Dorothea Nennstiel-Deilmann in der Deutschen Nationalbibliothek







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Ihre Dorothea Nennstiel-Deilmann








 



Der Klappentext zum Buch:

Die Rhön, Merkers, Kalibergbau, Drittes Reich, Rassengesetze, Absturz in die Unmenschlichkeit, Reichsbankgold in den Schächten, friedliche Übergabe von Merkers an die US-Army und schweres Wiederbeginnen – die Familiengeschichte der Deilmanns bildet wie unter einer Lupe persönliches Glück durch Leistung in der Weimarer Republik, Tragik im Überlebenskampf in der NS-Diktatur und erfolgreiches Aufbäumen im lange ersehnten Untergang des unmenschlichen Systems.

Magda und Günther Deilmann schafften es, in entzivilisierten Zeiten zivilisiert und geachtet zu leben. Das gelang auch, weil es Mitmenschen gab, die zu den Doktersch von Merkers in diesen gefährlichen Zeiten hielten.





  

     Die Doktersch von Merkers

                       oder

       Der verstaubte Rückspiegel



Eine Familiengeschichte aus der Vorderrhön
während der Jahre 1930 bis 1945,

aufgeschrieben nach einem dreiviertel Jahrhundert zum 8.Mai 2020,

nach den Erinnerungen von Dorothea Nennstiel – Deilmann

und den Aufzeichnungen ihres Vaters Dr.med.Günther Deilmann



(Inhaltsverzeichnis am Ende)

 



Zum  ersten  Klassentreffen wieder daheim





Der heiße Sommertag neigte sich bereits dem Abend zu, als eine schlanke, etwa vierzigjährige Frau auf dem staubigen und holprigen Feldweg das Dorf Merkers verließ und mit schnellen, elastischen Schritten dem Wald , der sich südlich oberhalb des Ortes hinzieht , zustrebte. Ziel war das erste Klassentreffen nach einem Vierteljahrhundert in einer Waldgaststätte, die erst nach dem Krieg gemeinsam mit einem Sportstadion am Waldrand entstanden war. Kaum die Steigung des Weges empfindend , suchte sie mit den Augen das grüne Gesträuch am Weg, das sich  inzwischen dort auf der in ihrer Kindheit zugeschütteten „Hohle“ , einem Wasserablauf vom Wald zur Werra , angesiedelt hatte , nach einer Meise ab , die mit ihrem fröhlichen Lockruf wohl schon ihr Abendlied anstimmte.Als sie die kleine Brücke erreicht hatte , die etwa auf halber Strecke über die Gleise der Kaliwerkseisenbahn führte , blieb sie am Geländer stehen und wandte sich nochmal zurück: Das also war Merkers heute – der Heimatort ihrer Kindheit .Der Kegel des Krayenberges überragte das ganze Bild und die Werra an seinem Fuße nahm ihren alten Lauf. Vom Kirchturm her hallten einzelne Schläge , und dann begannen die Glocken den Sonntag einzuläuten. Vertraute Klänge. Es war, als wäre alles wie damals geblieben, wenn auch aus dem Dörfchen von damals achthundert Einwohnern in den vergangenen vier Jahrzehnten ein großes Industriedorf geworden war , und unter ihr , zum Dorfe hin . wo ihr Elternhaus vor Jahren noch von wogenden Kornfeldern begrenzt wurde , heute lange Häuserreihen die Sicht versperrten. Doch nun näherte sich auf den Gleisen unter ihr langsam und keuchend  ein langer Eisenbahnzug. Die vielen , mit weißem Kali vollgeladenen Güterwaggons machten es  der kleinen Dampflokomotive nicht leicht, die steigende Strecke in Richtung Dorndorf zu überwinden.

Vor der Brücke dann ein kurzes Pfeifsignal, und schon war alles um sie her in undurchdringlichen Dampfwolken versunken.  Wie oft war sie hier als Kind, wenn sich gerade ein Zug näherte, schnell noch auf die Brücke gerannt, um dort ein seltsames Gefühl des Geschütztseins, aber auch der völligen Einsamkeit zu empfinden, wenn mit einem Mal alles um sie her verschwand, ein Gefühl, das sie unvermittelt auch heute wieder fast übermächtig überfiel. Als sich nach einigen Augenblicken die Sonne, und danach die Konturen von Landschaft und Dorf wieder aus dem Nichts lösten, war es ihr, als würden mit ihnen so wie damals auch die lange vergessenen Ängste und Probleme wieder Gestalt annehmen. Ihr lebensfroher Elan schlug plötzlich in nachdenkliche Unentschlossenheit um. Gab es Unbewältigtes aus der Vergangenheit? Hatte es tatsächlich eine unausgesprochene , unterschwellige Wand der Ablehnung gegeben im Kontrast zum Vater , dem so beliebten Arzt des Dorfes? Die Unsicherheit der Kindheit war mit einem Mal wieder da, doch nicht wie damals durch kindliche Trotzreaktionen kompensiert , um sich auf irgendwelche Weise Geltung zu verschaffen. Oder war es doch die Geschichte ihrer Familie, die ihre Kindheit getrübt hatte? Jedoch 1945 , mit dem Ende des Krieges, begann eine andere Zeit, und die Karten des Lebens wurden neu gemischt. Was wird sie heute erwarten? Zögernd setzte sie ihren Weg fort. Ihre aufgewühlte Gedankenwelt ordnete sich langsam wieder und wie im Schnelldurchlauf eines Films begann vor ihren inneren Augen eine bewegende Story abzulaufen, die das Leben geschrieben - ,  und sie in einer kleinen Nebenrolle mit einbezogen hatte. Ein Mosaik, zusammengefügt aus Gesprächen, eigenen Erinnerungen und inzwischen mit den umfangreichen Aufzeichnungen ihres Vaters. Glockenläuten, Vogelgezwitscher und auch das sich entfernende Schnaufen des Kalizuges versanken im Unterbewußtsein und die Vergangenheit stieg aus dem Meer des Vergessens empor , vergleichbar einer sehr langen Autofahrt :     Die ganze Konzentration des Fahrers ist auf die vor ihm liegende Fahrbahn gerichtet. Plötzlich drängt etwas von hinten heran und was man längst hinter sich gelassen glaubte, greift wieder in das Geschehen ein. Automatisch verlegt sich die Hauptaufmerksamkeit nun vorübergehend auf den Rückspiegel und man stellt bei dieser Gelegenheit fest , daß sich inzwischen fast unmerklich Staub auf der Spiegelfläche abgesetzt hat. Ein kurzer Stop wird erforderlich, um die Spiegelfläche , eventuell mit Hilfe von Mitfahrern, von der störenden Schicht zu befreien, um das Gesamtbild wieder klar und überschaubar zu machen.    Jedoch besonders berührte sie der erste Mosaikstein dieser Story, - nämlich die Aufzeichnungen ihres Vaters von seiner grenzenlosen , wenn auch schier aussichtslosen ersten Liebe zu einem attraktiven jungen Mädchen , welches aber trotzdem seine Frau wurde und die später durch ihre unzerstörbare Menschen - , Tier - und Gerechtigkeitsliebe ihre gemeinsame Familie prägte , die Liebe des erst 15-jährigen Schülers ( er hatte zwei Schuljahre übersprungen ) . zu der hübschen und gescheiten Oberprimanerin Magda Booz , Tochter des Schuldirektors...

                                                                                                                                              


                                                                                       

Fortsetzung folgt…

 

 

 


 


  

D I E   Z E I T E N

 

Die Gegenwart scheint hell und licht .

Die Zukunft jedoch kennt man nicht .

Eindeutig aber , ohne Frage ,

scheint uns das Bild vergangner Tage!                        

Doch glaubt da wer , er wüßt‘ Bescheid

genau in der Vergangenheit ,

hätt‘ obendrein auch nichts vergessen ,

dann glaube ich , das wär‘ vermessen ,

Doch kaum jemand wird’s von sich sagen .

Drum habe ich aus früh’ren Tagen

gestöbert in manch altem Kram ,

 der mir so in die Hände kam ,

gesammelt und auch recherschiert

und leserlich hier konserviert .

Wen’s interessiert , der ist willkommen ,

und wird nach „Damals“ mitgenommen .

 

.

 

 

 

1.Fortsetzung       
Der steinige Weg zum Glück   

Auszüge von Dr.Günther Deilmann ( Dr.G.D. )

„ Meine Lebensgeschichte“

          

Mein Vater wurde 1876 als  drittes von fünfzehn Kindern eines Bergbaunternehmers in Bochum geboren,und verlor seinen Vater mit acht Jahren durch eine Lungenentzündung. Er studierte Bergbau und ging dann in den Staatsdienst , und wurde  als Bergbau –Referendar  im Oberbergamt Dortmund angestellt.




Im Jahre 1902 heiratete er Elfride Hornung geb.1877 ,die Tochter des Apothekers der Engel – Apotheke in Bochum , um die er schon als Primaner mit sehnsuchtsvollen Versen geworben hatte. Ich wurde am 3.Oktober 1904 in Dortmund geboren, also dicht bei dem Heimatsitz der Familie Deilmann.








Anfang 1914 wurde mein Vater in das Bergrevier Werden – Ruhr versetzt. Wir wohnten im „ Haus Heck“ , einem alten Zollhaus mit unterirdischen Mauern , einem runden Turm und einem großen Garten.



Kurze Zeit später kam der Ausbruch des ersten Weltkrieges. Der Jubel war allgemein. Die Glocken läuteten, wir bekamen schulfrei. Niemand. ahnte, welche schweren Zeiten auf uns zukamen. Mein Vater meldete sich als Leutnant ( Rittmeister) der Reserve freiwillig und wurde bald darauf einberufen.. Ich war sehr stolz, als er uns eines Tages hoch zu Roß , er war ein vorzüglicher Reiter, vor seinem Ausrücken in Werden aufsuchte. Nun saß meine Mutter mit zwei Kindern allein in dem großen Haus . Zuerst in Belgien ließ er sich nach kurzer Zeit   an die Ostfront versetzen , übernahm dort eine Munitionskolonne , die von der Ostseefront bis nach Galizien im Einsatz war bis zum Ende des Rußlandfeldzuges . Danach wurde er mit der Kolonne an die Westfront nach Frankreich dirigiert , In Verdun  ausgezeichnet, war er dort bis zum letzten Kriegstag im Einsatz . Doch der Krieg zog sich in die Länge,die Verpflegung wurde immer schlechter, der Steckrübenwinter  1917 -  morgens Steckrübenmarmelade mit Brot , das mit Baumrindenmehl gestreckt war , mittags Steckrüben in verschiedener Zubereitung , nachmittags wieder Brot mit bekannter Marmelade und abends erneut ein Steckrübengericht , nur sonntags ein paar Kartoffeln , deren Schalen mit dem Kaffeesatz von „Muckefuck“ ( Kaffee aus Mehl,Zichorie und Eicheln) , abends als Bratkartoffeln auf den Tisch kamen , bleibt in böser Erinnerung. Wenn Vater auf Urlaub kam, brachte er immer etwas mit, aber für drei ausgehungerte Leute reichte es meist nur für die kurze Urlaubszeit , in der es ansonsten mein größtes Vergnügen war , seine Pistolen zu reinigen. In den Herbstferien fuhr ich nach Holstein auf einen großen Bauernhof. Der Bauer war in der Kompanie meines Vaters . Abgesehen von dem guten Essen , von dem wir im Ruhrgebiet nur träumen konnten, machte mir die Arbeit viel Freude. Neben Garbenbinden, Futterholen und den übrigen Verrichtungen lernte ich Melken , den Umgang mit Pferden und Mähen . Dinge , die ich später immer wieder gebrauchen konnte

Dann brach die Revolution aus , der Krieg ging zu Ende . Es wurden Sodatenräte gebildet, welche die Befehlsgewalt übernahmen und die Offiziere entwaffneten. Mein Vater muß ein guter Vorgesetzter gewesen sein , denn seine Soldaten  haben ihn nicht entwaffnet und er hat seine Kolonne zur endgültige Auflösung bis nach Pforzheim gebracht .    Er war einer der wenigen Offiziere , die mit Kokarde , Epauletten , Pistole und Säbel nach Hause heimkehrten .

Ich machte gerade mein „ Einjähriges „ ,aber da das Gymnasium in Werden nur bis zur Obersecunda ausbildete,  meldete mich mein Vater , um die Bahnfahrt nach Essen zu vermeiden, in Bredeney auf dem Reform-Realgymnasium an , um dort das Abitur machen zu können. Ich mußte , wie vier weitere Werdener Mitschüler , zuerst einmal zwei Kilometer bis zur Kruppschen Fähre bei Villa Hügel  laufen, dort ging es über die Ruhr , zuerst mit Kahn , später mit Motorfähre , dann ging es nochmal etwa zwei Kilometer bergauf durch den Kruppschen Park zur Schule . Dort gefiel es mir ganz gut , und mit einigen neuen Klassenkameraden schloß ich bald  Freundschaft , besonders mit Eugen Booz , dem Sohn des Bredeneyer Schuldirektors . Wir besuchten uns oft gegenseitig , und so lernte ich seine vier Jahre ältere Schwester Magda  kennen .






Sie gefiel mir sofort , aber ich hatte ungeheuren Respekt vor ihr . Sie stand vor dem Abitur , und ich sehe sie immer noch vor einem Stapel Büchern sitzen und pauken. Gelegentliche Unterhaltungen brachten mir zum Bewußtsein , daß sie in ihrer Ausbildung weit mehr gelernt hatte , als ich . Bald entwickelte sich zwischen Magda und mir eine Freundschaft , die in mir den Wunsch entfachte , sie zu heiraten .Ein unerfüllbarer Wunsch , wie mir schien. Sie  war älter , würde also eher den Wunsch und die Möglichkeit haben , einen passenden Mann zu finden , zumal sie einen Freund hatte , der sehr gut aussah und in seiner ganzen Art auf Frauen wirkte . Zudem war sie katholisch , ich evangelisch , was bei beiden Elternteilen heftige Reaktionen auslösen würde . Bis zu meinem Staatsexamen brauchte ich damals noch sieben bis acht Jahre und verdiente dann auch nur soviel , um selbst zu leben . Bedauerlicherweise wurde Eugen dann nicht versetzt und verließ die Schule . Trotzdem gab ich die Hoffnung und den Vorsatz nicht auf , Magda zu heiraten . Immer wieder tauchte ich in Bredeney auf , was Vater Booz den unwilligen Ausruf entlockte :“ Was will der grüne Bengel hier nur ?“





 



Fortsetzung folgt…



 

 

 

2. Fortsetzung                                                            
Scheiden tut weh (Ausz.Dr.G.D.)

Im Frühjahr 1922 machte ich mein Abitur . Ich verständigte Magda, die sich nur unter Schwierigkeiten frei nehmen konnte . Sie hatte inzwischen mit ihrer Schulkameradin Elisabeth Knipp das Lehrerseminar in Essen absolviert und unterrichtete in einer Essener Volksschule.Wir trafen uns auf einer Bank im Kruppschen Park und haben mit einer Flasche Wein , die ich von Werden mitgebracht hatte , das freudige Ereignis gefeiert. Dann kam die Trennung . Magda ging als Hauslehrerin für die beiden Kinder einer englischen , kommunistischen Diplomatenfamilie nach Berlin  und nahm gleichzeitig ein Germanistik – Anglistikstudium auf. Ich begann in Freiburg im Breisgau das Medizinstudium und trat nach einiger Zeit in die Burschenschaft „ Teutonia „ ein , wobei ich immer in der Angst lebte , daß Magda in Berlin jemanden kennenlernen würde , in den sie sich verlieben könnte , oder ihn aus anderen Gründen heiraten wollte .  Währenddessen gingen viele Briefe zwischen Berlin und Freiburg hin und her. Aber ich fand keine Ruhe . Als mir eines Tages ein Brief besondere Sorgen machte , kaufte ich mir kurzentschlossen eine Fahrkarte vierter Klasse, damals gab es sie noch, für Hin- und Rückfahrt nach Berlin. Ich habe für jede Fahrt im Bummelzug vierundzwanzig Stunden gebraucht. Für meine letzte Mark kaufte ich einen Nelkenstrauß , und so überraschte ich Magda. Wir waren glücklich , uns wiederzusehen . Am nächsten Tag , dem 15.10.1922 machten wir bei strahlendem Sonnenschein nachmittags einen Spaziergang durch die herbstlich bunten Wälder zur Woltersdorfer Schleuse , kehrten   abends im Hotel Ruhland ein , und beschlossen dort zu übernachten . Mit einer Flasche Rotwein gingen wir auf unser Zimmer . Die Nacht verging mit langen Diskussionen , die durch Schlafeinlagen unterbrochen waren . Wir lagen glücklich nebeneinander , aber meine Frau wurde Magda damals noch nicht . Jedoch wir versprachen uns , lebenslang füreinander da zu sein und erklärten den 15.Oktober für immer zu unserem Hochzeitstag .                   Weihnachten gab es  dann das heißersehnte Wiedersehen.





Da unsere Eltern immer noch gegen unsere Freundschaft waren, haben wir oft bei Kälte und Schnee stundenlang im Kruppschen Park auf einer Bank gesessen und sind dann steifgefroren und mit gefühllosen Beinen und Füßen heimwärts gewandert.     Wieder dauerte die Trennung bis zu den Weihnachtsferien 1924 . Inzwischen hatte ich das Physikum bestanden . In dieser Weihnachtszeit wurde dann Magda endlich meine Frau . Am Ende des Semesters beschloß ich , von Freiburg nach Berlin überzuwechseln , um dort das Staatsexamen zu machen,  in der Hauptsache aber , um in Magdas Nähe zu sein . In Berlin hatte Magda bereits ein Zimmer für mich in der Nähe der Charite` gemietet . Nach einigen Monaten  stellte ich plötzlich fest , daß die ganze Bude verwanzt war , als mir abends eines dieser Tierchen über den Rücken lief . Es ist mir ein Rätsel , weshalb ich in der ganzen Zeit keinen Wanzenbiß abbekommen habe . Nach einigem Hin – und her konnte ich dann in Wilhelmshagen in einem kleinen Häuschen, in dem Magda ein Zimmer hatte , auch unterkommen . Eine steile Treppe führte in einen Vorraum , in dem ein alter Blumenständer mit einem Spirituskocher stand . Dann kam das Wohnzimmer mit einem kleinen Schrank , einem Tisch , einem Stuhl , einem Sessel mit drei Beinen , einem Vorhang als Kleiderablage und einem breiten Bett . Als Beleuchtung hatten wir eine Petroleumlampe . Das Wasser mußte aus einer Pumpe im Hof geholt werden . Aber wir waren glücklich ! Als Magda dann unbedingt ein Kind haben wollte , kam sie zu meinem großen Glück  meinen Wünschen nach einer endgültigen Bindung entgegen . Unser Wunsch wurde prompt erfüllt . Nach heftigen Auseinandersetzungen mit meinen Eltern ,  - da ich noch keine einundzwanzig Jahre alt – und somit damals noch nicht volljährig war ,  - bekam  ich von ihnen die Erlaubnis zur Heirat. Am14.3.1925 heirateten wir in Berlin-Rahnsdorf . Da allerdings der Standesbeamte , des Englischen unkundig , den Namen der Trauzeugin , der Mutter von Magdas beiden Hausschülern , einer geborenen Engländerin :“ Mauth –Ethel Parlow,geborene Hutchinson „  , nicht aussprechen konnte , mit verhaltenem Schmunzeln .

 

Fortsetzung folgt…

 

 


 

 

3. Fortsetzung                                                   
Probelauf (Aufz.Dr.G.D.)

 

Magdas Schwangerschaft verlief problemlos , und unser Arzt meinte , daß die Geburt durch Magdas sportliche Figur sicher ebenso glatt verlaufen würde..Wir wurden bitter enttäuscht. Bei der Geburt handelte es sich um eine ungünstige Steißlage , die sich trotz starker Wehen lange hinzog . Als Hella dann zur Welt kam , war sie völlig leblos . Mit großer Anstrengung gelang es uns endlich , sie in das irdische Dasein zu befördern . Dann klopfte mir der Kollege auf den Rücken und meinte :“ Lassen Sie die Finger davon , Arzt zu werden .“ Ich habe wohl noch die nächsten Tage gelb wie eine Zitrone ausgesehen. Hella entwickelte sich prächtig. Zum Entsetzen der Nachbarschaft wurde sie , auch im Winter , warm verpackt im Körbchen , für einige Zeit in den Garten gestellt .


Dann bekamen wir Gelegenheit , ein kleines Häuschen - Wohn/ Schlafzimmer , ein kleines Stübchen und eine winzige Küche - ,aber Wasser und Licht , zu mieten . Also zogen wir mit unsere wenigen Habseligkeiten um . Eine Couch , ein Tisch und drei Stühle wurden gekauft - so waren wir voll       eingerichtet . Inzwischen hatten wir von Magdas Eltern für Bettwäsche , Geschirr usw. dreihundert Mark bekommen . Diese - , nach unseren damaligen Ansichten - , unnützen Ausgaben haben wir uns verkniffen und uns dafür ein Klipperfaltboot gekauft , was wir für erstrebenswerter hielten . Während all dieser Zeit hat Magda durch ihre Arbeit bei „ Parlows „  , und später bei der Familie „ von Nostiz“ sowie  durch Nachhilfestunden  den größten Teil für Ernährung und Haushalt beigesteuert .

In diese Zeit fällt  der Beginn unserer Freundschaft mit Willi und Else Zaisser .





Magda hatte ihre Schulkameradin Else , seit 1922 verheiratete Zaisser , eines Tages zufällig auf der Straße getroffen.Erst nach einiger Zeit stellte sich heraus , wer ihr Mann Zaisser war :: Der spätere legendäre General Gomez , ,Kommandeur der internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg , und noch spätere Sicherheitsminister der DDR  lebte damals illegal in Wilhelmshagen , und als Illegaler durfte er keinem Menschen trauen. Geboren 1893 bei Gelsenkirchen , wurde er Volksschullehrer in Essen, als Leutnant im Weltkrieg vier Jahre an der Front Im Jahr 1919 wurde er Mitglied der KPD und der „ Roten Ruhrarmee Nun im Schuldienst entlassen , Verhaftung und vier Monate Gefängnis .Danach wurde er Parteiangestellter der KPD      .Wir sind dann viel zusammen gewesen , auch bei Parlows . Frau Parlow arbeitete als Engländerin für die internationale Pressekorrespondens ( Inprekorr ) als Übersetzerin , und so lernten wir viele in- und ausländische Kommunisten kennen , jedoch meist nur unter ihrem Decknamen , die aus aller Welt berichteten .

Die Zeit des Staatsexamens rückte für mich heran. Der Beginn war sehr ermutigend : In Frauenkunde eine eins.Die weiteren Prüfungen verliefen ziemlich problemlos , Endergebnis : Gut .  Dann begann das praktische Jahr. Ein viertel Jahr arbeitete ich in der Charite`. Entgelt gab es nicht , noch nicht einmal freie Verpflegung . Ich wechselte in die Frauenklinik nach Göttingen und hatte dort das Glück, meine Doktorarbeit über Blutgruppen bei Müttern und ihren Neugeborenen schreiben zu dürfen.

Dann ging auch die Zeit in Göttingen und der erneuten Trennung zu Ende. Meine Doktorarbeit war abgegeben und angenommen,das Doktorexamen bestanden . Ich konnte nach Berlin zu meiner kleinen Familie zurückkehren und erhielt im November die Approbation als Arzt und Dr.med. Eine Anstellung aber als Assistenzarzt hier war aussichtslos , deshalb bewarb ich mich in Essen bei den Städtischen Krankenanstalten als chirurgischer Assistent und bekam eine Zusage. So lösten wir unseren kleinen Haushalt auf , verließen wehmütig das  Häuschen, das wir neben unseren Freunden und der vertrauten Umgebung liebgewonnen hatten und zogen nach Essen , wo unsere Eltern wohnten. Ich trat die Stelle als Assistenzarzt der chirurgischen Abteilung des Huyssenstiftes an.Durch meinen Vater hatte ich 1929 Verbindung mit dem Direktor des Kaliwerkes Kaiseroda in Merkers aufgenommen. Es war das größte Kaliwerk an der Werra, wurde aber von den Ärzten aus Tiefenort und Dorndorf betreut.Daher bestand der Wunsch , einen Arzt unmittelbar am Ort anzusiedeln , der bei Unfällen sofort zur Verfügung stand und Einstellungsuntersuchungen und die Versorgung der am Ort wohnenden Werksangehörigrn übernehmen sollte .






Die Bedingungen für mich erschienen günstig , sodaß  ich mich auf die Dauer mit einer  Niederlassung in Merkers einverstanden erklärte . Doch schon am 8. Januar 1930 wurde ici mitten aus der Arbeit im Huyssenstift ans Telefon gerufen , wo mir die Direktion aus Merkers mtteilte , daß ich mich sofort , am nächsten Tag in Merkers einfinden sollte , da ein anderer Kollege , der der Werkleitung nicht genehm war , die Absicht geäußert hatte , sich in Merkers niederzulassen . Ich mußte also Hals über Kopf meine Assistentenstelle aufgeben , wobei mir mein Chefarzt großzügig keine Schwierigkeiten machte . Am nächsten Tag saß ich im Zug und wurde in Eisenach von einem Werkswagen abgeholt . Dann begann eine hektische Fahrt mit meinen ärztlichen Dokumenten von einer Institution zur anderen , um die Genehmigungen zur Niederlassung zu erreichen .                           

 

Fortsetzung folgt …

 

 

4.Fortsetzung
Ziel erreicht !  M E R K E R S

Durch den völlig unerwarteten Blitzstart waren wir , aber auch die Gemeinde Merkers , völlig überrascht worden , und so mußte Magda in der Zwischenzeit nun allein den Umzug von Essen nach Merkers organisieren , in einem Sanitätshaus unsere Praxiseinrichtung zusammenstellen und Möbel kaufen , da wir bisher nur möblierte Wohnungen hatten . Aber auch das im Dorf gelegene Haus , welches für Praxis und Wohnung vorgesehen war , mußte noch fertig restauriert werden .






Hella in ihrem Refugium:



Im Erdgeschoß waren neben Sprech- und Wartezimmer die Küche und ein mittelgroßer sowie ein kleiner Wohnraum , im zweiten Stockwerk – das erste bewohnte ein Werksbeamter – waren zwei Schlafzimmer . Ein Bad war nicht vorhanden . So wohnte und arbeitete ich die ersten Tage bei Andreas Soßdorf , der in der Gaststube ein provisorisches Arzt- und Wartezimmer eingrichtet hatte , einTelefonanschluß wurde gelegt und Rezepte bestellt .Am 10.Januar konnte ich die Eröffnung der Praxis in Merkers bekanntgeben . Kurz danach wurde ich zu einer Betriebsbesichtigung eingeladen . Merkers war damals der Mittelpunkt der Kaliförderung und Verarbeitung des Werragebietes geworden. Ein Viertel der Weltproduktion an Glauber- und Bittersalz gingen von hier in alle Welt.   Paralell zur Dorfstraße führte nun über den Bauernhöfen eine Eisebahnschiene von Salzungen nach Dorndorf , und

 darüber hatte der Betrieb einige Miethäuser für Beamte und Arbeiter errichtet ,sodaß eine neue Straße und mehrere Wege oberhalb des Dorfes entstanden waren . Auf  halber Höhe zum Wald  dann brachte die kleinere Schachteisenbahn einen Teil der Förderung zu dem nahegelegenen Kaliwerk  in Dorndorf zur weiteren Verarbeitung. .. Der Absatz des Kalidüngers war derzeit jahreszeitlich bedingt . Das Düngesalz wurde in großen Salzschuppen gelagert, bis es bei Saisonbeginn versteigert wurde und dann ein Waggon und ein Fuhrwerk nach dem anderen voll beladen das Werk verließen .

Die Besichtigung des Werkes nahm zwei Tage in Anspruch. Der Schacht K I in Hämbach war noch voll in Betrieb .Das geförderte Kali wurde zur Weiterverarbeitung nach Merkers gebracht..Dann folgte das Werk in Merkers. Am Werkseingang stand ein kleines Gebäude , in dem die Kartenkontrolle untergebrachr war , darin auch Räume , die als Sanitätszimmer gebraucht wurden. Im Obergeschoß hatte der Sanitäter Schwager seine Wohnung . Der zweite Sanitäter Walter wohnte im Dorf . Ein Krankenwagen stand ebenfalls zur Verfügung .Den Wachdienst für den Betrieb versahen zwei Werkspolizisten .Dann kamen Lösehaus , alle weiteren Abteilungen , Labor  und zuletzt das Verwaltungsgebäude an die Reihe wo ich allen als der zukünftige Knappschaftsarzt vorgestellt wurde, Am nächsten Tag fuhr ich unter fachmännischer Begleitung ein . Damals stand nur die erste Sohle . Die altgedienten Kalikumpel waren zuerst erstaunt und etwas belustigt über den jungen Arzt , der nun über ihre Erkrankungen und Arbeitsverhältnisse zu entscheiden hatte Nach kurzem Kennenlernen und manchem Versuch , mich „auf die Schippe“ zu nehmen , verschwanden aber viele Bedenken , da ich als Student mehrere Male Untertage in Kohlegruben des Ruhrgebietes gearbeitet hatte  und ihnen den Unterschied zwischen Kohleabbau und dem Salzbergbau mit einiger Sachkenntnis erklären konnte . Die Arbeitsbedingungen hier waren zeitgemäß und primitiv : Bohrlöcher wurden per Hand gebohrt , das herausgeschossene Salz in die Förderwagen geschaufelt ,  diese an die Seilbahn angehängt , die sie zum Füllort transportierte . Dort , Unter – und Übertage , herrschte neben dem Salzstaub ein furchtbarer Lärm durch das Aufeinanderprallen der Förderwagen , der die Nerven der Kumpel arg strapazierte . Bald kamen neben der Praxiseinrichtung auch die Möbel , und mit ihnen auch Magda und Hella . Das Einräumen begann und nach einigen Tagen konnten wir in unser neues zu Hause einziehen . Bürgermeister und Gemeindevertreter stellten sich kurz ein , um die neue Arztpraxis offiziell zu eröffnen .





