, kam die

Stationsschwester hinzu, hatte eine Spritzenschale dabei und meinte mit

einem leichten Lächeln:“Schwester Dori, ich glaube, Sie geben heute Ihre

erste Spritze“, und wie Dada gerade erregt protestieren wollte :“ Schon gut,

nur ruhig, Sie können das ganz allein entscheiden . Aber das kleine

Peterchen weint ganz schrecklich und will sich keine Spritze geben lassen,

- höchstens von Schwester Dori ! - Am besten, Sie kommen erstmal mit.

Als sie zu ihm ins Zimmer kamen und der Kleine ihr  mit

tränenüberströmtem  Gesichtchen  voller Erwartung entgegen sah,  konnte

sie einfach nicht  „Nein“  sagen .  Peterchen legte sich ganz von allein auf

sein Bäuchlein, und die Spritze  klappte ohne den geringsten   Mucks !

Der Bann war gebrochen !  Ein besonders herzliches Verhältnis bekam sie

zu Klein- Isa, die mit Zeichen schwerer Vernachlässigung zu ihnen auf

die Station kam und in besonderem Maße pflegebedürftig war.

Als Dada geneckt wurde, ,ob sie die Kleine nicht auch noch in den Schlaf

singen wolle, fand sie das eine gute Idee; die anderen Kinder auch; denn  

alle hörten gerne zu oder sangen mit, Doch als gerade an Dadas letztem

Arbeitstag hier ein Kind an toxischem Scharlach starb, verspürte sie zum

ersten Mal den dringenden Wunsch, nun auch selbst  Medizin zu studieren.



14.Kapitel      A U F R E G U N G   V O R   D E R   K A S E R N E

Für die verbleibenden drei Monate war nocheinmal eine Infektionsstation

vorgesehen, die gerade mit einer Klasse von Berufsschülern  voll belegt

worden war, die  sich durch ein Kantineessen  mit Typhus infiziert

hatten. Der Abschied von den Kindern war Dada nicht ganz leicht gefallen,

aber nun kam noch ein dauerhaftes Trauma dazu.Sie wurde nochmal auf  

ihre vorherige Station geschickt, um hier  im Stationszimmer einige

Formulare  abzuholen. Aber plötzlich ertönte dort  ein durchdringendes,

herzzerreißendes Rufen und Schreien:  Die kleine Isa hatte Dadas Stimme

erkannt.Aber sie durfte nun die Patientenzimmer nicht mehr betreten und

konnte sie nicht  trösten.   -  Jetzt wurden  es die zum Teil  sehr kranken

Schüler, die sie brauchten.Besonders zwei von ihnen, die in  hohem

Fieber lagen, von schrecklichen Wahnideen geängstigt wurden und daher

glaubten, ausreißen zu müssen. Andere aber, die schon auf dem Weg zur

Besserung waren, durften bereits aufstehen und warteten sehnlichst auf die

Besuchstage,  denn da das Krankenhaus direkt an einer  Verkehrsstraße

liegt und die Zimmerfenster ihrer Station im ersten Stockwerk den Blick

auf die Straße erlaubten,konnten sie ihren Eltern dann wenigstens

zuwinken.Auf der Gegenseite allerdings  lag das riesige  Terrain einer

russischen  Panzerkaserne, und fotografieren war dort verboten .An einem

dieser Besuchstage gab es furchtbare Aufregung : Einer der Schüler kam

völlig außer sich ins Stationszimmer gerannt: Die russischen  Soldaten  

hätten seinem Vater den Fotoapparat weggenommen und den Vater dann

mit in die Kaserne genommen!-  Der Vater hatte versucht, seinen Sohn

heimlich zu fotografieren.  Als der Junge durch nichts zu beruhigen  war,

nahm Dada ihren ganzen Mut zusammen, suchte im Gedächtnis die

wenigen noch  aus dem Russischunterricht abrufbaren und jetzt

erforderlichen Vokabeln  zu finden , ließ sich von den Wachsoldaten  

am  Eingang der Kaserne  zu irgendeinem Verantwortlichen  bringen  und

versuchte , diesem die Situation verständlich zu machen. Sie hatte wirklich

großes Glück und durfte schon  bald mit dem Vater  die Kaserne verlassen.