Symbolisch als erster Patient sollte der Bürgermeister einen Blumenstrauß überreichen . Aber der wehrtr lachend ab: „Nee, nee , zu soon jungn Dokter muß`n jungs Maa che ! Da paßt höchstens die „ Ita „ !! So wurde Bürgermeister Kaisers jüngste Tochter Ida  die  „Erste Patientin“ .

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Fortsetzung folgt…

 

 

 

5.Fortsetzung
D I E  F E U E R T A U F E

 

„ Schnell , Doktor , helfen Sie !! Der Flack hat um sich geschossen , der Direktor verblutet ! Schnell!“ Der verzweifelte Hilferuf aus dem Telefon in der Hand des Arztes schien sich an den Wänden des Sprechzimmers festzusaugen . Noch ehe Magda , Ehefrau und Sprechstundenhilfe des noch sehr jungen Arztes , sowie die gerade behandelte Patientin sich des schrecklichen Geschehens voll bewußt wurden , hatte Dr. Günther Deilmann seinen weißen Kittel schon zur Seite geworfen und rannte mit seinem Notfallkoffer nach draußen zu seinem Fahrrad , da es zu einem Auto noch nicht gereicht hatte .Während er im Hinauslaufen noch rief :“ Ich fahr zum Schacht !“ , quietschten draußen auf der Straße Reifen , in der Hofeinfahrt wendete bereits Cheffahrer Julius Scholl den Dienstwagen des Werkdirektors vom Kaliwerk Merkers , Autotüren klappten , und schon raste das Auto zurück zum Verwaltungsgebäude im Werksgelände , in dem auch der Direktor sein Büro hatte . Fahrer Scholl wußte auch keine Einzelheiten . Er hatte vor der Verwaltung auf den Direktor gewartet , als jemand herausstürzte und ihm zurief , sofort den Arzt zu holen , es gäbe drei durch Schüsse Verletzte.Die Menschen hier waren ohnehin in heller Aufregung , nachdem sich seit Wochenbeginn . als die Lohntüten für die Kumpel vorbereitet werden sollten , herausstellte , daß die Tresore über das Wochenende aufgebrochen worden waren , und das gesamte Lohngeld für den Monat , 15.000 RM ,verschwunden war. In dringenden Verdacht gerieten die beiden Werkspolizisten . Nun erwarteten alle gespannt das Ergebnis der Befragung der beiden durch Direktor Zentgraf , die am heutigen Vormittag in seinem Büro stattfinden sollte , denn inzwischen gab es im Dorf kaum noch einen Haushalt , der nicht auf das Lohngeld angewiesen war Ohne Halt passierte Fahrer Scholl die Kartenkontrolle am Werkseingang .Vor der Verwaltung stand schon der Sanitätswagen , daneben der Fahrer mit schreckerstarrtem Gesicht . Wenig später schon hastete der Arzt an ihm vorbei die Treppen hinauf zum Direktorenbüro . In den sonst so peinlich sauberen und ordentlichen Räumen bot sich ein chaotisches Bild : Zwischen Blutlachen , zerbrochenen Gegenständen, Papierbögen und umgestürzten Möbeln lag der Direktor am Boden und Sanitäter Schwager , der gleich im Eingangsgebäude wohnte, kniete neben ihm und versuchte verzweifelt , den stark blutenden Oberschenkel abzubinden .Sanitäter Walter , der im Dorf wohnte , hatte die Wunden im Gesicht und am Bauch schon steril abgedeckt und kümmerte sich um denOrtspollizisten Paul Gärtner , der mit zwei Bauchschüssen bewußtlos , mit eingefallenem Gesicht und röchelnd schon auf einer Trage lag , während der Bürovorsteher blaß und stöhnend noch an seinem Schreibtisch saß und versuchte , einen blutenden Streifschuß am Hals mit einem Taschentuch abzudecken . Der vor ihm stehende Kalender mit dem kräftig rot eingekreisten Datum 06.Juni 1930 war vor lauter Blutspritzern kaum noch lesbar . Von den Werkspolizisten jedoch keine Spur : Polizist Schumacher war garnicht erschienen , während Flack , nachdem er seine Dienstpistole ordnungsgemäß in der Kontrolle abgegeben hatte , sich pünktlich zum Verhör eingestellt hatte . Als er aber in die Enge getrieben wurde , zog er unvermittelt eine versteckte Privatwaffe heraus , schoß die Anwesenden kampfunfähig und ergriff die Flucht . Fast unmerklich , ruhig und sachlich , übernahm der Mediziner die Leitung der Hilfsmaßnahmen , um die Verletzten schnellstens für den Transport in das Salzunger Krankenhaus vorzubereiten. Auch Direktor Zentgraf konnte nun vorsichtig auf einer Trage gelagert werden, nachdem der Druckverband die Blutung endlich zum Stillstand gebracht hatte . Endlich waren die Schwerverletzten in den bereitstehenden Autos untergebracht . Aber der Transport wurde zu einer schweren zusätzlichen Belastung : Die Chaussee nach Salzungen war von Schlaglöchern übersät , und statt der gebotenen höchsten Eile mußten die Fahrer versuchen , die Schmerzen der stöhnenden uns jammernden Patienten nicht noch zusätzlich zu steigern. Im Krankenhaus angekommen , standen die Ärzte und Operationshelfer schon bereit , doch Gendarmerie Oberwachtmeister Paul Gärtner verstarb unter ihren Händen. Dem Bürovorsteher konnte im Krankenhaus geholfen werden , während Direktor Zentgraf nach der chirurgischen Erstversorgung seiner drei tiefen Wunden in Oberschenkel , Bauch und Gesicht für  lange Zeit in die Uni – Klinik in Halle verlegt werden mußte . Der Werkspolizist Flack wurde bald gefaßt und verurteilt , das geraubte Lohngeld aber nie gefunden . Trotzdem aber hatten die Kalikumpel , wenn auch verspätet , ihr wohlverdienten Lohn bekommen Im Ort war wieder Ruhe eingekehrt , und der erst 25 jährige Arzt war voll in der Merkerser Kaligemeinde angekommen.

 

 

Fortsetzung folgt …

 

6.Fortsetzung                          
Mai 1931 / E I N E  S C H W I E R I G E  G E B U R T




Hella wäscht Dada den Kopf. Und wie!


 

„ Na , unser Dokterchen muß ja wohl doch schon ein Mann sein !“ - Die halbwüchsigen Burschen , die feixend am Straßenrand der Hauptstraße  stehen geblieben waren und dem alten „Adler“ nachschauten , den der noch sehr junge Dorfarzt sich gerade angeschafft hatte und in dem er gerade mit seiner hochschwangeren Frau davonfuhr , brachen in schallendes Gelächter aus . Ernst Schulz vom Nachbarhof nebenan , der die anderen um ein ganzes Stück überragte , mußte die schon so oft belachte Geschichte von seiner kranken Großmutter nun nocheinmal erzählen : „ Tja . als der Doktor voriges Jahr herkam , der war ja grade mal so fünfundzwanzig , und dazu noch so ne lockenköpfige halbe Portion , da konnte von respekteinflößend oder sowas natürlich keine Rede sein, Auf jeden Fall bekam unsre Äller damals gerade einen mächtigen Hexenschuß , und die Mutter wollte mich schicken, den neuen Arzt zu holen . Aber da hat unsre gute Äller energisch protestiert; „Was? Der und Arzt ?? - Der grüne Junge kommt mir nicht ins Haus !!!“ Wieder schütteten sich die Jungens aus vor Lachen. Sein etwas älterer Bruder Karl wußte nun auch etwas zu berichten, nämlich daß die Doktersch nach Meiningen in die Klinik fahren würden , weil der Geburtstermin schon eine ganze Zeit vorbei wäre , und außerdem , daß der Doktor als zweites Kind nun einen kleinen Jungen haben wolle. Doch da rief es vom Hof her : „Karl !“  Der Vater brauchte seinen Ältesten zum Anspannen der Kühe und. Karl lief gehorsam zum Stall , während die anderen Burschen lässig weiterschlenderten. An sich war man in Merkers ja sehr stolz darauf gewesen , daß das kleine Dörfchen in der Vorderrhön mit seinen knapp achthundert Einwohnern einen eigenen Arzt und Geburtshelfer bekam .Aber der eigentliche Grund war natürlich der Kalischacht gleich am Ort , der sich zunehmend vergrößerte und immer mehr Menschen anzog .Außerdem gehörten die Orte Kieselbach , Dönges und Möllersgrund mit zu seinem Versorgungsgebiet . Innerhalb nur eines Jahres war er nun bereits zu einem allseits anerkannten und beliebten Arzt geworden . Am heutigen frühen Morgen hatte ihn schon die begehrte Kieselbacher Hebamme , Frau Niebergall , zur Geburtshilfe bei der Frau des neuen Werksdirektors gerufen . Direktor Schneider hatte vorläufig die Leitung des Kaliwerkes nach dem bösen Zwischenfall übernommen und war inzwischen auch in die Direktorenvilla an der Gartenstraße oberhalb des Werkes eingezogen . Die Geburt konnte noch am Vormittag glücklich beendet werden und der Direktor ein kleines , gesundes Mädchen , Ingrid , überglücklich in die Arme schließen.                      Doch bei seiner eigenen Frau stellten sich nch wie vor keine Wehen ein , und so hatte sich das                           Ehepaar schweren Herzens zu einer Klinikgeburt entschlossen . Erst am nächsten Morgen, dichter Nebel lag noch über dem Werratal , die Glocken läuteten den Himmelfahrtstag ein , bog der „Adler“ wieder zur Hofeinfahrt ein , - blaß und übernächtigt sein Fahrer . Ebenso blaß und übernächtigt riß Oma Booz, seine Schwiegermutter , beim ersten Motorengeräusch das Küchenfenster auf: „Na und?“     Lakonisch die Antwort des Aussteigenden : „Schon wieder ein Mädchen! Und was fürn häßliches!  Die kriegt im Leben kein’n Mann!! „






D I E  E I S E N B A H N F A H R T  V O N  G R O S S M A M A  B O O Z

 

Als die Geburt des zweiten Kindes erwartet wurde , war Oma Booz aus Westfalen nach Merkers gekommen , um für eine Zeit die Führung des Haushaltes ihrer Tochter zu übernehmen . Nun war nach der quälend langen Wartezeit ja endlich ein kleines Mädchen in der Meininger Klinik zur Welt gekommen , In den folgenden Tagen kamen gute Nachrichten aus Meiningen . Das bei der schweren Geburt völlig verformte Köpfchen mit dem plattgedrückten Näschen des Säuglings hatte inzwischen ein normales Aussehen angenommen , und auch die junge Mutter erholte sich zusehends . Größte Mühe hatte sie allerdings , den kleinen unersättlichen Schreihals zufrieden zu stellen . Nach jedem Stillen mußte eine Schwester das Näschen zuhalten , eine andere die Kiefer auseinander drücken , damit eine dritte dem kleinen Nimmersatt den begehrten Lebensquell entziehen konnte . Verständlich , daß es Oma Booz trotz ihrer extremen Unbeholfenheit nun heftig zu ihrer Tochter und dem neuen Enkelkindchen zog . Oma Booz war  während ihrer langjährigen Ehe ganz in der Rolle aufgegangen , ihrem Ehemann gehorsam und willig zu dienen und sich seiner gescheiten Führung anzuvertrauen . So war sie ohne ihn wie ein hifloses Kind . Die Tochter wußte allerdings etwas boshaft von Ausnahmen zu berichten , wo auch bei ihr mal Herz und Sinne überkochten .Dann zerschmetterte sie krachend etliche Teller auf dem Küchenboden - hatte allerdings in Blitzesschnelle vorher die Angeschlagenen aus dem Tellerstapel heraussortiert ! Also , Oma Booz allein auf Reisen , - da war guter Rat teuer , denn der Schwiegersohn konnte seine Praxis tagsüber unmöglich unversorgt lassen. Nach einigem Überlegen brachte er sie voosichtshalber mit dem Auto bis Salzungen , dem Umsteigebahnhof . Damit sie nicht versehentlich in die entgegengesetzte Richtung , nach Eisenach fuhr , stzte er sie selbst in den schon bereitstehenden Zug nach Meiningen und erklärte ihr , daß sie nun bis zur Endstation , nämlich Meiningen , sitzenbleiben könne . Dann fuhr er beruhigt zurück . Aber bereits nach einer knappen Stunde schellte es ,und mit vorwurfsvoller Miene stand Oma Booz vor der Haustüre : Alleingelassen , hatte sie der ganzen Sache doch nicht recht getraut , und um ganz sicher zu gehen , einen gerade draußen auf dem Bahnsteig vorbeigehenden jungen Burschen gefragt , ob denn dieser Zug wirklich nach Meiningen führe . Offenbar ein berliner Spaßvogel , flaxte der :       „ Nee , Jnädigste , der fährt direktemang nach Berlin !!“    „Was ein Segen , „ schloß sie ihre Schilderung mit tränenverschleiertem Blick   daß ich gerade noch rechtzeitig gefragt habe , um aussteigen zu können , und der Zug nach Merkers noch nicht abgefahren war ! „  

 



 




                     

 

A N N I

 

Die beiden fast gleichaltrigen Säuglinge entwickelten sich prächtig . Schon im nächsten Frühjahr konnte man Dada , wie die Kleine inzwischen genannt wurde , nicht mehr ohne Aufsicht lassen . So kam nun Anni , ein junges Mädchen aus dem Dorf , ins Haus , um täglich mit ihr spazieren zu fahren . Da aber auch Ingrid Tag für Tag ausgefahren wurde , ergab es sich , daß sich die beiden guten Hausgeister jeden Tag trafen und dabei einen zwar verdeckten , aber verbissenen Wettstreit führten . wessen Zögling , natürlich nur dank der besseren Betreuung ,  die größeren Fortschritte machte . Über Intelligenz und Aussehen konnte man ja glücklicherweise geteilter Meinung sein , aber wie bestürzt war Anni , als Direktors zarte Ingrid schon die ersten Schrittchen machte , während ihre Dada , der kleine dicke Pummel , zwar immer freundlich lächelnd , aber unbestritten , immer noch nur behäbig in ihrem Wagen saß ! Kaum zu Hause angekommen , mußte das Pummelchen nun üben , ob es wollte oder nicht .Anni fühlte sich in ihrer Ehre tief gekränkt . Aber welcher Triumph , - schon beim nächsten Treffen war Dada durchaus nicht mehr im Nachteil : Wie ein kleiner Dackel  wackelte sie , zwar auf - oh , was für krummen Säbelbeinchen - , aber sogar ein bißchen schneller als Ingrid , an Annis Hand geklammert , vorwärts !

 

 


 

Fortsetzung folgt …

 

 

7. Fortsetzung
D I E  G E L B E N    D O G G EN  „  L E A „

Lea I

Inzwischen gab es auch wieder eine wunderschöne gelbe Deutsche Dogge , Lea , in der Familie . Die erste Lea , die bald nach dem Einzug in das neue Haus Hellas unermüdliche Spielgefährtin geworden war , hatte bei einem Spaziergang auf dem Krayenberg dort ausgelegtes Fuchsgift gefressen und war elend verendet .Aber trotz ihres so kurzen Lebens  hatte sie für eine unvergessene Attraktion gesorgt . Ihre größte Zuneigung gehörte ihrem Herrchen , mit dem sie sich wilde Scheinkämpfe liefern durfte und zu dessen Begrüßung sie sich aufrichtete , ihre Vorderpfoten auf seine Schultern - und ihren Kopf liebevoll schmusend auf seine Schultern legte . Damals , nach den unfreundlichen Novemberwochen mit feuchten Nebeln und Dauerregen , war die Werra über ihre Ufer getreten und hatte die anliegenden Wiesen ihres Tales kilometerweit überschwemmt. Nun hatte der Frost die rauschend wandernde Wasserfläche in einen stillen,glatten Spiegel verwandelt , ein Winterparadies für die Kinder , zumal gerade Ferienzeit war . Bis in die einbrechende Dunkelheit schallte ihr fröhlicher Lärm ins Dorf . Besonders lustig war es , wenn Doktors großer Hund Töchterchen Hella auf ihrem Schlitten übers Eis zog . Da war sogar der Arzt selbst neugierig geworden, als er mit seinem Fahrrad , da noch kein Schnee lag , von seinen Hausbesuchen aus Kieselbach zurückkam . Er lehnte sein Rad an die Werrabrücke und versuchte vorsichtig , auf dem Eis in Richtung der Kinder zu schlittern. Aber Lea hatte ihn schon bemerkt ,rannte ihm freudig mit Schlitten und Hella entgegen ,begrüßte ihn liebevoll in gewohnter Weise - und Herrchen lag auf dem Eis , Doch nachdem er sich mühsam wieder aufgerappelt hatte ,  zum Vergnügen der umstehenden lachenden und johlenden Kinderschar das Gleiche noch einmal !

Lea II







Durch ihr fast gleiches Aussehen und den gleichen friedlichen und freundlichen Kontakt zu allen Mitgliedern der Familie einschließlich der Kaninchen und Kätzchen , hatte die neue Hündin fast unmerklich die Herzen der ganzen Familie erobert und so erhielt sie auch den gleichen Namen . Geduldig tollte sie mit den Kindern herum und auch Anni , als Vertraute des Hauses , wurde von ihr voll akzeptiert . So hatten sich die „Doktersch“ als ehemalige Großstadtmenschen bald voll in die dörfliche Gemeinschaft eingefügt .Abgesehen von der medizinischen Tätigkeit hatten sie bei ihren Spaziergängen mit Hund und den Kindern viel freundlichen Kontakt mit den Bewohnern und Frau Magda , die sich in kürzester Zeit zur unentbehrlichen Helferin ihres Mannes eingearbeitet hatte , wurde hierbei häufig zu einer Tasse Kaffee ins Haus gebeten.Dieser  war in den Kegelklub eingetreten , sprang aber auch , wenn in der Erntezeit Not am Mann war , bei den Bauern in der Nachbarschaft als Helfer bei der Heumahd , der Kornernte oder beim Dreschen ein . Auch brachte es dem jungen Paar viel Sympathie ein , daß es arbeitslosen Eltern der abgelegenen Orte ermöglichte , für ihre krnken Kinder täglich etwas Milch bei einem Bauern zu holen . In ihrer Freizeit sonntags fuhren sie meist mit den Kindern zum Tennisspielen nach Salzungen So ergab es sich , daß sie eines abends einen großen Ballabend des Tennisklubs in Salzungen besuchen wollten ,  Anni war sofort und gerne bereit , bis zur Rückkehr der beiden bei der Kleinen zu bleiben Die  konnte dann solange im Kinderwagen - ,  und Anni auf dem Sofa in der Küche schlafen . Außerdem war ja auch Lea da !  Als die Eltern früh am Morgen zurückkehrten , bot sich ihnen ein überraschendes Bild :  Auf dem Sofa lag Lea !  Anni aber saß auf dem Küchenstuhl vor dem Kinderwagen , in dem Dada friedlich schlummerte  und wartete sehnlich darauf , wieder aufstehen zu dürfen :: Kaum waren die Eltern weggewesen  , hatte Lea die arme Anni vom Sofa gedrängt , sie auf den Stuhl zum Aufpassen dirigiert und sich dann  wachsam und zufrieden zum Schlafen aufs Sofa gelegt !

                                                                               


 

  

  

 

8. Fortsetzung
D A S  B R A V E  M Ä D C H E N


 


 



 


 

Zwei - drei Jahre später war aus dem häßlichen Neugeborenen ein recht nett anzusehender ,braungebrannter blonder Lockenkopf geworden. Dada war überall und nirgends und hatte ständig irgendwelche Dummheiten im Kopf . Nachbar Schulz , in dessen Kuhstall sie sich auch fast zu Hause fühlte , hatte dem Doktor einmal schmunzelnd zugerufen : „Sie wollten doch gerne nen Jungen – aber an der sind gleich zwei Jungen verloren gegangen !“ Am liebsten büxte sie heimlich aus , kletterte über die niedrige Gartenmauer , um auf den schier endlosen Werrawiesen mit den vielen Blumen , Käfern , Heuschrecken und anderen Tierchen herumzustromern . Im Haus war für die Mutter der Küchenschrank die letzte Rettung . Wenn sie mal kurze Zeit vor Überraschungen sicher sein wollte , setzte sie Dada obendrauf , die sich dann ein kleines Weilchen beschäftigte , oder sich notfalls mit ihrem in kurioser Weise nach oben gedrehten Zeigefinger als Lutscher tröstete.





Aber eines Tages gab es auch hier eine Überraschung : Auf der einen Schrankhälfte lagen nämlich für den Winter Äpfel zum Nachreifen . Da das  Kind  sich dieses Mal ausnahmsweise so lange und so brav auf dem Schrank verhielt - es hatte offensichtlich die Äpfel entdeckt , aber die waren ja nur gesund -, nutzte Mutter Magda die Zeit und ließ sie etwas länger oben sitzen . Die Überraschung kam nach dem Herunterholen : Ja , das „brave „ Mädchen hatte Äpfel gegessen - jeder Apfel auf dem Schrank war säuberlich einmal  angebissen !

 

                  

S C H W E S T E R  H E L L A  U N D  D A S  G E W I T T E R         


       


 

Die einzige , die den kleinen Quirl beeindrucken konnte , war die sechs Jahre ältere Schwester Hella .Aber auch ein durchziehendes Gewitter verfehlte nie seine erzieherische Wirkung . Doch da bestand ein geheimer Zusammenhang : Hella und Dada schliefen zusammen über der Wohnung in einem kleinen Dachkämmerchen. Am schönsten für die beiden waren immer die Abende sonnabends , wenn gebadet wurde . Dann plantschten sie gemeinsam in der Wanne , der Vater sang ihnen zur Laute etwas vor , um sie im Anschluß , auf jedem Arm eine Tochter , nach oben in die Betten zu tragen , welche die Mutter schon mit auf dem Küchenofen erhitzten Ziegelsteinen , fest mit Handtüchern umhüllt , fürsorglich angewärmt hatte. Von ihr noch ein Gute – Nacht – Lied , ein Kuß , und dann waren die beiden allein . Doch dann hatte Hella eine neckische Geschichte bereit für den kleinen frechen Fratz , der inzwischen mit der größten Selbstverständlichkeit überall die erste Geige spielte :  „ Weißt du was? Ich bin doch heute morgen spazieren gegangen . Und ganz draußen, hinten am letzten Haus , wo die Sauers wohnen , bin ich einem mächtig unheimlichen Paar begegnet : Die Frau war riesig groß und dünn ,wie ein Stock , und war quittegelb angezogen . Aber der Mann war mächtig dick und kugelrund .Der hatte kohlschwarze Sachen an . Kannst du dir denken , wer das war? Nein??   Das waren der Blitz und der Donner ! Und stell dir vor , die haben nach dir gefragt . Heute Abend wollten sie dich besuchen . Huu , ich habe Angst !!    Und ehe  sich’s die Kleine versah ,war sie aus dem Bett gesprungen , aus dem Kämmerchen heraus und hielt von draußen die Tür zu .           Die ganze Familie wunderte sich , wenn ein Gewitter kam , daß Dada schon beim ersten Donner in Windeseile mit Gummigaloschen und Regenschirm vor der Korridortüre stand , während Hella sich krampfhaft das Lachen verbeißen mußte .

 

 

Fortsetzung folgt …

 

  

 

9.Fortsetzung               
E I N E  N E U E  F R E U N D S C H A F T  -  L E B E N S L A N G


 



 





Ein weiterer Freizeitsport , das Segelfliegen auf der Wasserkuppe , brachte der kleinen Familie viele neue Eindrücke , und auch für die Kinder interessante Wochenenden in der neuen Heimat .  Die Fahrten durch die  hohen basaltenen Bergkegel , an deren Hängen sich weite Weideflächen hinzogen , und die wie schwerelos darüber majestätisch kreisenden  eleganten Riesenvögel , aber auch ihr Start , wenn sie mit dicken Gummitrossen in den schier endlosen Rhönhimmel katapultiert wurden , während dann unter ihnen größte Vorsicht erforderlich war ,daß sie nach dem Ausklinken beim Herunterfallen niemanden verletzten, beeindruckte sie immer wieder aufs Neue .                                            Aber am beliebtesten blieb doch der Tennisplatz , besonders durch ein junges Ehepaar aus                          Bad Salzungen , mit dem sich die Eltern hier angefreundet hatten . Da beide auch ein überaus herzliches  Verhältnis zu den beiden Töchtern hatten , bot es sich jetzt für die Eltern doppelt an , die aufgeschobene Taufe nachzuholen . Wegen ihrer verschiedenen Konfessionen , durch die sie selbst ja erhebliche Schwierigkeiten gehabt hatten ,waren sie sich einig geworden , ihre Kinder in der Konfession aufwachsen zu lassen , die in  ihrem späteren Arbeitsfeld dominieren würde , um ihnen die meist üblichen Ausgrenzungen zu ersparen. Da die Einwohner von Merkers vorwiegend evangelisch waren , wurden die Kinder nun also evangelisch getauft , und der Zahnarzt Dr. Berthold  Krause und seine Frau Anneliese wurden ihre Paten und blieben für immer ein wichtiger Teil der Familie . . In dieser Zeit begründete sich auch das Doppelkopfspiel als Familienunterhaltung . Jeden Mittwochabend wurde abwechselnd in Bad Salzungen oder Merkers gespielt , und dazu gab es ein extra gutes Abendessen . Die Kinder aßen es meist schon etwas früher mit Anni in der Küche. Irgendwann einmal aber reichte es nicht für alle , und in der Küche gab es Übriges vom Mittagessen .   Prompt ertönte Dadas lauter Protest - so laut , daß man es  nur ja auch im Zimmer nebenan hören konnte : „ Ihr kriegt immer die schönen Sachen , und wir müssen das  „ olle          Kamüse“ essen !! „                                        

 

  

 

O N K E L  E U G E N  U N D  D I E  K L E I N E  P I N T E

 


Was ist eine Pinte?   In Westfalen bezeichnet man ein äußerst nervendes Kind als Pinte .                   Falls  das nicht ausreicht , gibt es noch eine  Steigerungsform :  Pintenkönig !

Im Sommer kam ein immer willkommener Besuch nach Merkers ,  der geliebte Bruder von  Mutti Magda aus Essen . Onkel Eugen war ein fröhlicher Mensch  und glänzender Gesellschafter . Er brachte stets gute Stimmung mit und der Umgangston im Haus färbte sich umgehend westfälisch . Als guter Doppelkopfspieler reihte er sich nahtlos in das heimische Quartett ein und seine Verabschiedung fand dann stets  mit Krauses zusammen bei einer Partie Doppelkopf im Hotel Wälz gegenüber vom Salzunger Bahnhof statt , von wo man ihn dann zum letzte Zug  bis zum Bahnsteig begleitete  und er beim Abfahren des Zuges bis zuletzt winkend auf dem Trittbrett stand . Es war aber auch schon vorgekommen , daß er im letzten Moment heruntersprang ::“ Wat isset doch bei euch so schön 1“  , und die Feier ging weiter. Aber er angelte auch leidenschaftlich gern ,und dazu bot die nah vorbeifließende Werra die beste Gelegenheit, Beste Gegenheit aber auch , wie seine Schwester Magda fand , Dada mal einige Zeit unterzubringen. . Sie mußte allerdings ihren recht ungläubigen Bruder erst mühsam  davon überzeugen ,daß die Kleine draußen recht brav sein würde . Doch dann  zog er schließlich leise murrend mit Angel und dem Kind zur Werra . . Dada hatte der Diskussion tiefgekränkt zugehört und sich vorgenommen ,dem Onkel zu beweisen ,  wie recht die Mutter doch hatte !  Für eine für sie fast unvorstellbar lange Zeit saß sie nun so ruhig , wie es eben ging , neben oder über ihm am Uferhang ,und daß sie , um ihn nur ja nicht zu stören , ihr Hös chen naßmachte , hätte er ja eigentlich gar nicht gemerkt, wenn das kleine Rinnsal nicht ausgerechnet ihn von unten leicht angefeuchtet hätte  Ob nun  mit – oder ohne Fang –ist nicht bekannt , aber als  Eugen  das Kind der Mutter übergab , erwartete es voller Überzeugung ein überschwängliches Lob , und seine ersten Worte ; „Weißt du , Magda , deine Dada ist tatsächlich  kein Pintenkönig ! „ ,erfüllten sie mit Gennugtuung und Stolz . Doch  dann , welch bodenlose  Verleumdung ! -::

                                        „ Nein , die ist  wirklich kein Pintenkönig  -  die ist ein Pintengott!! „ 

                                

 

                                                                                                    

Fortsetzung folgt …

 

 

10. Fortsetzung                              
E I N   M I S C H L I N G                  

 



Mit großer Sorge allerdings verfolgten sie die politische Entwicklung in Deutschland : Hitler , der seit 1933 ohne Einschränkungen herrschte , hatte bereits damit begonnen , die in seinem Buch           „Mein Kampf „ angekündigte Entrechtung und Ausschaltung von Nichtariern sowie Gegnern seiner Politik unbarmherzig durchzusetzen . Fassungslos erlebten sie am eigenen Ort , wie die an der Hauptstraße wohnende Frau Prütz sich dafür rechtfertigen mußte , weil sie einem alten Mann , der sich heimatlos mit einem Wägelchen , dessen eines Rad gebrochen war , vorwärts quälte , versucht hatte , zu helfen ,und die immer wieder verzweifelt beteuerte , daß sie es doch wirklich nicht gewußt habe , daß es ein Jude war . Doch eines Tages hingen auch ihre eigenen Namen rot umrandet im Aushängekasten der Gemeinde ,weil sie aus Protest und Mitleid entgegen der landesweiten Boykott- Anweisung in einem jüdischen Geschäft eingekauft hatten. Sie wurden dafür in der Zeitung               „Der Stürmer „ öffentlich angeprangert . Doch völlig unerwartet sollte es für sie viel schlimmer kommen :

 1934 erging an alle Akademiker die Aufforderung , einen Ahnenpaß beizubringen . Zur großen Überraschung stellte man fest , daß die Großmutter Berta-Luise Deilmann , geborene Herz , am Tag ihrer Trauung evangelisch getauft worden war . Nun wurde nach vielen Jahren ein Familientabu gebrochen und eine bewegende und bewegte Liebes- und Lebensgeschichte kam erstmals zur Sprache: .

Sein Großvater , der Steiger und spätere Schachtbau – Unternehmer  Carl- Herrmann  Deilmann , Sproß eines uralten westfälischen Bauerngeschlechts , welches den Namen seines Erbhofes angenommen hatte , und  sich dann, beim Aufblühen der Steinkohle – Industrie dem Bergbau verschrieben hatte , hatte sich als junger Mann , entgegen der elterlichen Vorstellungen , in eine bildhübsche Fleischerstochter verliebt und bestand trotz der elterlichen Versuche , diese Ehe zu verhindern , beharrlich  darauf , sie zu heiraten . Schließlich willigten sie unter der Bedingung ein, daß , falls das  bereits gezeugte Kind gesund zur Welt käme , Mutter und Säugling zuvor evangelisch getauft würden . Außerdem müsse die junge Frau jeden Kontakt zu ihrem Elternhaus abbrechen , und das alles müsse streng geheim bleiben .   Genau so geschah es .Die glücklichen Eheleute gründeten  dann ein florierendes Schachtbau – Unternehmen . Doch  der erfolgreiche Unternehmer starb mit nur sechsundfünfzig Jahren an einer schweren Lungenentzündung  . Sein fünfzehntes Kind wurde am Tag seiner Beerdigung geboren und der kleine Otto wurde  an seinem offenen Grab getauft. (Otto  war  aber der erste von den  zehn erwachsen gewordenen Kindern , der starb , - als Augenarzt an der Front im ersten Weltkrieg ).       Berta aber ließ sich nicht entmutigen , übernahm den Betrieb und baute ihn weiter zu einem weltweit agierenden Unternehmen aus . Sie  hielt sich aber weiter  strikt an die ehemals vereinbarten Bedingungen .

Von den Behörden wurde nun umgehend eine jüdische Abstammung vorausgesetzt und der Arzt Dr.Deilmann ebenso umgehend zum Mischling zweiten Grades erklärt .

Was nun?    Die Meinung der Eheleute ging erstmals auseinander Magda , die Entwicklung in Deutschland voraussehend ,hatte große Befürchtungen für ihre Familie und riet , möglichst schnell , am besten in die gleichsprachige Schweiz auszuwandern . Vater Günther , im Prinzip der gleichen Meinung , fühlte sich aber durch seinen Vater völlig abgesichert , der ja als Rittmeister freiwillig vier Jahre für Deutschland an der Front war und überdies vor Verdun ausgezeichnet wurde .  Die beiden Kinder wurden zwar schon zu einem eventuellen Wegzug aus Merkers befragt , doch ein Kurzurlaub der Eltern in der Schweiz sollte  dann  wohl die Entscheidung bringen .

In Merkers hatte sich die mißliebige  Abstammung inzwischen schnell herumgesprochen und verfehlte ihre Wirkung nicht . Plötzlich hatten alte Freunde und Bekannte bei Veranstaltungen keinen Platz mehr für sie an den Tischen , und alle , die „etwas auf sich hielten“  vermieden  persönliche Kontakte und beschränkten sich auf die ärztlichen Dienstleistungen .Segelfliegen ,   Tennisspielen und Kegeln entfielen mit der Zeit , und Einladungen zu einer Tasse Kaffee gab es nur noch von den Bauernfamilien. . Allerdings mehrere Versuche des Ortsgruppenleiters und der übergeordneten Behörden , die ganze Familie Deilmann  in den Osten abzuschieben , scheiterten am gemeinsamen ,  entschiedenen Widerstand der Werksleitung , des Bürgermeisters ,der Kumpel und der Bauern     Jetzt   aber  machte Werksdirektor Lange , der inzwischen schon einige Zeit die Leitung des Kalibetriebes übernommen hatte , allen Zweifeln und Überlegungen ein völlig unerwartetes   Ende : Er sprach  den Arzt auf  seine doch  recht bescheidenen Wohnungs- und Praxisverhältnisse an , und  das die Werksleitung ihn gerne am Ort halten wolle und ihm deshalb  einen  Bauplatz , günstigen Kredit und drei Eigenheim –Entwürfe  zur  Auswahl zur Verfügung stellen würde , und  er im nächsten Jahr bereits umziehen  könne                     Allen Bedenken des überraschten Arztes , daß er ja noch keinerlei Ersparnisse habe und daß er sich auf die Dauer als angezählter Mischling äußerst verunsichert fühle , widersprach  er energisch und überzeugend   :

                             „ Das lassen Sie mal ganz u n s r e Sorge sein!“

Nach wenigen Tagen schon wurde mit dem Bau begonnen

 

 

                                                                                                       
Fortsetzung folgt …

11.Fortsetzung         
H E L L A  U N D  D I E  O B E R S C H U L E  V A C H A  

 



Auf dem Bauplatz in Merkers , südlich oberhalb des Ortes , direkt über der Bahnschiene und neben zwei neugebauten und schon bewohnten Beamtenhäusern , begann umgehend ein reges Treiben .         Dr.Deilmann hatte sich für ein mittelgroßes Wohnhaus entschieden , in der unteren Etage sollten drei Praxisräume mit einem separaten Eingang zum Wartezimmer eingerichtet werden und in der zweiten Etage jede Tochter ein eigenes Zimmer bekommen , hinter dem Haus ein ausreichend großer Hof  mit angrenzendem Garten , und an einer  Seite eine kleine S pielwiese – die ganze Familie erwartete nun mit Spannung den Tag , an dem sie das alles in Besitz nehmen könnte  Indessen hatten die Eltern die einschneidenden Folgen der Ahnenforschung recht gelassen über sich ergehen lassen ,nur beunruhigte es sie inzwischen erheblich , daß die nun zeitlich anstehende Aufnahme von Tochter Hella in die Oberschule wegen der neuen Situation durch die seit  1935 geltenden Rassengesetze , welche die jüdischen Mitbürger immer brutaler ins Abseits  drängten , immer fraglicher wurde . Die Merkerser Schüler wechselten  üblicherweise auf die neun Kilometer entfernte Oberschule in Vacha . .Doch hier hatte man den beliebten bisherigen Schulleiter Dr.Krafft entlassen , da er Angehöriger einer Freimaurer-Loge war , und für ihn den NSDAP – Genossen Dr.Wollweber zum Direktor berufen.  Voller Zweifel und Bedenken bat ihn Mutter Magda trotzdem um ei Gespräch .Sie fand zu ihrer Erleichterung einen verständnisvollen Pädagogen , der die Fragwürdigkeit der jüdischen Abstammung  von Hella durchaus akzeptierte , da es durch die  Unversönlichkeit der beiden christlichen Religionen im damaligen Westfalen durchaus ebenso denkbar war  , daß die Urgroßmutter von Hella  katholisch war , und um ihrer Liebe und Ehe Willen zum evangelischen Glauben ihres Mannes und seiner Familie übertrat , um eine Mischehe zu vermeiden   Er verantwortete es daher persönlich, daß Hella ohne Vorbehalte als arische Schülerin in die Vachaer   Oberschule aufgenommen wurde .Aber zwei ihrer späteren Klassenkameradinnen mußten das bittere Schicksal der meisten jüdischen Kinder teilen :Als Hella im Sommer nach einem Klassenausflug auf die Krayenburg nach Hause zurückkam , berichtete sie aufgebracht und voller Mitleid , daß die schmächtige Susi Strauß bei dem abschließenden Besuch des Merkerser Freibades in der sengenden Hitze auf einer Bank warten und zuschauen mußte , wie alle anderen fröhlich im Wasser plantschten . denn gleich am Eingang stand auf einem Schild  in großen Buchstaben :   Juden  -  Baden verboten !   Bald schon kam Susi nicht mehr zum Unterricht , und nicht lange darauf mußte auch die Halbjüdin Anneliese Thüngertal die Schule verlassen . Aber es gab sogar eine mutig-menschliche Klassenkameradin , Luise  Herr , die ihnen  den täglichen Unterrichtsstoff  brachte und erklärte .

 

 

T I S C H R Ü C K E N          

 



Tatsächlich hatten die emsigen Bauleute und Handwerker ihre Zusage eingelöst , und schon im Frühjahr  1936 konnten die Doktersch mit Sack und Pack , Kind , Praxis und Hund in das neue Haus einziehen . Am Abend , der Umzug war endlich geschafft  , die wichtigsten Sachen standen bereits auf ihrem Platz und die kleine Familie saß nach dem Abendbrot noch ein bißchen glücklich und zufrieden , wenn auch ziemlich erschöpft in der neuen,geräumigen Küche ,  wurde es langsam Zeit , daß die beiden Mädchen ihre hübsch eingerichteten Zimmer und neuen Betten einweihten . Da plötzlich ein stürmisches Klingeln an der Haustür . Erschrocken sprang der Vater auf : „Mein Gott , heute noch  ein dringender Hausbesuch – das hat grade noch gefehlt !“ - und eilte nach draußen an die Tür. Aber statt der gewohnten leisen und intensiven Absprache wurde lautes Stimmengewirr immer lauter und drang nun offenbar ins Haus . „ Ist das noch Besuch ?  Wir haben doch noch garnichts zum Anbieten im Haus ! „ Erschrocken wollte Mutter Magda draußen nachschauen .  Jedoch welch fröhliche Überraschung ; Vor der Haustür drängte sich eine dichte Menschentraube mit Taschen , Körben und Kitzen , in denen die leckersten Speisen und Getränke nun ins Haus geschleppt wurden,  um den Einzug nach altem , dörflichen Brauch  gemeinsam mit einem zünftigen „ Tischrücken „ zu feiern . Nachdem sich alle tüchtig gestärkt hatten , nahmen die wichtigsten Personen, eng zusammengerückt ,rings um den großen Familientisch Platz ,umringt von den anderen Besuchern legten sie feierlich beide Hände flach auf die Tischplatte , und nun durften Fragen gestellt werden,die vom Tisch dann auf geheimnisvolle Weise durch leichtes Kippen in die eine – oder andere Richtung beantwortet wurden , Zur großen Freude aller versprach der Tisch den Doktersch viel Glück und Erfolg unter dem neuen Dacch , noch einige Kinder , und als nächstes einen strammen  Stammhalter .


 Foto: Im Kindergarten 1936:



                                                                                            
Fortsetzung folgt …

  


12.Fortsetzung               
H U R R A ,  E I N  J U N G E !

 


Der Traum von dem schönen neuen Haus war  nun Wirklichkeit geworden und die Doktersch waren   aus der Dorfmitte an den wesentlich ruhigeren Rand des Ortes gezogen. Nur an das Pfeifen und den beträchtlichen Krach der vorbeifahrenden Eisenbahnzüge mußten sich alle noch gewöhnen . Bei den neuen Freundinnen aus den Beamtenhäusern hatte Dada aber das Gefühl , nicht richtig dazu zu gehören . So ging sie nun noch lieber in den nahen Kindergarten .Sie brauchte nur über den Bahnübergang gleich am Haus und den kleinen Verbindunsweg zum Dorf herunter zu laufen .Hier , gleich neben der Gemeindeverwaltung , wo die Merkerser Kinder unbeschwert unter der liebevollen Betreueung von Tante Lotte miteinander spielten , fühlte sie sich fast wie zu Hause , wie auch im Freibad an der Werra , welches das Kaliwerk angelegt hatte und mit dem gebrauchten Kühlwasser des Werkes speiste , sodaß hier noch bis spät in den Herbst hinein in dem angewärmten Wasser gebadet werden konnte. Doch mit einem Mal wurde es lebhaft im neuen Haus . Eine fröhliche Unruhe kehrte ein  und sollte es nicht wieder verlassen  . Sie machte  es zu einem bleibenden Anziehungspunkt zu  machen : Schon Anfang Januar des folgenden Jahres erfüllte sich die Wahrsagung vom Einzugsfest .





Ein strammer Stammhalter  war hier gesund zur Welt gekommen, wurde nach seinen Urgroßvätern  Franz Ferdinand benannt , und seine Taufe  wurde das erste große Familientreffen in diesem freundlichen und schönen zu Hause , dem noch ungezählte  folgen sollten. . Sogar die alte Bäuerin Elisabeth Fack, die  allseits hochgeachtete und kluge „heimliche Seele“ des Dorfes , war zur Gratulation gekommen .




Auch Dada war nun wieder versöhnt , daß sie kein kleines Schwesrterchen bekommen hatte , welches man so hübsch anziehen konnte , denn heute in seinem weißen Taufkleidchen sah auch das Brüderchen  echt niedlich aus . Abends ,  als Überraschung , wurde eine wunderschön und phantasievoll von dem befreundeten Künstler  Karl Sodemann aus Kieselbach bemalte große Kinderwiege


 ins Haus gebracht , die schnell  mit schon bereitliegenden Kißchen und Deckchen behaglich hergerichtet wurde , und Dada  durfte  als erste den kleinen Täufling  darin in  den Schlaf wiegen .  Bald schon konnte Fränzchen  auf der kleinen Spielwiese herumkrabbeln und kleine Kunststückchen versuchen. Hier vermißte er nicht mal seinen „Lutscher“, der ansonsten für ihn Tag wie Nacht unentbehrlich war , einen Flaschensauger , den er aber ständig  , mit Vorliebe nachts , verlor.   So prägte sich bei der ganzen Familie sein durchdringender Hilferuf ein : „ Mama , Nuckel such !!“       


Taufe Franz:

 





                                              

D I E  S C H U L E I N F Ü H R U N G  V O N  D A D A

 


Wenig später begannen die Vorbereitungen zu Dadas großem Tag , ihrem Schulbeginn . Ein buntes , praktisches Kleidchen wurde gekauft . sowie natürlich ein kleiner Ranzen mit Schiefertafel , Griffeln Schwamm und Trockenläppchen . Nachdem sie alles schon mal voller Neugier und Vorfreude ausprobieren dutfte , war es nach den Osterferien endlich  soweit und die diesjährigrn sechzehn „ A B C - Schützen „ , noch mit der moralischen Rückendeckung ihrer Eltern ,  standen erwartungsvoll auf dem Schulhof und freuten sich heute natürlich  besonders auf die bunten, süß gefüllten Zuckertüten , die im Keller des Lehrers gereift sein sollten , oder wie die aufgeweckten kleinen Schüler schon richtig ahnten , von den Eltern am Vortag zur Schule gebracht worden waren . - .  Die Schule in Merkers hatte damals nur zwei Klassenräume  , die für die Kinder des kleinen Ortes ausreichten : einen für die Klassen eins bis vier , in dem anderen wurden die Klassen fünf bis acht   unterrichtet . Die beiden Pädagogen , Lehrer Heinecke und Lehrer Heerda , wechselten zwischen den „Kleinen“ und „Großen“ , indem sie jeweils eine erste Klasse über acht Jahre bis zum Ende der Schulzeit führten . Dieses Jahr nun übernahm Max Heinecke , ein sportlicher und jungenhafter Typ , die Neuankömmlinge . So jungenhaft , daß  sich zu Beginn seiner Lehrertätigkeit in Merkers , als er sich im Vorgarten der Schule gerade abmühte , das dort inzwischen hochgewucherte Unkraut auszureißen ,  - und jetzt gerade der Schulrat eintraf , um die neue Lehrkraft kennenzulernen , folgendes abspielte :. Da die Schultür verschlossen , und sonst niemand anders zu sehen war , sprach ihn  der Schulrat

  im Vorgarten freundlich an; „Brav , mein Junge ! Wie heißt du ? „ --- „ Heinecke „ ----  „ Gut , gut , - da hol mir doch mal scnell deinen Vater her – sag ihm – der Schulrat will ihn sprechen . °     Grinsend die Erwiderung von Max Heinecke : „ Herr Landrat , entschuldigen Sie vielmals ,   -  der Vater bin ich ! „                 Doch jetzt war es hier endlich so weit ! Die Schulglocke  schellte laut und vernehmlich , und nun durften die Kinder hinter ihrem Lehrer nach dem Schuleingang auf der linken Seite feierlich in ihren zukünftigen Klassenraum . Für sie standen vorne die kleinsten Bänke ,

 und ganz vorne auf dem Lehrerpült lagen sie schon , verlockend gefüllt , eine Menge herrlichster Zuckertüten ! Flüsternd rutschten alle in die kleinen Bänkchen auf ihre vorgegebenen Plätze , schoben stolz ihre nagelneuen Schulranzen unter die Bank , aber ihre Augen wanderten immer wieder nach vorne zu den vielen bunten Tüten . Inzwischen hatten sich auch die Eltern auf die hinteren Bänke gesetzt , als laut die Aufforderng ertönte: „Aufstehen !“ Endlich ging es los !  Doch nun kam erst die Begrüßung , sowie  der Stundenplan , der Stundenablauf und die zukünftigen neuen Pflichten wurden besprochen  Doch dann wurde jedes Kind einzeln aufgerufen , willkommen geheißen , und bekam dann eine der begehrten Zuckertüten vom Lehrerpult , bis dort zuletzt nur noch eine etwas größere als die vorigen lag . Dada freute sich schon und fühlte sich belohnt , weil sie bis zuletzt warten mußte . Aber da rief es : „Minna!“ , denn

 auch die kleine , schmächtige Minna , eine Nachzüglerin des vorngegangenen Jahrgangs , war noch nicht aufgerufen worden , und sie bekam nun die große Tüte ,  und das Pult war leer . Aber Dada war noch nicht aufgerufen .Eine tiefe Enttäuschung begann , ihre Brust einzuklemmen und sich ätzend in Nase und Augen zu setzen . Doch da bemrkte der Lehrer die Panne:       „Da muß doch noch eine da sein !“ - und verließ die Klasse . Wirklich , in kurzer Zeit war er zurück , aber nicht , wie Dada nun gehofft hatte , mit  einer größeren Tüte ,       

 wie die von Minna , sondern im Gegenteil , sie war noch etwas kleiner , als die anderen . Von den drei erhältlichen Größen hatten ihre Eltern bewußt die kleinste gewählt , um damit andere Kinder , die eventuell nur eine kleine Zuckertüte bekommen würden , zu trösten . Aber das  alles war schnell vergessen , als sich zu Hause beim Auspacken auf dem Tisch die herrlichsten  Leckereien  in bisher nie gekannter Vielfalt und Menge aufhäuften  und es zum Mittagessen ihre Lieblingsspeise , Spaghetti mit Fomatensoße , gab .

Am nächsten Tag wurde die jüngste Schulklasse für den Nachmittag noch einmal in die Schule bestellt , um in die Organisation der Kükengruppe aufgenommen zu werden ,Die Mädchen freuten sich schon darauf , nun bald  auch die weißen Kleidchen mit den hübschen roten Westchen tragen zu dürfen . Doch  welch große Enttäuschung:. Als sich Dada nachmittags  vom Vater verabschieden wollte,, wollte er sie , ohne daß sie den Grund dafür erfuhr ,  nicht dorthin lassen . Aber   Mutter Magda wendete ein , daß man das Kind doch nicht ausgrenzen und ausschließen wolle .So durfte sie zuletzt  doch gehen . Dort wurden die Kinder schon von den Leiterinnen ,,Walburga und Lotti , sowie Hertha erwartet ,  um als erstes die Personalien von allen aufzunehmen .Aber als die Reihe an Dada war , aufgeregtes Flüstern :“Dürfen wir die überhaupt aufnehmen ??  Da müssen wir erst fragen.!“ So mußte Dada wieder bis zuletzt warten , doch dann kam die erlösende Entscheidung von der Leiterin der „Frauenschaft“ , der Frau des Ortsgruppenleiters . Ja , sie durfte  aufgenommen werden ! Beim Eintragen fragte Herta zwar recht betont , ob sie denn bei ihr auch „ arisch“. hinschreiben könne . Aber da Dada  weder das Wort arisch je gehört hatte  noch seine Bedeutung kannte und es auch bei allen anderen hingeschrieben worden war , antwortete sie unbekümmert und ohne Bedenken einfach mit „Ja“      Glücklich , nun ein „Küken „ zu sein , hüpfte sie dann , mehr als sie lief , kindlich. unbefangen mit den anderen nach Hause , erzählte aber den Eltern lieber nichts von dem für sie so rätselhaften Geschehen . Abends beim Einschlafen aber drängte sich ganz heimlich eine winzig kleine Träne zwischen die schon geschlossenen Augenlider  - und sie wußte garnicht recht , warum.

 



                  .                                                  

    





 

Fortsetzung folgt ...


13.Fortsetzung       D E R  G R O ß E  G A S A U S B R U C H        




In den folgenden Jahren wurde das Familienleben mehr und mehr vom Beruf des Vaters geprägt : Der Kalibetrieb . seine Produktion , und damit auch die Bevölkerung wuchsen zusehends , und somit auch die Anforderungen der Praxis . Die ärztliche Versorgung der Bevölkerung war zwar relativ zeitraubend , aber größtenteils gut planbar und abwechslungsreich , und es gab sogar vergnügliche Episoden : So zum Beispiel , als es eines Tages an der Haustüre schellte und eine Bäuerin etwas verlegen fragte , ob der Herr Doktor nicht mal nach ihrer Liese gucken könnte ,  die sich eventuell ihr Bein gebrochen hätte . Es entspann sich folgender Dialog :“Wie alt ist ist sie denn?“ , fragte die Arztfrau . „Sie müßte bald zwei Jahre werden“ , die etwas verwunderliche Antwort . „Können Sie die Kleine denn nicht vielleicht in einem Wägelchen hierher bringen?“ „Ach nee, dafür ist sie doch zu groß ! Die Liese ist doch unsre Kuh !“     Ungleich belastender waren die in ihrer Gesamtheit doch recht häufigen , teilweise schweren Unfälle während der Kaliförderung , die im Jahr durchschnittlich sogar drei bis vier Todesopfer forderten . Außer den üblichen Arbeitsunfällen durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit waren es in der Grube besonders Firstfall , Schießunfälle , oder auch Quetschungen zwischen den Förderwagen . Übertage waren vorallem die Unfälle in den riesigen Salzschuppen gefürchtet . Hier wurde die Jahresproduktion gelagert , bis sie im Herbst zur Versteigerung transportfähig gemacht werden mußte . Trotz aller Vorsicht geschah es immer wieder, daß dabei die riesigen Kalimassen ins Rutschen kamen , und dort arbeitende Kumpel ins Salz gerieten . Wenn der Vater hierzu angerufen wurde , das Telefon stand im Flur , konnten das die Kinder meistens mithören und bangten mit um die Unfallopfer und oft auch um die Rückkehr des Vaters . Als ein Bergmann während der Rettungsversuche im Salzschuppen bei vollem Bewußtsein durch das immer wieder nachrutschende  Salz erdrückt wurde , und der Vater ungewöhnlich niedergeschlagen zurückkam , beschäftigte das die Kinder tagelang . Ein Schock aber für den ganzen Ort Merkers war ein besonders schwerer Gasausbruch am 30.Juli 1938 , als eine zweite Abbausohle in etwa achthundert Metern Tiefe erschlossen wurde . Die Kumpel hielten sich während der Sprengungen in der ersten Sohle auf , als völlig unerwartet ein so gewaltiges Kohlenoxid-Gaslager,welches sich zwischen den Salzschichten gebildet hatte , freigesetzt wurde . Das in kürzester Zeit tödlich wirkende Gas drang mit unvorstellbarem Druck durch die Schachtröhre nach oben , schleuderte dabei eine Förderbühne mit Förderwagen an die sechshundert Meter bis in die erste Sohle empor , verbreitete sich dort mit rasender Geschwindigkeit , sodaß es für die hier wartenden Bergleute kein Entrinnen gab . Hoch über dem Schacht wirbelten Papierfetzen , die das aus der Schachtröhre ausströmende Gas mit sich gerissen hatte . Obwohl Grubenwehr und Arzt umgehend in den Unglücksschacht einfuhren , konnten alle elf Bergleute nur tot geborgen werden , gestorben auf der Flucht , jeweils dort , wo sie das Gas eingeholt hatte .   .Bei einer späteren Befahrung  des Unglücksortes mußte man sich oft kriechend vorarbeiten , um dann in einem großen Kessel von acht - bis zehn Metern Höhe zu stehen . Die Salzmengen , die durch den Gasausbruch freigesetzt wurden , reichten für eine mehrmonatige Förderung .

                            

Aber D i e doch nicht !!

Es war ein strahlend schöner Sommertag , als die Särge der verunglückten Bergleute von ihrer letzten Schicht mit Sirenengeheul und unter großer Anteilnahme der gesamten Bevölkerung aus dem Werk heraus in ihre Heimatorte gefahren wurden ..                             

An der Trauerfeier im Werksgelände hatte auch der damalige Minister für Arbeit , Robert Ley , teilgenommen . Nach dem Trauerakt fuhr er abschließend in einem offenen Wagen durch den Ort. Hinter dem Bahnübergang hatte man eine kleine Rednertribüne aufgebaut , wo er eine kurze Ansprache halten - , und mit einem Blumenstrauß verabschiedet werden sollte . Hier wurde er schon von etlichen Menschen erwartet , und auch Dada war mit anderen Kindern dorthin gelaufen. Als der Minister dann seine abschließenden Worte gesprochen hatte und die Fotografen sich aufstellten , um die Blumenüberreichung festzuhalten, fand eine Frau wohl , daß sich ein Kind auf seinem  Arm dabei gut machen würde . Sicherlich wegen ihrer hellblonden Zöpfchen wurde Dada   plötzlich hochgehoben und sollte ihm zugereicht werden . Doch ebenso plötzlich und energisch wurde sie von einem Mann wieder zurückgerissen : „ Aber D i e doch nicht ! Das könnt ihr doch nicht machen ! „ Was war mit ihr ??  

   

1939 -   Klein – Friedel besiegt Groß . Adolf




Die Sylvesterwünsche für das erwartete Jahr 1939 waren in diesem Jahr besonders eindringlich . Bei der beängstigenden politischen Lage - Frieden ! , und nochmals Frieden , sowie natürlich Gesundheit!  Auch im Hause Deilmann standen diese Wünsche weit im Vordergrund , zumal es Mutter Magda , die im Januar ihr viertes Kind erwartete , nicht besonders gut ging . und sich die Familie kurz vor der Entbindung große Sorgen machte . Erst am 3o.Januar setzten endlich die Wehen ein , und während im Radio Hitler seine blutrünstigen  und größenwahnsinnigen Parolen zu Ehren seiner Machtübernahme im Jahr 1933 in die Welt brüllte , steigerte sich in der oberen Etage im Schlafzimmer der Eltern ein unsicheres kleines Stimmchen zu einem ohrenbetäubenden Geschrei , welches Adolf und alle Sorgen überstimmte .















Eine großes Glücksgefühl überkam das ganze Haus , denn ein kleines Mädchen , Elfriede, war gesund auf die Welt gekommen , und auch die Mutter erholte sich bald wieder.





Friedel, ein früher Flüchtling








Wie immer versorgte nun Oma Booz  die Familie , und Irene , das Hausmädchen aus Vacha , die mit im Haus wohnte , tat ihr Bestes , um die Ordnung im Hause aufrecht zu erhalten . Im Mittelpunkt stand nun ganz das kleine Baby , und selbst Fränzchen gab diese Vorzugsstellung neidlos an sein kleines Schwesterchen ab und liebte es zärtlich . Leider bemerkte man bald , daß ein Auge so stark nach innen stand ,daß eine Operation zur Korrektur notwendig sein würde , welche aber die Gefahr eines nicht mehr zu korrigierenden Auswärtsschielens beinhaltete . Glücklicherweise gelang die Operation und ein zwar turbulenter, aber glücklicher Alltag kehrte wieder zurück .