Doch noch ehe sie das Krankenhaus und Jena verließ , um  nun die

chururgische  Ausbildung  in Bad Salzungen, anzutreten ,

gab es eine ganz andere Aufregung im Haus. An der Rückseite des

Hinterhofes vom Hauptgebäude stand eine große, stabile  Holzbaracke,

in der sich eine  Männerstation  befand. Hier hatte sich eine

Krankenschwester  während ihres Nachtdienstes öfters  bei einem

Patienten, der verheiratet war und einige Kinder hatte, längere Zeit

aufgehalten.  Doch eines nachts stellte  sich die Ehefrau  mit all

ihren Kindern auf dem Klinikhof unter dem Fenster dieses Patienten

auf,  und die Kinder riefen durchdringend nach ihrem Papa.

Doch vielleicht und hoffentlich  gab es auch hier ein gutes Ende.


15.Kapitel   A U S  D EM   O P  Z U R  A K T I O N  K O R N B L U M E

Als sie gerade ihren Dienst auf einer chirurgischen Station in Bad

Salzungen angetreten hatte, wurde Dada  zum Operationssaal gerufen.

Der Assistenzarzt war nicht erschienen, und es stellte sich dann heraus,

er war von einem Westbesuch nicht zurück gekommen. Es war aber eine

wichtige Operation vorbereitet. Da Chefarzt Dr. Ellerau  wußte, daß sich

Dada anschließend zum Medizinstudium bewerben wollte, setzte er sie

kurzerhand zum Hakenhalten ein . Trotz eines riesigen Anfangsschreckens

hielt sie aber tapfer durch, und es wurde vereinbart, daß sie hier weiter

arbeiten würde, bis eine Ablösung möglich wäre.

Voller neuer Eindrücke , auch Arno, der sie am Wochenende zur

Heimfahrt nach Merkers abholte, war inzwischen in der Welt der Kranken

und Krankheiten angekommen und hatte viel zu berichten. So  saßen beide

dann am Sonnabend im Zug und freuten sich auf ein paar fröhliche  und

unbeschwerte Stunden in Dadas Elternhaus. Aber als sie dort ankamen,

waren die  Eltern gerade im Aufbruch, und die Mutter erklärte ihnen eilig,

daß sie morgens in der Sprechstunde von einem unglaublichen Geschehen

im Nachbardorf Dorndorf gehört hätten: Durch die sofortige Durchführung

der angedrohten, massiven Verschärfung der Grenzsicherungen . die  nach

Adenauers Beitrittserklärung  am  26.Mai  1952 zur  E V G , einer mit  der

amerikanischen Verteidigung verbündeten  „Europäischen Verteidigungs

Gemeinschaft“ ,  umgehend einsetzte,   geriet Dorndorf in eine fünf

Kilometer breite Sperrzone entlang der gesamten Staatsgrenze.

Aktion  „Kornblume“     am 7.Juni 1952

Am Vortag waren tausende Familien dieser  Sperrzone  ohne Angabe der

Begründung  oder des Zielortes aufgefordert worden, bis morgens um

sechs Uhr ihre Häuser oder Wohnungen zu räumen, da sie in Güterwagen

ausgesiedelt würden. Wie Patienten erzählt hatten, waren es in Dorndorf

sechzehn Familien, und die ersten waren schon in aller Frühe in einen

Eisenbahnwaggon verladen worden.Doch die Arbeiter der Nachtschicht

und eine Schulklasse mit Lehrer hatten alles wieder ausgeräumt und

zurückgebracht, sowie die Weichen der Bahn umgestellt. Als der zur

Hilfe gerufene Landrat, auf dem Dach seines Autos stehend, die

aufgebrachten  Menschen beruhigen wollte, wurde sein Auto umgekippt

und er mußte ins Gemeindeamt flüchten. Ein Löschfahrzeug sollte nun

die wütende Menge auseinander spritzen. Aber mit ausgerissenen eisernen

Zaunsstaketen  wurden die Schläuche zerstochen.