 



Gartenszene

            

 






Findelkind Rikchen








14.Fortsetzung                       V E R D U N K E L U N G

 Der Sommer meinte es in diesem Jahr besonders gut mit den Kindern . In den großen Ferien war fast nur schönes Wetter , und die Merkerser Kinder waren von morgens bis abends im Bad zu finden. Auch Dada gehörte zu den kleinen Wasserratten , obwohl sie immer noch nicht richtig schwimmen konnte , sondern sich wie ein Hündchen paddelnd über Wasser hielt . Aber beim Springen vom Ein- oder Dreimeterbrett oder beim Tauchen war sie unermüdlich  Eines Abends , als sie nach so einem schönen Ferientag müde und hungrig nach Hause kam und den Vater suchte , fand sie ihn im Keller in dem kleinen , abgeschlossenen Raum , in dem Gemüse und Äpfel für den Winter gelagert wurden . Er hatte einen  Holzrahmen gezimmert , der sich dort in die Fensteröffnung einsetzen ließ , und war gerade dabei , diesen mit schwarzem Pappepapier zu bespannen .Auf ihre Frage . wozu er das mache , erklärte er ihr , daß auf Anordnung in jedem Haus ein Luftschutzraum eingerichtet werden müsse , in welchem das Fenster völlig lichtdicht verschlossen sein müßte , um bei einem nächtlichen Fliegerangriff den Bombern  kein Ziel anzuzeigen . „ Aber bei uns gibt es doch gar keine Luftangriffe ! „ , warf.Dada ein , gibt es denn Krieg ?“    „ Wohl leider ja ,“ antwortete der Vater nachdenklich , denn die Stimmung in Deutschland war alles andere als friedlich . Die Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender und Juden wurde immer brutaler , und  die „ Reichskristallnacht „ im November 1938 hatte eine große Emgrationswelle und Verunsicherung ausgelöst  Auch ohne Kriegserklärung  hatte Hitler andere Länder , wie das Saarland , den Sudetengau oder Östreich annektiert und dem deutschen Reich angegliedert , und hatte sogar im April 1937 ein Bomber-geschwader , die „Legion Condor „ in Spanien die baskische Stadt Guernica  in Schutt und Asche bomben lassen, um den Staatsstreich des Generals der spanischen Fremdenlegion , Franco , gegen die gewählte Regierung zu unterstützen .. Um die Stimmung in Deutschland  aufzuheizen , wurde das Kampflied dieser Legion sogar im Radio verbreitet , und man sang begeistert :  Wir fliegen über die Grenzen . mit Bomben gegen den Feind , hoch über der spanischen Erde , mit den Fliegern Italiens vereint !



Ernst Schulz , der erste Gefallene von Merkers                      

Auch Merkers mußte schon ein erstes Opfer bringen  Ernst Schulz , in den ersten Merkerser Jahren der jüngste Nachbarssohn der Doktersch , der Dada so oft in seinem elterlichen   Kuhstall vor versehentlichen Verletzungen beschützt hatte , wenn sie  zwischen den Tieren dort herumwuselte ,  und  der inzwischen Testflieger bei der Luftwaffe  geworden war , war bei einem Flug umgekommen . Das ganze Dorf war in Aufregung , als sein verplombter Sarg mit einem Pferdegespann zum Friedhof überführt und mit zehn Salutschüssen einer Ehrenkompanie in sein Grab gelassen wurde .


      

15. Fortsetzung                     K R I E G                           

.                                                            

Doch eines Tages wurde der Krieg tatsächlich blutige Wirklichkeit .     Am ersten September 1939. fielen , zwar  heimtückisch  ohne Kriegserklärung  , deutsche  Truppen von Westen - ,  und , da Hitler vor dem Überfall einen Nichtangriffspakt mit Stalin geschlossen hatte, am 17.September von Osten her Stalins russische Armee ,  mit mörderischer Gewalt in Polen ein .

      Äußerst niedergeschlagen und feierlich vergruben die Eltern an diesem   ersten Kriegstag eine Flasche Sekt in einem Hohlraum unter der Veranda , in dem die Gartengeräte gelagert wurden , und erklärten den erstaunten Töchtern : „Die holen und trinken wir gemeinsam , sobald wieder Frieden ist , und wir alle diesen Krieg überlebt haben .“   Drei Tage später erklärten nun ihrerseits England und Frankreich , die vergebens den Rückzug der deutschen Truppen gefordert hatten , Deutschland den Krieg ,   denn die brutale Eroberung Polens  ging in unverminderter Härte und Grausamkeit weiter , und die täglich länger werdenden Reihen der Todesanzeigen mit einem schwarzen „Eisernen Kreuz“ über dem Namen , und unter dem Namen oft „ In stolzer Trauer“ – ließen einem beim Blick in die Zeitung fast das Blut gefrieren   Fünf Wochen später aber traf Dada in der Schule auf eine jubende Schülerschar : „ Hurra , hurra , Polen gibt’s nicht mehr ! Halb Deutschland , halb Rußland ! Polen gibt’s nicht mehr !   Hurra! „       Sie ließ sich von der Fröhlichkeit anstecken, zumal ja nun dieser schlimme Krieg zu Ende schien , und wollte nach der Schule die Mutter auch mit dieser frohen Botschaft überraschen : „ Hurra ,Mutti , Polen gibt’s  nicht mehr ! „ Doch offenbar wußte sie das doch schon , und sah Dada nur traurig an : „ Darüber freust du dich und  rufst Hurra ? Denk mal an die armen Polen !  Würdest du denn auch Hurra rufen , wenn Deutschland so geteilt würde ?        

 Aber der Krieg war garnicht zu Ende , und sein  Ziel wurde den Deutschen mit einem begeistert – beschwörendem Sing-Sang eingehämmert :                               

Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg .

Wir haben den Schrecken gebrochen , für uns wars ein großer Sieg !                              

Wir werden weiter marschieren , auch wenn alles in Scherben fällt !

Denn heute gehört uns Deutschland , und Morgen die ganze  W E L T !


Wir werden weiter marschieren !         

Im Atlantik hatte sich ein gnadenloser Blockade- und Handelskrieg zwischen der englischen und der deutschen Flotte entwickelt ,  und hunderte Handelsschiffe wurden durch deutsche U – Boote versenkt . In Frankreich umging man den großen Schutzwall um die französisch – deutsche Grenze . die Maginot – Linie : die deutschen Truppen besetzten die neutralen Niederlande und Belgien und griffen von dort Frankreich an . Im Juni 1940 wurde Paris erobert , es folgte der Waffenstillstand , ein Teil der französich-englischen Armee kam in deutsche Gefangenschaft ,einem anderen Teil gelang die Flucht über den Kanal nach England . Als nächstes plante Hitler , England durch Luftlandetruppen einzunehmen . Aber sein Plan , für die Landung die Lufthoheit in England zu gewinnen , scheiterte an der starken britischen Luftwaffe . So beschloß er , die englische Bevölkerung durch Luftangriffe zu demoralisieren .  So wurde im November 1940  Coventry als erste englische Stadt durch einen Bombenangriff zerstört , und Dada war entsetzt über das reißerische Titelblatt der „ Berliner Illustrierten „ welche die Eltern damals regelmäßig bezogen , auf dem ein deutscher  Stuka- Flieger im Sturzflug auf eine in panischer Angst flüchtende Menschenmenge schoß , und damit die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung glorifizierte und einleitete . Denn schon im Dezember erfolgte der englische Vergeltungsschlag , und die deutsche Stadt Mannheim wurde in Schutt und Asche gebombt

 

 

16.Fortsetzung                                    E I N Q U A R T I E R U N G




 

Der Krieg wurde jetzt auch für die deutsche Zivilbevölkrung  immer spürbarer . Fliegeralarm , Lebensmitteleinschränkungen ,dazu ein Veröden des öffentlichen Lebens , denn Tanz- , und ähnliche  Veranstaltungen waren nicht mehr erlaubt , Vereine schon seit langem verboten und aufgelöst worden, nur die Pflichtmitgliedschaft in den altersgemäßen Hitlerorganisationen bestand weiterhin  mit der Aufgabe , die Menschen für einen  Kriegseinsatz vorzubereiten . Immer mehr und immer ältere Männer wurden eingezogen , und Kriegsgefangene sowie   Zwangsdeportierte mußten  ihre Arbeit übernehmen .Zunehmend wurden auch die Ärzte in den sich füllenden Lazaretten gebraucht. Als wehrunwürdiger Mischling war Dr.Deilmann bald  nur noch der einzige Arzt  und Geburtshelfer rund um den Krayenberg. In pausenloser Bereitschaft verging nach voll ausgefülltem Arbeitstag fast keine Nacht , in der er nicht gerufen wurde . Oft war er dann stundenlang unterwwegs , besonders bei, Geburten , die damals  fast nur zu Hause mit einer Hebamme durchgeführt wurden , und  wenn es Komplikationen gab , wurde ein Arzt hinzugerufen. . Doch Anfang Mai 1941 wurde es plötzlich lebendig im Dorf . Dada hatte sich gerade bei der Nachricht im Radio , daß deutsche Luftlandetruppen die Insel Kreta aus der Luft von den Engländern erobert hätten , schrecklich aufgeregt in der Angst , daß ja auch Deutschland auf diese Weise von innen her erobert werden könnte ,  als draußen deutsche Soldaten vorbeimarschierten .Im Dorf wurde Quartier für ein Infantrie – Bataillon gemacht . Insgesamt wurde eine Truppe von hunderten Soldaten in den Osten verlegt , die hier in Thüringen auf ihren Einsatz warten sollten . Fast jedes Haus in der Region bekam nun einen Quartiergast und die Dokteersch zur Freude der Kinder einen Leutnant , dem nicht nur ein Bursche , sondern vor allem auch ein Pferd zur Verfügung stand , welches mit noch zwei anderen Pferden im Stall von Bauer Glock untergebracht war . Die Abende verbrachte Leutnant Parda nun öfters  mit der Familie und sang dann ab und zu sehnsuchtsvolle Liebeslieder zur Laute , vorallem , doch leider vergeblich , wenn eine hübsche junge Witwe gerade zu Besuch anwesend war , und   sein Bursche nahm Dada zu ihrer großen Freude immer mal zu den Pferden mit .  Durch die Soldaten ergab es sich auch , daß glücklicherweise das Bergmannsfest noch einmal gefeiert werden konnte . Der Sportplatz  neben dem Werksgelände , der schon für die Baracken zur Unterbringung von Ausländern geräumt worden war, wurde an diesem Tag zur Reit-Arena , und auch eine Schießbude konnte aufgestellt werden. Schon  wenige Tage später erfolgte der völlig unerwartete Angriff auf die Sowjet - Union , und so unvermittelt , wie sie kamen , waren die vielen Soldaten wieder verschwunden .Man hörte nichts mehr von ihnen , und erst später erfuhr man , daß  

ausnahmslos alle gefallen seien.

 

                     

Ein Bombenschreck

Die wunderschöne Villa der Großeltern Deilmann in Schöneiche, einem Vorort von Berlin , war Dada noch aus wenigen früheren Besuchen in bester Erinnerung : Ein sehr großes Grundstück , durchflossen von einem kleinen Spreeausläufer, von hohen Bäumen umstanden . Zwischen ihnen war an langen Ketten eine Schaukel befestigt,mit der man über das „Fließ“ hinwegschaukeln konnte . Dabei ein riesiger Sandkasten , also für Kinder ein echtes Paradies . Dieses Jahr nun durfte sie ihre erste Ferienfahrt allein machen und mit der Eisenbahn zu den Großeltern fahren. Man wußte zwar von Luftangriffen auf Berlin , aber Schöneiche war ja weit vom Zentrum entfernt und nicht davon betroffen . Sie wurde also mit einem Anhänger um den Hals , auf dem Name und Ziel zu erfahren waren , in Eisenach in den durchfahrenden Schnellzug gesetzt , fuhr stolz in die deutsche Hauptstadt , und dort am Anhalter Bahnhof vom Großvater freudig in Empfang genommen . Die weitere Straßenbahnfahrt und Fahrt mit der U.Bahn waren etwas ganz Neues und riesig Interessantes für sie . Glücklich über die gelungene Reise und die vielen neuen Eindrücke , aber auch tüchtig müde von der langen Fahrt ging sie abends ohne jede Bedenken in ihrem kleinen Zimmerchen zu Bett und schlief auch sofort ein . Irgendwann aber drang ein dumpfes Wummern in ihren Schlaf , das immer lauter wurde . Als sie endlich ganz wach war , leichte Erschütterungen spürte , und am Himmel riesige Lichtfinger sah , die kreuz und quer in die Dunkelheit griffen , dazwischen durch die Nacht hastende Lichterketten und langsam zur Erde schwebende Lichterbäume , wurde ihr bewußt , daß sie einen Fliegerangriff erlebte . In heftiger Angst sprang sie aus dem Bett und dann nur schnell zum Schlafzimmer der Großeltern. Aber , oh Schreck , das war abgeschlossen ! Heftig klopfte sie an die Tür : „ Die schmeißen Bomben ! Macht auf , ich habe Angst !“ Beruhigend die Stimme der Großmutter : „ Das ist doch nur die Flak , und außerdem ganz weit weg in Berlin ,“ aber Dada hatte nichts als große Angst und flehte: „Laßt mich doch endlich zu euch rein!“ „Schon gut , ich mach dir gleich auf ,“  doch die Tür blieb zu , während sie fragte :“ Ja , da komm doch nur rein , aber was bringst du denn da alles mit ? „ Garnichts ! Ich habe nur Angst ! „ Schließlich schaltete sich der Großvater ein , die Tür öffnete sich und Dada durfte diese Nacht nun beruhigt bei den Großeltern bis in den neuen Tag hinein weiterschlafen . Der nächste Morgen löste dann das nächtliche Rätsel : Die Großmutter hatte statt der Zimmertür den Kleiderschrank aufgeschlossen und ausgeräumt 

           

Vetter Jochen wird fünftes Kind







Hella, Jochen & Co.









Währenddessen wurden die Luftangriffe , vorallem auf die westdeutschen Industriestädte , immer unerträglicher , sodaß hier alle Kinder evakuiert wurden . Auch die beiden Söhne von Mutters Bruder  Eugen mußten die Stadt Essen verlassen . Der zwölfjährige Jürgen wurde mit seiner ganzen Klasse nach Arlberg in Tirol gebracht , während der achtjährige empfindsame Jochen aus Sorge um seine Gesundheit von seiner Mutter Wanda zu Onkel und Tante nach Merkers gebracht wurde . Seine permanente Appetitlosigkeit wurde aber durch die vier immer hungrigen Kinder des Hauses schnell geheilt .



17.Fortsetzung     1942 – Auch Dada wird Vachaer Oberschülerin

“  Hör jetzt endlich auf , sonst passiert was !”  -  Dadas Stimme klang recht drohend .  Alle acht Merkerser Mädchen hatten die Aufnahmeprüfung an der Vachaer Oberschule bestanden und sich danach bei strahlendem Sonnenschein zusammen auf das Wiesengelände hinter dem Schulgebäude gesetzt ,um auf die letzten Aufnahmegespräche zu warten. Inzwischen hatte es zur großen Pause geläutet , etliche Schüler waren auch zur Wiese herausgekommen , und ein paar etwa gleichaltrige Jungens hatten sich mit ihrem Pausenbrot nicht weit von ihnen niedergelassen . Stolz , nun nicht mehr die kleinen Sextaner , sondern schon gewichtige Secundaner zu sein , begutachteten sie ungeniert die Neuen , und einer von ihnen hatte dann begonnen , mit Steinchen nach ihnen zu werfen. Nun löste der Zuruf allgemeine Heiterkeit aus , und der Steinchenwerfer warf provozierend weiter . Da hielt es Dada nicht mehr auf ihrem Platz , ihrer Kräfte durchaus bewußt zog sie  den verdutzten unbotmäßigen  Herausforderer aus seinen Klassenkameraden hervor , und vor einem immer größer werdenden Zuschauerkreis entspann sich ein erbitterter , aber durchaus fairer Ringkampf , an dessen Ende „ Stacho „  , angeblich der Klassenstärkste , besiegt am Boden lag .  Nach diesem doppelten Erfolg war die Aufnahme also überaus positiv beendet , und die Mädchen gehörten nun offiziell zu den zahlreichen Fahrschülern , die mit den beiden Schichtzügen , die in entgegengesetzter Richtung zum Schichtwechsel dreimal am Tag zwischen Vacha und Bad Salzungen kreuzten , sich in der Mitte, in Merkers ,trafen , um die neue Schicht zu bringen und die Kumpel der Vorschicht nach getaner Arbeit wieder heimwärts zu fahren , morgens  um sechs Uhr zur Schule - , und um vierzehn Uhr zurück fahren konnten. Hella und Dada hatten jetzt für zwei Jahre zwar den gleichen Schulweg , aber da die Schüler vorwiegend klassenweise fuhren , trafen sie sich kaum einmal . So fiel es Dada fast garnicht  auf , daß die sonst so lebhafte Schwester sehr still und nachdenklich geworden war : Der kleine, freundliche Zwillingsbruder ihrer Klassenkameradin und engen Freundin Agi ,Margarete Martini , ein kleines , in seiner Entwicklung zurückgebliebenes Mongoloid –krankes Kerlchen , welches , da es nicht weit von der Schule wohnte , in den großen Pausen immer mal zu Agi auf den Schulhof gekommen war , um ihr und Hella etwas vorzusingen oder vorzutanzen , war zu einer angeblich notwendigen stationären Untersuchung und Behandlung abgeholt worden. Nach kurzer Zeit waren die Eltern davon benachrichtigt worden , daß ihr Kind nach einer Lungenentzündung gestorben und bereits eingeäschert worden sei .

 

 

 

 

 

                                 N A T H A N  ;  W O  B I S T  D U  ?                 

 

             

Hier , in dem neuen Umfeld , fühlte sich Dada von ihrem mysteriösen Makel befreit und hatte erstmalig das Gefühl der Vollwertigkeit , zumal sie mit sehr guten Sportleistungen aufwarten konnte .Doch einess Tages , die Fahrschüler ,die ja mit der Rückfahrt auf die Abfahrzeit des Zuges warten mußten ,spielten auf einem kleinen Platz hinter der Turnhalle Völkerball . Gerade war Dada als Letzte noch im Spielfeld , und die zuschauenden Schüler jubelten ihr zu , wenn sie wieder einem Abschuß entkommen konnte , da rief einer der Zuschauer wütend ; „Mit D e r  dürft ihr doch garnicht spielen , die ist doch Halbjüdin !“


Wie von Geisterhand waren in kürzester Zeit Zuschauer und Mitspieler verschwunden .und sie stand allein und ratlos auf dem Spielfeld . Wie betäubt lief sie über den Schulhof zurück zu ihrem Klassenraum . Aber auf dem Schulhof flüsterte ihr ein älterer Schüler , den sie nicht kannte , und der wohl auf sie gewartet hatte , im Vorbeigehen leise zu : „ Mach dir da ja nichts draus , die sind doch alle verrückt !“ Doch  in diesem Moment konnte sie nichts trösten , obwohl ihr die Mutter sehr eindringlich gesagt hatte , daß Juden völlig die gleichen Menschen wären, wie alle anderen hier. Dada hatte das Schild am Eingang des Schwimmbades gelesen und sie gefragt , warum Juden öffentliche Freibäder nicht betreten und nicht baden dürften . Bei der damaligen Propaganda fand sie die Verdächtigung , einer ihrer Eltern wäre Jude , trotzdem so ungeheuerlich ,daß sie zu Hause von dem Vorfall nichts erzählte , um den Eltern die Kränkung zu ersparen , ihn aber am nächsten Morgen ihrem Klassenlehrer , Herrn Geelhaar , berichtete .Nach kurzem Stutzen und Überlegen erklärte er dann der Klasse vor dem Unterricht , ohne nach dem  Verbreiter dieser Behauptung zu fragen , daß diese garnicht stimmen könnte , denn dann dürfte ich  ja nicht auf dieser Schule sein 

Am Ende des Schuljahres wurde  Herr Geelhaar eingezogen ..        

 

 

W E L T K R I E G

Der Krieg wurde immer dramatischer und weitete sich zum Weltkrieg aus . Die deutschen Truppen standen vor Moskau , hatten Leningrad eingekesselt .und hatten angesetzt , Stalingrad zu erobern Nachdem das mit Deutschland verbündete Japan im Dezember 1941 die Kriegsflotte der U S A im Hafen von Pearl Harbour überfallen und vernichtet hatte , erklärte auch die USA Deutschland den Krieg und schickte seine Bomber gemeinsam mit England zum Bombardieren zu den deutschen  Städten.  Inzwischen konnten die Krankenhäuser  das sich immer rasanter vergrößernde Heer der Kriegsverletzten nicht mehr aufnehmen , und so wurde , wie viele andere Schulen , auch die Oberschule von Bad Salzungen zum Lazarett . Die Schüler konnten  nach Wunsch in Vacha oder Bad Liebenstein weiter zur Schule gehen. In der Übergangszeit wurden sie in Merkers eingesetzt ,  damals noch völlig unbeachtet und unbemerkt  , um imSchachtgelände aus einem Eisenbahnwaggon Bücher auf Lastwagen umzuladen , die dann in die Grube gebracht wurden . Offenbar waren diese Bücher nach einem Luftangriff in höchster Eile völlig unverpackt und ungeordnet eingestapelt worden , wertvoll gebundene Ausgaben mit billigen Heften , und stammten angeblich aus einer staatlichen Berliner Bibliothek . Doch in ihrer guten Stimmung über den unerwarteten Unterrichtsausfall gingen die Schüler recht achtlos  mit diesem geretteten Kulturgut um , und mancher Band wurde zerfleddert oder auch mit nach Hause genommen .  Da die meisten Schüler sich inzwischen für Vacha entschieden hatten , wurden sie nun auch zu Fahrschülern , und fuhren mit den anderen , die an diese Strecke wohnten , täglich mit den Schichtzügen der Kalikumpel in die Schule  Auch in Dadas Klasse waren zehn neue Schüler gekommen .Trotz großer Menschenverluste gingen die Eroberungen an der Ostfront weiter .Fast täglich verkündete das Radio in Sondermeldungen neue Erfolge , welche die Jungen der Klasse auf der extra angebrachten Landkarte gewissenhaft mit kleinen Papierfähnchen absteckten . Immer mehr Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus aller Welt mußten oft unter unmenschlichen Bedingungen die Arbeit der eingezogenen deutschen Männer übernehmen . Eines Morgens , es war Winter und bitterkalt geworden ,sahen die Schüler auf dem Weg  vom Bahnhof zur Schule , daß russische Kriegsgefangene , ausgemergelt , in dünnen Kitteln und Holzpantinen , angetrieben von Aufsehern mit Hund und Gummiknüppeln Güterwaggons auf den Schienen rangieren mußten. Als sich Dada entsetzt empörte , daß in einem Kulturvolk so etwas geschehen könne , zumal in ihrer Klasse gerade Lessings Drama   „Nathan der Weise“ , der Aufruf an die menschliche Gemeinschaft zu Toleranz und Menschlichkeit , behandelt wurde ,  erntete sie nur lautstarken Protest : Es wäre schon ein Fehler , diese bolschewistischen Untermenschen nicht gleich an der Front abzuknallen . Hier würden sie uns nur das Brot wegfressen ! Ein Widerspruch aber blieb aus .

 

 

18. Fortsetzung                                    A U S G E B O M B T

 

Es war wie üblich fast halb drei mittags geworden , die Kinder waren aus der Schule zurück , der Vater gerade von den ersten , dringendsten Hausbesuchen wiedergekommen und die Familie hatte sich zum Mittagessen am bereits gedeckten Tisch versammelt , als es ungewohnt leise an der Haustüre schellte . „ Schau doch schon mal nach , wer das ist , ich komme gleich nach ,“ bat der Arzt seine Tochter Dada , - er hatte gerade den ersten Bissen im Mund . Dada war zutiefst erschrocken , als sie die Tür öffnete . Da standen  völlig unerwartet  ihre Großeltern aus Essen , der Großvater nur mit einem kleinen Köfferchen, die Großmutter mit einer Reisetasche in der Hand . „Das ist alles , was wir noch haben , unser Haus ist  abgebrannt „ erklärte der sonst so resolute Großvater leise .


Doch da kam schon der Vater hinzu , ein bedrücktes, aber herzliches Familienwiedersehen folgte ,dann saßen alle am Tisch , und die Großeltern erzählten : In der vergangenen Nacht bei einem Großangriff auf Essen , war ihr Haus zuerst  durch Sprengbomben ,zerstört worden . Dann kam ein zweiter Angriff mit Brandbomben , das Haus brannte lichterloh, aber die Feuerwehr kam  ,begann zu löschen und half den alten Leuten , die wichtigsten noch erhaltenen Dinge aus dem Haus zu retten . Man brachte sogar den Brand unter Kontrolle , und da es in Strömen regnete , brachte man die vor dem Feuer bewahrten Sachen wieder nach innen . Plötzlich der schreckerfüllte Ruf : „Das Wasser ist alle !“ , und in kürzester Zeit stand das ganze Haus wieder in Flammen , und ihr  gesamtes  Hab und Gut , der Lohn für die Arbeit eines ganzen Lebens , wurde in wenigen Minuten zu Schutt und Asche . Da alles um sie herum brannte und zerstört war , brachte man sie mit ihren immer paraten Notköfferchen zum Bahnhof , und sie konnten mit dem nächstfahrenden Zug nach Merkers zu ihren Kindern fahren . - Ohne große Diskussionen zog  Hella aus ihrem gro0en - in Dadas kleines Zimmer um . Das  wurde nun für die Großeltern eingerichtet , und  für Dada wurde eine Liege  im elterlichen Schlafzimmer aufgestellt , in dem auch schon Franz und Friedel mit schliefen . In der anschließenden  Nacht , sogar ohne Fliegeralarm ,  konnten alle zwar erschöpft , aber glücklich , durchschlafen ,  da ja alle lebten , gesund waren, und auch wieder ein Zuhause hatten ! .


Kinder- und Gänsehüten


 

                     







 Z U M  U R L A U B  A N  D I E  O S T S E E





Der Zeitpunkt , daß die Großeltern ins Haus kamen , war recht günstig , denn Dr.Deilmann hatte das erste Mal seit Kriegsbeginn wieder einen Vertreter zugesagt bekommen , und man hatte geplant , mit der ganzen Familie , eingeschlossen Jochen und Irene , an die Ostsee zu fahren. Bald war es  soweit , und das Trüppchen von immerhin acht Personen machte sich , trotz der wirren Zeiten ,auf die anstrengende Eisenbahnfahrt über Berlin nach Heringsdorf , während die Großeltern das Haus hüteten .  Beonders aufreibend war ein längerer Aufenthalt in Berlin . Die riesige Bahnhofshalle des   Anhalter-Bahnhofs , war voller Menschen : Vorallem Soldaten , die von der Front in Urlaub , oder auch wieder zurück fuhren ,  reisende Familien  , sowie  auch verschiedene Reisegruppen oder Transporte , Alle warteten auf die Ein – und Abfahrt ihrer Züge . Viele standen oder oder liefen herum, aber die meisten hatten sich auf ihr Reisegepäck gesetzt . So hatte auch die große Familie aus Merkers ihre Koffer um etliche Taschen und kleinere Gepäckstücke zusammengestellt , und da es warm in der Halle war , sie  mit ihren Jacken und Mänteln zum Sitzen  abgepolstert , und wartete nun  geduldig ,bis der Lautsprecher die Einfahrt ihres  Zuges ankündigte. Da aber erhob sich fast die Hälfte der Wartenden und hastete zum  angesagten Bahnsteig . Der Zug würde also sehr voll werden . Da rafften auch  die Deilmanns hastig ihre  vielen Siebensachen zusammen und eilten zum Bahnsteig , um möglichst für alle einen Sitzplatz zu ergattern . Der Rest der Fahrt verlief dann zwar mühsam , aber ohne Zwischenfälle . Die Familie bekam schöne Hotelzimmer , aber beim Einräumen der  Garderobe stellte Mutter Magda voller Schrecken fest , daß ihr  in der Schweiz vor dem Krieg teuer erworbener wunderschöner weißer Mantel aus handggewebter Schafwolle nicht mehr dabei war . Er mußte wohl  in Berlin im  Bahnhof  vom Koffer gerutscht - , und dort im Gedränge des plötzlichen Aufbruchs  unbemerkt auf dem Boden liegengeblieben sein .In der jetzigen Zeit , und unter diesen Umständen , schien es allen klar zu sein,daß das gute Stück für immer verloren war. Nur Mutter Magda , in unerschütterlichem  Glauben an das Gute im Menschen ,wollte wenigstens versuchen , ihn zurück zu bekommen und sie schrieb an das Fundbüro des Bahnhofs. Kurz nach  Rückkehr der Familie kam ein größeress , leichtes Päckchen in Merkers an :  Es war der Mantel !

 

19.Fortsetzung     V O R W Ä R T S  !  E S   G E H T  Z U R Ü C K  !

 

Der Beginn des Jahres 1943 verhieß nichts Gutes , und versetzte Deutschland in einen Schockzustand . Stalingrad war gefallen . Statt von den deutschen Truppen erobert zu werden, wurden diese eingekesselt und nun besiegt . Am    31.Januar hatte General Paulus die Kapitulation unterschrieben .Obwohl im Herbst in Deutschland sämtliche Pelzmäntel für die Soldaten in Stalingrad abgegeben werden mußten , waren viele von ihnen im eisigen russischen Winter   erfroren und verhungert und nun gingen 110.000 völlig erschöpfte und meist kranke Männer , von denen nach Jahren wohl nur 6ooo wieder heimkehrten , in russische Kriegsgefangenschaft , in einem verwüsteten Land , dessen Bevölkerung  unter dem erbarmungslosen und  bewußt unmenschlich geführten Krieg , in dem unfaßbare 14 Millionen Zivilisten umgebracht wurden,  litt und hungerte. Die Front war zum Stehen gekommen und die Sondermeldungen aus dem Radio verstummten .Zusätzlich wurden durch neue Ortungsmöglichkeiten  die deutschen U.-Boote unter enormen Verlusten von gefürchteten Jägern zu Gejagten , und als im Sommer  eine grroße Entscheidungsschlacht bei Kursk verloren ging , trat ersichtlich eine Wende ein . Die Rußlandkarte mit den Erfolgsfähnchen verschwand unbemerkt aus dem Klassenzimmer . Die Amerikaner hatten nun voll in den Luftkrieg eingegriffen , und Fliegeralarm wurde zur Normalität . Mitteldeutschland war inzwischen der noch sicherste Landesteil, in den nun vorwiegend die immer größer werdende Zahl von Verwundeten verlegt wurde  So blieb den Salzunger Schülern  wenig Zeit , sich in die neuen Unterrichtsräume einzugewöhnen , denn nun wurde auch die Vachaer Oberschule Lazarett und mußte geräumt werden . Schon bald hatten die Schüler zum letzten Appell ,  wie immer klassenweise , auf dem Schulhof anzutreten , und jede Klasse bestätigte ihre Anwesenheit mit einem kräftigen °Jawoll“., und wie immer verfolgte man mit Vergnügen ein letztes Mal den von den Schülern nach bester Möglichkeit noch unterstrichenen Stimmabfall  von den kindlich-hohen „ Jawolls“ der Sextaner bis zu den betont baßtiefen „Jawolls“ der Oberprimaner , deren Jungens zum größten Teil schon  als Flakhelfer an die Front geschickt worden waren und die nun vorzeitig ihr Abitur ablegen durften . Die Abschlußrede von Schulleiter Wollweber nicht , wie immer , voller  Siegesgewißheit , aber seine letzten Worte prägten sich ein und erweckten erste Zweifel : : „Wir leben in einer großen Zeit , und alle Generationen , die nach uns kommen , werden uns beneiden , daß wir in dieser großen Zeit leben durften !“

In den darauffolgenden Tagen zogen die Klassen in die Bürgerschule . beziehungsweise in einen danebenliegenden Pavillion um , wo nun quasi im Schichtbetrieb unterrichtet werden mußte. Jedoch der Unterricht mußte ohnehin immer drastischer gekürzt werden:, denn meist heulten die Sirenen schon am frühen Morgen , und die Schüler mußten die Splittergräben , welche durch Zwangsarbeiter am Sandweg ausgehoben worden waren , aufsuchen . Da es aber bislang noch keine gezielten Tieffliegerangriffe gegeben hatte und der stundenlange Aufenthalt in den feuchten Erdgräben äusserst nervtötend war , machten sich die auswärtigen Schüler ,wenn das Wetter einigermaßen mitspielte , lieber zu Fuß auf den kilometerlangen Heimweg . Doch als Tiefflieger zu Pfingsten ein Ausflugslager der sogenannten Hitlerjugend auf der Wasserkuppe angegriffen und beschossen hatten,und dort elf der Jugendlichen starben , wuchs die zwar meist verdrängte , aber innerlich ständig gegenwärtige Todesangst spürbar an . Die Schule wurde mehr und mehr zur Nebensache .

 

 

                     R Ü C K Z U G S G E B I E T             

 

In Merkers hatten die Großeltern inzwischen die Möglichkeit für total Ausgebombte genutzt und den Bau eines Behelfsheimes beantragt 




.Da die kleine Spielwiese im Grundstück gerade dafür Platz bot, wurde mit Unterstützung der Eltern hierauf in kürzester Zeit ein kleines Häuschen aus Fertigteilen errichtet , in das sie voller Stolz einziehen konnten . Sie lebten zwar weiter in der Familie , konnten sich aber bei Bedarf, vorallem nach dem Mittagessen und nachts , in ihre ruhigen und eigenen vier Wände zurückziehen. Nun  zog  Tante  Lotte    

die schwangere Schwester des Vaters , aus Berlin mit ihrer kleinen Tochter in das leergewordene Zimmer ein , um sich , das Kind und ihre wichtigsten Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen . Den Parademantel ihres Mannes , der als Luftwaffenoffizier in Frankreich stationiert war , hängte sie , in Laken gut geschützt eingehüllt , auf dem Trockenboden    auf ..Noch vor der Entbindung konnte sie in eine kleine Wohnung im Dorf umziehen ,doch  schon nach kurzer Zeit bezog  Wanda Booz , die Frau von Eugen , dem Bruder der Mutter , in das wieder leergewordene Zimmer ein . Sie hatte , nachdem ihr Mann gleich zu Kriegsbeginn an die Ostfront eingezogen wurde , in Essen eine Gesangsausbildung absolviert und war jetzt , als alle , die nicht berufstätig waren , in Rüstungswerken arbeiten mu8ten , zur Betreuung ihres Sohnes Jochen nach Merkers gekommen . Als auch sie dann mit Jochen in einer  Direktorenvilla gleich nebenan , eine kleine Wohnung bekam, ordnete sich das  Familienleben langsam wieder, Hella hatte inzwischen ihr Abitur bestanden , und da sie ohnehin Medizin studieren wollte und der Vater völlig überlastet war und durch Magengeschwüre häufig erhebliche Beschwerden hatte ,

 ergab sich für sie die willkommene Gelegenheit , sich unter  seiner Anleitung schon mal in der Praxis zu üben und ihn etwas zu entlasten.  Leider machte die kleine Friedel der Familie große Sorgen : In einem ihrer Füßchen wurde eine Knochen tuberkulose festgestellt und das das quirlige und lebhafte Kind durfte von einem Tag zum andern nicht mehr  laufen sondern mußte im Sportwägelchen umhergefahren werden ,  - eine harte Geduldsprüfung für das Kind , aber auch für jeden , der diese Maßnahme durchsetzen mußte ..



20.Fortsetzung                             G R A T W A N D E R U N G

 

Die Zeit der Eroberungen war endgültig vorbei . Im Januar hatte die Sowjet-Armee eine große Offensive in Ostpreußen und Oberschleien eingeleitet und Leningrad nach fast dreihundert Tagen aus seiner deutschen Umklammerung befreit . Seit die alliierten Truppen von Amerika und England im Sommer dann in der Normandie gelandet waren , näherten sich von Ost und West zwei Kriegsfronten zangenartig dem eigenen Land. Die Eltern jedoch schienen kaum beunruhigt .Trotz Androhung der    Todesstrafe hörten sie Abend für Abend die neuesten Nachrichten über die Kriegsfronten von den beiden „Feindsendern“ Beromünster und London .Wenn die dumpfen Pausenzeichen von Radio London wie Schicksalsschläge leise durch die , dann geschlossene , Zimmertüu an die Ohren der Kinder drangen , überkam diese  unendliche Angst , daß sie ihre Eltern verlieren könnten , zumal diese inzwischen auch keinerlei Hehl mehr daraus machten , daß sie das Ende der Schreckensherrschaft und des Kriegesendes herbeisehnten   Für den Vater wurde es zunehmend problematischer , die vielen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter menschenwürdig zu behandeln , ohne sich selbst zu gefährden.Die französischen Kriegsgefangenen ,die in Merkers - . sowie die englischen und amerikanischen Soldaten , die.ihr Lager in Dorndorf hatten , durften mit ihren Sanitätern in die Praxis kommen , und wurden dort von sieben bis acht Uhr vor der schier endlosen  Sprechstunde für den großen Umkreis der Bevölkerung , deren einziger Arzt er war ,   behandelt , während alle anderen ihre Lager nicht verlassen durften und nur bei schweren Erkrankungen dort behandelt werden durften. Besonders litten die russischen Gefangenen , die in Hämbach untergebracht waren und dort bewußt schlecht und mangelhaft behandelt und ernährt wurden . Mit einigem Mut erreichte es der Arzt , daß die Essenreste der westlichen Kriegsgefangenen zu ihnen nach Hämbach gebracht werrden durften . Die täglichen Hausbesuche in den zahlreichen Dörfern sowie die Betreuung der Kaliwerke Merkers., Dorndorf , Springen und Hämbach dauerten dann bis zum späten Abend , und es gab kaum eine Nacht , in der er nicht gerufen wurde und ungestört durchschlafen konnte .

 

              D I E  D U R C H G E D R E H T E  P A T E N T A N T E

 

Es war Herbst geworden , die Fronten näherten sich unaufhaltsam und die Liste der Gefallenen wurde immer länger. Die Hochzeit der jungen , hochschwangeren Nachbarin Elise wurde so  zu einer erschütternden Begebenheit im Dorf . Kurz vor der angesetzten Trauung war ihr Verlobter an der Front gefallen . Die Eheschließung wurde trotzdem gestattet und durchgeführt . Auf dem Platz des Bräutigams aber lag eine Soldatenmütze. Doch immer noch wurden weitere und ältere Männer eingezogen . Ende September verfügte Hitler , daß sich nun alle noch verbliebenen Männer zwischen sechzehn und sechzig Jahren in einem „Volkssturm“ zur Verteidigung des Reiches zur Verfügung stellen müßten. So hatte nun auch Merkers bald einen Volkssturm von etwa zwölf älteren Kumpeln oder Landwirten , aber die Menschen fühlten sich zunehmend ungeschützt und verunsichert . Im Elternschlafzimmer des Hauses Deilmann , in dem Dada immer noch mit schlafen mußte , ereignete sich damals Folgendes: Irgendwann nachts riß das Schellen an der Haustüre die Familie aus dem Schlaf . Aber daran waren ja alle gewöhnt . Der Vater stand sogleich auf und ging aus dem Schlafzimmer zu dem Fenster , von dem aus er mit dem unten Wartenden reden konnte . Doch statt , wie gewöhnlich , die Mutter nur leise zu informieren, zu welchem Patienten er fahren müsse , ein besorgtes und etwas ratloses :“Magda , du müßtest mal mit runter kommen , ich fürchte , Anneliese ist durchgedreht . Sie ist mit der Bahn gekommen und bittet mich , sie nach Kieselbach zu Berthold , ihrem Mann zu fahren, der sie von dort angerufen habe !“ Dada fühlte sich sogleich hellwach :“Arme Tante Anneliese!“  Ihr Mann , der Zahnarzt Dr.Krause aus Bad Salzungen , war ja schon seit Monaten eingezogen und in einem Lazarett in Frankreich stationiert , wie sollte der mitten in der Nacht ausgerechnet nach Kieselbach kommen ? Sie erwartete heftige Debatten - aber es blieb völlig ruhig . Sie hörte noch das Auto wegfahren , dann schlief sie wieder ein .      Am nächsten Morgen erfuhr sie die wundersame Geschichte :  Das gesamte Lazarett wurde ohne jede Vorankündigung von Frankreich über die Frankfurter Straße an die Ostfront verlegt , und der Fahrzeugkonvoi hatte tatsächlich gerade in Kieselbach Nachtrast gemacht. Es hatte also wirklich ein kurzes,glückliches Wiedersehen gegeben !







21.Fortsetzung                            V O M  H I M M E L  H O C H

 

Die blutige Saat von Coventry , die Demoralisierung und Vernichtung der Zivilbevölkerung , war bösaetg wuchernd aufgegangen Fast täglich heulten nun die Sirenen , zogen schier unendliche Formationen viermotoriger.Bomber mit ihrer tödlichen Fracht über den Himmel und bombte nun die deutschen Städte in Schutt und Asche . Ein dumpf-waberndes drohendes Brummen lag in der Luft und verfolgte die Menschen bis in den Traum .Bei Angriffen auf Eisenach , dem Merkers am  näcsten gelegenen Zielort der Bomber , hörte man das dumpfe Dröhnen der Bombenabwürfe Nach getaner Zerstörungsarbeit bis in die Rhön . Am nächsten Tag erschien dann in der Tageszeitung die Liste der Toten des letzten Angriffs . Oft waren ganze Familien ausgelöscht worden  Nach getaner Zerstörungsarbeit überflogen die Bomberverbände den Himmel dann wieder in umgekehrter RichtungDie Entwarnung danach konnte aber durchaus trügerisch sein , denn wurde man auf dem Land auch von massiven Luftangriffen verschont , so bedeuteten doc in Luftangriffen angeschossene Nachzügler oder einzeln agierende Jagdbomber eine ständige Bedrohung .  An einem warmen und klaren Herbstsonntag aber hatte es glücklicherweise noch keinen Alarm gegeben .Auf den großen Familienspaziergang mit den Kindern und der blauen Dogge Thula hatten die Eltern heute verzichtet und waren in die Kirche gegangen . Dada , die in dieser Zeit auf ihre beiden kleinen Geschwister aufpassen sollte , schaute gelangweilt aus dem großen Wohnzimmerfenster , da sich Franz und Friedel gerade gemeinsam recht ruhig beschäftigten .Die Kornfelder gleich über dem Garten waren schon. Abgeerntet und man hatte freien Ausblick bis hoch zum Wald . Zwischen den unansehnlichen Kartoffeläckern glänzten die Stoppelfelder goldgelb in der Sonne . Ein Blick zum Himmel jedoch ließ ihren Herzschlag stocken , um dann mit rasendem Klopfen wieder einzusetzen :Ein in großer Höhe noch kaum zu erkennender Fallschirm vergrößerte sich zusehends . Dada ,die seit der Eroberung der Insel Kreta durch Fallschirmjäger in ständiger Angst lebte ,daß Fallschirmtruppen mitten in Deutschland abgesetzt würden , um das Land von innen her zu besiegen , denn hier gab es ja kaum noch Männer , geschweige denn , Soldaten . Eine unterschwellige Todesangst begleitete sie ständig bis in den Traum . Sollte sich das heute bewahrheiten ? Wie könnte sie schnell die beiden Kleinen in Sicherheit  bringen?  Inzwischen trieb der Fallschirm in rasender Geschwindigkeit direkt auf das Haus zu , man konnte  unter ihm nun einen Soldaten erkennen , und  schon kurz darauf setzte er,direkt über dem Gartenzaun auf dem Stoppelfeld auf . Da kein weiterer Fallschirm auszumachen war , legte sich die  große Aufregung langsam , zumal auch gerade die Mutter zurückkam   Die Eltern hatten beim Nachhausekommen die Landung beobachtet , und der Vater war sofort zu dem Soldaten geeilt , um eventuell erste Hilfe zu leisten . Doch der hatte Flug und. Landung zwar etwas benommen , aber unverletzt überstanden , und bat nur um eine Zigarette . Der Doktor , selbst ein starker Raucher , drückte ihm eine Zigarette zur Beruhigung in die Hand und erfuhr nun , es war ein amerikanischer Bomberpilot , dessen Flugzeug in einem heftigen Luftkampf bei Kassel abgeschossen wurde . Der starke Westwind hatte ihn dann in einem langen Gleitflug bis nach Merkers getragen . Inzwischen hatten sich schon etliche Menschen auf dem Feld eingefunden , und der Pilot wurde abgeführt . Irgendjemand hatte allerdings die Zigarettengabe beobachtet ,und der Arzt mußte sich später dafür rechtfertigen , daß er dem völlig erschöpften Feind auf dessen Bitte eine Zigarette gegeben hatte . Beinahe wäre ihm das zum Verhängnis geworden .

 


22. Fortsetzung 1 9 4 5 -           
D A S  L E T Z T E  J A H R  D E S  „T A U S E N D J Ä H R I G E N“  R E I C H E S 

 

Mit unheildrohender Stille , Kälte und Dunkelheit trat das Jahr 1945 seinen widersprüchlichen Weg in die Weltgeschichte an : Der sich unaufhaltsam von Ost und West verengende Zangengriff der Kriegsfronten um Deutschland wurde immer qualvoller , die Städte versanken im Bombenhagel in Schutt ubd Asche , und immer mehr Kinder wurden zu Waisen . Auch für die junge Familie Deilmann hatte das Jahr bedrückend angefangen . Der Vater war am Ende seiner Kräfte , litt an immer neuen schmerzhaften Magengeschwüren und quälte sich durch jeden neuen Arbeitstag . Aber auch zu Hause mußte er einen täglichen Kampf um das Leben seiner Frau führen , die mit fast fünfundvierzig Jahren im Februar Zwillinge erwartete und durch unbeherrschbares Schwangerschaftserbrechen nur noch fünfundneunzig Pfund wog . Aber auch sie brachte es fertig , während der fast durchgehenden Abwesenheit ihres Mannes die Fäden der Praxis sowie des großen Haushalts ordnend in der Hand zu behalten , unterstützt von den Großeltern , welche die Erträge des Gartens Tag für Tag küchenfertig bereitstellten . Auch die Knochentuberkulose von Klein-Friedelchen war immer noch nicht ausgeheilt. Dazu das tägliche Heulen der Sirenen  ,  das Motorendröhnen der Bomberformationen , und die ständige Todesangst :  Alle  blickten voller Sorgen und Angst in die Zukunft und an den großen Endsieg glaubte niemand mehr . Selbst dem Ortsgruppenleiter Günther waren offensichtlich inzwichen Zweifel gekommen , denn er hatte in einer Sitzung offen geäußert , falls  er gehen müsse , würden vorher noch die beiden Fremdkörper des Dorfes ( Mischling Dr.Deilmann und SPD-Mitglied Johannes Eitzert ) umgelegt . Der Doktor wurde umgehend gewarnt und war nun froh darüber , daß sein Vater seine Waffen aus dem ersten Weltkrieg mit nach Hause bringen konnte . Er machte seine Hausbesuche nun nur noch in Begleitung seiner couragierten Tochter Hella , und beide trugen eine schußbereite Pistole bei sich .






                     D E R  H O R T   D E S  N A Z I G O L D E S

Inzwischen war es durch entsprechende Vorbereitungen allgemein bekannt geworden , daß wertvolles Staatseigentum zum Schutz vor den verheerenden Bombenangriffen in die Grube eingelagert werden sollte.Unter der Regie der   „Organisation Todt“ , der Organisation für kriegswichtige Spezial- und Festungsbauten , wurden vorwiegend Ostdeportierte , aber auch KZ-Häftlinge eingesetzt ,um in den mitteldeutschen Kaligruben , welche durch großräumige Abbaukammern und ein günstiges Grubenklima dafür besonders geeignet erschienen , tief unter der Erde , oft mit großen Menschenopfern , Räume für unterirdische Depots anzulegen . Am 12.Februar aber kam der Doktor mit einer aufregenden Neuigkeit aus der Frühsprechstunde für die englischen Kriegsgefangenen an den Frühstückstisch : „Wißt ihr , was heute Nacht im Schacht eingelagert wurde ?? -  Etliche Waggons voll Goldbarren !!  Wahrscheinlich unser Staatsschatz , hat mir der englische Sani gerade erzählt .Die Engländer mußten  nämlich die Waggons heute Nacht ausladen und den besonders gut verpackten Inhalt zum Förderschacht transportieren . Unter ihnen aber war ein südamerikanische  Banker der größten Bank von Kapstadt , der am Gewicht , der Trapezform und der Bank-typischen Verpackung in Ziegenleder sofort die verborgenen Goldbarren erkannte !“ - Im weiteren Tagesverlauf  traf der Arzt  dann zufällig den leitenden  Gruben-Elektriker. -  Da ja in einer Grube  nichts ohne Elektrik funktioniert und die Grubenelektriker dadurch automatisch über alle Vorgänge in der Grube informiert sind ,  er diesem aber auch voll vertraute , wollte er ihn doch etwas überraschen   und  erzählte ihm von dem schier unglaublichen Inhalt dieser ersten , großen Einlagerung . Doch der Elektriker war keineswegs erstaunt . und sein vorher lächelndes  Gesicht erstarrte zu Eis :  Wie konnte dieses unter strengster Geheimhaltung durchgeführte Unternehmen einem völlig Außenstehenden , und ausgerechnet einem Nichtarier bekannt geworden sein ? : „Günther , du bist ein Spion !“ Ich muß dich anzeigen !“  -  Spionage - ein Todesurteil! Mit großer Mühe konnte der Arzt  ihn zu einem Treffen überreden , um seine Unschuld beweisen zu können .In der Sprechstunde am nächsten Morgen versprach ihm der Sani,  für die nächste Sprechstunde ein solches Treffen zu ermöglichen .In dieser Frühsprechstunde für die englischen Kriegsgefangenen am 15.Februar 1945 begründete der Kapstädter Bänker seine , auch von außen , absolut sicheren Erkennungsmöglichkeiten  von Goldbarren , und der englische Sanitäter bestätigte seine Mitteilung davon  an Dr.Deilmann , und diese ohne jede Absicht oder irgendeinen Zweck  .. Daraufhin vereinbarte man absolutes Stillschweigen über den  gesamten Vorfall   



23.Fortsetzung Z W E I  L I C H T L E I N  I N  D E R 

                                  F I N S T E R N I S

 






Rings um und in Deutschland wütete der Krieg . Doch das Leben nahm sich sein ehernes Recht , einfach weiterzugehen . Ende Februar , kurz vor dem fünfundvierzigsten Geburtstag der Mutter ,  kündigten die Wehen die bevorstehende Geburt an . Frau Niebergall , die langbewährte Hebamme aus Kieselbach wurde benachrichtigt , und schon bald stand ihr Fahrrad für viele Stunden vorm Haus . Auch der Doktor hoffte sorgenvoll , daß ihm seine Patienten genügend Zeit ließen , um seiner Frau beistehen zu können .








Dada , die sich eigentlich von Herzen auf die neuen Geschwisterchen gefreut hatte , verfolgte voller Angst die Vorbereitungen . Gute Freundinnen hatten ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit verraten , daß ihre Mutter im jetzigen Zustand die Geburt von zwei Kindern kaum überleben  könne . Dann herrschte im Haus gespannte Ruhe . Selbst Franz und Friedel brauchten von den großen Schwestern kaum ermahnt zu werden . Alle beschäftigten sich irgendwie still , unterhielten sich im Flüsterton , lauschten angestrengt nach oben , und warteten auf ein befreiendes Zeichen aus dem elterlichen Schlafzimmer .   Endlich , endlich kam der Vater , jedoch erschöpft und ernst ,  zur Familie herunter :“ Ihr habt zwei gesunde Schwesterchen bekommen , beide wiegen mehr als fünf Pfund . Aber Mutti geht es nicht so gut . Daher kann nur Großmama erst einmal zu ihr . Danach dauerte es noch eine ganze Weile , bis nach mehrmaligem Herausschieben  die Kinder zur Mutter , und den neuen Geschwisterchen durften . Die Mutter hauchte nur mühsam ; „Kümmert euch immer gut um eure Schwesterchen “, während  die beiden Kleinen   frisch und rosig in Dadas weißer ,  mit bunten Blumenranken von Hella bemalter Puppenwiege lagen , die sie vor Jahren für ihre lebensgroße Babypuppe , heißgewünscht , zum Geburtstag bekommen hatte . Ein so schöner und beglückender Anblick, daß er die verstörten Gemüter der Kinder wieder ins Gleichgewicht brachte und große Freude und Hoffnung ausstrahlte .

Die beiden Babys entwickelten sich prächtig und , zwar sehr langsam , erholte sich  auch die Mutter. Der Streß hatte den Vater bald wieder voll im Griff , und der Krieg ging mit unverminderter Härte weiter . Als der Doktor dem englischen Sanitäter in einer der nächsten Sprechstunden stolz von der glücklichen Geburt seiner beiden Töchterchen erzählte , konnte er dessen inständigem Bitten nicht widerstehen , ihm und auch den drei gerade anwesenden Soldaten die Kleinen zu zeigen . Mit sichtlicher Ergriffenheit umstanden die uniformierten, hartgewordenen Männer  die kleine Wiege mit den hilflosen Wesen , und ein Hoffnungsschimmer auf Freiheit , Frieden  und Leben spiegelte sich in ihren Gesichtern .




 


 


Pümmis 1














Pümmies 2








UN E R S E T Z L I C H E S  W E L T K U L T U R E R B E  I M  

D Ö R F C H E N  M E R K E R S

 

Es war März geworden.. Am 7. März hatten die englischen und amerikanischen Truppen den Rhein überschritten und Köln erreicht , und am 8.März gab Hitler den Befehl , auch die Berliner Museumsschätze zu sichern . Unmittelbar danach , am 12.März , bezog der Direktor der Berliner Museen , Professor Ortwin Rave , mit seiner Familie eine Wohnung in Merkers , um die möglichst optimale Lagerung  der Kunstwerke in der salzigen Unterwelt vorzubereiten .



Ein Gastgeschenk Dr. Rawes' an die familie Deilmann:







Da seine beiden Söhne gleich nach dem Umzug erkrankten , bekam er schnell Kontakt zu Dr.Deilmann , der ihm in der Folgezeit mit seinen Ortskenntnissen eine große Unterstützung wurde  . Am 19.März nahm er die ersten von fünfundvierzig  Kisten mit  Kunstwerken aus der Gemäldegalerie , wertvoller noch , als der Goldschatz , in Empfang . unter ihnen die weltberühmte „Nofretete“ , und  diese wurden unter seiner Obhut fachgerecht , schonend und weit weniger geheimnisumwittert durch Kriegsgefangene in die dafür vorgesehenen Grubenräume transportiert . In der Zwischenzeit waren bereits laufend verschiedene Wertgegenstände , meist durch Kriegsgefangene , nach unten gebracht worden , und man munkelte , daß diese bereits  ihr Wissen längst weitergegeben hätten ,und daß deshalb   unsere Werke von Beschuß und Bombardierung verschont würden. Tatsächlich war auf keines dieser Werke auch nur eine Bombe gefallen , obwohl der Luftkrieg immer intensiver geführt wurde . Lediglich die in Luftkämpfen angeschossenen Bomber hatten durch Notabwürfe mehrrmals für Aufregung gesorgt.

 

24. Fortsetzung K O N F I R M A T I O N  U N D 

W I E D E R S E H E N

 

Die Natur hatte sich inzwischen auf Frühling eingestellt . Der Schnee war weggetaut , und der milde Sonnenschein hatte die Nässe schon fast weggetrocknet , nur die grüne Farbe der Wiesen fehlte noch. Aber auf dem Land lastete eine unwirkliche Spannung wie vor einem schweren Gewitter  . Alle Betriebsamkeit war zum Erliegen gekommen , nur über die Straßen kroch eine unübersehbare Menschenschlange schweigend und leidend dahin . oft ohne festes Ziel , ohne Wissen , wohin . Doch in Merkers  war in das dumpfe und angstvolle Abwarten etwas freudige Bewegung gekommen . Die Konfirmation in diesem aufregenden Jahr war auf den Sonntag vor Ostern verlegt worden , und wurde nun , so gut es ging , für das Wochenende vorbereitet. Die Konfirmanden und die Vorkonfirmanden trafen sich , nachdem sie die Kirche mit hunderten von bunten Seidenpapierrosen in  altgewohnter Weise geschmückt hatten   , die sie an etlichen Abenden mit Hlfe von Stricknadeln gemeinsam gebastelt hatten , dort noch einmal mit dem Pfarrer , um die bekannten Rituale noch einmal zu wiederholen . Etwas Neues gab es aber doch : Der Vettet von Margarete , der Klassenkameradin von Dada , gleichaltrig mit den Konfirmanden , hatte auf der Flucht aus dem Osten nach Westfalen kurz bei seinen Verwandten Pause gemacht , und seine Tante hatte es als Wink des Schicksals gedeutet , daß er mit seinen Altersgenossen konfirmiert werden könnte und ihn noch schnell bei dem Pfarrer angemeldet . Für die vorgeschriebene Prüfung solle er einen Vers aus dem Gesangbuch vortragen . Dada kannte Helmut recht gut und freute sich , ihn wiederzusehen . Er hatte  vor dem Krieg jedes Jahr seine großen Ferien in Merkers bei seinen Verwandten verlebt , und sie hatten sich  in dieser Zeit immer besonders gut verstanden . Während des Krieges endeten dann seine Besuche , aber das war  nichts Ungewöhnliches . Doch wieso kam er aus dem  Osten ? , wunderte sie sich .   Am Sonntagmorgen hatte es erfreulicherweise keinen Fliegeralarm gegeben , die Konfirmation konnte stattfinden , und Dada saß mit den anderen Vorkonfirmanden scho n in der Kirche , als die Orgel den Gottesdienst eröffnete , und der Pfarrer mit den Konfirmanden feierlich durch den Mittelgang nach vorne zum Altar schritt . Gleich hinter dem Geistlichen erkannte sie das kaum veränderte , ihr so bekannte Gesicht mit dem blonden Schopf und den sanften blauen Augen  wieder , aber Helmut  war in den vergangenen Jahren um einiges gewachsen und aus dem lebhaften Jungen war ein gutaussehender, ernst wirkender junger Mann geworden . Im Vorbeigehen trafen sich ihre Blicke , und ein kleines Lächeln bestätigte das  Wiedererkennen . Dann begann der feierliche Gottesdienst ,  aber bevor die Einsegnung der jungen Menschen erfolgte , wurde Helmut aufgerufen und kurz vorgestellt , um nun seinen Prüfungstext vorzutragen Es war das sehr alte und bekannte Lied von Paul Gerhardt :  „Befiel du deine Wege - - “-, und in der damaligen beängstigenden Lebenssituation , von Helmut aus vollem Herzen  und   eindrucksvoll zitiert , klang und wirkte es wie eine tröstende Verheißung , die in ihr noch für Jahre nachklang :

-         Der Wolken , Luft und Winden gibt Wege ,Lauf und Bahn ,

-         der wird auch Wege finden , da dein Fuß gehen kann!