Nach diesen schier unglaublichen Berichten außer sich, war Mutter Magda

nach der  Sprechstunde ins Dorf gehastet. Da das Arztehepaar mit seinen

Kindern die Nazizeit nur  durch die Solidarität der Kaliwerksleitung und

der Dorfbevölkerung in Merkers unbeschadet überlebt hatte, war sie jetzt

davon überzeugt, daß  endlich  ein menschlicher deutscher Rechtsstaat

entstehen würde, und war tief enttäuscht : „Man könne doch nicht schon

wieder einfach zuschauen, wenn Menschen ohne Schuldbeweis und

Gerichtsurteil  einfach aus ihrer Heimat vertrieben würden !“   Erleichtert

kam sie schon bald zurück: „Die Merkerser treffen sich um 15oo Uhr unten

an der Linde. Wir wolln die  Menschen in Dorndorf unterstützen!“

Gerade um diese Zeit trafen Dada und Arno zu Hause ein und schlossen

sich , als sie von den Ereignissen erfuhren, ohne auch nur zu überlegen

den Eltern an, die offenbar an der Linde, dem damals üblichen  Treffpunkt

der Merkerser, schon von einer beachtlichen Menschenmenge  erwartet

wurden. Sogar Bürgermeister Eitzert  und  Schulleiter Vogt hatten sich hier

eingefunden und in kürzester Zeit formierte sich jetzt  hinter ihnen  ein Zug

von etwa zweihundert Merkersern , der sich nach Dorndorf in Bewegung

setzte, und dem sich die beiden Besucher am Ende anschlossen. Am

Dorndorfer Bahnhof , dem Zentrum des Widerstandes, hier hatte  man

durch Verstellen der Weichen jede Zugausfahrt verhindert, erfuhren

sie jedoch, daß die gesamte Räumungsmanschaft inzwischen abgezogen

sei, vereinbarten aber, falls  die Aussiedlung nochmal versucht werden

sollte, daß man Merkers telefonisch informieren würde.Dieser Bescheid

wurde bis zum Zugende durchgesagt und der Rückzug angetreten, wobei

unterwegs schon festgestellt wurde. daß man nachts die Menschen

höchstens durch Kirchenglocken oder öffentlichen Feuermelder wieder

zusammenrufen könne. Wieder zu Hause  wurden die Vier  schon

sehnlichst  von den Großeltern  und den vier jüngeren Geschwistern

zum Abendbrot erwartet. Dann blieb man noch etwas in fröhlicher  

Familienrunde sitzen, und ohne Dorndorf noch einmal zu erwähnen

verschwand einer nach dem anderen in den oberen Schlafräumen.

Kurz nach Mitternacht klingelte das unten im Flur installierte Telefon.

Der Vater eilte nach unten und wiederholte laut und für die oben

Lauschenden gut verständlich ,den aufgeregten  Ruf aus dem

Telefonhörer: „Jetzt kommen die Russen!“   Dada war noch angezogen,

völlig überrascht, dachte an die Gespräche vom Nachmittag,und rannte wie

automatisiert,  ohne jede Absprache mit Arno oder den Eltern,  die Treppe

hinunter, aus dem Haus und ins Dorf. Unterwegs erst überlegte sie, was sie

am besten machen solle : Kirchenglocken?  Die Kirche war zwar politisch

neutraler, die Aktion wäre also ungefährlicher, aber  sie war verschlossen.

Die Küsterin hätte sie erst aufschließen müssen und wäre unfreiwillig zur

zur Mitwisserin geworden und in Gefahr geraten. Also lieber zur

öffentlichen Sirene, die auf dem Platz vor dem Gemeindeamt sofort

erreichbar an der Hauswand angebracht war. Da die Nacht stockdunkel

war, keinerlei Beleuchtung brannte und ihr unterwegs kein Mensch

begegnet war, konnte sie niemand gesehen und noch weniger erkannt

haben, und hier brauchte sie keinerlei Hilfe. Jetzt also nur schnellstens

nach der bekannten Aufschrift:Scheibe einschlagen und Knopf drücken!

Doch die Scheibe erwies sich als ziemlich stabil. Da fiel ihr zum Glück

ein, daß sie gegenüber in der Einfahrt zum Bauerhof Schulz ein

Häufchen kleiner Pflastersteine gesehen hatte. Schnell einen geholt.

Scheibe  zerschlagen, Knopf gedrückt und abgehauen!  Jedoch die

Sirene jaulte nur kurz auf ! Also wieder zurück und nun wieder und wieder

in Abständen den Knopf gedrückt, bis Arno sie gefunden hatte und sie

wegzerrte, um nach Hause zu hasten, wo die Eltern schon warteten,  um

gemeinsam, als wäre nichts geschehen,  wieder zum Treffpunkt  Linde zu

laufen. Sie wurden nicht enttäuscht. Etwa hundert Menschen hatten sich

sogar nachts wieder hier eingefunden.

Wieder setzte sich der Zug Richtung Dorndorf in Bewegung.Wieder liefen

Dadas Eltern vorne, während sie und Arno  sich wieder  erst am Ende

einreihten.Durch die Dunkelheit konnte man zwar kaum jemanden

erkennen, aber  jetzt lief  Bauer Emil Fack, Vater ihrer Klassenkameradin

Hilde,  neben ihnen,  begleitet von seinem Neffen Dieter Grille,  

der nachmittags  während einer Klassenfahrt auf der Wartburg schon

angesprochen worden war, was denn  da an der Grenze los wäre?  Schon

auf halber Strecke hörte man von der Frankfurter Hauptstraße  her das

Dröhnen und Rasseln von Kettenfahrzeugen, und dann kam ihnen

bereits ein Armee-Lastwagen entgegen, auf dessen offener Ladefläche

ein gefesselter Mann stehend angebunden war. De Kampf war verloren!

Am nächsten Morgen rief der Bürgermeister  bei Dr.Deilann an, daß er

gleich zu ihm aufs Amt kommen möge,  und bat den Arzt, falls er in der

Praxis erfahren sollte, wer nachts die Sirene ausgelöst habe, möchte er

diesem dringend  raten. hier zu verschwinden. Eben sei er von einem

russischen Suchkommando intensiv nach ihm befragt worden, aber er

hätte ja leider keine Auskunft geben können. Nach dieser Warnung war

die Familie zuerst ratlos: Konnte auch keiner Dada erkannt haben, so

lag der Verdacht wohl auf der Hand. Würde ihn jemand  verraten?  Nach

langem Beraten verließ man sich auf die Solidarität der Merkerser  und

irrte sich da nicht  Der Mantel des absoluten Schweigens lag viele,viele

Jahre  über diesem Geschehen und wurde erst  1990 nach der Wende von

dem damaligen Schüler,heute Professor in Erlangen , Dieter Grille, wieder

gelüftet.                  

Vielen herzlichen Dank, meine lieben Merkerser!

              

 

16. Kapitel  Z W A N G S A U S W E I S U N G  !  W O H I N  ? ? ?

Gegen Mitternacht hörte man in Dorndorf , daß sich große Fahrzeuge und

auch Panzer näherten . Die sowjetische Armee griff ein. Ein paar Burschen

läuteten die Kirchenglocken  und die Einwohner sammelten sich  wieder.

Vier Panzerspähwagen, sieben Militärfahrzeuge mit Soldaten,  gefolgt

von  etwa sechshundert  Polizisten  mit Gummiknüppeln und

Grenztruppen auf Lastwagen oder Krädern waren im Anmarsch. Ehe sie

den Ort erreichten,  nutzten drei der bedrohten Familien, die fünf jungen

Männer, die Alarm geläutet hatten ,  sowie  Kurt  Müller ,

der wegen seiner Unterschriftensammlung  am Morgen schon

verhaftet - , dann aber wieder  befreit worden war, die Zeit,  um über die

Grenze in den Westen zu fliehen,  denn  nach Ankunft dieser bewaffneten

Übermacht würde jeder Widerstand  sinnlos.

Christian Hörschelmann und Katrin Karn, welche die Weichen blockiert

und damit jede Zugausfahrt verhindert hatten, wurden jetzt umgehend

verhaftet,  gefesselt  und abtransportiert.  Sie  verschwanden für eine

Woche.  Der Abtransport der noch verbliebenen ,  benannten  Familien

wurde nun rigoros mit offenen Lastwagen durchgeführt . Jede

Familie  wurde mit dem notwendigsten Hab und Gut  auf die Ladefläche

eines Lasters verfrachtet und  dort von einem Uniformierten mit  

aufgepflanztem Gewehr bewacht.Danach wurde in der Dorfmitte ein

Konvoi gebildet, zwischen jedem Laster fuhr ein bewaffneter Kradfahrer,

und dann setzte sich die Kolonne mit unbekanntem Ziel in Bewegung.