Nach Beendigung des Gottesdienstes konnten sich die beiden nur kurz begrüßen , beide erfaßt von einer völlig neuen Zuneigung , mit der sie aber noch nicht recht umzugehen wußten . Helmut stellte mit großem Bedauern fest , daß sie sich garnicht noch einmal sehen könnten , da er gleich am nächsten         Morgen seinen Weg fortsetzen - , und schon um acht Uhr aufbrechen wolle . „ Da bring‘ ich dich halt ein Stückchen “ , entfuhr es Dada fast ohne zu überlegen , „ich warte um acht am Bahnhof !“

 

 

           F R Ü H L I N G S E R W A C H E N  U N D  A B S C H I E D ,

Die im Osten langsam aufstrahlende Sonne schien einen milden Frühlingstag anzukündigen , als Dada kurz vor acht Uhr den Bahnhof erreichte und dort von Helmut schon mit einem strahlenden Lächeln erwartet wurde . Da er über Tiefenort auf die Haupstraße gelangen – ,und über diese versuchen  wollte ,möglichst schnell  in seine Heimatstadt Dortmund zu kommen , schlug sie vor , ihn bis zum „Hämbacher Kreuz“, der Straßenabzweigung nach Tiefenort , zu begleiten  , etwa eine gute Viertelstunde zu laufen ,  gerade Zeit genug , um noch ein bißchen  über persönliche Dinge zu reden . Nun erfuhr Dada , daß Helmut mit seinen Geschwistern im Osten gelebt hatte , während sein Vater seine Arbeitsstelle in Dortmund nicht verlassen durfte , und daß sich seine Mutter , wie damals viele Deutsche , als sich die russische Kriegsfront näherte ,  mit ihren fünf Kindern der Flucht ins deutsche Landesinnere angeschlossen habe , mit dem Ziel , den Vater wiederzufinden . Als er während ihres Marsches durch Kälte , Schnee und Wind als ältestes der Geschwister  gerade geschickt worden war, um etwas zu essen und zu trinken aufzutreiben , begannn ein Tiefliegerangriff  und die Flieger schossen mit Bordkanonen und Maschienengewehren in die wehrlose Menschenmenge  . Eine unbeschreibliche Panik brach aus , nach der er seine Mutter und die Kinder  nicht wiederfinden konnte .Nun, wollte er als erstes in Merkers nachsuchen , ob die Verwandten dort von ihrem Verbleib wüßten .  Aber vergebens . So zog er nun trotz der Gefahr , in die sich vom Westen her nähernde zweite Kriegsfront zu geraten , weiter , um in Dortmund wenigstens seinen Vater zu finden .  Hier warf nun Dada , automatisch zögernd , - ein , denn etliche Menschen ,die den deutschen Endsieg angezweifelt hatten , waren schon wegen Wehrkraftzersetzung umgehend standrechtlich erschossen worden  - , daß doch vielleicht bald Frieden würde . Sogar seine vom Sieg stets überzeugte Tante hätte geäußert , daß der Krieg nun wohl bald verloren zu Ende ginge . Zu ihrer Überraschung aber seine unerwartet heftige Erwiderung   „ Die werden auch noch aufwachen!“  Sie glaubte eine Spannung zwischen den beiden Familien zu spüren , doch ehe sie noch nachfragen konnte , hatten sie das „ Kreuz“ schon erreicht . Ohne Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen , mit dem Versprechen eines möglichst baldigen Lebenszeichen , verabschiedeten sie sich . Doch während des Umdrehens in die nun entgegengesetzten Richtungen fühlte Dada unvermittelt und kurz seine warmen Hände um ihr Gesicht gelegt und seine Lippen auf ihrem Mund !          Noch ein glücklich lächelndes  Zurückwinken , dann trennten sich ihre Wege .

 

 

 

25.Fortsetzung D I E  K A R W O C H E  1945  i m  W E R R A T A L

 


 

         G R Ü N D Os N N E R S T A G  29. März 1945:

T I E F F L I E G E R - A N G R I F F  auf  D O R N D O R F E R 

B A H N H O F

 

Nach zwei Regentagen hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt und versprach ein  wenigstens trockenes Osterwetter .Die Arztfamilie hatte sich inzwischen an den veränderten Rhythmus des Tagesablaufes durch die vergrößerte Familie gewöhnt auch   die Mutter konnte wieder aufstehen   und mühte sich gerade , die beiden kleinen durstigen Geschöpfchen mit Stillen , so gut es ging , satt zu bekommen , ehe sie anschließend mit einem Fläschchen wirklich zufriedengestellt würden . Bei zwei Babys eine zeitraubende Prozedur , die aber täglich mehrmals bewältigt werden mußte ,  ohne Helfer kaum durchführbar war , und an  der sich auch der Vater , wenn er irgend konnte , beteiligte . So war die ganze Familie gerade beschäftigt ,als plötzlich das schneidende  Jaulen eines angreifenden Kampfflugzeuges  einsetzte , der Boden  unter drohnenden Explosionen bebte und knatterndes Maschinengewehrfeuer  den Höllenlärm noch übertönte .. Entsetzt schreckten alle auf , und wer konnte , stürzte  nach draußen , wo sich ihnen ein makabres Schauspiel bot : Zwei oder drei englische Jagdbomber kreisten  über dem Arnsberg . Im Halbkreis des Anfluges von Merkers aus voll sicht-  und erkennbar, dann , einkreisend zum Sturzflug ansetzend ,  verschwanden sie hinter dem Berg , man hörte nun Detonationen und   Geschützlärm , danach  tauchten sie auf der anderen Seite des Berges wieder auf ,um  einen  neuen Angriff  einzuleiten…Als man in der Familie noch fassungslos rätselte , was da in Dorndorf wohl zerstört würde , läutete schon das Telefon und eine aufgeregte Stimme rief aus dem Hörer :“ Auf dem Dorndorfer Bahnhof wird ein Militärzug beschossen ! Es gibt viele Tote und Verletzte , wir brauchen dringend einen Arzt !“ Ohne das geringste Zögern ein kurzer Abschied des Vaters , und schon fuhr er  mit seinem  Motorrad  in Richtung des Infernos nach Dorndorf .       . Der Militärzug mit etlichen Mannschaftswaggons   und zwei mit Rotem Kreuz gekennzeichneten Lazarettwagen  , der hier auf der Durchfahrt gehalten hatte , stand zerschossen auf den Gleisen . Drei8ig Tote , die später in einem Massengrab beerdigt wurden , waren schon geborgen worden . Die vielen Verwundeten wurden nach der ersten Notversorgung in die Schule transportiert..DasBahnhofgelände , die Gleisanlagen und ein Einfamilienhaus am Bahnhof waren durch Bomben zerstört , jedoch kein Dorfsohner dabei  ums Leben gekommen . Die Eisenbahnstrecken nach Vacha und Kaltenordheim aber waren nun nicht  mehr befahrbar .

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26.Fortsetzung

                    O S T E R  - S O N N A B EN D   am  31.März 1945

 

Der Karfreitag war ohne große Aufregungen verlaufen , die Amerikaner hatten Thüringen erreicht . Entgegen der Abmachung , die Anfang Februar auf einer Konferenz in Jalta von den Alliierten und der Sowjetunion getroffen wurde , welche die Besetzung Deutschlands festlegte und für Thüringen die russischen Truppen vorsah , ließen sie das für sie vorgesehene Süddeutschland unbesetzt und drangen in Thüringen ein .Da sie kaum durch Widerstand aufgehalten wurden ,gelang ihnen ein unerwartrt schneller  Vormarsch . Im Werragebiet war nun schon leiser Gefechtslärm zu hören .   Am Himmel aber wurde es bedrohlich unruhig .Statt der dahingleitenden Bomberformationen fegten nun feindliche Jagdbomber , oft überraschend und ohne Fliegeralarmwarnung  ,  über das Land und suchten wahllos nach Zielen , um eine Verteidigung zu erschweren oder zu verhinden . Etliche der Bewohner , die am heutigen Vormittag ihre großen und unhandlichen Kuchenbleche für Ostern , in einigen  Orten aber auch für die Konfirmation , zum Bäcker bringen wollten , mußten auf der Hut sein und   ließen ihre Bleche öfters am Weg liegen . um schnell in den nächsten Straßengraben  zu flüchten , sobald sich so ein Jagdflugzeug  näherte.  Doch  in erster Linie sollten wohl die Bahnhöfe unbrauchbar gemacht werden . Schon am Morgen kursierte die Nachricht , daß der Bahnhof von Vacha bombardiert worden sei . Die erste Hiobsbotschaft aber erreichte Merkers gegen Mittag ; Auch d er Salzunger Bahnhof stand in Flammen , doch  bei den Bombenabwürfen war die Villa am Bahnhof von Dr. Schweikardt, dem beliebten Tennispartner der Deilmanns, 





durch einen Volltreffer völlig zerstört worden , und alle darin befindlichen Menschen , auch die Arztfamilie bis auf eine abwesende Tochter , sowie  mehrere Reisende , die hier Schutz vor den Flammen gesucht hatten , waren  umgekommen . Jetzt ,  nach dem Mittagessen , hatte es zwischen Hella und Dada  gerade den üblichen Streit gegeben , wer heute mit Abwaschen und wer mit Abtrocknen dran wäre , den Hella für sich entschieden hatte , und die nach dem Abwaschen nun schon aus der Küche verschwand , während Dada noch damit beschäftigt war , das abgetrocknete Geschirr  einzuräumen . Plötzlich glaubte sie zwischen dem Klappern von Tellern und Töpfen von draußen  das  nähmaschinenartig tuckernde   Motorengeräusch eines Flugzeuges zu hören.-  Kein Alarm mehr , aber das klingt  wie ein englischer Aufklärer ! ,   - ging es ihr durch den Kopf .  Neugierig  geworden , rannte sie vor das Haus auf die Straße . Aber sie kam schon zu spät , um das Hohheitszeichen noch erkennen zu können . Plötzlich blendete ein greller Lichtblitz ihre Augen , und während sie noch über den Ursprung rätselte , wurde sie von einer mächtigen  Druckwelle gegen den steinernen Eingangspfeiler gepreßt , an den sie sich  beim Absuchen des Himmels angelehnt hatte .  begleitet von   einem entfernten , gewaltigen Explosionsdonner . Was war geschehen?




 

 

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D I E  G R O S S E  E X P L O S I O N  V O N 

B A D  S A L Z U N G E N                               

    

Schon am Nachmittag wurde bekannt , daß auf den Bad Salzunger Rangiergleisen des Güterbahnhofs zwei mit TNT-Pulver vollbeladene Güterwaggons bei wiederholtem  Beschuß des Bahnhofs getroffen wurden und  mit ungeheurer Wucht  explodiert seien . Es hatte nocheinmal viele Tote und Verletzte gegeben , vorallem unter den Rettungskräften und der Feuerwehr .aber auch unter Anwohnern, Reisenden  und Schaulustigen. Tragischerweise gehörte auch ein junger Feuerwehrhelfer , Erich Kaiser , der am nächsten Tag seine Konfirmation feiern wollte , , mit zu den Toten . In der ganzen Stadt waren  die Fensterscheiben zerborsten,  die fertiggebackenen Konfirmationskuchen , die in der Bäckerei der Husengasse zum Abholen bereit standen , hingen ringsum in den noch kahlen Ästen der Bäume , und Stücke von Eisenbahnschienen des Güterbahnhofs steckten , wie von Messerwerfern im Zirkus kunstvoll platziert , in den Stämmen der Pappelallee  über dem Friedhof .  Bald auch konnte man Näheres über die Herkunft der Waggons erfahren : Als 1944 nach einem Angriff auf Peenemünde die Produktion der V2-Raketen  in einer Geheimaktion in den Grubenbereich von Kali Werra verlegt wurde , errichtete die zur Organisation Todt gehörige Firma Erdmann und Wühle auch in Leimbach eine unterirdische Munitionsfabrik.Unter unmenschlichen Verhältnissen  mußten  auch hier größtenteils russische Kriegsgefangene und Ostarbeiter ,aber auch   KZ-Häftlinge von Buchenwald  sowie Zwangsarbeiter aus den zahlreichen besetzten Ländern schuften , in letzter  Zeit aber auch einige Deutsche der Umgebung ,vorallem Frauen ohne feste Arbeitsstelle , die bitter darüber klagten , daß sie.hochgiftiges, allerdings nur durch Initialzündung hochexplosives  TNT- ( tri – nitro – toluol ) Pulver völlig ungeschützt und  mit bloßen Händen , in von Fabriken fertig gelieferte  verschiedene Patronenhülsen einfüllen müßten . Schon äußerlich sah man ihnen ihre  gesundheitsgefährdende Arbeit  und schleichende Vergiftung an: :   Alle bekamen einen eigentümlich brandroten Haarschopf . Als die baldige Besetzung durch feindliche Truppen vorauszusehen war , die keinesfalls in den Besitz der Munition kommen sollten , wurde die gesamte Produktionsstätte durch die  russischen Gefangenen geräumt und in Eisenbahnwaggons verladen .  Danach wurde das russische Arbeitslager liquidiert und  die KZ –Häftlinge  zurück nach Buchenwald auf den Marsch geschickt ..  In Bad Salzungen aber war inzwischen bekannt geworden  , daß außer den beiden ausgebrannten Waggons noch ein ganzer Munitionszug auf den Gleisen stand .. In panischer Angst vor einer weiteren Explosion packten viele Familien nun ihre wichtigsten Habseligkeiten und zogen , zum Teil mit Handwagen ,  in die Weinberge , um außerhalb der Stadt den nächsten Tag abzuwarten . Doch um Mitternacht  kam die befreiende Nachricht , daß ein todesmutiger Lokfahrer  den Munitionszug aus dem noch brennenden Bahnhof gefahren hätte .  Mit großer Erleichterung zogen alle wieder nach Hause zurück,, während die gefährliche Eisenbahnladung  an den zerstörten Gleisen vorbei in den weiterhin verschonten Kaliwerkbereich der Werksbahn gebracht werden konnte . .

 

 

 

 

 

 

27.Fortsetzung

O S T E R _ S O N N T A G 1.April 1945

 

E I N  U N E R W Ü N S C H T E S  K U C K U C K S E I  Z U 

O S T E R N

Die Merkerser Kirchenglocken läuteten das Osterfest ein , und es schien ein friedlicher und ruhiger Feiertag zu werden . Kein Fliegeralarm , keine Flugzeuge , und der noch sehr ferne Geschützdonner      

der sich nähernden Kriegsfront war verstummt . Der Krieg schien eine kleine Pause zu machen . Doch auch das öffentliche Leben war inzwischen völlig erloschen : Die Schulen waren geschlossen, das  Kaliwerk arbeitete nicht mehr , Förderbänder und Förderturm standen still , selbst die Eisenbahnen fuhren nicht mehr .  Im Garten des Deilmann – Hauses hatten die Kinder die in diesem Jahr recht spärlichen Ostereier schon alle gefunden  und die ganze Familie versammelte  sich heute im großen Zimmer am wie immer festlich gedeckten  Ostertisch . Hier wurden sie schon von den   zahlreichen , in letzter Zeit teilweise mühsam zusammengetragenen , Zutaten auf dem Tisch erwartet , damit sich jeder nach dem „Eierkampf“ seine gefüllten Eier selbst zubereiten konnte Als dieser Kampf entschieden war ,  jeder seine Eier , - einmal stumpfe , einmal.spitze Seite, durchgeklopft hatte , und Fränzchen sich über sein unzerbrochenes Sieger-Ei freute , machten sich alle an die Arbeit , um Essig , Zitronensaft und Öl . Zucker und Salz , Senf und zuletzt etwas Mayonaise mit dem zerdrückten Eigelb zu vermischen , um damit wieder die Eiweißhälften zu füllen . Dada saß am hinteren Tischende und konnte durchs gegenüberliegende Fenster die am Haus vorbeiführende Straße und dahinter die Bahnschienen  beobachten , als ihr plötzlich der Atem stockte . Wie in einem Traum glitt auf der Bahnschiene ganz  langsam und ohne jedes Geräusch ein Güterwaggon   am Haus vorbei ,Auf ihren erschrockenen Ausruf  : „ Draußen fährt ein Zug !“,  sprangen alle ungläubig ans Fenster . Doch es war Wirklichkeit : Wie von Geisterhand gezogen  fuhr ein Waggon nach dem anderen lautlos vorbei , an jeder Rückseite flatterte ein schwarzes Fähnchen , auf dem groß und deutlich ein weißes „ P “  zu erkennen war . „Das P  ist die Abkürzung von Pulver“ , wußte der Vater gleich , „ das ist ein Munitionszug !“ Doch jetzt näherten sich mit schwerfälligem , lauten :  - Bim  -- - bim - - bim  - - , am Ende des Zuges  zwei kleine Lokomotiven der Werksbahn  , die mit großer Anstrengung die offenbar schwer beladenen Waggons bergauf zum Arnsberg , Richtung Dorndorf ,  schoben . „ Man wird uns doch hoffentlich nicht etwa den Munitionszug aus  Salzungen hierher bringen ?“ , fürchtete der Vater , denn der Dorndorfer Bahnhof war ja nicht mehr befahrbar . Doch während man die gestörte Mahlzeit grübelnd beendet hatte . fuhren draußen die beiden Lokomotiven eilig und mit fröhlichem    - bimbim-bimbim-bimbim -   ,  aber ohne die  verdächtigen Waggons , zurück . In aller Eile hatte sich der Vater bereits seine warme Jacke angezogen :“ Da muß ich sofort erst mal den Bürgermeister fragen !“  ,   und schon war er auf dem Weg ins Dorf .hinunter .

                                                         

 

 

 

 

              Z U R  V E R N I C H T U N G   B E S T I M M T

Bürgermeister Engelhardt hörte sich fassungslos und ungläubig den Kopf schüttelnd die abenteuerliche Story seines Dorfarztes an : - In einem solchen Fall wäre er ja als allererster informiert worden - , ließ sich dann aber dazu drängen , gemeinsam am Arnsberg nach dem Rechten zu sehen . Dort, gleich am Dorfende , trauten die beiden Männer ihren Augen kaum : Auf der Schiene standen tatsächlich ,  herrenlos , sie zählten schnell durch - , dreizehn Güterwaggons , und wie sie beim Inspizieren einiger der Waggons entsetzt feststellen mußten , vollbeladen mit TNT-Pulver oder Munition . Aufgeregt hasteten  sie ins Dorf zurück und im Amt begannt ein schier unendliches Telefonieren . Als erstes erklärte ihnen  die Werksverwaltung ,daß man  auf höheren Befehl gehandelt habe , und daß der Zug  auf jeden Fall dort stehen bleiben müsse  Anschließend.die militärischen Dienststellen  konnten keinerlei Auskunft geben . Erst als der Bürgermeister nach vielen vergeblichen Versuchen endlich mit einer höheren Dienststelle verbunden wurde , die kurze Auskunft , daß der Zug auf keinen Fall in feindliche Hände fallen dürfe und daher sofort nach Ostern von der SS  gesprengt werden  würde . Von einer Warnung der Bevölkerung oder der Räumung des Dorfes war keine Rede.Alle Anwesenden gerieten in einen Schockzustand . Was nun ??     Der Gemeindediener wurde ersteinmal beauftragt ,  umgehend den Volkssturm  zu benachrichtigen , um die Waggons   nun alle zu öffnen . Neun von ihnen waren mit Holzkisten voller  TNT –Pulver vollgestellt , vier waren voller fertiger Munition . Entsetzt  beriet man , und stellte fest : Der Zug steht am Hang oberhalb der Verkehrsstraße nach Dorndorf , und weiter unterhalb der Straße fließt die Werra mit ausreichender Breite , Tiefe und Strömung vorbei ,  hier könnte die Munition zum großen Glück ziemlich unkompliziert und zügig versenkt werden  !! Alle atmeten erleichtert auf . daß es eine durchführbare Lösung gab , und für den frühen Morgen des  nächsten Tages , dem Ostermontag , wurde das  gesamte Dorf dazu aufgerufen , die gefährliche Fracht zu entladen .

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28.Fortsetzung O S T E R – M O N T A G                 2. April 1945

            M U N I T I O N  I M  W A S S E R B A D


Johannes Klotzbach , geb.1907 , der Leiter des Merkerser Volkssturms , hatte in der Nacht mit ein paar Männern die Bewachung des Zuges  übernommen , bis  sich in aller Frühe ein großer Teil der Merkerser Einwohner auf den Weg zum Arnsberg machte .Auch Dr. Deilmann war mit seinen beiden ältesten Töchtern , Hella und Dada , wieder nach dort unterwegs , als sich Dada wunderte , wieso etliche im Vorbeigehen dem Vater zuflüsterten oder leise raunten : „Doktor , passen Sie auf sich auf “, oder :“ Seien Sie vorsichtig!“. Aber er schien garkeine Notiz davon zu nehmen , nur  Hella lächelte unmerklich zustimmend zurück .Der Ortsgruppenleiter aber war nicht zu sehen , und seine Frau hatte sich mit ihrem Hündchen im Werksbunker in Sicherheit gebracht . Am Arrnsberg aber ging man jetzt zügig ans Werk , Zwei Waggons nur konnten gleichzeitig entsorgt werden ,und man fing  mit dem gefährlicheren TNT-Pulver an , welches in stabilen Holzkisten eingestapelt war, die durch  aufklappbare Deckel mit Schnappverschlüssen , luft- , und wasserdicht verschließbar waren , und dir nun  Stück für Stück von zwei Menschenketten bis zum Flußufer heruntergeschleift,  

und  von dort in die Werra geworfen werden konnten . Nach kurzem Untertauchen schwammen sie dann an der Wasseroberfläche mit der Strömung des Flusses davon .Doch als die ersten beiden Waggons leer waren , plötzlich der Ruf :“ Aufhören ! In der Krümme hinten verstopft die Werra !“ Die Kisten wurden jetzt geöffnet , das TNT-Pulver , fast wie gelbe Sägespäne aussehend ,wurde an der Böschung ausgeschüttet und dann mit Schaufeln in die Werra befördert . Selbst , wenn ab und zu Flugzeuge den Ort überflogen , entstand  weder Pause noch Panik ,nur der Buschfunk beruhigte weiter leise :“ In Merkers passiert nichts , die wissen mehr als wir alle zusammen ,und wollen doch noch in die Grube !“ Bis zum Abend waren die Pulverwaggons leer und man begann noch , die Munition auszuräumen . Kleine Gewehrpatronen bis zu großen und schweren Artillerie – und Flakgranaten wanderten nun durch die Hände der Helfer den Bahnhang hinunter über die Straße ,weiter abwärts zum Werraufer , und wurden dort teilweise auf der Wiese gestapelt oder ins Wasser geschmissen .Dabei war es dunkel geworden ,und  der letzte kleine Rest wurde deshalb für den Morgen des nächsten Tages vorgesehen .   Erneut wurden  Wachen eingeteilt , und erschöpft aber beruhigt konnten alle anderen zur Nachtruhe erst einmal nach Hause gehen ,

 

                                            

D I E N S T A G  3.April 1945     E N D S P U R T

Die Osterfeiertage waren vorbei , der Geschützdonner hinter dem westlichen Horizont hatte wieder eingesetzt und war deutlich lauter geworden , -  die Kampflinie war spürbar naher  gerückt . Die unentwegten Merkerser jedoch waren am Dorfrand schon wieder zugange , um  auch den letzten der Munitionswaggons auszuräumen , als gegen Mittag  ein Militärfahrzeug bei den Männern des Volkssturms , welche die Zufahrt abgesperrt hatten ,anhielt . Drei Wehrmachtsangehörige , die den Befehl vorzeigten , den Munitionszug umgehend  sprengen  zu müssen , verlangten die sofortige Durchfahrt . . Es gab erregte Diskussionen, doch am Ende überzeugten die leeren Waggons  das Sprengkommando : Hier gab es nichts mehr zu Sprengen! So zogen sie unverrichteter Dinge zur beiderseitigen Erleichterung wieder ab .  Doch auch ein SS-Kommando war unterwegs , um alle Werrabrücken zu zerstören . . Die Brücken von Vacha und Dorndorf waren schon von ihnen gesprengt worden  , doch nun sollte auch die alte Holzbrücke zwischen Merkers und Kieselbach gesprengt werden , Mit viel Überredungskraft aber konnte der Arzt diesen Trupp davon überzeugen , daß eine schwangere Frau  in Kieselbach dringend seine Hilfe brauchte , daß die zahlreich durchziehenden Verwundetentransporte dann nicht mehr nach Eisenach gelangen könnten , und die Brücke außerdem für die zu erwartenden Panzer sowieso viel zu schmal und zu brüchig wäre . So blieb sie als einzige Werraüberquerung der Gegend erhalten .  Inzwischen aber wurde von durchziehenden Trupps   berichtet , daß das nicht weit entfernte Dorf Unterbreizbach am frühen Morgen bereits kampflos kaptituliert hatte und besetzt worden war , als auswärtige SS-Männer einen der amerikanischen Panzer abschossen , die fünfköpfige Besatzung .gefangen nahmen und mit ihr flüchteten .Daraufhin war der Bürgermeister als lebendes   Schutzschild auf den  erstfahrenden Panzer gebunden worden und  Unterbreizbach  wurde wieder verlassen , doch für den morgigen Tag als  Vergeltung seine Zerstörung durch Brandsätze angekündigt . Jetzt   rückte nun die eigene , wohl bald bevorstehende Kapitulation in den Mittelpünkt , und man vereinbarte , sich am nächsten Morgen im Amt wieder zusammezufinden .

 

 

29.Fortsetzung                  D I E  N A C H T W A N D E R U N G

 

Am Abend nahm bei Dr.. Deilmann dann doch die Sorge um seine Familie  überhand . .Der Artilleriebeschuß in der Ferne war nochmal intensiver geworden , SS-Trupps agierten ungerufen und unerwünscht im ganzen Gebiet bis in die kleinsten Dörfer und verursachten mit ihren sinnlosen Aktionen Zerstörung und großes Leid . Daher war es nicht denkbar , daß ausgerechnet das hochwichtige Kaliwerk völlig ungeschützt in die Hände der Feinde fallem sollte . Seine Überlegung , daß bei einem späteren Beschuß des Werkes das eigene Wohnhaus genau in der Schußlinie . von Dorndorf her zum Werk ,  liegen würde, brachte ihn zu dem Entschluß , für die kommende Nacht das Haus zu verlassen und im oberhalb gelegenen Waldgebiet Schutz zu suchen .  Nun zogen sich alle so warm wie irgend möglich an , Die Mutter mit den Säuglingen und den beiden Kindern konnte ja im Auto bleiben , die Großeltern lehnten den Auszug kategorisch ab und wollten lieber das Haus vor Einbrechern schützen , während Hella und Dada mit einem Bollerwägelchen voller  Decken und Proviant zum Wald zogen . In einer Lichtung , in der die Kinder im Sommer oftmals gespielt hatten , wurde das Familienlager aufgeschlagen . Besonders die im Freien Gebliebenen huschelten sich . so gut es nur ging , in die wärmenden Hüllen ein , beim Schein einer Taschenlampe gab es   noch ein bißchen  was  zum Knabbern , und alle fanden den unfreiwilligen Ausflug noch recht romantisch . Doch dann wurde es immer dunkler und immer kühler , die nächtliche Feuchtigkeit kroch von unten durch Decken und Kleidung ,und langsam froren alle still und verbissen vor s ich hin .So mochte es  um Mitternacht geworden sein , da ertönte Hellas energischer Ruf :“ Schluß jetzt ! Ich geh`jetzt heim!!“ , und als hätten alle nur auf dieses Signal gewartet , machte sich der ganze  Familientroß wortlos und in Windeseile auf den Rückmarsch . Aber oh weh ! Der Großvate hatte inzwischen sämtliche Eingänge des Hauses verriegelt und verrammelt . Es brannte auch kein Licht mehr im Haus. Doch zum Glück war heute Koks gekommen und durch eine Luke in den Kohlenkeller geschaufelt worden . Da das Fensterchen noch offen stand ,  konnte sich der Vater mühsam durch die enge Öffnung zwängen , rutschte jetzt mit Getöse und  einem Schwall Koks den im Keller aufgeschütteten Kohleberg herunter , gerade vor die Füße des Großvaters , der mit hocherhobenem Spaten den Einbrecher vertreiben wollte und tapfer  ins Dunkle rief : „ Was wollen Sie hier ?!“ Nach kurzer Schrecksekunde und beiderseitigem fröhlichen Erkennen wurde nun Licht gemacht , die Türen wieder geöffnet , und alle waren glücklich , daß sie sich nun , wenn heute auch nur für kurze Zeit , in den warmen Betten wieder aufwärmen konnten .

 

 

30.Fortsetzung    
B E S E T Z U NG                       Mittwoch  4.April 1945

 

Am frühen Morgen war die ganze Familie dann wieder auf den Beinen . Pünktlich zu ihrer gewohnten Zeit mußten ja die beiden Säuglinge gefüttert und gebadet werden .    Aber man wußte  auch , daß die amerikanische Armee jederzeit den Ort Merkers besetzen konnte . So waren alle Beteiligten doppelt froh , als die beiden Kleinen  endlich wieder satt und sauber in ihrem Bettchen schliefen . Doch nun drang  beizender Brandgeruch durch ein geöffnetes Fenster in die Wohnung , und beim Hinausschauen sah man drohend schwarze Rauchschwaden über den Himmel ziehen .“Da wird Unterbreizbach wohl tatsächlich abgebrannt“ , stellte der Vater traurig fest .Dada war voller Unverständnis  darüber , daß dort nun völlig unschuldige Menschen so ungerecht und schrecklich bestraft würden und fragte voller Angst , ob so etwas nun auch hier geschehen könne . „ Leider haben die deutschen Truppen in solchen Fällen viel Schlimmeres gemacht „  , erwidertee der Vater bedrückt , aber um sie zu beruhigen , fügte er hinzu , aber in Merkers wird das sicherlich nicht passieren.“  Inzwischen war es neun Uhr geworden , als man in der Ferne das ansteigend dumpfe Rasseln von Panzerfahrzeugen wahrnehmen konnte . Nun war es wohl soweit , -  der gefürchtete Einzug der feindlichen Truppen stand bevor ! Umgehend fuhr der Arzt jetzt mit seinem kleinen Sachs – Motorrädchen ins Dorf zum Gemeindeamt . Die Nazis des Ortes waren verschwunden , und er war über Nacht vom verfemten Mischling zum Hoffnungsträger des Dorfes geworden .Für ihn galt jetzt nur noch , die einziehenden Truppen nicht zu Zerstörungen und Vergeltungsmaßnahmen provozieren zu lassen und Verluste unter der Zivilbevölkerung zu verhindern . Gewarnt durch das Schicksal von Unterbreizbach hatte er beschlossen und mit dem Bürgermeister abgesprochen , daß er sich vor Übergabe des Ortes den einrückenden Soldaten als Schutzschild zur Verfügung stellen wolle .  Alles lief nun  nach Vereinbarung   , Die Gemeindevertreter bereiteten in der Dorfmitte die offizielle Übergabe des Dorfes vor , -  die allseits geachtete und betagte Bäuerin Elisabeth Fack hißte auf dem Kirchturm mit einem großen wei8en Betttuch die weiße Fahne , - und Dr. Deilmann fuhr am Dorfende den Panzern  entgegen . In Sichtweite stellte er sein Fahrzeug  am  Straßenrand  ab, rollte seine  gut erkennbare weiße Fahne auf  und lief mit ihr , seinen guten Englischkenntnissen vertrauend , auf die Panzer zu . Der Konvoi hielt an , und aus einem  Jeep , der an zweiter Stelle fuhr , stiegen einige Offiziere aus , darunter  auch zwei  deutsch-jüdische Emigranten  , und so konnte er ihnen sein Angebot in deutscher Sprache vortragen .: Daß im Dorf die kampflose Übergabe  vorbereitet sei, man allerdings nicht garantieren könne , daß nicht irgendwelche Fanatiker von Außerhalb eindringen  würden ..Er wäre daher gerne bereit , zu ihrer Sicherheit mit seinem Motorrädchen vorweg zu fahren . Man nahm seinen Vorschlag an , allerdings solle er gut sichtbar in ihrem Jeep mitfahren . Der Jeep wechselte nun nach vorne , und die Merkerser staunten nicht schlecht , als ihr Doktor als erster mit den Kampftruppen in einem offenen Jeep durch Merkers fuhr.