Auf der offenen Ladefläche eines dieser Lastwagen fuhr auch der

Schneider Leubecher, Mitglied  der religiösen Elim-Gemeinde,  mit

seiner Frau, den zwei siebzehn – und achtzehnjährigen  Töchtern, sowie

dem in aller Eile zu transportierenden   Hausrat in Richtung  Osten einem

unbekannten Ziel entgegen. Die beiden Mädchen hatten ahnungslos in

aller Frühe auf den Werrawiesen Heu  gewendet, waren auf dem Heimweg

vom Bürgermeister barsch gefragt worden, ob sie denn schon mit Packen

fertig seien, und  kurz danach flüsterte ihnen eine Nachbarin zu, daß sie

raus müßten, sie sollten ihre Ausweise verstecken. Zu Hause empfingen sie

fassungdlose Eltern, chaotisches Durcheinander sowie fremde Männer  und

Uniformierte, die ihren Besitz  herausschleppten, Sofort mußten sie ihre   

Ausweise holen und abgeben.Jetzt saßen sie nun hungrig , nüchtern und

verstört auf zwei alten Koffern. Auf freier Strecke  machten die Autos

dann  kurzen Halt zum Austreten, und welch absurde  Komik: Der

junge Grenzer, der bei ihnen als Bewacher mitfuhr, drückte den Mädchen

sein geladenes Gewehr in die Hände : Sie mögen es doch eben mal halten,

er müsse nämlich auch schnell austreten! Und der Fahrer erzählte ihnen,

daß er zum Holzeinschlag angefordert worden wäre.  Nach einer schier

endlos  erscheinenden Fahrt hielt der Konvoi endlich  auf dem Marktplatz

von Sondershausen. Da der Bürgermeister  erst am Vortag informiert

worden war, wurde ihnen fürs erste das leerstehendes Pionierzimmer einer

Schule, ohne Ofen und ohne Stühle, ihre eigenen waren in der Hast des

Aufbruchs  vergessen worden, zugewiesen. Hier mußten sie nun

einige Tage  zurecht kommen.

Behandelt wurden  sie wie Straftäter  -  

denn irgendeinen schlimmen Grund mußte eine solche Aussiedlung

ja schließlich haben ! Später  bekamen sie wenigstens zwei Zimmer,

allerdings in zwei verschiedenen Häusern, und Wasser gab es für sie nur

von der Pumpe im Hof.

Erst 1953 ,  nach dem Aufstand  am 17.Juni ,  bekamen sie die

Erlaubnis, in ihr Haus in Dorndorf zurückzukehren.

Doch hier hatte man inzwischen eine Mutter mit fünf Kindern

eingewiesen, für die erst eine andere Wohnung gesucht werden

mußte.  So konnten die ersten Monate erst nur die Eltern wieder in

ihrem Heimathaus wohnen.

         


17.Kapitel          JACOB  ,  DIE  KRAKE     /     2.TEIL

Als die vier Nachtwanderer niedergeschlagen, müde und unverrichteter

Dinge von ihrem Marsch nach Dorndorf heimkehrten,  wo Großeltern und

Kinder inzwischen fest und friedlich schliefen, und nochmal in die Küche

gingen, wo die Reste vom Abendbrot noch auf sie warteten, riß ihre Dohle

Jacob sie mit freudigem Flügelschlagen und fröhlichem Gekrächze aus

ihren niederschmetternden Gedanken. Dann flog sie vom Küchschrank

ihrem Herrchen auf die Schulter und schnäbelte zärtlich sein Ohr. Etwas

aufgemuntert  über diesen freundlichen Empfang setzten sich  alle nun

noch einmal an den Küchentisch, Vater kraulte das Köpfchen von Jacob,

der inzwischen glücklich  gurrend auf seiner anderen Hand saß, und  

langsam kehrte bei den aufgewühlten Menschen das innere Gleichgewicht

zurück. So kam nun ganz unvermittelt die Sprache auf ihren kleinen,

erstaunlich klugen , aber dadurch leider auch problematischen

Mitbewohner. Eine Geschichte ergab die andere, man konnte wieder

lächeln  und sogar lachen, als Vater Günther Deilmann von seinem treuen

kleinen Freund erzählte :  Als der Winter kam, mußte sich Jacob mit seinen

Streichen auf Haus und Familie beschränken, Anlässe zum Lachen, oder

aber auch zum Ärgern. Doch er war in die Familie aufgenommen worden

wie ein Kind, mit seinen guten, aber auch schlechten Eigenschaften  Indes

wuchsen die Schwungfedern seines linken Flügels nach, und er konnte

wieder fliegen. Nun erkundete er alles Wissenswerte der Umgebung,    

setzte sich danach auf die Fensterbank vor der Küche und begehrte Einlaß.     

Mittlerweile mußte der Garten bestellt werden.Der Großvater hatte ein

Beet vorbereitet und begann, entlang einer Schnur, kleine Pflanzen in

gleichem Abstand einzusetzen.  Erfreut wunderte er sich über die

ungewohnte Anhänglichkeit von Jacob  der ihn getreulich auf dem Beet

bis zum letzten Pflänzchen begleitete.  Als er aber, am Ende angekommen,

zurückschaute, um sich an seinem akkuraten Werk zu erfreuen, waren

weder Jacob, noch ein einziges Pflänzchen zu sehen.  Doch die Pflänzchen

fand er , fein säuberlich gebündelt, am Anfang des Beetes wieder .

Als sich die Kinder ein Kaninchen gewünscht hatten, saß bald eine Häsin

mit vier halbwüchsigen Jungen in einem geräumigen Stall, die bei gutem

Wetter einmal in der Woche Ausgang bekamen und auf dem Rasen des

Obstgartens ausgesetzt wurden  und sich an Klee und saftigen Gräsern

erfreuen konnten. Am Abend mußte dann die ganze Familie zur Hasenjagd

ausrücken, bis alle Häschen wieder im Stall waren.An diesen Tagen

stolzierte Jacob zwischen den Häschen herum und freute sich,

wenn er eines von hinten in die Bollen hacken konnte und es mit hohen

Sprüngen flüchtete. Eines Tages wagte er sich auch an die alte Häsin.Sie

saß ancheinend ahnungslos im Gras. Aber ehe Jacob zum Schnabelhieb

ausholen konnte,  flogen ihm die Hinterläufe der Hasenmutter um die

Ohren . Seitdem machte er einen großen Bogen um die Häsin.

Nur unsere Dogge Thula mußte oft machtlos von drinnen mit ansehen,wie

Jacob ihre verbuddelten Knochen wieder herauszerrte  und sie versteckte .

Es gab noch einen anderen Tag, dem Jacob zu weiterem Schabernack

erwartungsvoll entgegen sah : Wenn aus dem offenen Fenster der

Waschküche die Dampfschwaden aufstiegen, konnte er seine Unruhe

kaum zähmen. Er hüpfte über den Rasen, flog von einem Baum zum

anderen  und wartete : Endlich wurde die Wäscheleine gespannt und der

Korb mit der sauberen Wäsche abgestellt. Ein Stück nach dem anderen

wurde nun mit Wäscheklammern an der Leine befestigt, um in  Sonne

und Wind zu trocknen. Dann gingen die Frauen ins Haus.  Jetzt war Jacobs

Stunde gekommen. Im Nu verließ er seinen Beobachtungeposten und flog

auf die Wäscheleine . Solange, wie die Kräfte seines Schnabels reichten,

zerrte er an den Klammern, bis zu seinem Vergnügen einige der

Wäschestücke herunterfielen und vom Wind über den Rasen geweht

wurden,  Nach getaner Arbeit machte er sich aus dem Staub und ließ

sich einige Stunden nicht blicken .

Die Nachbarin hatte Hühner. Sobald sie ihnen Futter gebracht hatte,  flog

Jacob, wenn ihm der Sinn danach stand, über den Zaun und verstreute es

mit dem Schnabel in alle Himmelsrichtungen,  Wenn ihn die Nachbarin

zornig verjagen wollte, hüpfte er nur hinter einen Strauch und spazierte

auf der entgegenliegenden Seite um den Busch herum. Auch ihre laschen

Erdklumpenwürfe konnten ihn nicht beeindrucken. Erst, als ein Junge aus

der Nachbarschaft eingriff, trat er den Rückzug an und wiederholte diesen

Unfug nur noch dann, wenn der Junge außer Sicht war.

So hielten sich Freude und Ärger die Waage. Sogar aus dem Dorf kamen

Beschwerden, weil  er dort Unfug getrieben hatte. Die Familie beriet nun

und  beschloß in der Hoffnung,, er werde sich einer Dohlenkolonie

anschließen, ihn im Wald auszusetzen.

Vater und Sohn fuhren  im Auto mit ihm zu einem entlegenen Waldstück

und wanderten dann mit ihm zu einer, wie sie dachten, geeigneten Stelle,

streuten  reichlich  Futter aus  und ließen Jacob  frei . Während der sich

mit den Leckerbissen   beschäftigte,  schlichen sich die beiden heimlich  

zum  Auto, um schnell nach Hause zu fahren  und  - - - wurden dort

schon  freudig ,  hoch vom Küchenschrank , von Jacob begrüßt.