 Die Fahrt durch den Ort verlief unproblematisch , und die Kapitultionsurkunden wurden ungestört von beiden Seiten unterzeichnet . Doch je mehr man sich bei der Weiterfahrt dem Dorfende , und damit dem Eingangsbereich des Kaliwerkes näherte , um so angespannter wurde die Stimmung . Doch so unglaubhaft es auch war – weder die Wehrmacht noch die SS hatten auch nur einen Kämpfer zur Verteidigung eingesetzt . Nur , wie es später auch Col.John Bustered , der damalige Kommandeur des  einziehenden Bataillons  beschreibt , der Vizedirektor der Reichsbank ,  Werner Viech ,sowie der Kurator des Deutschen Staatlichen Museums in Berlin , Paul Ortwin Rave , erwarten sie dort, um  mit unsäglicher Erleichterung endlich die für einen einzelnen Menschen fast untragbare Verantwortung für den unermeßlich wervollen Reichsschatz  und das unersetzlich kostbare Weltkulturgut ,aufgefüllt mit dem Raubgut der besiegten Länder und umgebrachten Menschen , unbeschadet in die Hände der Besatzung übergeben zu können. Gemeinsam begaben  sich nach kurzem Gespräch die Männer zum  Verwaltungsgebäude, um dort mit Werksdirektor Meyer zu verhandeln und den weiteren Fortgang festzulegen , während Dr.Deilmann wieder zurückgefahren wurde .

 

 

                       E I N I G E  N U M M E R N  Z U  G R O ß !

  Während die Panzer über die Dorndorfer Chaussee in Merkers einfuhren und auf der Hauptstraße das Dorf durchrollten , waren die Soldaten der Infantrie durch den Wald über den Arnsberg oberhalb der Bahnschiene eingedrungen und durchsuchten von dort aus jedes Haus nach versteckten Kämpfern oder Waffen . Auch die Praxis und das Haus des Dorfarztes wurde von ihnen von unten bis oben  in Augenschein genommen .Doch ausgerechnet auf dem Boden gab es erhebliche Schwierigkeiten , als die Männer den eingehüllten Fliegeroffiziersmantel entdeckten , den die Schwester des Hausherrn zur Aufbewahrung dort aufgehängt hatte .Da sich aber die zurückflutenden  -SS – Truppen bei ihrem Rückmarsch mit Uniformen der Luftwaffe neutralisiert hatten , nahmen die amerikanischen Soldaten verständlicherweise an . der abwesende Hausherr sei einer dieser SS-Männer . Es nützte nichts , daß ihnen Frau Magda in bestem Englisch den Zusammenhang erklären konnte , man drohte damit , den SS-Verbrecher zu erschießen . Glücklicherweise aber kam   der gerade in dieser sich zuspitzenden Situation zurück , und lieferte lächelnd und wortlos den überzeugenden Gegenbeweis : Er streifte sich den hühnenhaft großen Mantel seines Schwagers  über , in dem er , nun zur allgemeinen Belustigung , fast verschwand . Nein , so konnte er wirklich unmöglich unterwegs gewesen sein !

Pachen empfängt die "Amis":  

 


   (Zeichnung Egon Prütz, Merkers)



31.Fortsetzung      B E S A T Z U N G   
                                               

Unterdes wurden die Quartiere für die Kampftruppe beschlagnahmt und es begann eine große Räumungsaktion im Dorf ..Alle Häuser oberhalb der Bahnschiene , also fast das halbe Dorf , mußten in kurzer Zeit von ihren Bewohnern verlassen werden .  Die vorwiegend Bauernhäuser unten im Dorf drohten durch die Menschenmassen fast aus den Fugen zu geraten , die Letzten fanden in der Schule und in der Kirche noch wenigstens ein schützendes Dach über dem Kopf . Um die medizinische Versorgung  der Bevölkerung zu sichern , wurde nur das Haus des Dorfarztes ausgenommen und die Familie durfte es weiter bewohnen. Inzwischen traten auch die Besatzungsbefehle wie Hausarrest und nächtliche Sperrstunden in Kraft , alle Waffen und Fotoapparate mußten umgehend abgegeben werden.Dann wurden die Vorbereitungen  zur Befahrung der stillgelegten Grube eingeleitet..In einem Interview beschrieb Hermann Fleischer , der leitende Grubenelektriker , später , daß er und  noch etwa zwanzig andere Grubenhandwerker, Elektriker und Maschinisten , die bei  den Einlagerungen beteiligt gewesen waren , gleich am nächsten Morgen zu Hause abgeholt wurden , um mit Notstromaggregaten die Grube für den folgenden  Tag  befahrbar zu machen  Vor  dieser ersten Einfahrt wurde Merkers stark abgesichert::  Panzer standen in Alarmbereitschaft , und Jagdflugzeuge unkreisten das Werk . Dann mußten als Erste die deutschen Handwerker in die dreihundert Meter tiefe obere Sohle hinunter fahren , um auch hier Elektrik und Beleuchtung in Gang zu bringen . Danach fuhren schwerbewaffnete G I ‚ s  ein .           ( G I - ,  Goverment-issue ., - Das ist Staatseigentum ! , - der Aufdruck auf amerikanischen Uniformen ,  übertragen auf die Soldaten selbst. )      jedoch nach wie  vor war keinerlei verschanzte Verteidigung , wie befürchtet wurde ,  zu entdecken . .Nun folgten auch ,  in Begleitung von Professor Rave, die Offiziere und machten sich auf den Weg zu dem angegebenen Depot – Bereich  .  Kommandeur Bustered beschreibt  es weiter :  Sein damaliges Staunen darüber , daß in den langen Salzgängen Hunderte von Holzkisten standen.,die in deutscher Aufschrift den Inhalt und den Eigentümer , meist die Museen Berlin , anzeigten, wobei ihm eine große Kiste Nr.28 , Fachbereich Ägypten ,-gemalte Königin   - die Nofretete - ,  noch in besonderer Erinnerung blieb , bis man  auf eine massive Backsteinmauer mit einem mächtigen Sicherheitstor aus Stahl stieß .Nachdem eine mannsgroße Öffnung in die  Mauer gesprengt wurde , durch die man jetzt durchklettern konnte , stand man plötzlich

in einer riesigen Schatzkammer, angefüllt mit , unter anderem , tausenden von gefüllten Verpackungssäcken  der deutschen Reichsbank . Sie hatten das sagenhafte Gold gefunden !  Sofort begannen die Sicherheitsmaßnahmen , als  auch schon Schatzbeauftragte der US –Regierung eintrafen., ausgezeichnete Experten der Marine und der Luftwaffe und  ein  Jeep mit Anhänger wurde in die Grube gebracht , um die Schätze  transportieren zu können     An diesem Nachmittag  aber bekam Dada einen großen Schrecken ..  Da die Familie ja als einzige noch über der Bahnschiene wohnte, von wo aus man bis zum Werk schauen konnte , sah sie , daß auf der Gartenstraße , die zum oberen Werkseingang führt ,  eine lange Schlange von  Rot-Kreuz Fahrzeugen stand . Voller Angst rief sie den Vater , ob er wisse ,  was da im Werk passiert sei . Doch der Vater beruhigte sie ohne zu überlegen : „ Da ist nichts passiert . Da werden nur die wertvollsten Kunstwerke schon aus der Salzluft und dem Kriegsgebiet in Sicherheit gebracht .“   „Da brauch man sich ja nicht zu wundern und aufzuregen “ , ereiferte sich Dada , „ wenn dann Rot-Kreuz-Wagen , wie in Dorndorf , beschossen werden !“ Doch der Vater war wohl anderer Meinung : „ Was heute von hier weggebracht wird , ist für die Welt so kostbar und unersetzlich wie ein Menschenleben .“               Am nächsten Morgen waren die  vielen Rot-Kreuz  Fahrzeuge aus der Gartenstraße verschwunden . 

 

 

 

 

 

 

                         D E R  T A N Z  U M  D A S  
            „ G O L D E N E  K A L B „ B E G I N N T

Der Vortrupp der dritten amerikanischen Armee meldete den Fund des Goldes umgehend ihrem General George S. Patton , und die oberste Heeresleitung verfügte den vorläufigen Aufschub der Bergung . Man wolle den Abtransport  persönlich überwachen . Umgehend  wurden größtmögliche Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet , da man jetzt ja  höchste Offiziere erwartete . Daher sollte  nun auch das letzte Haus über der Bahnschiene geräumt werden . Das Arztehepaar bemühte sich vergebens,   daß diese Anweisung wieder rückgängig gemacht würde , doch  um 17 Uhr 45   kam der Befehl , das Haus bis um  18 Uhr  auf unbestimmte Zeit zu verlassen . So abrupt der Befehl kam . so schnell war Schreiner Hill mit seinem Planwagen und einigen Patienten zur Stelle , um zu helfen .   Die wichtigsten Sachen wurden eiligst aufgeladen , und zum großen Glück stellte es sich heraus , daß der einstige Klassenraum  der zwar  ungenutzten und ungeheizten alten   Einklassenschule noch leer stand .  .So bezogen nun Großeltern , Eltern , die vier Kinder und die beiden sechs Wochen alten Säuglinge für eine Woche den großen , kalten Raum . und mit eilig zusammengetragenen Strohballen versuchte  jeder . sich ein Schlafplätzchen einzurichten,.Als das nacn einiger Zeit endlich so einigermaßen geschafft war , und alle erschöpft ihre ungewohnten Liegestellen eingenommen hatten , begann man zaghaft , über die Geschehnisse des aufregenden Tages zu reden . Als die Rede auf den großen vergessenen Windeltopf kam, der zum Abkühlen draußen auf dem Hof stand und vom Vater etwas später nicht mehr geholt werden durfte , und Hella bissig  bemerkte, daß den die ängstlichen Amis die Windeln  sicher für den eigenen Bedarf zurückbehalten hätten , brachen alle in Lachen aus . Nun wurde eine vergnügte Familienstory nach der anderen ausgekramt und mit Gelächter quittiert ,,sicher zum Erstaunen der diensthabenden Amis , die im gegenüberliegenden Gebäude  ihre Militärkommandantur eingerichtet hatten , bis die Kinder , von Müdigkeit übermannt , mit einem Lächeln eingeschlafen waren .Die Eltern allerdings mußten dann wieder aufstehen, auf einem Spirituskocher die Flaschennahrung zubereiten und die Zwillinge füttern und versorgen .

Der  nächste Tag  aber brachte einige große Aufregungen      Die Amerikaner hatten inzwischen Buchenwald befreit , und es war bekannt geworden , daß  sie wahllos Menschen von der Straße holten und sie in das Konzentrationslager brachten , damit sie mit eigenen Augen sehen sollten , - durch nichts zu leugnen , zu verharmlosen oder zu entschuldigen , zu was ihre angeblich so kulturvollen Landsleute fähig waren .Dada , der die grausige Hinterlassenschaft schon in Gedanken unerträglich war , fürchtete panisch , dorthin gebracht zu werden , zumal sie sich beschämt daran erinnerte , mit welcher Gleichgültigkeit sie es vor Jahren als Kind  im dritten Schuljahr hingenommen und später fast vergessen hatte , als im Unterricht die Ilm – Saale Platte behandelt  und Buchenwald erwähnt wurde , daß Sigrid einwarf , da gäbe es auch ein Konzentrationslager , und Lehrer Heinecke sie schnell unterbrach :“ Pssst , da darf man nicht drüber sprechen !“   Nun weigerte sie sich , nochmal auf die Straße zu gehen , um im Dorf irgendeine Kleinigkeit zu holen , und dafür machte sich Hella auf den Weg , kam aber ewig nicht zurück .

 Um sechs Uhr abends , die Ausgangssperre hatte bereits begonnen , war Hella  noch  immer nicht zurück gekommen . Die Eltern machten sich größte Sorgen , waren aber ohne Telefon völlig hilflos und es war lebensgefährlich , jetzt draußen  nachfragen zu wollen , oder sie gar zu suchen . In höchster Aufregung malte sich die Mutter aus , während sie gerade die Abendbrotschnitten für die Kinder zubereitete ,  , was ihrer Tochter alles passiert sein könnte , als Hella nach einer Stunde frohgelaunt hereinkam . und  begeistert am Erzählen war , wie nett doch die Amis wären , als mit metallischem ,heftigem Schlag  das  silberne Messer ,

mit dem die Mutter gerade hantierte, an die Wand flog .!  -   Es hat den unfreiwilligen Flug aber erstaunlich gut , nur mit einer leichten Verbiegung , überatanden, -  hieß von nun an „Krummer Adula“ und brachte nur den Vater fast zur Verzweiflung , dem es immer wieder hingelegt wurde , obwohl er der einzige war , der es als absoluter Linkshänder so nicht mehr benutzen konnte .      

 

 

 

In der gleichen Nacht aber gab es noch einen bösen Schrecken .

Von draußen klopfte es heftig ans Fenster und eine aufgeregte Stimme rief : „ Dokter , kommen Sie schnell in die Kirche ,   da vergehen sich Amis an den Frauen !“    Es waren zwei betrunkene Offiziere ,  ein Weißer und ein Dunkelhäutiger , die am nächsten Morgen degradiert und inhaftiert wurden , und vor ein Militärgericht gestellt werden sollten . Der Dunkelhäutige aber erhängte sich vorher .

 

 

32.Fortsetzung
S P E K T A K U L Ä R E R   A B S C H L U ß 
         

                                  

Ohne daß es jemand ahnte , trafen bald nicht nur hohe , sondern die höchsten Offiziere der amerikanischen Armee in Merkers ein .  

Kommandeur Bustered berichtet daüber weiter:        Oberst Bernard Bernstein wurde mit der Durchführung und Aufsicht der Auslagerung betraut . Er bestimmte Frankfurt am Main als erstes Ziel , ,richtete in Merkers ein vorgerücktes Hauptquartier ein ,  und traf Vorkehrungen für einunddreißig  Zehn-Tonnen- Lastwagen , die dann aber bei weitem noch nicht reichten . Panzertruppen und ein Infantrie-Regiment wurden zur Bewachung angefordert  und die Werrawiesen wurden  zum Flugplatz für Kleinflugzeuge vorbereitet .  Am 12. April wurden hier die Generäle Eisenhower , Bradley , Patton und Eddy mit ihren Offiziersstäben  empfangen . Umgehend begaben sie sich zur ersten Inspektion der Goldgrube ,  begleitet von Professor Rave , den Kunstexperten der USA – Armee und Marine , sowie Experten einer gemeinsamen anglo –amerikanischen Mission , um die Kunstwerke zu beglaubigen und ihre Herkunft zu ermitteln , damit Raubkunst zurückgegeben werden konnte .Das Arzthaus wurde jetzt zum Generalstabsquartier .  Der Abtransport der Zahlungsmittel begann , nur unter amerikanischer Aufsicht , am 14. April  .. Merkers war von Panzern umstellt und von Jagdflugzeugen und Hubschraubern umkreist , Infantristen , mit Gewehren in Anschlag , säumten die Abfahrtstraßen, und während der absoluten Ausgangssperre durften nicht einmal die Kinder durch die Fenster auf die Straße schauen . Am 17.April wurden die Kunstwerke abtransportiert , die aber nach Wiesbaden umverlegt wurden .  Nachdem die wertvolle Kriegsbeute restlos abgefahren war .  die hohen Offiziere zurückgeflogen und die Kampftruppen weitergezogen waren  ,  konnten die Grubenhandwerker nun endlich wieder zu ihren Familien - ,  und alle Einwohner wieder in ihre Häuser und Wohnungen . zurückkehren . Aber  Familie Deilmann , wie auch den anderen Familien , traute ihren Augen kaum :   Ein unglaubliches Chaos erwartete sie !  Die Möbel waren völlig verstellt oder garnicht mehr da ,  alle Gardinen heruntergerissen . Sie lagen mit den Tischdecken und der Bettwäsche zusammen völlig verdreckt und verölt im Keller . und waren wohl als Putzlappen für ihre Fahrzeuge genommen worden . Herd und Küche waren mit einer dicken Fettschicht überzogen, und statt des eigenen Inventars  lagen viele fremde Sachen herum .  Im Keller war alles geöffnet und durchsucht worden . Man hatte wohl alles auf den Kopf gestellt .Voller Befürchtungen eilte  der Vater nun nach draußen , um nach der verbuddelten Sektflasche zu schauen , und verkündete dann fröhlich , daß das Versteck  unter der Veranda  nicht gefunden worden sei . Ein Rätsel aber blieb für lange Zeit die Bettwäsche : An allen Bett - und Kissenbezügen waren die vier Zipfel abgeschnitten und waren und blieben unauffindbar . In der Gemeindeverwaltung , im ehemaligen Bet -Saal .. wurde nun die Möglichkeit geschaffen , alles , was fremdes Eigentum war , dorthin zu bringen ,  um  das , was man an eigenen Sachen dort entdeckte , wieder mit nach Hause zu nehmen . So normalisierte sich das Leben langsam wieder. Doch eines Nachts wurden die Kinder vom Vater geweckt und die Familie versammelte sich um den großen Wohnzimmertisch , auf dem eine Kerze brannte und die geöffnete , noch kurz zuvor jahrelang vergrabene Flasche Sekt stand . Jeder bekam davon wenigstens ein paar Tröpfchen in sein   Glas und die Mutter verkündete mit Tränen in den Augen feierlich:      „Kinder , es ist Frieden !“  ,und der Vater ergänzte :Eben ist der Waffenstillstand unterzeichnet worden .“           Schlaftrunken , doch unvergeßlich , stießen alle auf ein Leben ohne Krieg an ..   Es war die Nacht des 8.Mai 1945


 

 






Bürgermeister Wollny verleiht die Ehrenbürgerwürde an Dr. Günther Deilmann am 3. Oktober 1995:














Danksagung an BM Wollny und Guiness-Buch-Urkunde:

















Namensweihe Dr. Günther Deilmann Straße:















- Fortsetzung folgt -



33.Fortsetzung
           Ü B E R R A S C H U N G  ,  Ü B E R R A S C H U N G  !

 

Die Kampfeinheit war in Richtung Bad Salzungen weitergezogen und ihr  folgte die Besatzungstruppe unter Captain Wolfgang , und mit ihm  , wenn auch nur vorübergehend ,  eine gewisse Neuordnung  im Ort .    Ab 18oo Uhr begann die Ausgangssperre , und die Einwohner durften sich nur im Umkreis von vier km vom Wohnort bewegen . Als Nachfolger von Bürgermeister Georg Engelhard wurde  der 1898 geborene Hans Eitzert eingesetzt , der als S P D-    Kommunalpoliker 193O schon einmal vergebens dafür kandidiert hatte und  nach dem  20. Juli 1944 vierzehn Tage in Buchenwald inhaftiert war .  Doch noch immer gab es keine Ruhe   Aus heiterem Himmel  erschütterte eine furchtbare Explosion plötzlich das ganze Dorf . Die Fensterscheiben des Ortes zerbarsten von der ungeheueren Wucht .Nach anfänglicher Ratlosigkeit stellte sich heraus , daß zwei US-Soldaten mit Handgranaten in der Werra fischen wollten . Sie hatten sich dafür ausgerechnet die breite Werrakrümme ausgesucht , in der sich , wie man schon beim Ausladen der TNT-Waggons befürchtet hatte . wohl tatsächlich einige der wasserdichten Holzkisten verfangen hatten . Von den beiden    G I‘ s   fand man nur noch eine Hand . Eine mächtige Weide  , die dort am Ufer gestanden hatte , lag mit  ihren Wurzeln  zwischen Krayenberg und Tiefenort !       So bekamen die Merkerser doch noch einen kleinen Eindruck von dem , was ihrem Dorf  erspart  geblieben war .

 

 

 

               E I N E    S C H A T Z G R U B E  I M  G A R T E N

Langsam setzte sich eine zwar noch gedämpfte Aufbruchstimmung durch . Die Gefangenenlager und die Baracken für die Zwangsarbeiter auf dem ehemaligen Sportplatz leerten sich , - auch die fünfundachzig englischen Kriegsgefangenen , welche die Waggons mit den Goldbarren aus- und umladen mußten , unter ihnen ein Banker aus Kapstadt , der damals schon das vergeblich versuchte Geheimnis des Goldes lüftete , wurden schon vor Merkers in Dorndorf befreit .  Die nun leerstehenden Baracken  wurden für die vielen Flüchtlinge , die eine Bleibe suchten , hergerichtet ,  und wurden für viele schnell eine notdürftige , aber willkommene Unterkunft . Da auch die Hilfsbereitschaft der Bewohner groß war , sahen viele der Neuankömmlinge von einer weiteren Wanderung ins Ungewisse ab und blieben im Ort . -   Dr. Deilmann wurde wegen seiner Sprachkenntnisse des öfteren als Dolmetscher in Anspruch genommen . Dafür wurde ihm für seine Arztbesuche in Kieselbach , Dönges und Möllersgrund ein Jeep mit Fahrer zur Verfügung gestellt , bis er wieder mit seinem eigenen Wagen fahren dutfte , und als die Oberschwester des Salzunger Krankenhauses bei einer Krankeneinlieferung klagte , daß ihre Narkosemittel und Verbandsstoffe zu Ende gingen , bekam er von Captain Wolfgang die Möglichkeit , alles Fehlende aus einem Depot in Melsungen zu besorgen.     -   Auch das Leben zu Hause hatte sich wieder eingespielt und wurde durch eine überraschende  Hinterlassenschaft ,  zwar unabsichtlich , aber merklich erleichtert : Großvater Booz hatte ,  wie stets , seit er hier zu Hause war , unermüdlich im Garten gewirkt , um  zur Versorgung der großen Familie mit Obst und Gemüse beizutragen . Nun hatte die Gartenarbeit wieder begonnen  und da entdeckte er beim Umgraben  eine riesige Erdgrube , die sich als wahre Schatzkammer erwies .Während ihres Aufenthaltes hier im Haus hatten die amerikanischen Soldaten alles , was sie nicht mehr verbrauchen oder gebrauchen konnten, dort  hereingeworfen .Neben Abfall fanden sich  hier nun zur Freude der Familie wasserfest verpackte Lebensmittel , auch etliche ungeöffnete Konservendosen und Zigarettenschachteln und zur großen Belustigung auch die rätselhaft verschwundenen Zipfel der  Bettwäsche !   Triumphierend hielt der Großvater einen davon in die Höhe  -  prall gefüllt mit Kaffeesatz !

 

            E I N  B E S O N D E R E R  G E B U R T S T A G            

Geburtstag im Mai 1945 !  Auch wenn es der bedeutungsvolle „ vierzehnte “ war ,  könnte man ihn eigentlich vergessen ! Dada machte sich da keine Illusionen : Wenn es auch , Dank der unerwarteten  Delikatessen aus der Gartengrube ,  sicher etwas  ungewohnt Leckeres zu essen  gebe würde , wird  das Leben ohne ständige Angst durch den Friedenschluß zwar das weitaus größte , doch wohl  auch einzige Geschenk sein .  Ansonsten .ein wunderschöner Blumenstrauß aus dem Garten,   vierzehn leuchtende Kerzen , und das jährliche , fröhliche Familiengeburtstagslied , alles wie immer und wie erwartet !  Aber was lag da Riesiges auf dem Tisch ?  Wirklich , - ein richtiges Buch ! Kaum zum Hochheben ! Ein Buch über die Wartburg . Neugierig schlug sie es auf : „ Oh , in Englisch geschrieben !  - Da muß ich aber noch viel lernen!   Und die wunderschönen farbigen Reproduktionen der Wandbilder , die der Hauptmeister der Malerei der deutschen Spätromantik  ,Moritz von Schwind , um 1855  auf der Wartburg  malte !    Das ist ja ein Geschenk fürs ganze Leben ! “ Dada war ganz überwältigt  !      -   .       

Das   wundervolle  Buch wurde eine  bleibende Erinnerung an Professor Ortwin Rave , der für Wochen die Verantwortung für den Schutz eines großen Teils des unersetzlichen Weltkulturerbes trug ,  und in dieser Zeit vom Vater nach Möglichkeit unterstützt wurde . Er ermoglichte  ihm  den Erwerb dieses Prachtwerks . Doch auch , nachdem Professor Rave mit dem letzten Kunsttransport Merkers verlassen hatte , um sich um die Restauration der durch die feuchte Salzluft geschädigten Kunstwerke zu bemühen , blieben er und der Kali-Arzt  noch für lange Zeit in Verbindung . Viele  Sendungen mit ortsspezifischen Kali – und  Wasserproben , sowie den Meßwerten der Grubenluft  unterstützten dessen  Arbeit weiterhin .

Inzwischen sind die Salzschäden hoffentlich  vergessen , aber über das große Wartburg-Buch aus dem Jahre 1907 staunen heute noch die Urenkel

 

34.Fortsetzung             A U F  N A C H   O B E R R O H N  !          

 

Die unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln und den Dingen des täglichen Bedarfs machte sich langsam deutlich bemerkbar , zumal die alten Vorräte inzwischen verbraucht waren. . Der Schwarzhandel blühte auf und Tauschgeschäfte waren an der Tagesordnung . Die Sorge um das tägliche Brot hatte begonnen . Da wurde im Dorf bekannt gemacht , daß das Gut in Oberrohn am nächsten Tag Bohnen und Erdbeeren   zum Selberpflücken verkaufen würde . Das war eine willkommene Gelegenheit für die große Familir . Der Vater fuhr also Dada mit den entsprechenden Gefäßen am nächsten frühen Morgen zu dem Gut hin , um sie mittags mit ihrer Ernte wieder  abzuholen .Dort  hatten sich schon etliche Menschen  eingefunden , und nachdem sie eingeteilt wurden und die Namen sowie die vorgesehenen Behältnisse registriert und gewogen worden waren ,  mühte auch sie sich redlich , ihre Kannen und Eimer zu füllen . Doch dann elektrisierte eine Nachricht die Menge : In der nicht weit entfernten Lagerhalle eines  stillgelegten Kalkwerkes hatte die Wehrmacht ein Sanitäts-Depot  angelegt . Jetzt war  die Bewachung  verschwunden und  die Besatzung kümmerte sich nicht darum .Dort  holte sich die Bevölkerung nun  heraus ,  soviel sie forttragen oder  - fahren konnte.


In kurzer Zeit waren die Ernteflächen menschenleer .Auch Dada , die gerade fertig geworden war und ihren gesammelten roten und grünen Reichtum bezahlt hatte , war natürlich neugierig , und da das Auto des Vaters noch nicht da war, folgte sie dem Menschenstrom Richtung Zementwerk .Vor demWerksgelände wurden bereits Fahrräder , Leiterwagen , Fuhrwerke  und  Autos  beladen ,  während sich am Eingang  der  riesigen Lagerhalle eine brodelnde , laute Menschenmasse staute , die an einen großen ,in umgekehrter Richtung wuselnden Ameisenhaufen erinnerte : Der eine Teil kämpfte verbissen , um sich irgendwie hereinzudrängen , während der andere  vollbepackte Teil krampfhaft versuchte , seine Beute möglichst verlustfrei durch die vielen Wartenden bis zum rettenden Fahrzeug zu bringen . Draußen erfuhren die Neuankömmlinge schon,  daß nicht mehr viel zu holen sei . - Höchstens schwarze Lederhalbschuhe für Krankenschwestern könne man eventuell noch ergattern . Gerade das klang für Dada sehr verlockend , denn sie besaß nur noch ein Paar Igelitschuhe . in denen bis zum Abend die Füße heftig schmerzten . 