Er mußte wohl, wie Brieftauben, ein Richtungsgefühl gehabt haben,dem

er folgte, bis er die ihm bekannte Umgebung erreicht hatte.

Nun war er also wieder zu Hause.

Aber eines Abends saß er nicht wartend auf der Fensterbank.

Die Türe wurde in der Nacht aufgelassen,  aber Jacob blieb verschwunden.

Erst viel später erfuhr die Familie, daß er auf einem Bauernhof bei einem

seiner Streiche  sein Leben lassen mußte,  doch noch heute denkt sie gerne

und voller Zuneigung  an  Jacobs anrührende Anhänglichkeit, aber auch an

seinen einfallsreichen und ausgeklügelten Schabernack zurück. 


18. Kapitel  
STAATLICH ANERKANNTE KRANKENSCHWESTER

Nun ging der Juli dem Ende zu und mit ihm Dadas Ausbildungszeit .  

Sie war bis zum Ende im  OP- Dienst  geblieben. Am letzten Arbeitstag

wurde sie von Chefarzt Dr.Ellerau, wohl als Belobigung und in der

Annahme, als künftige Kollegin, auf freundschaftlich  anerkennende   

Weise  verabschiedet:“Meine  liebe  Schwester Dori, mal sehen , ob Sie

gut aufgepaßt haben. Heute tauschen wir mal die Rollen : Sie klammern

jetzt nach der Blinddarmoperation  die obere Bauchschicht zu, und ich

assistiere!  Freudig erschrocken machte sich Dada ans Werk. Doch nach

einem halben Jahr aufmerksamer Zuarbeit gelang  ihr das ohne große

Schwierigkeiten.   Diese Geste des Vertrauens  bestärkte  sie in der

Annahme, daß sie  mit den sehr guten Beurteilungen und Zeugnissen

nun  auch zum Medizinstudium zugelassen würde, Da war natürlich die

Enttäuschung doppelt groß, als ihr am gleichen Tag, wie die schriftliche

Bestätigung ihrer Staatlichen Anerkennung als Krankenschwester,  auch

die Ablehnung ihrer Bewerbung von Jena zugeschickt wurde. Doch sie

ließ sich nicht entmutigen , sondern erkannte auch die Möglichkeit, bis zur

Neubewerbung im nächsten Studienjahr, jetzt  als Vollschwester mit dem

vollen Gehalt von hundertundzwanzig Mark,  nochmal im Städtischen

Krankenhaus zu arbeiten, auch, um  weiter in Jena wohnen zu können.

Arnos Studium dauerte ja noch mehrere Jahre und er wohnte weiterhin

bei seinen Eltern, wo sie sich nicht zu Hause fühlte.

So arbeitete und wohnte sie nun bald wieder in Zwätzen und wurde jetzt

auf einer Männerstation  eingesetzt. auf der es wesentlich  ruhiger und

weniger  anstrengend zuging, als bei den Kindern. Besondere Freude

machte natürlich  das erste,selbstverdiente Geld .Der Tag, an dem

monatlich das Gehalt  aufs Konto kam, wurde deshalb auch besonders

gewürdigt:  Am  Jenenser  Holzmarkt  war vor einiger Zeit ein kleines

HO-Kaffee  eröffnet worden, von den findigen Jenensern bezeichnender

Weise  „Kaffee Bismarck“ genannt, - nämlich :“ Jeder Biß ne Mark“ ! Dort

konnte man für Ostmark sonst nirgendwo erhältliches Feingebäck zu stark

erhöhten Preisen bekommen. Hier leistete sich Dada nun jeden Monat zur

Feier des Tages ein Stück Baiser-Torte mit Schlagsahne für fünf Ostmark,

zuvor nur für Westgeld in den „Intershop“-Läden  zu haben .

Mit Arno kam sie inzwischen fast nur noch zum Wochenende zusammen,

wenn sie gemeinsam nach Hause, zur Pate oder ihren Eltern fuhren. Meist

machte in Merkers eine vergnügliche Familien-Doppelkopfrunde  mit

Mutters  besonders gutem  Essen  , oft von recht heftigen, meist

politischen  Diskussionen begleitet, den  Abschluß . Im Herbst aber gab

es  noch etwas Besonderes :  Das „Siebte Kind“, die blaue Dogge Thula,

hatte sich zu einer prachtvollen Hündin entwickelt und war auf der

Hundeausstellung in Leipzig  zur schönsten  Deutschen Dogge der DDR

gekürt worden. Nun wurden die Eltern gedrängt,wenigstens einen Wurf,

als Vater ein gleichwertiger Rüde, zur Zucht aufzuziehen. Er wurde bald

ausgemacht : Den weltbesten blauen Doggenrüden gab es in  Holland !