So drängelte auch sie sich in den geräumigen Speicherraum .Mittendrin , zwischen Bergen von Gerümpel , ein Riesenhaufen von teils schon geöffneten Schuhschachteln , obenauf  ein Mann , fast unter der Decke stehend , der  laut schreiend und schimpfend mit Schuhen herunter  auf die zudringliche Menge schmiß , und doch nicht verhindern konnte , daß „sein“  Berg immer kleiner wurde . Doch dann  hatte eine Frau in dem Gerümpel eine noch geschlossene große Kiste entdeckt und sie mühsam geöffnet . Sie war bis obenhin mit Nähgarn gefüllt . Die Umstehenden reagierten natürlich sofort und holten heraus , soviel  sie erwischen konnten . Um sich den Inhalt aber nun zu sichern , legte sich die Finderin mit beiden ausgestreckten Armen über die Kiste . Doch nun grapschte man sich die Garnrollen unter ihr weg aus der Kiste , bis in kurzer Zeit und zu guter Letzt nur noch sie selbst in der Kiste lag . Durch diese Ablenkung aber gelang es Dada nun sogar , ein Paar Schuhe ihrer Größe zu finden  ,  und sie nach draußen  und nach Hause zu bringen .  Doch in den nächsten Tagen forderte die  Gemeinde  mit einem Aufruf die Plünderer auf , alles , was in Oberrohn sträflicherweise entwendet worden sei , in der Gemeindeverwaltung wieder abzuliefern . Auf Drängen der Mutter brachte also Hella , wenn auch recht widerwillig , die schönen Schuhe wieder fort . Doch wieder ein paar Tage später höhnte sie giftig : „Vorhin habe ich die  Frau Bürgermeister beim Einkaufen gesehen   -  in schwarzen Lederhalbschuhen  !!“    

 

 

                           E I N   E R S T E R   B R I E F

„ Es ist auch Post für dich gekommen “ , - beiläufig nahm Dada  die Information der Mutter zur Kenntnis . denn sie hatte einen regen Briefverkehr mit Onkel , Tanten und allerlei Bekannten . Doch als sie einen Blick auf den Absender warf , durchfuhr sie  ein großes Glücksgefühl :  Der Brief war von Helmut ! Ein erstes Lebenszeichen , auf das sie schon so lange sehnlichst gewartet hatte .  Auch die Nachfragen bei Margarete  waren vergebens gewesen - selbst  ihre Eltern hatten weder von Ihm noch von seiner Familie etwas erfahren . Nun war sie schnell mit dem ersehnten Kuvert in ihrem Zimmer verschwunden und öffnete es erwartungsvoll : Wird der Brief die Zuneigung seines Absenders bestätigen?.  Aber schon die Überschrift zerstreute ihre Zweifel und machte sie unendlich glücklich ; „ Meine liebe kleine Dada !“   -Sie , die unter den fünf jüngeren Geschwistern immer ganz selbstverständlich die Große und die Vernünftige war , fühlte sich plötzlich selbst schutzbedürftig und beschützt , und sie hatte einen Menschen gefunden , der sich zu ihr bekannte und den sie mit niemandem zu teilen brauchte ! Nun erfuhr sie auch , daß er den gefahrvollen Weg nach Westfalen gur überstanden hatte  , dort auch seine Familie wiedergefunden  habe , und  er jetzt in einem landwirtschaftlichen Lehrgut arbeiten und lernen würde , was ihm viel Freude mache .    -  Nun bahnte sich ein herzlicher und beglückender Briefwechsel an , voller Hoffnung auf ein baldmöglichstes  Wiedersehen ..

 

35.Fortsetzung 
B E S A T Z U N G S W E C H S E L   
                                    

 

Die Gerüchte , die in den letzten Tagen kursierten , hatten sich bewahrheitet  .Nachdem

die amerikanische Besatzung abgezogen war , einige Werksbeamte und Einwohner nutzten ihr Angebot und zogen nebst ihrem Hab`und Gut mit ihnen in den Westen , rückten  die Sowjets ein. .       In Jalta hatten die Alliierten  unter Roosevelt , Stalin und Churchill zwar bereits  Anfang Februar 1945   die Aufteilung und die Besetzungs – Route   Deutschlands   durch ihre Truppen  beschlossen , nach  deren Vorgabe Thüringen von der Sowjet-Armee eingenommen  werden sollte . Als jedoch ihr Geheimdienst , wohl schon wenig später , den Geheimtransport des gesamten  deutschen Goldbesitzes in die Thüringer Kaligruben ausgekundschaftet hatte , änderten die Amerikaner ohne jede Absprache die vereinbarte   Richtung ihrer Eroberungen und marschierten in Thüringen ein .    Jetzt , da  nun die schier unermeßlichen Schätze gehoben waren , gaben sie Thüringen  der eigentlich  vorgesehenen Besatzungsmacht  zurück .

Nachdem Ende Mai der „ Alliierte Kontrollrat“ der vier  Siegermächte gegründet wurde und von ihm  am vierten Juni 1945 in Berlin die vier Besatzungszonen Deutschlands endgültig festgelegt wurden , verblieb Thüringen in Verwaltung der Sowjet-Union .  So rückte die „ Rote Armee „ am 4.Juli 1945 hier  ein , aber zum Erstaunen der Einwohner  nicht mit Geschützen und Panzern , sondern mit sogenannten Panjewägelchen , kleine, von nur einem Pferd gezogene Holzwagen . Neben dem Pferd lief ein Soldat , und  einige Sodaten saßen auf dem Wagen  , der  ansonsten  mit Proviant und Pferdefutter beladen war   Die  Wagen - Kolonne zog auch am Auto von Dr. Deilmann vorbei , das er während eines Hausbesuches am Straßenrand abgestellt hatte , und in dem Töchterchen Friedel auf die Rückkehr des Vaters wartete und  jetzt neugierig das Fenster heruntergelassen hatte .Plötzlich rannte einer der Armisten zu ihr , und durchs geöffnete Fenster drückte er ihr flugs ein paar Bonbons ins Händchen . Für die nächste Zeit wurde das nun die Besatzungsarmee , welche die Zonengrenze bei Vacha  unter ihre Kontrolle nahm . Es  begann nun eine Zeit großer Veränderungen . Das Kaliwerk und die werkseigenen Grundstücke wurden enteignet . Eine neue Betriebs leitung wurde eingesetzt, die unter Mithilfe von einigen politisch unbelasteten ehemaligen Beamten die Kaliproduktion wieder in Gang brachte . Die enteigneten Grundstücke wurden an Klein- und Neubauern verteilt .

Die Einwohnerzahl stieg ständig , und der neue Gemeinderat , dem nun auch Dr. Deilmann als Aktivist der ersten Stunde angehörte , hatte große Mühe , alle  einigermaßen zufriedenstellend unterzubringen .Dada wurde von Mutter Magda fast täglich zum Barackenlager geschickt , um erkrankten Flüchtlingen , die ihren Weg  unterbrechen mußten , irgendetwas Eßbares  zu bringen. Etwas länger mußten drei verwundete Soldaten  bleiben , die aus einem Lazarett kamen . Zwei etwas ältere . die ihren siebzehnjährigen Kameraden , der durch einen Beckenschuß kaum transportfähig war , erst zu seinen Eltern  bringen wollten , ehe sie selbst  heimkehrten . Besonders aber setzte sich die Mutter  nach den furchtbaren Erfahrungen der vergangenen Jahre ,voller Hoffnung und Glauben an eine neue und menschliche Gesellschaft  ,  für die  Erziehung der heranwachsenden Generation zu Gewaltlosigkeit , gegenseitiger Achtung und Hilfsbereitschaft ein und  unterstützte im  neu gebildeten Elterbeirat den Aufbau des wiederbeginnenden Schulunterrichts .. 

 

 

 

 

 

   E I N  B E D R Ü C K E N D E R  B E S U C H                                

 

 Eines Tages klingelte  es , und  als Dada an der Tür nachschauen wollte , ob es ein Patient oder  irgendetwas Persönliches  war , wurde  sie völlig verunsichert und  war tief erschrocken : Da stand ein sehr alter Mann vor der Tür mit  fast unwirklichen Gesichtszügen , die zwar irgendwie  an ihren Großvater Deilmann aus Berlin-Schöneiche erinnerten , doch  wie eine aufgeblasene Maske aussahen . Hilflos rief sie nach dem Vater , der glücklicherweise gerade zu Hause war und gleich dazu kam . Ja . es war tatsächlich der Großvater , kurz vor dem Zusammenbrechen , von schweren Hungerödemen völlig entstellt . Auch die Mutter war sofort zur Stelle , und in kürzester Zeit war  er aufs Sofa gebettet  und wurde dort versorgt . Erst nach Stunden konnte er erzählen ,  - von dem quälenden Hunger in Berlin , von der kaum   erträglichen Eisenbahnfahrt bis hierher in völlig überfüllten Zügen , in deren rücksichtslosem Gedränge ein kranker , alter Mann froh sein konnte , wenn er noch einen Platz auf dem Triitbrett oder auf  einem Puffer bekam . Aber die große Not zu Hause hatte ihm die kaum glaubhafte Kraft dazu verliehen..Ihre kleine Villa am Rand von Berlin war bis obenhin mit Flüchtlingen belegt , alles Wertvolle war verschwunden , und alle hungerten ! Der  Garten war schon völlig leergeplündert und Lebensmittel gab es kaum zu kaufen . Seinen letzten , dafür geeigneten Besitz , eine goldene Uhr , hatte er trotz des mühsamen Transports bei einem Bauern gegen einen Sack Kartoffeln eingetauscht . Doch zu Hause stellte es sich heraus , daß nur obenauf eßbare Knollen lagen ,darunter war nur schwarzes Verfaultes . So war er nun als letzte Hoffnung zu seinem Sohn nach Merkers gekommen , um irgendetwas Eßbares so schnell es ging nach Berlin zu bringen . Er konnte nur mühsam dazu überredet werden , der Großmutter umgehend mit der Post genügend  an Nahrung zu schicken , wenn auch ohne Möglichkeit , die Ankunft zu erfahren , und daß er , wenigstens noch zwei Wochen , bis zur vorgesehenen Taufe der Zwillinge, in Merkers blieb,








um sich erst erwas zu erholen .  Mit allem , was er an Lebensmitteln nur tragen konnte , mußte  ihn Sohn Günther dann sofort nach der Taufe nach Eisenach an den Zug fahren.  Sein nächster Brief  kam  aus Berlin ,  dankbar und beruhigend   Er starb im Februar 1946 nach einer Blinddarm –Operation .


 

36.Fortsetzung         J A C O B  ;  D I E  K R A K E      


Zeichnung: Clemens Deilmann



 

Die Grenze zwischen Thüringen und Hessen wurde nun für lange Zeit Zonengrenze , aber anfangs von den noch „ befreundeten „  Sieger- , beziehungsweise Besatzungsmächten noch mit einigen Zugeständnissen und mit Nachsicht gegen die deutsche Bevölkerung  bewacht . Die wirtschaftliche Entwicklung in den vier Zonen aber verlief sehr unterschiedlich und der Lebensstandard in der sowjetischen Besatzungszone  lag weit unter dem der benachbarten amerikanischen Zone . Hier im Osten wurden wieder Lebensmittelkarten eingeführt , die aber äußerst knapp bemessen waren .

Die Natur jedoch hatte offenbar ein Einsehen : Die Werrawiesen waren in nie gekannter Menge weiß von Champignons , und in den Wäldern fielen Bucheckern in Massen von den hier zahlreichen Buchen . Eine unerwartete Zugabe , die aber emsig genutzt wurde und spürbar half . In den Grenzrandgebieten aber entwickelte sich ein reger Schmuggelverkehr : . Sogar die halbwüchsigen Kinder beteiligten sich an diesem lukrativen Geschäft. Auch Franz und sein etwas älterer Freund Gunnar machten sich ab und zu auf den von Merkers her  günstigsten Weg nach Oberzella , um dort irgendwelche Mangelwaren zu „organisieren“.

Einmal, auf dem Rückweg, sahen sie in dem kleinen Waldstück , das sie durqueren mußten , einen größeren schwarzen  Vogel flügellahm und hilflos im Dickicht herumhüpfen . Sie konnten ihn einfangen , und da ihre große Einkaufstasche diesmal ziemlich leer geblieben war , ihn hier hereinsetzen und die Tasche verschließen . Doch gerade heute wurden sie von zwei Grenzsoldaten erwischt : „Ihr beiden Bürsch’chen , wo kommt ihr denn her ??“  -  „Von unsrer Oma !“  -   „Und was habt ihr da in eurer großen Tasche ??““

„ Ne Krake ! Die hat uns unsre Oma geschenkt !!“    „ So,so, - ne Krake ?!    Na , da zeigt uns doch mal eure Krake her “ , -  und  schon hatte sich einer der Grenzsoldaten die Tasche gegriffen , sie geöffnet ,  und wollte , voller Schadenfreude grinsend , hineinlangen . Doch   da hatte ihm die Krake mit ihrem kräftigen Schnabel schon wütend in den Finger gehackt . Jetzt war die Schadenfreude  nun auf Seiten der beiden Freunde , und sie durften unbehelligt ihren Heimweg mit Krake und ein paar Hamsterstücken darunter, antreten.                                                                                                        Die Überraschung in der Familie war groß , als zuerst der Vogel aus der Tasche  hüpfte . Er stellte sich als eine Dohle heraus, deren Federn des linken Flügels gestutzt waren . Sie hatte also schon bei Menschen gelebt .  Man wurde sich schnell einig, sie als neuen Hausgenossen aufzunehmen.und gab ihr den Namen „Jacob“ . Der Vater setzte Jacob  auf den Küchenschrank , von wo er die neue Umgebung unter ihm aufmerksam beobachtete . Beim ersten Füttern aber , mit Wasser und etwas Brot , wich er zurück .

Am nächsten Morgen begrüßte der Vater  die Dohle mit einem krächzend ausgesprochenen „Jacob“ . Das schien Jacob gut zu gefallen , denn er neigte seinen Kopf lauschend zur Seite und blieb beim Reichen des Futters heute ruhig sitzen . Wenige Tage später schon begrüßte er den Vater mit einem zärtlich gurrenden  „ Orr – orr “ , hüpfte auf seine Schulter und ließ sich von ihm den Kopf kraulen .

Das war der Anfang einer großen Freundschaft . Ein besonderes Vergnügen machte es ihm bald , wenn der Vater mit einem alten Lappen zu ihm kam und er nach langem Hin- und Hergezerre schließlich mit dem Lappen im Schnabel als Sieger droben auf seinem Platz thronte   Schnell  hatte er seine Rangordnung aufgestellt : Als Erster kam der Vater ,  danach die Mutter . die ihn fütterte . wenn er nicht da war , die Kinder wurden geduldet, und nach allen andern hackte er ,sobald sie ihm zu nahe kamen .

Als er die Schreckhaftigkeit der Großmutter erkannt hatte , wurde sie das Ziel  seiner intelligenten Neckereien Wenn sie beim Gemüseputzen am Küchentisch saß , holte er sich die große Suppenkelle vom Wandhaken ,  ließ sie von oben neben ihr mit lautem Geschepper auf den Fliesenboden fallen und wenn sie dann erschrocken und mit lautem Aufschrei vom Stuhl aufsprang, quittierte er es auf seinem Schrank mit fröhlichem Gekrächze und Flügelschlagen .

Sein erster Ausflug nach draußen , mit dem Vater in den Garten , verlief völlig undramatisch. Er inspizierte alles genauestens, kam aber zwischendurch immer wieder zu ihm zurück gehüpft . Aber die Familie war sich in der Annahme einig, daß Jacob eines Tages , wenn er wieder fliegen konnte, mit seinen Artgenossen davonziehen würde

 

Zeichnung: Clemens Deilmann


                                            



- Fortsetzung folgt -



37.Fortsetzung                           E I N  S C H W A R Z E R  T A G

 

Wieder war es ein Brief , der nachhaltig in Dadas Leben eingriff : Schwarzumrandet lag er  für sie unheilverkündend auf der Gardrobe bereit , als sie nach Hause kam .  Voller böser Vorahnungen zog sie sich mit ihm schnell in ihr Zimmer zurück Mit unbekannter Handschrift an sie gerichtet fand sie darin nur eine Traueranzeige :  Helmut war mit erst fünfzehn Jahren bei einem Reitunfall ums Leben gekommen . Eine große Leere und das Gefühl der Einsamkeit überfiel sie , und ihre glückliche Traumwelt fiel in sich zusammen . .

 

                                    

                                        N O V E M B E R

Inzwischen hatte auch die Schule wieder begonnen , und Dada konnte Margarete nach Helmuts plötzlichem Tod  befragen . Aber auch sie wußte nicht mehr Ihre Eltern hätten auch nur diese Anzeige erhalten , und dann lenkte sie das Gespräch wieder ab . Nun grübelte Dada , die mittlerweile wußte , daß ihre eigene Familie während der Nazizeit in den Osten abgeschoben werden sollte ,ob es in dieser Zeit eventuell auch einen Grund gegeben habe , der die beiden Familien von Margarete und Helmut  entzweit hatte und der , statt einer Evakuierung , eine Abschiebung der Mutter mit ihren fünf Kindern in den Osten zur Folge hatte ?  Aber das würde sie nun nie erfahren…

Stattdessen aber erinnerte sie sich daran ,wie sie und einige Schulkameradinnen während ihrer Kindheit öfters mit Margarete  zum nahegelegenen Friedhof gingen , wo Margarete das Grab ihrer kleinen Schwester , die mit fünf Jahren an Diphterie erkrankt und erstickt war , besuchte und pflegte Auch die anderen Mädchen , außer Dada , hatten hier Angehörige.

Daher pflegte sie ein kleines , verwaistes Kindergrab , was verwahrlost nebenan lag .  Hier erzählten sich die Mädchen gern gruselige Geschichten , und folgende, angeblich wahre alte Dorfgeschichte , hatte sie damals tief beeindruckt : - Der ihr offiziell versagte Liebste einer armen, jungen Merkerserin war gestorben , und da sie auch nicht zu seiner Beerdigung durfte, wollte sie sich heimlich nachts von ihm verabschieden .Sie schlich sich in der folgenden Nacht , und damit es auch ja keiner merkte , nach Mitternacht auf den Friedhof .

Als sie dort durch die Grabreihen hetzte , blieb ihr Rock an einem der damals üblichen schmiedeeisernen Grabkreuze hängen. Sie aber glaubte , ein Geist würde sie festhalten und bekam vor Schreck einen Herzschlag . Man fand sie am nächsten Morgen tot auf dem Friedhof.
Drei Tage später wurde sie an der nachfolgenden Grabstelle, neben ihm , begraben.

Diese Geschichte ging ihr nun nicht mehr aus dem Kopf , und sie wünschte sich sehnsüchtig , daß auch ihre große Liebe so schön zu Ende ginge.              

 

 

38.Fortsetzung            J A H R E S W E C H S E L

 
                           

Die Vorbereitungen für das neue Jahr begannen, und die Doktersch wollten , wie fast jedes Jahr , Sylvester im großen Kreis der Dorfbewohner , im Saal des Kulturhauses feiern , und dort das        neue Jahr 1946 begrüßen .

Aber Dada graute es vor beidem - der Sylvesterfeier und vor dem kommenden Jahr . ..Am Sylvesterabend zog sie dann mit der gesamten Familie  zum vollbesetzten Klubhaus . um nun gemeinsam auf den bevorstehenden Jahreswechsel zu warten  Als sich dann schon alle auf den großen Moment einstellten , konnte sie unbemerkt die fröhliche Gesellschaft verlassen , lief zum nahegelegenen Friedhof und wartete , bis die Kirchuhr zur Mitternacht schlug , und .die Glocken das neue Jahr einläuteten . Jetzt rannte sie zwischen den Gräbern durch den ganzen stockdunklen Friedhof, bis sie, allerdings ungehindert,  atemlos an seinem Ende ankam, wo in der Mitte der beiden  Gräberfelder das großee Kriegerdenkmal stand .

Unschlüssig stand sie davor ,  konnte aber im Zwielicht die vielen Namen der Gefallenen erkennen. Da fielen ihr die vielen jungen Menschen ein , die sie oft gut gekannt hatte , die ihr Leben so gerne  behalten hätten . was sie gerade  achtlos wegwerfen wollte .Mit schlechtem Gewissen kehrte sie zum  Saal zurück , wo der größte Jubel schon abgeebbt war , verharrte noch abwartend am Eingang , als die Kapelle gerade zu spielen begann  „Freuet euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht „- und die Tanzfläche füllte sich mit singenden , ihr fröhlich zuwinkenden Paaren. Unvermittelt erstand vor ihren inneren Augen das Bild von Helmut damals am Altar, und sie schien wieder seine Stimme zu hören: „ - der wird auch Wege finden , da dein Fuß gehen kann“, da hatte sie nach kurzer Verbeugung ein junger Mann schon  auf die Tanzfläche gezogen , wirbelte mit ihr durch den Saal ,und bei dem begeisterten Mitsingen der vielen frohen Menschen merkte sie garnicht , daß sie leise mitsummte - "pflücket die Rose - eh' sie    verblüht!"
                                                                                                 


Ende des ersten Buches

                                                                                                           

 

 



Nachwort

Unendlich erleichtert möchte ich meinem Operateur und dem Schicksal dafür danken , daß ich nach einer schweren Krebsoperation noch einmal die Kraft bekam , diesen vor Jahren schon begonnenen Teil meines Lebensberichtes aufarbeiten zu können , sowie meinen Kindern und Enkeln , ohne deren Unterstützung weder das Schreiben , und noch weniger die Veröffentlichung möglich gewesen wäre. Mein ehemaliges Vorhaben , die weitere Fortführung , oder auch ein Buch oder Drehbuch , werden wohl kaum noch möglich sein . .



                                 Mit großem Dank

                    Dorothea Nennstiel - Deilmann

 

 

 

 

 

D A S   E R S T E   K L A S S E N T R E F F E N




                  

Das Jahr 1945  !    Zeit des großen Um - und Aufbruchs . Hier endete Dadas gedankliche Blitzreise in die Vergangenheit . Seit dieser Zeit hatte sie die meisten von ihnen , die sie nun bald treffen würde , nicht mehr , oder kaum gesehen .   Was war aus ihnen wohl geworden ? Nachdenklich führte sie ihren Weg fort ,bis fröhliches Lärmen in ihre Gedankenwelt drang . Kam sie schon zu spät ? Sie war wohl mal wieder die Letzte ? - Eine schlechte Angewohnheit von ihr , immer auf den letzten Drücker zu kommen ! Da schon ein Winken , ein vergnügter Aufschrei : „ Hallo . Dada !  “,und schon wenige Augenblicke später  stand sie glücklich wieder im Kreis ihrer einstigen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden . 


Die anschließende Begrüßung nach solch einer langen Zeitspanne war gar nicht so einfach . Gespannt und verschmitzt verfolgten die schon Anwesenden , die das Rätselspiel des Wiedererkennens schon hinter sich hatten , diese Zeremonie . Nach jedem kurzen Stutzen zustimmendes Gelächter , wenn dann der richtige Name kam, und mit jedem Namen waren Erinnerungen verbunden , die sich unmerklich bis zum Ende der Begrüßung zusammenfügten . Am Ende der Begrüßung aber schienen die Jahre zusammengeschmolzen zu sein , man gehörte wieder zusammen .  Kaffee und selbstgebackener Schmandkuchen wurden nun zu dem jetzt besetzten letzten Platz geschoben , und die heitere, unbeschwerte Unterhaltung fortgesetzt .Aus den lustigen Backfischen , als die sich die Klassenkameradinnen einst getrennt - , und sich dann zum großen Teil in alle Himmelseichtungen verloren hatten , waren inzwischen Mütter . ja sogar schon Großmütter geworden , und manche Schulerinnerungen wurden zum Besten gegeben und immer wieder neue Lachstürme entfacht .  „ Häi , Dada “ , rief Hildchen , die tüchtige Kuchenbäckerin , die das sicher von ihrer legendären Oma Elisabeth Fack übernommen hatte , über alle Tische hinweg ,    „weiüt du noch wie du mit deiner Kleinen - was, die ist schon verheiratet? , - naja , damals war sie auf jeden Fall noch klein , ich glaub‘ , so drei Jahre rum , -also mit deiner Kleinen mal bei uns im Stall warst , um euch ein neugeborenes Kälbchen anzusehen ?  Nein?  Da hat sie mich doch nach dem Vater vom Kälbchen gefragt . Naja . erst war ich ja ziemlich verdutzt , aber dann hab‘ ich ihr halt erklärt , daß der in einem andern Stall stehen würde . Prompt kam ihre sachkundige Feststellung : „ Ach , dann sind die wohl geschieden ?!“


Aber an eine andere Begebenheit mit Hildchen konnte sich nun wieder Dada bestens erinnern: , nämlich an einen Ringkampf mit ihr in Teichmüllers Garten .der in jedem Frühling von Schneeglöckchenblüten übersät war , und aus dem die Kinder immer ein Sträußchen mitnehmen durften . Auf dem Nachhauseweg kamen sie hier täglich vorbei und wollten eines Tages während der Blütezeit dort , ,ganz ohne jeden Groll , denn sie verstanden sich immer sehr gut , ihre Kräfte messen .


Beide waren rotbäckige ,kräftige kleine Mädchen , mit dicken,langen Zöpfen geschmückt . Doch wer war stärker ? Der Wettkampf begann .Doch gerade , als Hildchen zu unterliegen drohte , kam ihr älterer Bruder Otto dazu :“ Du mußt an den Zöpfen rupfen , Hidchen , los , du mußt rupfen , rupfen !!“ -Doch Dada gab nicht auf , sondern rupfte ihrerseits nun auch tüchtig ., sodaß der Kampf unentschieden abgebrochen wurde . Zu Hause schlich sich Dada schnell ins Badezimmer , kämmte sich büschelweise die herausgerissenen Haare vom Kopf und warf sie schnell in die Toilette, damit die Eltern nur ja nichts merken sollten . Doch da klingelte es schon an der Haustüre : Hildchens Mutter hielt Dadas Mutter eine dicke Strähne ausgerupfter Haare entgegen : „ Das war ihre Dada !!“     


Als sich die allgemeine Heiterkeit gelegt hatte , wurde es unvermittelt sehr still , als Helga gut hörbar einwarf , daß es aber leider nicht nur Lustiges gab . Nachträglich würde es ihr leid tun , daß sie als Kind , ohne darüber nachzudenken , den Ratschlag ihres Vaters befolgte , daß sie mit Dada zwar in Grenzen spielen möge , allerdings keinen engeren  Umgang mit ihr beginnen solle und Sigrid ergänzte , wie verwundert sie als Kind gewesen sei , als sie zufällig bei einem Telefongespräch ihres Vaters mithörte , daß ausgerechnet ihr so beliebter Hausarzt eventuell ins         K Z  sollte , oder zumindest mit seiner Familie in den Osten abgeschoben werden sollte .


Da plötzlich fühlte sich Dada wie auf einem schwankenden Schiff , das endlich wieder zur Ruhe kam und  ihren Füßen wieder Halt gab : Ihre teils vergiftete Kindheit war wohl doch nicht ihre Schuld gewesen , sondern resultierte aus einem grausamen menschlichen Irrweg der Gesellschaft. Hätten ihre Eltern ihr doch schon etwas von diesen Problemen erzählen sollen ?  Ihre Gedanken  überschlugen sich  und führten sie wieder an den Beginn ihres Lebensweges , eines bunten  Lebensweges , der hier in Merkers seinen Anfang genommen hatte .



Zweites Klassentreffen:                    



 


Goldene Konfirmation:








Inhaltsverzeichnis:


1.     1919 Der steinige Weg

2.     1919 Scheiden tut weh

3.     1925 Probelauf

4.     1930 Ziel erreicht

5.     1930 Feuertaufe

6.     1931 Schwierige Geburt

7.     1931 Die gelben Doggen Lea & Anni

8.     1933 Das „brave“ Mädchen 1933 Schwester Hella und das Gewitter

9.     1933 Neue Freunde 1934 Onkel Eugen und die Pinte

10.    1934 Ein Mischling

11. 1936 Hella darf doch zur Oberschule Vacha 1936 Tischrücken

12. 1937 Hurra ein Junge!
      1938 Schuleinführung Dada

13. 1938 Der große Gas-Ausbruch

14. 1939 Verdunkelung, Tod von Ernst Schulz

      1939 Klein-Friedel besiegt Groß-Adolf

15. 1939 Krieg
      1939 Wir werden weiter maschieren

16. 1941 Einquartierung

      1941 Ein Bombenschreck/ Vetter Jochen

17. 1942 Auch Dada wird Vachaer Oberschülerin

      1942 Nathan, Wo bist du?
      1942 Weltkrieg

18. 1942 Ausgebrannt
      1942 Zum Urlaub an die Ostsee

19. 1943 Vorwärts! Es geht zurück!
      1943 Rückzugsgebiet

20. 1944 Gratwanderung
      1944 Die durchgedrehte Patentante

21. 1944 Hoch vom Himmel

22. 1945 Das letzte Jahr dem 1000jährigen Reiches
      1945 Der Hort des Nazi-Goldes

23. 1945 Zwei Lichtlein in der Finsternis
      1945 Unersetzliche Weltkultur in Merkers

24. 1945 Konfirmation und Wiedersehen
      1945 Frühlingserwachen und Abschied

25. 25.3. Gründonnerstag Tieffliegerangriff auf Dorndorf

26. 31.3. Ostersonnabend Große Explosion von Bad Salzungen

27. 1.4. Ostersonntag Ein unerwünschtes Kuckucks-Ei
      1.4. Zur Vernichtung bestimmt

28. 2.4. Ostermontag Munition im Wasserbad
     3.4. Dienstag – Endspurt

29. 3.4. Nachwanderung

      30. 4.4. Besetzung
      Einige Nummern zu groß

31. Besatzung – Tanz um das „Goldene Kalb“ beginnt

32. Spektakulärer Abschluß

33. Überraschung – Schatzgrube im Garten
      Ein besonderer Geburtstag

34. Auf nach Oberrohn
     Ein erster Brief

35. Besatzungswechsel
      Ein bedrückender Besuch

36. Die Krake Jakob (1. Teil)

37. Ein schwarzer Tag
      November

38. Jahreswechsel




"Endlich Frieden" - MDR 2000 ( der Moderator weicht vom Ablauf der Geschehnisse leider etwas ab)











Amerikaner und der Nazi-Schatz. 700-Jahr-Feier Merkers 2008



 Das war der 4. April 1945 / Osthessen News 6. Juli 2008




 

 

 

 

 

 


                      

 

 

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