Ein zeitraubender Papierkrieg nahm seinen Anfang.


19.Kapitel               J E N A   A M   17. J U N I   1953  

Früh am Morgen des 17.Juni 1953,  Dada hatte heute Mittagssdienst

und wollte vorher nochmal zum Einkaufen mit der Straßenbahn in die

Stadt fahren.  An der Haltestelle wartete bereits ein älterer Mann, der ihr

aufgeregt entgegenrief: „Haben Sie schon Radio gehört? – Nein?-  

In Berlin ist Aufruhr und die Arbeiter streiken!  Da wird’s  hier  auch bald

losgehen!  So, wie  1918 ,  ehe  der Kaiser fortgejagd  wurde !“  Doch

dann kam schon die Bahn. Auf der Fahrt zum Holzmarkt aber sah sie

immer mehr Menschen, die an den Straßen standen. Dort angekommen,

bahnten sich  Kolonnen von Zeiß- und Schottarbeitern in Arbeitsmontur

in langen  Reihen  und mit Rufen und Plakaten einen Weg durch  die

Menschenmassen, die sich  auf dem Markt und dem angrenzenden großen

Gelände , wo vor den großen  Bombenangriffen einmal Jenas Altstadt

gestanden  hatte, schon angesammelt hatten.  Aus den Fenstern der oberen

Stockwerke der Kreileitungsbüros flogen Hefter , Akten  und stapelweise

Papierbögen, die vom Wind durch die Luft gewirbelt wurden, zu Boden.

Der Holzmarkt glich einem riesigen, brodelnden  Topf .   Voller Angst,

nicht mehr zurückzukommen,  stieg sie gleich in die sich auf dem

Holzmarkt kreuzende Gegenbahn, fuhr wieder zur Klinik und meldete sich

zum Dienst. Das Zimmer , in dem die beiden Kreissekretäre von Partei und

deutsch-sowjetischer  Freundschaft  lagen, fand sie leer.  Beide Patienten

hatten  das Haus verlassen. Doch nicht lange, da dröhnte  lautes,

metallisches Rasseln  von der Straße.Der Boden bebte unter den Ketten der

Panzer, die einer hinter dem andern aus ihrer Kaserne herausfuhren ,

sich ohrenbetäubend quietschend in Richtung Stadt drehten  und dann in

unübersehbarer  Folge  stadteinwärts  rollten.  

Schreckerfüllt  versahen  die  Pflegekräfte  weiter pflichtgemäß  ihren

Dienst, aber ihre Gedanken waren nur bei den Menschen in der Stadt.

Tatsächlich,  schon bald erhob sich  heftiger  Geschützdonner, die

Fensterscheiben  klirrten  und die Qual der Ungewißheit erreichte ihren

Höhepunkt.  Endlich, nach Stunden, wurde es wieder still  draußen .

Dann kam die Anweisung, zwei Krankenzimmer für acht leichtverletzte

Männer bereit zu halten, und nun erfuhr man endlich, daß die russischen

Panzer lediglich in die Luft geschossen  hätten , um die Menschen

auseiander zu treiben. Inzwischen kehrten die beiden Kreissekretäre, zwar

mit blauen Flecken, in ihr Zimmer zurück, und gegen Abend wurden die

acht Männer gebracht, die alle  sls Beruf  „Behördenangestellter“ angaben,

die von Schlägen gezeichnet, aber nicht ernsthaft verletzt waren. Bald lief

wieder alles, als wäre nichts geschehen. Doch als ein paar Tage später

die Nachricht aus dem Radio kam, ein junger Mann aus Jena sei als

Rädelsführer standrechtlich erschossen worden, konnte Dada ihre

Tränen nicht zurückhalten.






















Dorothea Nennstiel-Deilmann bei flickr 2011

Thüringer Ministerium für Soziales am 17.05.2011

Bundesverdienstkreuz - Osthessen News 25.05.2011


Grenzen überwinden - Hersfelder Zeitung 8.6.2015


Spatzenfritz und Spatzengret bei Lehmann's 2016

Arno Nennstiel Ehrenbürger von Unterbreizbach

Arno Nennstiel erster Ehrenbürger von Unterbreizbach

 

 

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